Nils Pickert und wie er die Welt sieht

Oder jedenfalls seine Umgebung

Auffällig unauffällige Männer

Wie gehen sich „hin und wieder ‚Heil Hilter‘-Rufe“ und andere beschimpfen in einem Satz mit „sonst unauffällig“ aus?

Ich weiß, dass das deutsch sein soll, aber die Formulierung „wie geht sich das-und-das mit dem-und-dem aus?“ höre bzw. lese ich heute zum ersten Mal. Aber ich vermute, dass gemeint ist, wie das zusammenpasst. Nun, ein analoger Satz wäre: „Bis auf die klaffende Wunde im Oberarm und dem blauen Auge war der Patient gesund.“ Der Satz ist vllt. verharmlosend gemeint, ist aber nicht widersprüchlich. Außerdem ist dieser Satz wohl kein Zitat, sondern die Zusammenfassung von Anwohneraussagen – jemand hat ihn „Heil Hitler“ rufen gehört, jemand anderes Arbeiter beschimpfen, und dem Rest ist nichts aufgefallen – und ist insofern vllt. sogar eine reine Stilblüte. Aber natürlich muss das maximal problematisiert werden.

 Weil Sympathien für ein Täterverhalten noch immer groß sind

Ach, dann muss ich nicht mehr weiterlesen?

Wann ist Ihnen das letzte Mal ein auffälliger Mann begegnet? Was hat er getan, um Ihnen aufzufallen? War er seltsam gekleidet? Hat er merkwürdig gesprochen? Sich extraordinär verhalten?

Pinkes Sakko und farblich passende Kravatte? Rock? Rollstuhl? Ich muss sagen, dass ich auf der Straße wenig auf andere achte. Ist „auffällig“ ein Zitat oder die Wortwahl der Zeitung?

Die Frage, was Männer auffällig beziehungsweise unauffällig macht, beschäftigt mich seit einigen Jahren.

Etwas, was Pickert auffällt, geht mir möglicherweise unter und umgekehrt. Es ist also kein Kriterium und kein Begriff, den alle Menschen gleichermaßen verwenden würden.

Nicht erst seitdem in der Gratiszeitschrift „Heute“ Nachbarn eines mutmaßlichen Rohrbombenbastlers mit den Worten zitiert wurden:

„Er konnte Ausländer nicht leiden und schrie ‚Heil Hitler‘. Mitunter beschimpfte er auch Arbeiter, die an seinem Haus arbeiteten, sonst war er aber unauffällig.“

Ich will von einer Gratis-Zeitung nicht zu viel erwarten, außerdem wird nach solchen Ereignissen auch immer viel Quatsch erzählt, wenn die Presse da ist. Ich halte aber fest, dass da „Nachbarn“ steht, also min. zwei, die vermutlich min. 2 Sätze gesagt haben. Wenn das „Zitat“ das so zusammenfast, ist der erste Satz – Ausländerhass und Heil Hitler – evt. nicht von derselben Person wie der zweite gesagt worden – Arbeiterbeschimpfung und Unauffälligkeit. Ok, ich war auch nicht dabei, aber der Widerspruch löst sich schon etwas auf, wenn man zwei Sätze nicht verknüpft.

In dem vorliegenden Fall scheint das genannte Verhalten des Mannes Aufmerksamkeit erregt haben. Dass er sich als Nazi geriert und andere Leute beschimpft hat, ist offenbar bemerkt worden.

Oder das war gelogen, weil sich ein Nachbar wichtig machen wollte, bzw. den Bombenbauer noch zusätzlich eine pinnen.

Zugleich scheint es nicht auffällig genug gewesen zu sein, um einzuschreiten. In Österreich erfüllt ein verbaler Hitlergruß eigentlich den Tatbestand nationalsozialistischer Wiederbetätigung nach § 3g des Verbotsgesetzes.

Ja, ok. Es ist aber nicht strafbar, wenn man Tatbestände nach § 3g nicht zur Anzeige bringt, sondern nur bei a, b, d und e. (Alle Österreicher kennen ihre Gesetze auswendig. Ehrenwort!)

Bisschen Nazi sein und ab und zu ausrasten reicht halt nicht. Wir befinden uns in diesem und anderen Fällen offenbar im Graubereich

Wer ist „wir“? Wer wohnt in dieser Nachbarschaft? Woher weiß Pickert, dass das nie zur Anzeige gebracht wurde? Ich habe, ehrlich gesagt, wenig Ahnung, wie sehr die Behörden in Österreich da hinterher wären. Vllt. ist allein die Tatsache, dass der Mann noch frei herumlaufen konnte, Beweis genug. Andererseits müsste man dergleichen auch irgendwie beweisen, also mit Smartphone aufnehmen bspw., wegen Rechtsstaat.

Aber warum können wir darüber hinwegsehen?

Wer ist „wir“? Wem hat er „Heil Hitler“ gesagt? Den zitierten Nachbarn, oder war das schon Hörensagen? Haben die beleidigten Arbeiter Anzeige erstattet, und wenn, wie ist das abgelaufen? Wenn nicht, warum nicht? Es gibt sicher genug Fälle, wo Hitlergrüße verharmlost werden, aber aus dem einen Fall mit einer zumindest nur semi-bekannten Vorgeschichte auf die Allgemeinheit zu extrapolieren, ist auch nicht Stand der Technik.

Wie sind wir in diesen Graubereich reingeraten? Und weshalb verlassen wir ihn nicht?

Oh, philosophisch und so? Innere Kündigung, vermutlich.

Da wäre zum einen der natürliche Aufwandswiderstand: Och nein, das bringt nur Stress und Scherereien, damit will ich nichts zu tun haben.

Tja, damit wären 99% all dieser Fälle schon erklärt, würde ich sagen. Ansonsten: „Haben Sie mal ‚Heil Hitler‘ gesagt?“ – „Nein!“ – „Auch nicht letzte Woche am 20.4., vormittags vor ihrem Anwesen?“ – „Nein, wer behauptet das?“ – „Der Zeuge möchte anonym bleiben.“ – „M-hm.“

Als zweiten Punkt wollte ich an dieser Stelle den Unwillen zur Denunziation anführen. Aber das wäre ziemlich lächerlich: Seit wann hat man in Deutschland und Österreich keinen Spaß an Denunziantentum?

Eben. Und denkt dran, liebe Kinder (m/w/d), dem Onkel Nils auch alle Werbeplakate oder sonstige Bilder zu schicken, bei denen man irgendwie nackte Frauenhaut sieht. Das macht Euch doch auch Spaß, oder nicht?

Da ist aber noch etwas anderes: Zum einen kommen solche Täter mehr und mehr aus der Mitte der Gesellschaft, wie es eine Studie formuliert.

Was jetzt ein ziemlicher Kaugummi-Begriff ist. Wer wäre denn nicht die „Mitte“ der Gesellschaft? Auf wen könnte man zeigen und sagen: „Ok, die oder der ist ganz eindeutig der Rand der Gesellschaft, wenn der ein Neonazi wird, ist das mal nicht die Mitte.“?

Sie wirken also unauffällig, weil sie der Norm entsprechen.

Protipp: wenn man ein Verbrechen plant – so wenig auffallen wie möglich. Öffentlichkeit meiden. Das Haus nicht unnötig verlassen. Mit möglichst wenigen reden ODER über Belanglosigkeiten ODER um irgendwelche Fehlinfos zu verbreiten, z.B., dass man in den Urlaub fahren will.

Zum anderen scheint die sogenannte Mitte der Gesellschaft erstaunlich tolerant mit ausgesprochen unangenehmen Verhaltensweisen umzugehen und sie bis zur Unauffälligkeit mit ihrem Desinteresse zu bemänteln.

Tja, warum versuchen, den Nachbarn zu verändern, wenn man ihm einfach aus dem Weg gehen kann? Persönlich bezweifle ich für mich, dass ich es mitbekäme, wenn in meiner Nachbarschaft ein Neonazi wohnt, solange er nichts in die Luft sprangt oder 88 Freunde einlädt. Ich bin halt nicht so der Typ, der mit Nachbarn redet.

Wir haben es also mit einem doppelten Problem zu tun: Mit Tätern, die in vielerlei Hinsicht so aussehen, handeln und sprechen wie wir.

Jau ey, die bösen, bösen Täter. Der hier war noch relativ ungeschickt, unauffällig zu sein.

Und mit einer Zivilgesellschaft, die erstaunlich viel Geduld und Verständnis, um nicht zu sagen Sympathien, für Täterverhalten aufbringt.

Gleichgültigkeit ist nicht dasselbe wie Geduld, Verständnis und Sympathie. Als Elternteil weiß er das hoffentlich.

Beschrieben, wie bedauernswert es ist, dass stereotyp männliches Verhalten so gar keine Schnittmenge mit dem zu haben scheint, was gute Menschen ausmacht.

Der Onkel Nils drückt mal wieder seine eigenen Narrative durch, um sich als guten Menschen zu gerieren. Ansonsten ja, dieses Patriarchat erwartet von Männern genau dasselbe wie Frauen: Harte Arbeit, Risikobereitschaft, Leidensbereitschaft, Gewaltaffinität gegen andere Männer, athletischer Körperbau und noch so ein paar Sachen. Man könnte fast denken, dass da ein Zusammenhang besteht.

Aber ich habe für meinen Geschmack noch viel zu wenig darüber gesagt, warum uns diese Mechanismen so kalt lassen. Warum wir so selbstverständlich wegschauen.

Der Mann wohnte bei seiner Mutter. Hmmmm. Welches Männerbild hat er wohl damit bedient?

Jede Frau kennt mindestens eine Frau mit Gewalterfahrung aber kein Mann kennt einen Gewalttäter – das kann doch so nicht stimmen. Also wo ist der Fehler?

Wer denken kann, ist klar im Vorteil. Jede Frau kennt min. eine Frau, von der sie weiß, dass sie Gewalterfahrung hatte, und jeder Mann kennt vermutlich auch min. einen Gewalttäter, weiß aber nicht, dass das ein Gewalttäter ist. Umgekehrt kennt wohl auch jeder Mann min. einen Mann mit Gewalterfahrung, ohne es zu wissen.

Der Kulturwissenschafter und Autor Jackson Katz … beschreibt … ein Experiment, das er im Laufe seiner Präventionsarbeit gegen genderspezifische Gewalt immer wieder durchgeführt hat.

Ja, es geht gar nicht um Nazi-Bombenbauer, die sich fast selbst in die Luft sprengen. Die eigentliche Frage hier wäre: „Was müssen Juden, Moslems oder Jesiden in Österreich tun, um keine Gewalt zu erleben?“

Die Frage lautet nun, warum sie das wie erwähnt „notwendigerweise“ tun? Was heißt das? Warum tut das Not? Zunächst einmal ganz klar wegen der Täter.

D’oh. Inwiefern das alles notwendig ist, sei mal dahingestellt, und ob es viele Frauen gibt, die die ganze Liste abklappern, aber Herr Pickert erklärt uns Trotteln mal die Bedeutung des Wortes „notwendig“.

Aber eben auch wegen dem, was Katz mit dem Zuschauereffekt in Verbindung bringt: Wir stehen einfach daneben und weigern uns Verantwortung zu übernehmen.

Wer ist „wir“? Wer steht „daneben“? Ich jedenfalls stehe nicht nachts im Park, um Joggerinnen zu beschützen. Verantwortung für unbekannte Dritte?

Nicht etwa aus Furcht, sondern aus pluralistischer Ignoranz.

Woher will Pickert oder Katz wissen, dass ich keine Furcht habe, nachts in Parks Joggerinnen zu beschützen?

 Das bedeutet, dass wir zwar mehrheitlich keinen beispielsweise rassistischen oder sexistischen Ideologien anhängen, aber glauben, dass alle anderen es tun, und massentauglich handeln wollen.

Nein. Bzw., ja, das bedeutet es wohl, aber das ist nicht der Grund, warum „wir“ keine Verantwortung übernehmen. Neben Furcht und Faulheit und dem Grund, dass ich es tatsächlich nicht als meine Verantwortung betrachte, Verbrechen im Stadtpark zu verhindern – die meisten Verbrechen finden statt, wenn keine „unbeteiligten Dritten“ zugegen sind. Im Eingangsbeispiel: wenn der Mann mehr oder weniger offen Nazi war, und seine Nachbarn denken würden, dass alle anderen (außer ihnen selbst) auch Nazis seien – was wollte der dann in die Luft sprengen? Denken die, er sei in Wahrheit doch kein Nazi, aber erzählen solche Geschichten, um ihn als „massentauglich“ zu beschützen?

Oder wir sind Überzeugungsmittäter.

Oder einige ja, andere nicht, und dem Rest schert’s halt nicht. Ach, er meint: „Bei Vergewaltigungen.“ Bestimmt. Einige von „uns“ gegen nachts extra in den Stadtpark, und wenn eine Vergewaltigung stattfindet, fragen „wir“, ob „wir“ mitmachen dürfen.

Um all das zu ändern, müssen wir unsere Kriterien für auffälliges und unauffälliges Verhalten verändern.

„Wir“ haben keine gemeinsamen Kriterien für „auffälliges“ und „unauffälliges“ Verhalten. Und die allermeisten angehenden Verbrecher(m/w/d) haben genug Grips, die aktuellen Definitionen von „unauffällig“ umzusetzen, also nutzt diese Änderung wenig. Und wenn „wir“ sowieso Überzeugungsmittäter wären, müssen „wir“ das auch nicht ändern.

Sich rassistisch oder sexistisch zu äußern ist nicht unauffällig.

Doch. Wenn mein Nachbar das macht, kriege ich das eher nicht mit. Also fällt es mir nicht auf. Also ist es zwangsläufig  unauffällig.

Menschen Gewalt anzudrohen ist nicht unauffällig.

Das schon eher, weil das die Bedrohten mitkriegen. Und dann hoffentlich zur Poliei gehen.

Frauen unaufgefordert Dickpics zu schicken und sie in den sozialen Netzwerken als „Schlampen“, „Fotzen“ oder „Huren“ zu bezeichnen ist nicht unauffällig.

Und das ist die Steigerung von „Gewalt androhen“. Wie auch immer, ich bekäme es nicht mit, weil ich keine Frau bin. Soll ich die E-Mails anderer Leute überwachen?

Es ist auch kein Graubereich.

Jein.

Es ist unser aller Problem, das wir sehr genau beobachten sollten.

Nach mehreren Artikeln, in denen mir gesagt wird, dass ich als Mann keine Probleme hätte, schließe ich mich einfach aus dem „wir“ aus. Geschlechtertauschprobe – jemand bedroht mich auf offener Straße, beschimpft mich und geht tatsächlich auf mich zu. Kommt mir eine Frau zu Hilfe oder guckt die einfach zu?

Edit: Link bei „Narrative“

2 Gedanken zu “Nils Pickert und wie er die Welt sieht

  1. > Das bedeutet, dass wir zwar mehrheitlich keinen beispielsweise rassistischen oder sexistischen Ideologien anhängen, aber glauben, dass alle anderen es tun, und massentauglich handeln wollen.

    Das ist so das typische Nils-Denken, der Artikel schreibt „Männer sind keine guten Menschen“, und das dann als „Beleg“ dafür anführt, das sei so, obwohl eigentlich Nils selbst kein guter Mensch ist.

    So macht das dann auch Sinn: Nils hängt einer rassistischen und sexistischen Ideologien Ideologie an und glaubt, er würde massentauglich handeln, indem er anständigen Männern ihre angeborene Xenophobie und dass sie Titten mögen vorwirft.

    Ich habe übrigens viele männliche Gewalttäter gesehen; sogar viele männliche Gewaltopfer. Ich war nämlich mal an einem Fußball-Wochenende in Wales; da war der Pub voll davon.

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  2. „Wer ist „wir“? Wer steht „daneben“? Ich jedenfalls stehe nicht nachts im Park, um Joggerinnen zu beschützen. Verantwortung für unbekannte Dritte?“

    Da muss ich an The Big Bang Theory denken. In einer Folge präsentierte der Comic-Verkäufer Stuart stolz die neu eingerichtete Still-Ecke in seinem Laden. Damit sich die Frauen dort sicher fühlen, beobachte er die Ecke per Video (es gäbe ja immer so perverse Spanner)…

    Ganz ehrlich. Ich will das sehen wie Nils Pickert auf einen groẞen Rocker mit 1%-Patch zugeht und ihm mit Anzeige droht, weil seine Frau sich von ihm bedroht fühlt…

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