Horror am Freitag

Dieses Interview hier.

tl,dr: wenn Leute ihren politischen Gegnern den Wahlsieg erschweren wollen, kann das nur niedere Motive haben und nicht einfach den, dass das eben der politische Gegner ist.

Interview Wahlkampf heißt bislang: den Lebenslauf von Annalena Baerbock zerlegen. Ist das noch Kritik? Oder schon Frauenhass? Jagoda Marinić und Elsa Koester machen sich ehrlich

Wäre es nicht sinnvoller, wenn wenigstens eine der beiden Interviewpartner Baerbock regelmäßig kritisiert? Menschen, die weder Frauen hassen noch Baerbock kritisieren, sehen vllt. keinen Unterschied.

Auf 28 Prozent kletterten die Umfragewerte der Grünen, nachdem Annalena Baerbock ihre Kandidatur für die Kanzlerinnenschaft verkündet hatte. … Jetzt liegen die Grünen bei unter 20 Prozent. Die Autorin Jagoda Marinić ärgert sich über die Angriffe – und spricht von Frauenhass.

Es ist vllt. auch nicht das allerschlauste, Wahlkampf zu personenbezogen zu machen. Hallo, Schulzzug. Ja, natürlich will man den Wahlvolk ein Gesicht präsentieren, aber man braucht auch Inhalte, Programme und so Zeug. Z.B., wenn man in Zukunft mehr E-Autos (also: überhaupt welche) haben will, wird ja der Strombedarf steigen. Wird man die Ladezeiten von Autos mit dem windabhängigen Stromangebot koppeln, und wenn, wie?

der Freitag: Frau Marinić, Sie bejubelten Baerbocks Kandidatur nach ihrer Verkündung als emanzipatorisches Projekt. Sehen Sie das heute noch immer so?

Jagoda Marinić: Annalena Baerbock hat den Machtkampf gegen Robert Habeck gewonnen.

Jaaa, wenn in den letzten Jahren ein paar Dinge anders gelaufen wären, hätten wir eine CDU-Kanzlerkandidatin AKK und/oder eine SPD-KK Nahles. AKK hatte den Machtkampf gegen Merz gewonnen (dass das jetzt anders ist, liegt eher nicht an Merz), und Nahles hätte die Selbstzerfleischungs-Fleischwölfe der SPD überstanden.

Dann ist sie ans Mikro gegangen und hat gesagt: Ja, auch die Frage der Emanzipation spielt für ihre Kandidatur eine Rolle. Das war mutig und bahnbrechend!

Nein. Einfach nein. Bzw., für sich betrachtet hätte es sein können, dass sie sich sehr gegen das Habeck-Lager hatte durchsetzen müssen, aber nach den Vorgängen im Saarland ist es offenbar, dass die Grünen harte Nachteile bereit sind in Kauf zu nehmen, um Frauen die Kandidaturen und Mandate hinterherzutragen. Von daher war es keine Kunst für Baerbock, den „Machtkampf“ gegen Habeck zu gewinnen. Frauen haben es offenbar einfach zu leicht bei den Grünen. Das bricht zwar Bahnen, erfordert aber keinerlei Mut.

Oder unklug, weil es ihr Können in den Schatten und ihr Geschlecht nach vorn stellte?

Wir Frauen sind oft bemüht, zu sagen: Aber nehmt mich bloß nicht deshalb, weil ich eine Frau bin!

Außer bei den Grünen.

Ihre Aussage war: Das politische Ziel, Gleichstellung zu erlangen, spielt eine zentrale Rolle. Die ersten Umfragen haben gezeigt, dass große Teile der Bevölkerung dieses Signal richtig fanden.

Gleichstellung ist nicht dasselbe wie Gleichberechtigung. Aber vor allem kann es nicht sein, dass man aus Geschlechtergründen eine Person nimmt, die eher suboptimal ist. Wenn die CDU Laschet nur aufstellt, weil der ein Mann ist, ist das ja auch nicht gut.

Dann kam ans Licht, dass Baerbock bei ihrem Buch unsauber gearbeitet hat, ihre von der Heinrich-Böll-Stiftung geförderte Promotion nicht beendete …

Es ist schon absurd, wie jede Kleinigkeit so hochgejazzt wird.

Stimmt schon, aber bei Laschet würdet IHR das genauso machen.

Baerbock räumte nun selbst Fehler ein. Ist Kritik an Verfehlungen von Politikern nicht legitim?

Ich nehme an, dass dieses Spiel ein Stück weit mit allen gespielt wird.

Achwas? Außerdem ist das kein Spiel. Warum sollte mit Baerbock Lebenslauf, Laschets Uni-Tätigkeit oder Scholzens wasauchimmer gnädiger umgegangen werden als mit der Berufserfahrung vom neuen Abteilungsleiter in der mittelständigen Firma Z?

Um herauszufinden, inwiefern die Angriffe auf Baerbock misogyn sind, müssen wir die Frage beantworten: Ist es für viele schon eine krasse Provokation, dass sich so eine junge Frau erstmals das mächtigste Amt zutraut?

Für manche schon, für manche nicht. Frage beantwortet.

Nach 16 Jahren unter einer Kanzlerin Angela Merkel mutet es schon komisch an, dass eine Frau als Kanzlerkandidatin so eine Provokation darstellen soll.

Wirklich? Merkel soll uns von der Frauenfeindlichkeit erlöst haben?

Das vllt. nicht, aber wenn die aus der Laschet-Fraktion – CDU-Politiker, CDU-Stammwähler, CDU-nahe Journalisten – 16 Jahre lang nicht von der Fahne gegangen sind, sind die offenbar nicht so misogyn wie behauptet. Ok, einige sind von der Fahne gegangen und haben sich eine „Alternative“ gesucht.

Ohne Baerbock wären da nur drei Kandidaten gewesen, nach 16 Jahren Merkel.

Wie gesagt, dass AKK und Nahles nicht mehr im Rennen sind, hat Gründe, aber da sich ihr Geschlecht nicht seit ihrer Kandidatur plötzlich zu weiblich gewechselt hat, ist es eher nicht das Geschlecht. Nebenbei, WIE genau würden die Grünen jetzt eigentlich Wahlkampf gegen Nahles oder AKK machen?

Was mich stört, ist diese Erzählung: „Die Baerbock ist über ihren Ehrgeiz gestolpert.“ Als dürfe eine Frau nicht ehrgeizig sein!

Ähhm nein? Das ist nicht die Aussage. Die Aussage ist: „Man darf nicht so ehrgeizig sein, dass man darüber stolpern kann.“

Weil sie fürsorglich sein soll?

Genau. Baerbock müsste doch eigentlich gucken, ob es Robert Habeck gut geht auf dem Weg zum Kanzleramt – und ihm nicht noch Steine in den Weg legen!

Blödsinn. Als ob es der AfD oder Teilen der CDU besonders wichtig ist, dass es Habeck gut geht. Als jemand, der sich mal wirklich um Habeck Sorgen machte, gebe ich zu Protokoll, dass nicht der Machtkampf – wie vorverdrahtet auch auch immer – mein Problem ist, sondern, wie „sportlich“ sie dabei ist. Kann sein, dass Merz und AKK sich auf Blut hassen, aber die schaffen es, sich das nicht anmerken zu lassen. (Oder, sie hassen sich nicht und sind wirklich sportlich).

Wie kann sie ihn so unglücklich machen, wo er doch selbst sagt, wie gerne er dem Land gedient hätte?

Heul doch, Merz!

 Da gibt es diesen schönen Begriff „himpathy“. Es fällt uns sehr viel leichter, Empathie für Männer zu empfinden, als für Frauen.

Dieses „wir“ ist gelogen. Wann haben SIE zuletzt Empathie für einen Mann empfunden?

Hätte Habeck sein Hadern also lieber für sich behalten sollen?

Nein, es ist legitim, dass er sagte: Ich habe hier einen Verlust.

Wenn „wir“ alle so „himpathisch“ wären, bräuchte er es nicht zu sagen, denn „wir“ wüssten es auch so.

Wenn wir die Rollenbilder öffnen, muss auch der Mann trauern dürfen, denn er wird Verluste haben. Aber mit der „himpathy“ kommt der Gedanke: Baerbock hätte doch noch so viel Zeit gehabt, warum ist die so ungeduldig?

Männer haben auch so schon Verluste. Aber dessenungeachtet ist es nicht die „Schuld“ von Baerbock, dass Habeck nicht aufgestellt wurde, sondern der Grünen im Kollektiv. Die hätten jede Frau statt Habeck genommen.

Es wäre ja so schön, wenn Habeck seinen Traum hätte erfüllen dürfen!

Pffft, Euer Ernst? Niemand wählt irgendwen, damit soe den Traum von der eigenen Kanzlerschaft erfüllen kann. Ein paar Grüne wollten sicher lieber Habeck, aber nunja.

Ganz ehrlich, als sie es verkündete, am Mikrofon, dachte auch ich: Boah, krass, die macht das echt?

Sie dachten, sie würde es nicht wagen.

Ja.

Ich auch. Wieso haben wir das bei Angela Merkel nicht gedacht?

Weil Ihr alle schrecklich merkbefreit seid? AKK musste sich gegen Merz durchsetzen, Nahles gegen verbranntes männliches SPD-Mitglied #3544, und Baerbock wird quasi durchgewunken. Mutiger wäre zu sagen, dass das nichts mit Gleichstellung zu tun hätte, sondern mit ihren Kenntnissen im Völkerrecht.

Wir dürfen nicht vergessen, dass Merkel zunächst auch das kleine Mädchen von Helmut Kohl war. Völlig unterschätzt. Und als sie Kohl dann abgesägt hat, wurde sie als Eiskalte dargestellt.

Bitte? Soweit ICH das noch in erinnerung habe, wurde Kohl abgewählt. Von uns allen. Ich war dabei, also was labert Ihr?

Wie Sawsan Chebli, die „es wagte“, mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller um den Berliner Wahlkreis zu konkurrieren. Das ist Vatermord!

Na, Vatermord vllt. nicht, aber es ist tatsächlich ein Risiko seitens Chebli, so das „gewagt“ hier wirklich das richtige Wort ist. Das ist kein Gratismut wie sich als Frau bei den Grünen aufstellen zu lassen, es sei denn, gegen eine andere Frau.

Ist „Mutti“ besser als „Kohls Mädchen“? Weil Mutti immerhin regieren darf?

Man verharmlost eine Kanzlerin mit diesem Wort, spricht ihr ein Stück der Macht ab, indem man sie zurück in die weibliche Fürsorgerolle presst.

Natürlich verharmlost man Menschen mit Macht, um sie auf die richtige Höhe runterzustutzen. Kohl wurde nebenbei nie „Vati“ genannt, sondern Fallobst. Neh, Birne. Wie das Kinderbuch „Birne kann alles!“. Ne, auch nicht. Mehr seine klassische Kopfform.

Es war ein Versuch, den Gesichtsverlust der Männer umzudrehen. „Die darf jetzt führen, weil die so fürsorglich ist.“

Ähh, fürsorglich? Wenn, ist es ironisch, weil sie so gar nicht mütterlich rüber kam. Außer einmal, als sie es versucht hat, und das war SEHR zum fremdschämen.

Bis 2015, da hieß es dann: „Mutti muss weg!“

Der Spruch ging: „Merkel muss weg!“

Fühlten sich diese rechten Männer, die das skandierten, von ihrer „Mutti“ nicht gut umsorgt, weil sie „andere“ Söhne bevorzugte?

An der Stelle möchte ich mal allgemein zur Sprache bringen, dass das eigentlich eine Suggestivfrage ist, weil es die Antwort fast komplett vorwegnimmt, und außerdem noch nichtmal eine an die richtige Person, weil man das ja eher die fragen sollte, die das skandierten. (Wenn auch mit anderem Wortlaut.)

Für mich ging es da eher um Nationalismus: Das ist doch mein Staat, meine Steuern, ich habe den Pass, ich habe das Recht auf Fürsorge, und „die“ nicht.

Aber immerhin, sie nimmt die Suggestion nicht auf, und ja, dass es um Nationalismus ging, denke ich auch. Das wäre aber auch bei einem männlichen Kanzler so gelaufen.

Aber wo Sie Recht haben: Da schwingt so eine Art deutscher Infantilität mit. Der Staat muss für mich sorgen.

Wohingegen Kroatien nicht für Kroaten sorgen muss, sondern für Serben???

Wie so eine kindliche Kränkung, schon wenn die Bahn zu spät kommt: Wie wird das jetzt für mich organisiert?

Für mich, den Bahnkartenzahler? Aber auch das hat nichts damit zu tun, dass die Bahn eine Frau ist.

Diese Sorge funktioniert aber nicht ohne Macht, oder?

Das Spannende ist ja: Die hat sie! Wer Angela Merkel einmal live erlebt hat, sieht die Macht in ihrer Körpersprache.

Fun-Fact: Hitler probte seine Reden vor dem Spiegel. Weil Studien zeigen, was man sagt, ist unwichtig, wenn es um Überzeugung geht, sondern die Stimme ist wichtiger als der Inhalt und die Körpersprache wichtiger als die Stimme. Ich HASSE es, wenn Hitler mit irgendwas Recht hat, also lehne ich die Theorie jetzt einfach ab.

Außer bei den Festspielen in Bayreuth, erinnern Sie sich? Dieses schöne Kleid mit dem tiefen Ausschnitt? Dieses Dekolleté?

Irre, was dieses Foto für Wellen geschlagen hat.

Gut, dass Laschet kein Dekolleté hat, woll.

Die hatte plötzlich Brüste! Die Kanzlerin! Was für ein Skandal.

Und da sind wir bei Annalena Baerbock und ihrem „Wagnis“, weil sie vom Kleidungsstil, vom Auftreten her klar weibliche Attribute zeigt. Sie wagt es, Frau zu bleiben, obwohl sie Macht beansprucht.

Ja, „Wagnis“. Ihr Kleidungsstil kommt mir jetzt recht politikermäßig vor. Wo ist da jetzt schon wieder das Problem???

Tun das andere nicht? Franziska Giffey, immerhin Spitzenkandidatin der SPD in Berlin?

Immer Hosenanzüge!

An der Stelle möchte ich betonen, dass es tatsächlich legitim ist, sich eine Rolex zu kaufen, wie Frau Chebli, im Unterschied zu einem Doktortitel, wie Frau Giffey. Aber ja, Hosenanzüge. Eure Sorgen, ey.

Ich bin noch nicht überzeugt, dass es hier nur um Weiblichkeit geht.

Ja, zeig, dass auch DU das Zeug zum investigativen Journalisten hast, der den Interviewten nicht einfach nur die Bälle zuwirft!

Wenn Merkel die Mutti war, was ist Baerbock? Das Mädchen?

Baerbock verkörpert für mich nicht das Mädchen, sondern die Figur der „aggressiven Powerfrau“.

Ich bin kein Nahles-Fan, ehrlich gesagt, aber wenn Baerbock eine „aggressive Powerfrau“ ist, was ist dann Nahles?

Dieser Begriff ist auch für viele Frauen und Feministinnen ein Affront: Er teilt „normale“ Frauen von Frauen, die etwas schaffen.

Naja, noch hat Baerbock nicht so viel geschafft. Wenn das das Kriterium sein soll, trifft es nicht zu.

Doch auch die Männer nehmen diese Unterteilung vor, wenn sie „Alphatiere“ sagen.

Der Begrifft kommt aus dem Tierreich: Alphatiere sind die, die ausschließlichen oder zumindest deutlich besseren Zugang zu Sex haben.

„Normale“ Frauen können keine Kanzlerin sein, „Alpha-Frauen“ schon?

Viele Frauen sagen sich: Ich hätte mir, wenn ich ehrlich bin, so eine Führungsrolle nicht zugetraut.

Viele Männer auch. Ist eigentlich umgekehrt – wenn man Kanzler(m/w/d) wird, wird man quasi automatisch Alphatier.

„Alpha“ kennt man, wie Sie sagten, eigentlich in Verbindung mit „Mann“. Ist es feministisch, sich diese Eigenschaft anzueignen?

Nein, dass ist kulturelle Aneignung. Denkt Euch gefälligst was anderes aus. Wobei „kulturell“ ist nicht ganz richtig. Aber egal. „Alpha-Bitch“ heißt im Dt. „Oberzicke“. Nehmt vllt. „Oberfrau“!

Manche sehen es so, dass der Fortschritt darin besteht, dass Frauen ohne Ächtung öffentlich alle menschlichen Eigenschaften ausleben dürfen, auch die harten.

Und das ist falsch, weil…???

Andere Feministinnen sagen: Habeck ist doch der eigentliche Fortschritt, er bringt das Weichere in die Politik!

Parteipolitik an einer Person festzumachen, ist schon nicht ganz richtig, aber Fortschritt an einer Person festzumachen, ist Quatsch.

Und das hieße: Wir wollen keinen Lebenslauf aufhübschen, wir wollen keine Bücher schnell-schnell schreiben, nur um Erfolg zu haben. Ich muss zugeben: Mich haben diese Geschichten um Baerbock daher auch etwas enttäuscht.

Weil man perfekt sein muss, um Fortschritt zu ermöglichen?

Hier stellt sie die Fragen! Aber nein, Baerbock muss nicht perfekt sein, um gewählt zu werden, sondern nur besser als die Konkurrenz. Danke Laschet!

Bei Rechten gelten doch alle Grünen als weltfremde Akademiker, die Konflikte mit Stuhlkreisen lösen wollen.

Aber Baerbock wählt explizit einen Sprachduktus, der nicht akademisch daherkommt. Sie versucht, sehr kurz zu sprechen, einfache Botschaften zu senden. Sie sucht immer eine Bürgernähe …

Die Rechten wählen so oder so nicht grün. Also, wen schert´s? Bürgernähe, um das ehemalige SPD-Klientel abzugrasen, gut und schön. Aber dann vllt. keine blöden Sprüche über Bauern bringen, na?

Ja, sie sucht sie, das sagt doch schon alles. Baerbock ist Akademikerin, das wird sie nicht los.

Ich glaube, der Affront liegt woanders:

Habeck ist auch Akademiker. Also ja, das wäre nicht das Problem an sich. Bzw., dass Grüne tatsächlich sehr akademisch aufgestellt sind, ist schon ein Problem, aber das Problem ist nicht das Problem, sondern das mangelnde Problembewusstsein.

Dass Annalena Baerbock dort steht, ist das Ergebnis einer Geschichte einer Partei, die mit Frauen auf eine Art umgeht, wie es Konservativen zuwider ist.

Nun, Frauen alle Probleme aus dem Weg zu räumen und sich wacker in die Bresche werfen und die eigenen Interessen vernachlässigen? Konservative hassen den Trick. Scheiß-Titanic.

Der Hass, den Baerbock abbekommt, hat auch damit zu tun: Hinter ihr steht eine Armee von Frauen, die Gleichstellung über Jahrzehnte in Deutschland durchgesetzt haben, parteiintern, aber auch etwa in Verwaltungen.

Armee. M-Hm. Ok, es gibt eine pazifistische Tradition bei den Grünen, insofern sehe ich ein, dass die nicht für die Wehrpflicht von Frauen waren oder sind, aber hey: geile Metapher!

Wieso hat Merkel diesen Hass so viel weniger abbekommen?

Sie wurde Kanzlerin mit Unterstützung einer männerdominierten Partei, das war kein gesamtgesellschaftlich-feministisches Projekt

Äh, das es KEIN gesamtgesellschaftliche Projekt war, würde doch zu mehr Hass führen statt zu weniger. Nebenbei, das ganze „Grünes Frauenstatut finden Konservative nicht gut!“-Argument trifft sicher auf die zu, die Baerbock schon immer ablehnten. Das dürfte aber wenig mit den zwischenzeitlichen Zustimmungsverlusten zu tun haben.

Aber bei den Grünen heißt es: Nein, wenn eine Frau will, dann macht sie es zuerst! Auch dann, wenn eigentlich ein Mann will.

AKK? Merz? Hallo??? Das waren Konservative, die sie gewählt haben und nicht ihn, und zwar OHNE das parteiinterne Dogmata und Statuten das quasi erzwangen. AKK kann sich darauf mehr einbilden als Baerbock.

Wird das jetzt Zukunftsmodell? Dass alle Männer so frustriert dasitzen wie Habeck? Oder Baerbocks Mann, der sich jetzt um die Kinder kümmert? Eine Horrorvision für viele.

Wenn meine Frau Kanzlerin wird, werde ich auch aufhören, zu arbeiten. Für immer, muahaha! Und auch, wenn das jetzt nach Victim-Bläming klingt – damit hatte Habeck rechnen müssen. Sorry.

Baerbock will Veränderung – in eine Zukunft, die viele Männer ängstigt.

Nicht nur Männer! Es gibt viele Frauen, die ein Lebensmodell mit Ehegattensplitting gewählt haben.

Na, sowas.

Baerbock hat nicht nur Männer als Feinde, sondern auch jene Frauen, die meinen: Du löschst die Mutterschaft als Zentrum des Lebens aus, über die ich mich definiere!

Was ist mit den ganzen Frauen und Männern, die sich über ihren Studienabschluss definieren? Löscht Baerboch das auch alles aus? Oder anders gefragt: wie viel Küchenpsychologie braucht man, um jede Kritikerin und jeden Kritiker von Baerbock maximal zu diskreditieren?

Welche Geschlechterrollen wollen wir? Ein Habeck würde womöglich ganz ähnlich fertiggemacht werden.

Schlimmer. Viel schlimmer. Es fällt „uns“ leichter, bei Männern draufzuhauen.

Nur hätte Habeck das Glück gehabt, dass er damals, als er auf die politische Bühne kam, schon mit vielen Angriffen umgehen musste.

Naja, das ist tatsächlich richtig. Weil es Männern bei den Grünen nicht leicht gemacht wird, entwickeln die mehr Hornhaut.

Habeck bricht die Geschlechterrollen auf, weil er weich ist. Sein PR-Bild mit den Pferden auf Instagram: Da sprach er von Magie! Das machen doch nur Mädchen.

Es stünde aus Gründen, die man sich bitte denken kann, einer Naturschutzpartei gut zu Gesicht, sich mit Naturwissenschaften auszukennen. Aber vermutlich können ihn viele einfach deshalb nicht leiden, weil er bei den Grünen ist.

Da ist dieses seltsame Urvertrauen, das wir alle entwickelt haben: Der Mann macht das schon.

Wer ist „wir“? Bei den USA war es wirklich Cholera oder Pest, hat man mir erzählt. Andererseits ist Trump ein Quereinsteiger mit unter zehn Jahre altem Kind. Wie Bauerbock also…

Und wir denken: So progressiv wie jetzt waren wir Frauen noch nie. Und uns wird mulmig dabei.

Und das erklärt auch, warum selbst bei solch banalen Angriffen wie jetzt auf Baerbocks Sachbuch die Empörung so hochschnellt.

Ja, vor allem bei den Grünen selbst. Aber ok, wer progressiv sein will, muss auch mit solcher Kritik klar kommen. Männer würdet Ihr ja auch nicht derartig in Schutz nehmen.

Och, kann das nicht doch einfach der Habeck in die Hand nehmen: Diesen Reflex kenne ich.

Mal ganz vorsichtig formuliert, wenn die DAS täten, wären beide verbrannt.

Womöglich war das ein Fehler der Grünen: die Ansprüche zu groß zu machen. Die grüne Utopie ist eine Utopie, die grüne Politik aber wird auf konservative, beharrende Kräfte treffen.

Ein Fehler, genau. Wenn die doch wenigstens eine andere Frau gehabt hätten, die parteiintern um die Kanzlerkanditatur wetteifert hätte.

Die (Welt) von Armin Laschet, Friedrich Merz und Hans-Georg Maaßen?

Die Zeit mit Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin ist für uns eine krasse Schule: Wie ernst meinen Deutsche es wirklich mit Feminismus? Mit dem Wandel?

Mal abgesehen davon, dass man eine Umweltschutzpartei primär aus Umweltschutzgründen wählen könnte, und dass der Wandel zu mehr Umweltschutz wichtiger ist als Frauenquoten? Ehrlich, liebe Grüne und Grünenverteidiger: Wenn Ihr Eure Gegner kritisiert, dass die lieber über Gender* und dergleichen diskutieren als über die wirklich wichtigen Themen, dann liefert denen doch nicht immer solche Steilvorlagen.

Wie ernst meinen Sie es also noch mit Baerbocks Kandidatur als emanzipatorischem Projekt?

Vielleicht haben ihre Verfehlungen gezeigt, dass sie nicht so anders ist, wie viele gehofft haben. Aber sie ist nicht allein, sie steht für eine Partei, die es mit der Gleichstellung ernst meint – anders als damals Merkel. Ich sage also: Sie ist immer noch anders genug.

Ok, und wie ist das jetzt mit dem Netzausbau?

4 Gedanken zu “Horror am Freitag

  1. „Annalena Baerbock hat den Machtkampf gegen Robert Habeck gewonnen.“

    Das können die doch nicht ernst meine?! Es gab ja gar keinen Machtkampf. Wo wurde über die Kandidatur abgestimmt. Die Grünenbasis wurde meines Wissens nach herausgehalten und dann Baerbock einfach ausgewählt, da sie eine Frau ist.

    „Wir Frauen sind oft bemüht, zu sagen: Aber nehmt mich bloß nicht deshalb, weil ich eine Frau bin!“

    LOL, gerade Politik-Frauen sagen genau das Gegenteil. Sie sagen UNS Frauen steht mindestens die Hälfte der Macht zu.. via Geschlecht.

    „Die ersten Umfragen haben gezeigt, dass große Teile der Bevölkerung dieses Signal richtig fanden.“

    Welche und unter welchen Personen?

    immer wieder das gleiche: Es wird nicht nach den Motiven der Ablehnung gefragt, die werden einfach passend dem Ziel unterstellt und hier ist das Ziel es so hinzustellen als ob ihr Geschlecht das Problem ist.

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  2. Meh… nur weil sie eine Frau ist! Nein, weil sie als Mensch scheiße ist – und als Quotenfrau unfähig. Aber wie sie sich das einreden, die Männer hätten nur wegen des Geschlechts Probleme… die wahren Sexisten werfen sich hier gegenseitig die Bälle zu. Der Beweis: Hätte sich ein Kerl so abfällig über eine Parteikollegin geäußert, sie würden den Baerbock mit allen Mitteln bekämpfen. Aber so…?!

    „himpathy“?

    Ah, sie haben mitbekommen, dass Männerrechtler hin und wieder vom Empathy-Gap sprechen. Schätze, das wird eine der neuen großen Nummern im Feminismus. Himpathy, zum Beispiel Hillary Clinton: „Frauen sind die ersten Opfer des Krieges, sie verlieren ihre Männer und Söhne in ihm…“ (sinngemäß)

    Aber Baerbock wählt explizit einen Sprachduktus, der nicht akademisch daherkommt. Sie versucht, sehr kurz zu sprechen, einfache Botschaften zu senden. Sie sucht immer eine Bürgernähe …

    Ja, die Massen sind dumm und müssen geführt werden, genauso wie man ihnen auch die einfachsten Dinge erklären muss…

    Baerbock will Veränderung – in eine Zukunft, die viele Männer ängstigt.

    Äh ja, weil die Quotenfrauen den Karren gegen die Wand fahren – und auch Frauen, die intelligenten wenigstens – fürchten sich auch vor dem Niedergang unserer Kultur.

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