Weirdas Nachklapp

Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass ich hier zornig und verächtlich klinge. Das stimmt, allerdings, nach etwas Reflektion, eigentlich weniger, weil „man“ mehr „Weirdas“ will, sondern weil der Effekt, den die Existenz von Weirdos haben müsste, weder behauptet noch gefordert wird.

Die männlichen Außenseiter im richtigen Leben, die – mehr oder weniger überzogen – in Film und Fernsehen auftauchen, sind ja real. Sie sind nicht notwendigerweise aus „freien Stücken“ Außenseiter, aber, so die Theorie, die mir verkauft wird, sie werden durch entsprechende Vorbilder oder „Vorbilder“ ermutigt, Außenseiter zu bleiben und nicht doch etwa versuchen, „normal“ zu werden.

Also, was micht betrifft, eigentlich nein. So stark identifiziere ich mich mit Außenseitern in Filmen und Büchern nicht. Bzw., mein eigenes Außenseitertum hat Gründe, einige sind selbstgemacht, andere nicht, aber beides ist im richtigen Leben, nicht in fiktiven Geschichten verursacht.

Das führt allerdings auch zu der Beobachtung, dass mein Außenseitertum, soweit ich das mitkriege, durch die Darstellung von Weirdos in Film und Fernsehen kaum mainstromlinienförmiger wird. Als Kind hörte ich so Sprüche wie „zerstreuter Professor“, aber die haben aufgehört.

Also, weder führen Film-Weirdos dazu, dass ich mit meinem Außenseitertum glücklicher werde, noch dazu, dass ich weniger Außenseiter werde, weil andere mich eher akzeptieren. Was jetzt anekdotische Evidenz ist, klar, aber das führt mich zu meinem Frust.

Wenn Jetzt „Weirdoas“ als Schritt zu mehr eigener und fremder Akzeptanz verkaufen wollen, ok, aber dann sollten die entweder irgendwie belegen, dass das bei den männlichen Weirdos bereits funktioniert: RL-Weirdos, die nicht als „Loser“ gelten, RL-Weirdos, die nicht mehr versuchen, sich anzupassen, oder meinetwegen auch solche, die eine gesunde Mischung umsetzen, und vor allem Weirdos, die keine richtigen Außenseiter mehr sind. Weil die „Normaloas“ sie nicht mehr aktiv schneiden.

Oder, sie sollten dazu aufrufen: Männliche Weirdos nicht schneiden. Männliche Weirdos nicht als Loser abtun. Oder männlichen Weirdos jedenfalls die Möglichkeit lassen, zu interagieren. Das würde – wenn man es zu Ende denkt – tatsächlich auch die Idee einschließen, dass ein Weirdo evt. besseres „Partnermaterial“ abgibt als Mainstream-Normalo #3785. Oder die banale Feststellung, dass für eine Frau, die evt. tatsächlich gar nicht so richtig im Mainstream lebt, ein männlicher Weirdo tatsächlich die bessere Wahl sein könnte. (Ok, reale Werdas kommen da vllt. auch von alleine drauf – wer ist eigentlich die Zielgruppe?)

Und deshalb mehr Zorn und Verachtung, als ich eigentlich haben will. Empowerment für Weirdas, ohne irgendwelche Solidarität, Empathie oder sonstwie positiven Aussagen für männliche RL-Weirdos. *Daria-Titelmelodie summ: Da-da-daa-dada!

Ein Gedanke zu “Weirdas Nachklapp

  1. Der Jetzt-Artikel bestätigt doch die Beobachtung im Alltag: Es gibt jede Menge „Weirdas“. Sie verstellen sich nur.

    „Sie inspirieren dazu, mehr auf die eigene Individualität zu hören, egal was andere davon halten mögen. Sie ermutigen dazu, einfach mal so zu sein, wie wir wirklich sind. Also: Gebt uns mehr weibliche Weirdos im Film!“

    Der Artikel fordert ja nicht zu mehr Akzeptanz für Weirdas auf. Im Kern geht es der Autorin nur darum, mehr sichtbare Weirdas im Alltag zu haben, damit sie Fragmente dieser Darstellung für sich als Lifestyle-Accessoires nutzen kann.

    Sozusagen als Erweiterung der Farbpalette die sie nutzen kann, um im Mainstream zu bleiben aber sich einen Tick von der Konkurrenz abheben zu können.

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