Unisex reloaded

Ruhm und Ehre der alldurchschauenden Stokowski

Marginal und mächtig?

Merkel zum Beispiel ist genau eine Person. Also eine deutlich kleiner Minderheit als die Gruppe der Spiegel-Autorinnen. Trotzdem hat sie mehr Macht als diese.

Statt darüber zu sprechen, wie trans Menschen den Diskurs prägen, sollten wir uns lieber mit den Demütigungen auseinandersetzen, die sie erfahren.

Es sind Transpersonen. Wäre „trans“ ein Adjektiv, und keine Vorsilbe wie bei jedem anderen Wort, worin oder wobei es vorkommt, würde man es normalerweise mitdeklinieren. Der transe Mensch, ein transer Mensch, viele transe Menschen.

Es gibt ein eigenartiges Phänomen: Menschen, die trans sind, werden gleichzeitig als vernachlässigbare Minderheit beschrieben, um die man nicht so ein Brimborium veranstalten sollte – und als bedrohlicher Trend, der mächtig um sich greift.

Das „gleichzeitig“ stimmt nicht. Stokowski denkt nicht nur in Kollektiva, sondern denkt, alle Andersdenkenden wären genau eine Gruppe, und das ist falsch. Einige halten Transsexuelle für eine Bedrohung, andere halten sie für unwichtig.

Wie geht beides gleichzeitig?

Manche Fußballfans mögen Schalke, manche Dortmund. Gelegentlich sind die sogar gleichzeitig im selben Stadium. Magic!

Wie der Ausländer, der faul ist und gleichzeitig Deutschen ihre Jobs wegnimmt.

Und seine Frau. Und seinen Parkplatz. Und seine Hartz-IV-Bezüge. Aber ja, gleiche Erklärung.

So machte sich zum Beispiel vor ein paar Tagen Jan Fleischhauer – gemeinsam mit vielen anderen Menschen – auf Twitter über eine Forderung der sächsischen SPD lustig, die will, dass auf öffentlichen Toiletten Mülleimer stehen, auch bei den Männern.

Ok, ich muss Fleischhauer nicht verteidigen. Wenn die sächsische SPD der Ansicht ist, dass sie alle anderen Probleme schon gelöst hat. Z.B. die Probleme von Amazon-Angestellten, Lieferpersonal von Lieferdiensten allgemein, den Länder-Pay-Gap. Also das ist dann doch schön. Persönlich stört mich so ein Mülleimer auch nicht, vllt. habe ich auch mal was, was ich wegwerfen will, aber nicht runterspülen, wenn ich mal in Sachsen aufs Klo muss.

Kompass verloren heißt ja: Prioritäten verrutscht, gibt Wichtigeres. Stimmt ja auch.

Tja, an der Stelle könnte man aufhören. Aber dann kriegt man keinen Artikel voll.

Aber jede menstruierende Person, die schon mal mit einem vollgebluteten Produkt in der Hand nicht wusste, wohin damit, weiß: Das nervt.

Dann ist es aber irgendwie blöd, Leuten, die diesbezüglich sich was ausgedacht haben, mit Morddrohungen wegzumobben, nä?

Das Ganze betrifft nicht nur Leute mit Uterus, sondern zum Beispiel auch ältere Männer mit Inkontinenz, die regelmäßig Binden entsorgen müssen.

Wenn die SPD die Interessen älterer Männer im Blick hätte, warum sagt sie das nicht? Sind ihr ältere Männer als Wähler egal?

Manche trans Männer menstruieren, manche nicht. Man könnte ihnen Mülleimer gönnen. Selbst wenn man keinen einzigen kennt.

Die Transmänner haben ihren Kompass ja auch nicht verloren, sondern die SPD. Der implizite Vorwurf ist ja, dass sie sich mehr um Transmänner sorgt als um Cismänner. Um das Argument vorwegzugreifen, man kann sich um beide kümmern, aber wenn die SPD noch nicht einmal die Möglichkeit erwähnt, dass Mülleimer auch für Cismänner nützlich sein könnten, interessiert sie sich anscheinend weniger für Cismänner als Stokowski. Diese eher niedrig hängende Latte zu reißen ist schon nicht so gut.

Ich zum Beispiel kenne keine blinde Person persönlich, und ich weiß nicht, wie viele blinde Menschen es überhaupt gibt.

Das ist tatsächlich nicht ihre Schuld, aber ungefähre Zahlen gibt es hier.

Aber ich glaube trotzdem, dass öffentliche Orte so gebaut sein sollten, dass blinde Menschen zurechtkommen und sich wohlfühlen.

Ja. Es gibt in jeder Stadt mehrere 1.000 blinder und sehbehinderter Menschen. Es gibt sicher auch mehrere Menschen in jeder Stadt, die sich einerseits als Männer definieren, andererseits (noch) keine geschlechtsangleichende OP haben und deshalb mit Uterus auf eine öffentliche Männertoilette gehen. Gleichzeitig zockt Amazon seine Mitarbeiter (m/w/d) ab.

In der »NZZ« war vor ein paar Monaten zu lesen: »Die Zahl angeblicher Transkinder explodiert weltweit.« Der Text war von der rechtspopulistischen Autorin Birgit Kelle.

Ja, Alarmismus gibt es auf beiden Seiten. Wer hätte das nicht geahnt.

»Transfeindlich« ist ein großes Wort, ist ja klar. Oft wird das, was trans Menschen (und solche, die mit ihnen solidarisch sind), als »feindlich« bezeichnen, als Sorge formuliert:

So wie Stokowskis Sorge um inkontinente ältere Männer. Aber bestimmt tarnen manche Transsexuellenhasser ihren Hass als Sorge. Das bedeutet nicht, als alle besorgten Menschen gegen Transsexuelle wären.

Sorge um Kinder oder Jugendliche, die durch den »Hype« falsche Entscheidungen treffen könnten – oder Sorge um Frauen, die nicht trans sind.

Die Cisfrauen brauchen niemanden, der sich Sorgen um sie macht, das können die auch alleine, und die Transmänner auf den Herrentoiletten sind diesbezüglich ja gar nicht das Problem. Aber ja, „die Kinder, denkt einer mal an die Kinder“ ist inzwischen zu abgenudelt, um sich darüber noch lustig zu machen.

»Vom Verschwinden der Frauen« hieß ein Text in der »Süddeutschen Zeitung«.

Paywall.

Es ging um einen Satz aus dem Grundsatzprogramm der Grünen: »Alle Menschen haben ausschließlich selbst das Recht, ihr Geschlecht zu definieren.«

Fürs Protokoll, das halte ich für gar nicht so schlecht. Aber dann bitte konsequent, auch wenn’s weh tut. Und ich meine richtig weh.

Der Kommentar wandte sich gegen diese Idee, obwohl … das Thema im Wahlprogramm der Grünen nicht drinsteht,

Ich habe einen gewissen Verdacht, warum nicht. Oh, eigentlich ist es sogar offensichtlich, warum die Grünen mit ihrem Frauenstatut ihren Mitgliedern nicht erlauben, sich ihr Geschlecht selbst auszusuchen.

Im Wahlprogramm der Linken steht genau dieser Plan, aber über Die Linke redet man gerade nicht so viel.

Die Linken stellen sich aber auch nicht so an, wenn mal ein Mann gewählt wird.

Es wäre dann möglich, dass ein Mann sich als Frau eintragen lässt, um einen Job über die Frauenquote zu kriegen, schreibt sie.

Nein! – Doch! – Oh!

Außerdem sei dann »keine Statistik mehr aussagekräftig«, die Kategorie »Frau« würde verschwinden, und man könnte folglich etwa auch nicht mehr erheben, ob Frauen schlechter bezahlt werden.

Na, so ein Pech aber auch. Das wäre ja ganz traurig.

Wie realistisch ist das? Dass Männer sich plötzlich als Frau definieren, um einen Job zu kriegen?

Wenn ich Lust und Zeit hätte, würde ich Grünenmitglied werden, mein Geschlecht auf „irgendwas“ ändern, mich für einen ungraden Listenplatz bewerben, und dann brennt die Hütte aber.

Dass Menschen jährlich (!) ihren Geschlechtseintrag und Namen wechseln – wozu entwirft man solche Szenarien?

Das „jährlich“ kommt zum Einsatz, falls die Grünen ihre Quoten umstellen. Ok, DAS ist vllt. übertrieben fürs Argument, aber wenn die Grünen – oder sonstige Gruppen – das Geschlecht einerseits zu einem wichtigen Faktor erklären, andererseits behaupten, dass es keine biologische Grundlage hätte, fällt ihnen das massiv auf die Füße. Naturwissenschaft ist wichtiger für eine Umweltschutzpartei.

Das Ding ist: So funktioniert es nicht. Man kann nicht für Frauenrechte kämpfen, indem man gleichzeitig die Rechte von trans Personen mit Füßen tritt.

Nun, es ging hier um das Recht von Transmännern auf Mülleimer. Transmänner sind keine Frauen, also ist es sehr wohl möglich, für Frauenrechte zu kämpfen, indem man Transmännerrechte mit Füßen tritt. Nicht besonders anständig zwar, aber möglich. Dass die Terf-Fraktion eigentlich mehr ein Problem mit Transfrauen hat, ist mir bewusst, aber  für Transmänner sind eh eher Männerrechtler zuständig.

Als in den vergangenen Jahren über Unisex-Toiletten diskutiert wurde, gab es oft den Einwand, dass dann übergriffige Männer als Spanner die Chance nutzen würden, um Frauen auf dem Klo zu beobachten.

Übergriffige Frauen auf Männerklos sind natürlich nie ein Problem. Die mathematische Lösung wäre UnisexToiletten zusätzlich zu Männer- und Frauentoiletten. Ist erst ab bestimmten Größen wirtschaftlich, aber naja.

Allein: Wir würden mitbekommen, wenn es so wäre, denn es wäre ein Skandal. Sind solche Fälle bekannt? Nichts gehört bisher.

Wie viele Unisex-Toiletten gibt es? Und das ist so ein Argument wie: „Wir würden wissen, wenn es in der und der Institution Kindesmissbrauch gäbe.“ Ansonsten: Hier.

Spanner spannen, wenn sie wollen, egal, was auf der Klotür steht.

Nuuun, wenn „FRAU“ auf der Tür steht und die Spanner männlich sind, kann man sie des Raumes verweisen, wenn nicht, dann nicht. So funktionieren übrigens auch Einfriedungen.

Aktuell ist es so, dass trans Personen nach dem »Transsexuellengesetz« eine lange Tortur mit Gutachten, Kosten und übergriffigen Fragen (»Wie masturbieren Sie?«) durchlaufen müssen

Die Antwort auf „zu viel Bürokratie“ kann nicht „gar keine Bürokratie“ sein. Aber ja, wenn man sich auf den Standpunkt stellt, dass ein volljähriger Mensch sich ohne weiteres einer geschlechtsangleichenden OP und/oder einer Namensänderung unterziehen lassen darf, dann ist das so, und dann ruft das den Widerstand vieler Cisfrauen hervor, die gerne ihre Safe-Spaces behalten wollen. Safe-Spaces sind offenbar ein Produkt des kapitalistischen Patriarchats, um Cisfrauen einzuspannen.

Weil solches Wissen inzwischen so leicht zugänglich ist, ist es unklar, warum nicht mehr Menschen sich tatsächlich mal mit den Erzählungen von trans Personen auseinandersetzen, um zu sehen, wie krass viele von ihnen immer noch gedemütigt werden.

Das ist eben ein Argument, aber nicht für Unisex-Toiletten, sondern für Trisex-Toiletten.

Im SPIEGEL schrieb vor wenigen Tagen mein Kollege und Ressortleiter Sebastian Hammelehle über den Schauspieler Elliot Page, der ein Foto auf Instagram gepostet hatte.

Bei Verheirateten kommt manchmal ein „geborene(r) xy“ dahinter. Also, wenn jemand nicht mehr auf eine bestimmte Weise genannt werden will, ist es halt Höflichkeit, das auch zu tun.

Er bemerkte, dass in der SPIEGEL-Meldung dazu nicht der frühere, weibliche Name von Page stand, sondern nur, dass er trans ist. Denn es gebe ein Tabu aus der Trans-Community, dem sich nun auch die Medien gebeugt hätten

Ähm, das Tabu gilt natürlich nicht für die fragliche Person selbst. Aber dazu fällt mir „Tafkap“ ein.

»Wie gedeihlich kann es in einem Gemeinwesen auf Dauer zugehen, wenn ein Gutteil seiner Bürgerinnen und Bürger fürchtet, von Tabusetzerinnen und -setzern zumindest gegängelt zu werden, wenn nicht gar geknebelt?«

Ehrlich gesagt, ich kann DAS Problem ganz leicht umgehen, indem ich gar nicht über Transsexuelle rede. Das ist vllt. nicht das, was Transsexuelle wollen, aber das ist dann tatsächlich irgendwann das, was passiert. („Aber Mycroft, früher wurde doch auch nie über Transsexuelle geredet…“ – „Psst.“)

»Ein wirklicher Bewusstseinswandel aber hätte sich erst dann vollzogen, wenn Elliot Page in aller Selbstverständlichkeit seinen alten Vornamen posten würde.« Für mich ergibt das keinen Sinn.

Da stimme ich ihr zu – warum sollte sich bei mir oder sonstwem ein Bewusstseinswandel vollziehen, wenn Page was bei Insta postet. Ich bin noch nichtmal bei Insta, nebenbei gesagt, aber selbst wenn. Wie?

Ein wirklicher Bewusstseinswandel hätte sich meiner Meinung nach dann vollzogen, wenn ein Instagram-Foto eines Schauspielers, der trans ist, nicht einen Artikel hervorbringen würde, in dem es darum geht, welche neuen Tabus durch die trans Community entstehen, denn wir erinnern uns: »1984« ist eine Dystopie.

Die allermeisten Menschen haben keinen Artikel geschrieben, ergo hat sich bei den allermeisten Menschen ein Bewusstseinswandel ergeben? Wie gesagt, Elliot Page kann machen, was er will. Freies Land und so.

Vielleicht wird oben jemand den Vergleich »trans / blind« kritisieren, denn trans zu sein ist ja keine Behinderung. Ich würde dann sagen, dass das stimmt. Wir lernen alle dazu.

Ergo haben Blinde mehr Anspruch auf die Unterstützung der Gemeinschaft als Transsexuelle. Was jetzt nicht heißen soll, dass sie keinen Anspruch haben, aber der ganze Vergleich ist dann: „Weil wir als Staat für Behinderte bestimmte Umbauten vornehmen, müssen wir für Nicht-Behinderte Mülleimer vorhalten.“

Aber: Es ist mir unverständlich, warum Leute manche Entwicklungen oder Forderungen so sehr als bedrohliche Einschränkung ihrer Freiheiten oder demokratischer Grundwerte sehen, obwohl man ihnen eigentlich nichts wegnehmen will.

Wenn die SPD ihre schrumpfende Personaldecke, ihren schrumpfenden Einfluss, und ihre sonstigen, auch nicht gerade üppigen Kapazitäten und Ressourcen für Mülleimer auf Männerklos verwendet, nicht aber für die Arbeiter(m/w/d) bei Amazon, dann stellt sich für die Arbeiter(m/w/d) bei Amazon doch die Frage, wozu man die SPD wählen soll. Und natürlich kann man es als bedrohlich empfinden, wenn man sich politisch nicht repräsentiert fühlt.

Die Energie, die Menschen aufbringen, um sich dystopisch auszumalen, was alles Schlimmes passieren könnte, wenn trans Personen ein etwas leichteres Leben hätten, könnten sie ja auch nutzen, um sich zu informieren, was eigentlich deren Probleme und Bedürfnisse sind.

Oder, man steckt die Energie in die Lösung der eigenen Probleme und Erfüllung der eigenen Bedürfnisse. Ja, die allgemeine Spaltung der Gesellschaft ist nicht die Schuld der Transmenschen und nicht-Binären. Und nicht notwendigerweise die Schuld der SPD. Ja, und wenn es beim Spiegel demnächst um häusliche Gewalt geht, dann werden männliche Opfer natürlich auch erwähnt, woll?

2 Gedanken zu “Unisex reloaded

  1. Man will Geschlechterärger – Gendertrouble – stiften, indem man immer wieder auf diese 0,01% zu sprechen kommt – den „menstruierenden Männern“. Und da der ganzen Welt die Geschlechterordnung zugrundeliegt, kann es auch gar kein wichtigeres Thema geben. Die Welt wurde von Männer erbaut, das soll sich ändern: Die Zukunft ist weiblich, und das läuft paradoxerweise über die Dekonstruktion der Geschlechter.

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