Lieber Geo

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Redaktionsmitglieder von Geo
 Ihre aktuelle Ausgabe titelt mit:
„Wie gerecht ist Sprache?“
Dies ist offenbar eine Fangfrage – Sprache an sich ist nicht gerecht oder ungerecht, Urteile sind es und Menschen. Was Sie demnach meinen, ist:
„Wie gerecht oder ungerecht sind Menschen, die eine bestimmte Sprache benutzen oder nicht?“
Und gerecht und ungerecht sind Unterkategorien von gut und böse. Also impliziert Ihre Frage auch die folgende Formulierung:
„Wie böse sind Menschen, die eine bestimmte Sprache nicht verwenden?“
Dies nur, falls Sie sich über böse Briefe und Abo-Kündigungen wundern.
Ansonsten muss ich sagen, dass Ihre Beiträge zu dem Thema etwas spät gekommen sind. Viele Ihrer Beispiele betreffen z.B. Situationen, in denen keine generische Gruppe bezeichnet wird, sondern eine konkrete. Die Feststellung, dass generisches Maskulinum darauf nicht notwendigerweise anwendbar ist, ist trivial. Aber Sie machen, wie viele andere, daraus ein Argument.
Beispiele:
„Die Schüler gehen in die Schule“ bezieht sich vermutlich auf eine konkrete Gruppe, die genau jetzt in eine bestimmte Schule geht und nicht erst in einer Stunde oder in eine andere Schule. Es kann sein, dass das nur männliche Schüler sind, oder dass damit Schülerinnen und nicht-weibliche Schüler gemeint sind. (Der t.t. heißt mWn „pars pro toto“). Bei einer generische Gruppe hieße es: „Schüler gehen zur Schule.“, also als Kurzform für: „Es ist eine typische Tätigkeit von Schülern, eine Schule zu besuchen.“ In dem Fall gilt die Aussage auch für Schülerinnen und nicht-binäre Schüler.
Aus einem Gesetzestext: „Wenn ein Arzt im Praktikum schwanger wird, hat er Urlaub nach den Regelungen des Mutterschutzgesetzes.“ Juristische Texte sollen so wenig wie möglich implizit voraussetzen, am besten gar nichts. Wenn sich der Satz „falsch anhört“, liegt das nicht am Satz, sondern am Publikum. Auch im Singular ist hier keine konkrete Person gemeint, sondern jede (generische) Person, die als Arzt im Praktikum arbeitet. Insbesondere bedeutet die Formulierung nicht, dass ein weiblicher Arzt im Praktikum, der schwanger wird, keinen Urlaub bekäme.
Sie schreiben: „Wir lesen ‚ein Arzt‘ und vor dem inneren Auge erscheint ein Mann.“ Wen meinen Sie mit „wir“? „Wir Deutsche“? „Wir Menschen“? „Wir Journalistinnen“?  Falls ich als Leser beim „wir“ mitgemeint bin, wäre der Satz jedenfalls falsch. Wenn es Ihnen um Präzision geht, sollten Sie das Wort „wir“ am besten gar nicht mehr verwenden.
Sie zitieren eine Assoziationsuntersuchung: „Die Lehrer liefen durch den Bahnhof. Wegen der schönen Wetterprognose trugen einige der Frauen keine Jacke.“ Erstens ist das Beispiel konstruiert; da es sich um keine generische Gruppe handelt, ist es kein Gegenargument zum generischen Maskulinum. Wenn man über eine Gruppe von Lehrkräften sprechen will, bei der es im nächsten Satz bereits um ihr Geschlecht geht, würde man das Geschlecht schon im ersten Satz bezeichnen. Und zweitens sind das zwei Sätze. Es gibt keinen Grund anzunehmen – außer dem Wissen, dass damit was bewiesen werden soll – dass mit „Frauen“ die „Lehrer“ oder einige davon gemeint seien. Vllt. sind auf dem Bahnhof auch noch andere Bahnreisende, von denen einige keine Jacken tragen. Genausogut könnte der zweite Satz auch heißen: „Wegen des guten Wetters hatten die Tauben mit dem Nestbau begonnen.“
Zur Tochter von Frau Laarz: Ein konkrete Person, die die Post bringt, kann tatsächlich männlicher Postbote oder Postbotin sein. Offenbar hat die Vierjährige das verstanden. Auch gibt es keine „generischen Superhelden“. Es ist ein Unterschied, ob man sich als Iron Man oder als Wonder Woman verkleidet, und wenn für das Kind nur weibliche Superhelden in Frage kommen, ist das so.
Zur Erzbischöfin: Selbst, wenn im richtigen Leben keine Erzbischöfinnen empirisch nachweisbar wären, ist das Wort ja nicht „falsch“. Ich habe es zwar zum ersten Mal in einem Fantasyroman gelesen, aber davon abgesehen.
Erzbischöfinnen gibt es nicht, weil es das Wort im Duden gibt. „Unsere“ Sprache verändert also nicht die Wirklichkeit. „Unsere“ Sprache verändert nicht „unser“ Denken. Mein Denken bestimmt, was ich sage, also meine Sprache. Wenn ich „Erzbischöfin“ sage, muss ich aber vorher eine weibliche Person, die einem Erzbistum vorsteht“,denken.
Aber vor allem: Ihre Sprache verändert nicht mein Denken. Aber wenn Sie nicht an das generische Maskulinum glauben und bspw. im Schwarzmeer-Artikel viele Begriffe gendern – warum sind „Meeresbiolog*innen“ dann „Zyklopen“ und keine „Zyklop*innen im Dienst der Wissenschaft“? Wieso haben „zehntausende Tartaren und Ukrainer*innen“ die Krim verlassen? Hieße das nicht, dass die Tartarinnen größtenteils geblieben wären? Und wieso müssen Sie bei „Fahrern“ extra erwähnen, dass darunter wirklich keine Frauen sind, obwohl Sie doch voraussetzen, dass auch so keine Fahrerinnen mitgedacht würden? Wieso sollte ich mir neue Regeln aneignen, wenn die, die mir diese Regeln empfehlen wollen, diese offenbar nicht selbst befolgen? Und entweder bin ich ein guter, gerechter Mensch, dann brauche ich mich nicht zu ändern, oder ein schlechter und ungerechter, dann werde ich mich nicht ändern.
Sie zitieren den Duden mit: „Gendern … bedeutet, dass Texte so geschrieben werden, dass möglichst viele Menschen sich explizit angesprochen fühlen.“ Nun, ich verwende „gendern“ als Sammelbegriff für die Verwendung von Gender-*, Binnen-I und andere Sonderzeichen. Aber da die meisten Mitglieder Ihrer Leserschaft keine (ehemaligen) Krimbewohner(m/w/d) sind und daher mit Tartarinnen weder explizit noch implizit  angesprochen sind, trifft diese Definition nicht zu. Und, wie gesagt, ich fühle mich von Ihrem „wir“ auch weder explizit noch implizit angesprochen.
Haben Sie eigentlich eine Umfrage gemacht, wie Ihre Leserinnen und Leser zu dem Thema stehen? Vllt. fühlen die sich ja mehrheitlich mit dem generischen Maskulinum mehr angesprochen als mit Gender-*, und dann wäre Gendern in der Duden-Definition ja genau das generische Maskulinum, weil davon „möglichst viele Menschen sich angesprochen fühlen.“
In Ihrem Editorial sind Sie optimistisch, dass die „offenherzige“ Beschäftigung mit diesem Thema uns Leserinnen und Leser „anregen“ wird, selbst wenn wir Ihren Schlussfolgerungen nicht beipflichten. Und Sie sind sogar überzeugt, dass Ihre Reportagen nicht weniger schön, aber präziser und freundlicher würden. Und Sie sagen, dass Sie „niemanden“ Vorschriften machen wollen. Leidter werden Ihre Reportagen nicht präziser und nicht freundlicher und dass Sie Ihren Mitarbeitern(m/w/d) keine Vorschriften machen, halte ich für etwas unrealistisch. Schönheit ist allerdings Geschmackssache.
Falls es Sie beruhigt, lese ich Geo nicht wegen Schönheit und Freundlichkeit, von daher werde ich es weiterhin tun, wenn die Präzision nicht weiter leidet.

3 Gedanken zu “Lieber Geo

  1. Tja, wir beide wissen, dass eine Fachkraft für Arbeitssicherheit auch ein Mann sein kann.

    Ich selber fahre zur Zeit meinen Großen dreimal wöchentlich zum Sport. Daherbezeichne ich mich selbst als „Soccer-Mom“, da es keinen generisch maskulinen Ausdruck dafür gibt.

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  2. Wenn es heißt, die Studenten haben wegen des Feueralarms den Hörsaal zu verlassen, und dem eine Studentin nicht nachkommt, weil sie sich nicht angesprochen fühlt, dann ist sie dumm und Feministin. Oder beides.

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