120-jähriges Hochwasser

Laut Stadt Hagen war das ein 120-Jähriges Hochwasser,

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kein 25-jähriges, wie angekündigt.

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Dazu muss man sowieso sagen, dass diese Werte aus Wetteraufzeichnungen entwickelt werden, und je höher der Jahreswert ist, desto mehr ist er eine statistische Extrapolation. Aus den Wetteraufzeichnungen der letzten 100 Jahre kann man natürlich ablesen, welche Niederschlagsmenge nur viermal überschritten wurde, und prinzipiell kann man den höchsten Wert dieser hundert Jahre ganz dreist als 100-jähriges Regenereignis bezeichnen, aber das ist schon Gefuckel, und DANN muss man aus dem Regenereignis eine Abflussmenge errechnen, und aus DER dann einen Wasserstand. Die Flusslandschaft hat sich in den letzten Hundert Jahren übrigens auch verändert. (Ich kürze den Vortrag über Wasserbaumaßnahmen und ehemalige Wasserbauten hier direkt ab.)

In der Praxis wird Hagen in der Innenstadt, wo sich das Tal verbreitert, nicht viermal in Hundert Jahren überschwemmt, was jetzt auch etwas nervig wäre.

Was hingegen die Nahmer betrifft, das Tal ist seit über 400 Jahren industrialisiert. Damals war Wasserkraft der heiße Scheiß, und aller hundert Meter gab es einen Stauteich im Bach, um ein Wasserrad für eine Mühle, eine Drahtzieherei oder einen Kupferhammer zu betreiben. Dann gab es Dampfkraft, und man brauchte Wasser für Dampfmaschinen. Und Kühlwasser. Ungefähr ab den 19. Jahrhundert verdrängten große Werke die eher kleineren Betriebe. Der hier wurde erst vor hundert Jahren den Hang hoch versetzt, um Platz für eine Fabrikhalle zu machen, die inzwischen wieder zurückgebaut wurde – solche engen Täler, selbst, wenn man zwischenzeitlich eine Kleinbahn eingebaut hat, sind für moderne Betriebe eher nicht so gut, weil man so gut wie alles mit Strom betreibt statt mit Dampf, mit Stickstoff kühlt, statt mit Wasser, das Wasser, was man schon braucht, per Leitung kriegt und man seine Werkhallen lieber an der Autobahn, der Normalspureisenbahn und eher nicht neben dem Wohngebiet baut.

Der Punkt, worauf ich herumreiten will, auch wenn das für die Volme das 120-Jährige Hochwasser war – die mit der Nahmer auch wenig zu tun hat – für die Nahmer war das definitiv mehr als das 120-Jährige. Die Betriebe, die es im 19. Jahrhundert hier schon gab und teilweise immer noch gibt, also vor mehr als 120 Jahren, hätten Aufzeichnungen davon, wie ihre ganze Produktion abgesoffen ist (mehrere Dutzend Goldmark Verdiensteinbußen!!!). Es gäbe auch Leute, die davon erzählen, wie ihre Oma immer von dem Hochwasser erzähle, dass bis ins Erdgeschoss gestanden hat, oder wie Opa eine Woche lang „Urlaub“ hatte (bis er zum Reinemachen kommen musste).

Ist bis dato nicht vorgekommen, obwohl es so ein Thema ist. Von daher lenne ich mich aus dem Fenster über dem gleichnamigen Fluss und sach ma‘: das ist in den letzen 120 Jahren nicht vorgekommen, und vermutlich auch nicht in den letzten 200 Jahren. Ob das jetzt der Klimawandel ist, sollen berufenere untersuchen. Es liegt aber kaum an der Versiegelung, den die ist, wie gesagt, zurückgegangen.

2 Gedanken zu “120-jähriges Hochwasser

  1. Wasserstand berechnen, in den letzten 120 Jahren? Ich bin ja nun aus Bayern; da, wo’s hier hochwassert, gibt’s sowas:

    Das ist aus Marktheidenfeld am Main; meine Großtante lebte da. Dass da der Main überläuft, kommt alle zwei Jahre vor; das überflutet aber nur (noch) einen Parkplatz – der Höchststand ist von 1842. Das sind keine Temperaturmessungen, wo halt eine schwarze Asphaltfläche gegenüber einer grünen Wiese gerne mal 1,5° ausmachen; da hat man halt schon vor 200 Jahren eine Delle in das Haus gemacht, wo das Hochwasser endete.

    In Fukushima, gerüchtehalber, haben sie irgendwo paar Kilometer weg einen 2.000 Jahre alten Stein im Wald gefunden; Inschrift: „nicht näher am Wasser bauen als dieser Stein“.

    Davor – also, vor der Industrialisierungszeit – hat man da schlicht nix hingebaut, was nicht kaputtgehen durfte; da hatte man noch Respekt, wenn nicht Angst, vor der Natur. Aber es ist zu menschlich, die Natur beherrschen zu wollen – das endet in der Regel aber so, wie der Versuch, sich einen Tiger als Haustier zu halten. Der Natur ist es nämlich vollkommen egal, dass Leute gerne an Flüssen wohnen, weil das (heutzutage) hübsch ist oder (früher) Wasserkraft ermöglichte.

    Und was tun wir, so als Menschheit? Regentänze. Wahlweise mit geistig behinderten Mädchen am Freitag oder auch gerne bei der UN und gerade erst in Brüssel. Weil wir ja so furchtbar „modern“ sind und die Regentänze irgendwelcher Eingeborenen für primitiv und schwachsinnig halten, weil die ja nun nichts am Wetter ändern werden, aber freilich können wir uns ganz toll kollektiv einreden, wir könnten das Klima verändern.

    Statt mal einzusehen, dass es zwar praktisch ist, den Hafen „in“ der Stadt zu haben, aber halt *keine gute Idee*, so historisch. Fethiye in der Türkei, wo mein Boot liegt, hieß früher Telmessos, das ist da, wo Belerofon den Pegasus gefangen hat, um die Chimera zu zähmen. Und da gibt’s noch 3.500 Jahre alte, lykische Mauern – ab so 20m bergauf von der Küste; das sind nur 100m zu laufen; das macht eine klassische Hafenstadt aus: _Steil_ isses da.

    Oh, und Erdbebengebiet ist es auch noch. Das stört aber die lykischen Bauten nicht sonderlich, die hellenistischen Bauten nicht sonderlich, die mittelalterlichen osmanischen Bauten nicht sonderlich, und sogar die Moschee aus dem 18. Jahrhundert hat das letzte (große) Erdbeben (1957) überlebt. Der Rest des Ortes ist Baujahr 1958+. Bis zum nächsten, großen Erdbeben.

    Aber wenn wir für das Klima hüpfen und die Luft zum Atmen besteuern, wird das sicher alles großartig.

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    1. In Hagen selbst gibt’s keine Hochwassermarken, soweit ich weiß, aber das könnte sich vllt. noch ändern.

      Gestern abend haben mir Leute ganz stolz erzählt, wie sie den Keller von einer Pizzeria freigeräumt haben, damit die HEUTE wieder aufmachen kann.
      Da muss ich gleich mal hin. 😉

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