Das Problem mit Öffis

Weil: Frauenprobleme.

Belästigung: Süßer, du hast keine Ahnung

Jein. Eine Ahnung habe ich schon.

Belästigungen in den Öffis, auf der Straße, wo auch immer: Warum interessiert Männer dieses Problem nicht?

Wer ist „Männer“? Alle Männer? Die meisten Männer? Viele Männer? Was ist mit anderen Problemen, die in Öffis oder auf der Straße passieren, wie Taschendiebstahl oder Trickbetrug, interessieren die „Männer“ auch nicht? Oder wenn doch, was mag das Kriterium sein? Hmmm…

Manche meinen gar, „noch nie etwas mitgekriegt“ zu haben

Ich bin praktisch nie in Öffis unterwegs. Für Reisen nehme ich den Zug und dann im Anschluss gelegentlich Öffis, aber das ist auch alles. Privat meistens zu Fuß und beruflich mit dem Auto unterwegs. Und weil ich mich nicht für eine völlig exotische Schneeflocke halte, nehme ich an, dass es eine Menge Männer (und Frauen) gibt, die diese öffentlichen Räume nicht so oft aufsuchen, wie Pickert ihnen unterstellt. (Wobei ich nicht sagen will, dass das an sich nicht vorkommt, aber vom reinen Sachverhalt her ist: „Habe ich nicht mitbekommen!“ häufiger richtig.)

Hey du kleine Maus, kommst du heut zu mir nach Haus? … Hey. Heeey! Deppater Stricher!

Ja, habe ich nicht in der Formulierung, aber vom generellen Belästigen her schon erlebt.

Männer kriegen so etwas nicht zu hören.

Ähh, doch? Waren in meinem Fall aber Mitschüler, keine Unbekannten im Bus. Hat mich damals aber veranlasst, andere Busse als die direkten zu nehmen.

Vielleicht ist es einfach nur das.

Bei mir nicht. Aber, wenn das bei anderen so wäre – wie könnte man das wohl herausfinden?

Seit Jahren wird Catcalling, also das übergriffige, sexualisierte Belästigen von Frauen im öffentlichen Raum, immer wieder problematisiert, aber für Männer scheint das Thema komplett uninteressant zu sein.

Ja. Und Jugendliche, die ihren Platz nicht für ältere frei machen. Und unfreundliche Busfahrer. Und Sprayer. Und und und…

Einfach, weil es sie nicht betrifft. Betroffene berichten von ihren Erfahrungen, filmen entsprechende Situationen…

Nicht nur nicht betreffen. Nicht verantwortlich sein.

konfrontieren Täter, bitten um Hilfe, stellen politische Forderungen – nichts.

Das Wörding „Täter“ impliziert, dass ein Verbrechen vorläge, bzw. etwas, was eine strafbare Handlung sein sollte. Wenn man dafür aber keine Mehrheit im Bundestag findet, fehlen offenbar auch die Stimmen von Frauen.

Catcalling ist das Bündel Tumbleweed, das auf der staubigen, einsamen Straße der männlichen Wahrnehmung von Problemen, die Frauen betreffen, gelegentlich von einer Seite zur anderen gepustet wird.

Frauen haben die ungefährlicheren Jobs und weniger Selbstmordgedanken, und wenn man Männern im öffentlichen Raum Gewalt androht, wird aus der Drohung schneller ernst. Vllt. kümmern sich Männer erst mal um ihre eigenen Probleme?

Da hilft es auch nicht viel, wenn man Söhnen zeigt, wie ihre Mütter belästigt werden

Ja, kurzes Gedankenexperiment – angenommen, man zeigt jugendlichen Kriminellen, dass man ihrer Mutter die Handtasche klaut. Würde das gegen Jugendkriminalität helfen? Oder angenommen, man zeigt das unbescholtenen Jugendlichen, würde DAS dann gegen Jugendkriminalität helfen? Pickert bedient mal wieder ein feministisches Narrativ: Männer hätten keine Empathie und seien deshalb so schlechte Menschen. Also Vergewaltigung aus Mangel an der Fähigkeit zu erkennen, dass das Opfer nicht vergewaltigt werden will. Das ist in den meisten Fällen aber Blödsinn. Der Vergewaltiger mag solche Schutzbehauptungen aufstellen, aber idR weiß er, dass es keinen Sex wollte. Der analoge Fall bei Eigentumsdelikten kommt nur deshalb viel seltener vor, weil Frauen, die Sex wollen, tatsächlich häufiger sind als Frauen, die ihr Geld oder ihre Handtaschen verschenken. Und die meisten Verbrecher haben genug Menschenkenntnis, um das zu wissen.

Egal, wie oft es gedreht und gewendet wird, wie viel Aufwand man betreibt, um es in die Köpfe von Männern zu bekommen – ihre Einschätzung dazu bleibt stets dieselbe:

Im Vergleich „Catcalling“ vs. „Verbrechen“? Ich frage, weil Pickert alles, was sich mehr oder weniger gegen Frauen richtet, als gleichermaßen böse betrachtet. Nebenbei, so ein bisschen erinnert mich das auch an die alten „Gewissensfragen“ an Wehrdienstverweigerer. Tl,dr.: wenn Du bereit bist, Deine Mutter oder Deine Freundin gegen Typen nachts im Park zu verteidigen, kannst Du auch gleich in den Krieg ziehen.

Das Ganze ist vielleicht ab und zu nicht so nett und womöglich sogar ein bisschen übergriffig, aber so schlimm nun auch wieder nicht.

Das schreibt er jetzt, um dann aber gleich drei verschiedene Gruppen zu identifizieren.

Es gibt die Fraktion, die schamlos sexualisiert belästigt und abwertet.

Der ist es vermutlich egal, was Pickert davon hält.

Es gibt die Fraktion, die sich darin gefällt, die Aufmerksamkeit von Frauen in öffentlichen Räumen auf sich zu lenken, und sich dabei auch noch für was Besseres hält als die erstgenannte Fraktion.

Ok, wieso Pickert diesen Unterschied macht, ist mir auch nicht klar. Aber auch dieser Fraktion dürfte es egal sein, was Pickert denkt oder sagt. Taschendieben ist es auch egal, ob ihre Opfer ihr Geld lieber behalten möchten.

Sie „wollen Frauen doch nur ein Kompliment machen“.

Ja, ist vermutlich eine Lüge. Natürlich braucht man einen Porsche, um ein erfolgreicher Pick-up-Artist zu sein, keine Öffi-Monatskarte. Das weiß sogar ich.

 Dafür ziehen sie ihnen in öffentlichen Verkehrsmitteln die Kopfhörer von den Ohren und labern sie endlos voll. „Hey, wie geht’s dir, was machst du hier, du bist voll hübsch.“

Es klingt wie ein sehr übles Klischee, aber sowas ist bestimmt schon mal vorgekommen. Was ich aber leider nicht ändern kann.

Darauf angesprochen, dass eine Frau mit Kopfhörern womöglich nicht angelabert werden möchte, sagen sie, dass sie doch nur nett sein wollten und ein freundliches Gespräch gesucht hätten.

Natürlich sagen die das. Was genau erwartet Pickert für eine andere Antwort?

Wenn sich Frauen darüber beschweren, werfen sie ein, dass Frauen das mögen würden und es immer auf den Mann ankomme.

Auch diese Erklärung ist nicht verwunderlich – ganz offensichtlich haben manche Männer deutlich mehr Erfolg bei Frauen als andere. Was die Halbstarken in der Straßenbahn entweder nicht gerafft haben – weil sie so merkbefreit sind wie Nils Pickert – oder zwar gerafft haben, aber geflissentlich ignorieren ist, dass die erfolgreichen Männer sich in vielen signifikanten Punkten von den Halbstarken unterscheiden. Angefangen damit, dass die Erfolgreichen eher selten Straßenbahn fahren, und endend damit, dass das keine Halbstarken sind. Außerdem nehmen erfolgreiche Männer anderen Menschen nicht die Kopfhörer von den Ohren.

Meistens werden dann irgendwelche gutaussehenden Schauspieler herbeizitiert, über deren „Aufmerksamkeit“ Frauen sich voll freuen würden, und damit sei ja wohl klar, wie gemein hier mit zweierlei Maß gemessen werde.

Jaaaa, wenn Daniel Craig mal mit Öffis unterwegs wäre, würde er eine Frau, die ihm gefällt, nett anlächeln. Oder sie direkt fragen, ob sie von den Halbstarken eine Bank weiter belästigt wird…

Und dann gibt es natürlich noch die größte Fraktion. Sie beteiligt sich nicht an diesen Formen von Belästigung, kann sie aber auch nicht so richtig ernst nehmen, weil sie davon „noch nie etwas mitgekriegt hat“.

Das sind zwei Fraktionen. Die, die sich nicht beteiligen, aber schon mal was davon mitgekriegt haben, und die, die sich nicht beteiligen, und tatsächlich nie etwas mitgekriegt haben. Und die erstere kann man nochmal unterteilen in die, die mal was davon mitgekriegt haben, aber das bestreiten, und die, die was mitgekriegt haben, und das nicht bestreiten.

Fraktionsübergreifend findet Mann, dass Frauen bei der ganzen Sache übertreiben.

Gibt’s dazu Statistiken? Umfragen? Oder ist das so eine gefühlte Wahrheit?

Damit wir uns hier richtig verstehen: Männer, die sich einreden, dass jede Interaktion eines schwulen Mannes mit ihnen ein Flirtversuch darstellt, und die Sachen sagen wie: „Ich hab nichts gegen Schwule, die sollen mich bloß nicht anmachen!“, können sich überhaupt nicht vorstellen, dass Frauen ein derartiges Verhalten übergriffig finden.

Wieso? Sind alle Männer homophob? Oder verharmlosen alle homophoben Männer Catcalling? Und – um das in Relation zu betrachten – wenn ich als Hetero prinzipiell und grundsätzlich von Frauen angemacht werden will, aber nicht von Männern, verstoße ich nicht gegen den kategorischen Imperativ, wenn ich Frauen anmache, aber keine Männer. Dass ich gegen die Kopfhöreraktion bin, liegt dann daran, dass ich es auch nicht mag, beim Musikhören, bzw. bei mir häufiger beim Lesen, gestört zu werden.

Das liegt daran, dass sie in einer ganz anderen Welt als Frauen leben.

Bei mir liegt das tatsächlich daran, dass Öffis in meiner Welt kaum vorkommen. Und wenn, bin ich da nicht auf Partnersuche.

In dieser Welt ist es kein vertrautes Gefühl, einen Schlüsselbund in der Faust zu halten. Den ganzen Abend auf seinen Drink zu achten. Eine Partnerin zu erfinden, damit man in Ruhe gelassen wird.

Wie, man kann die auch erfinden?

Freunden zu sagen, wann man wohin geht, weil ja was passieren könnte. In öffentlichen Räumen ständig den Eindruck von Geschäftigkeit und kommunikativer Überlastung zu erwecken, damit man bloß nicht allein und ansprechbar wirkt.

Ok, ich mag öffentliche Räume einfach nicht. Und mir ist klar, dass Frauen die aus anderen Gründen nicht mögen als ich, aber es ist nicht meine Aufgabe, öffentliche Räume zu verbessern. Wenn ich es nicht mal schaffe, die so zu verändern, dass die mir gefallen, wie könnte ich das für andere tun?

Süßer, du hast keine Ahnung! In deiner und meiner Welt werden Drohungen nicht als Komplimente getarnt.

Jein. In meiner Welt gehe ich Drohungen tunlichst aus dem Weg.

Wir haben auch Frauen nicht gefälligst zur Kenntnis zu nehmen. Wir müssen uns für ihre Interessensbekundungen nicht verfügbar halten. Für uns sind das Gruselgeschichten aus einem Kriegsgebiet, das wir nie betreten haben.

Genauso, wie afghanische Ortskräfte, die nicht gegen die Taliban kämpfen wollen? Ich frage nur wegen deswegen. Dieser ganze Artikel soll Schuldgefühle auslösen und an Beschützerinstinkte appellieren. GENAU wie die Gewissensfragen.

Wenn Männer endlich aufhören könnten, so eine unfassbare Angst davor zu haben, Frauen nicht zu interessieren, ihnen nichts zu bedeuten und nichts von ihnen zu bekommen, dann würden sie sich vielleicht wirklich für Frauen interessieren und nicht nur dafür, wie und was Frauen für sie zu sein haben.

Erstens: Kategorienfehler. Man kann sich wünschen, dass man einer Frau etwas bedeutet, dass die sich für einen interessiert und dass man tatsächlich „was“ von ihr bekommt, OHNE, dass man sich das von der Gruppe aller Frauen wünscht.

Zweitens: Nein. Wenn man sich wünscht, einer Frau was zu bedeuten, dann sieht man zu, dass man selbst etwas ist oder tut, um diese Bädoitung – ich mag das Wort immer noch nicht – zu verdienen. Also interessiert man sich dafür, wie und was man für diese Frau zu sein hat, nicht umgekehrt. (Zugegeben nur für die eine und nicht für alle. Oder man interessiert sich nur dafür, als ein möglichst attraktiver Partner für unverbindlichen Sex wahrgenommen zu werden.) Und dieses Eigeninteresse führt dann dazu, diese Frau vor Typen im Bus zu schützen.

Dann würden sie womöglich aufhören, sie zu bedrohen oder ihre Bedrohungssituation herunterzuspielen.

Drittens: unzulässige Vermischung. Der, der Frauen bedroht, und der, der ihre Bedrohung herunterspielt, haben anscheinend unterschiedliche Motive. Ersterer will irgendwie Erfolg bei Frauen. Letzterem scheint Erfolg bei Frauen egal zu sein, weil er gar nichts unternimmt. Desinteresse ist jetzt natürlich ähnlich wenig erfolgsversprechend wie ölige Anmachen, aber da scheint mir tatsächlich Bequemlichkeit der Hauptgrund zu sein.

Und zuhören, statt anzulabern.

Und viertens: non sequitur. Ein Mann, der keine Angst hat, ob Frauen – und jetzt egal ob als Gruppe oder eine indivduelle Frau – sich für ihn nicht interessieren oder er ihnen nichts bedeutet, und keine Wünsche hat, was oder wie Frauen für ihn zu sein haben, sondern dem es egal ist, der labert sie natürlich nicht mehr an, aber der hört ihnen auch nicht mehr zu.

Und wenn sie ihm was sagen, interessiert es ihn auch nicht. Warum genau sollte diese Kategorie Mann sich dann noch gegen Catcalling engagieren? Eben.

3 Gedanken zu “Das Problem mit Öffis

  1. Eine hat sich mal bei mir beschwert, dass ihr noch nie ein Kerl hinterhergepfiffen hat, und: „Was ist bloß los mit euch Männern!?“

    Ansonsten hat mein Ritterkomplex stark nachgelassen. Warum sollte ich mir für Frauen in die Schlacht werfen? Das Geschlecht, in dessen Namen Männern grausame Härten auferlegt werden, das Geschlecht, in dessen Namen diese Männer mit Scheiße beworfen werden?

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  2. Pickert hält sich doch tatsächlich für einen Mann. Ich tue das nicht, der Begriff Sissy passt viel besser zu ihm, weswegen er besser nicht nach China gehen sollte, denn dort werden Sissis nicht gemocht.

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  3. Ich fahre grundsätzlich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nur auswärts und auch das extrem selten. So was mag vorkommen wird aber mMn extrem aufgebauscht.
    Es ist schon so, der falsche Mann kann nicht nichts richtig machen. Und der richtige Mann, kann nichts falsch machen. Frei nach Klaus Thiele

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