Schönheit und Stokowski

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Ich sollte schon aus medizinischen Gründen mehr Sport machen, ich halte aber Fitnessstudios für die langweiligste Sportart überhaupt. Insofern bin ich nicht hundertprozentig der Richtige, um Fitnessstudios zu verteidigen. Aber davon mal abgesehen:

Muskulöse Frauen entsprechen jetzt dem Schönheitsideal? Toll!

Was meint sie mit „muskulös“? Insbesondere in Bezug auf Frauen? Ich stelle mir dazu Abby aus TLOU 2 vor, aber stelle fest, dass es im richtigen Leben sehr wenig Frauen gibt, die so aussehen. Und obwohl ihr Aussehen für mich eigentlich nicht das Problem ist – obwohl sie unrealistischerweise die postapokalyptischen Proteinshakereserven vermutlich für sich alleine verbraucht – stelle ich ebenso fest, dass die ganzen Frauen, die nicht in dem Sinn muskulös sind, trotzdem Erfolg bei Männern haben. Insofern stimmt das entweder nicht, oder Stokowski meint was anderes.

Dabei machen sehr viele Frauen Sport einfach nur, um sich gut zu fühlen.

Das ist wieder so etwas wie „Zöpfe“ oder „Lange Haare„. Sportliche Menschen sind nicht notwendigerweise muskulös. Frauen, die regelmäßig Sport machen, fühlen sich vermutlich gut, aber sie sehen dessenungeachtet sportlich aus, was auf Männer gemeinhin attraktiv ist.

Oder um mehr Kraft zu haben. Oder gegen Rückenschmerzen. Nicht wegen Sexyness.

Schon, aber umgekehrt – wie viele Männer machen Sport, weil er ihnen Spaß macht, er gut für ihre Gesundheit ist und ihren Muskelaufbau, sind aber trotzdem der Ansicht, dass das bitteschön keine Auswirkungen auf ihre Attraktivitäät hätte?

Die Fitnessstudios machen wieder auf. Wie schön! … Endlich wieder an richtigen Geräten trainieren und dort Kommentare zum eigenen Körper hören. Abwechslung!

Tja, Erzählmirnix erzählte, dass sie auch in ihrer übergewichtigen Anfangsphase höflich behandelt oder komplett ignoriert wurde. In Fitnessstudios, wohlgemerkt. Und jetzt weiß ich auch nicht.

Dabei sind die anderen Trainierenden meistens nicht das Problem…

Ach?

Die beklopptesten Kommentare kommen oft immer noch vom hauseigenen Personal, jedenfalls kann ich die Freundinnen nicht mehr an einer Hand abzählen, die erzählten, dass sie im Fitnessstudio beim Aufnahmegespräch gefragt wurden, wie viel sie denn abnehmen möchten, obwohl sie gar nicht abnehmen wollten, sondern einfach fitter werden.

Ok. Ich bin übergewichtig, ich mache mich jetzt nicht über andere übergewichtige Menschen lustig, und ich will das Thema auch nicht einfach verharmlosen, aber ich Stelle die These in den Raum, wenn ich als mehr oder weniger männlich aussehender Mensch in ein Fittnessstudio ginge mit der Ansage, fitter zu werden, wird man mich fragen wie viele Kilo ich abnehmen will. Weil Fittigkeit tatsächlich mit dem Gewicht korresponidiert. Und mit der Attraktivität.

es gibt auch die, die denken: Oh eine Frau, ich werde ihr helfen, ihren Körper nach den Wünschen irgendwelcher imaginierter Männer zu formen!

Ähh, nein. Dann wäre die Frage: „Wie viel Kilo will denn Ihr Mann, dass Sie sie abnehmen?“ Bzw., ja, es gibt bestimmt Leute, die – aber wenn, auch nicht, ohne solche Erfahrungen gemacht zu haben – annehmen, Frauen wollten nur aus Männergründen Sport machen; aber dessenungeachtet hat „Abnehmen“ noch andere Zwecke. (Es wäre schon die Frage, wie viele Kilo die besagten Freundinnen den vorher hatten.)

Eine Freundin von mir, die sich im Fitnessstudio angemeldet hatte, musste sich beim ersten Training erklären lassen: »Du bist eine dünne Frau, gefangen im Körper einer dicken Frau!« Ein Fall für die Kriminalpolizei, wenn es so wäre.

Ich glaube eher, dass ist eine Anspielung auf Transpersonen. Wenn eine Frau im Körper eines Mannes stecken kann, dann kann das auch für dünne und dicke Frauen gelten. Biologisches Gewicht wird an das soziale Gewicht angeglichen und so.

Das ist interessant, denn es gibt ja durchaus eine gesellschaftlich halbwegs akzeptierte Form von Feminismus, und die lautet: Hey, mach dein Ding, häng dich rein, du kannst alles schaffen, hör nicht auf die Deppen, sei einfach der Boss. Dazu könnte in aller Konsequenz auch Sport gehören, aber: Kommt drauf an.

Männer kriegen im Sport auch gesagt, sie sollen sich mehr anstrengen. Mehr Muskeln, weniger Fett, mehr Einsatz, weniger ausreden. Frau Stokowski beschwert sich gerade darüber, dass Frauen genauso behandelt werden wie Männer.

Irgendwann hatte ich einen dieser Fitness-Checks, die man da regelmäßig hat, wenn man will.

Mangels eigener Erfahrung – wird da nicht u.a. auch das Gewicht gemessen?

Die Monate vorher hatte ich halbwegs regelmäßig trainiert, was man aber nicht wirklich sah. Kein Übergewicht, kein Untergewicht, alles gesund.

Gewicht wird gewogen, nicht gesehen. Es ist irrelevant, ob man es sehen kann.

Der Kommentar der Trainerin war: »Ja, deine Muskelmasse ist im sehr guten Bereich, da könntest du jetzt zwar auch mehr machen, aber ob du das willst – das ist ja bei Frauen immer so ne Frage, wann es zu viel wird.«

Irgendwie muss ich mich jetzt darauf verlassen, dass Stokowskis Interpretation dahingehend, dass die Trainerin ihr Vorschriften macht, die richtige ist.

Warum? Zu viel für wen?

Für sich selbst?

Die Fitnesstipps für Frauen sind voll mit solchen Botschaften: Muskeln ja, aber nur so, dass man sie nicht sieht, weil – du weißt schon.

Weil man sonst so aussieht, als müsse man körperlich anstrengende, und somit eher schlecht bezahlte, Arbeiten ausführen? Achnee, dass ist ja was anderes.

Der Plan fürs Armtraining heißt dann auch: »Tschüss, Winkfett!« – Winkfett?? Glauben die, ich will Klimmzüge trainieren, um schöner winken zu können?

Winkfett ist auch nur ein Euphemismus für loses Gewebe an den Oberarmen.

Warum »straffe« Arme, warum nicht starke Arme?

Starke Arme machen mehr Arbeit, um sie aufzubauen, UND um sie zu erhalten. Buchstäblich.

Der erste Punkt…, warum Muskeln so super sind: »Das Tolle an Muskeln ist, dass sie dir beim Abnehmen helfen.« Der zweite Punkt: »Muskeln machen sexy Kurven.«

Also genau wie bei Männern. Muskeln helfen beim Abnehmen, Muskeln machen sexy. Unter anderem werden bei sportlichen Männer- und Frauenkörpern die Körperformen ausgebildet, die sie jeweils von Frauen- und Männerkörpern unterscheiden.

»Ab wann sind Frauen mit Muskeln ›gruselig‹?« Wenn sie lange spitze Zähne haben oder eine blutige Axt in der Hand, würde ich sagen.

Oder einen blutigen Golfschläger – hallo Abby.

Ich kenne keine einzige Frau, die Angst hat, durch Sport zu viel Muskelmasse aufzubauen, aber ich kenne einige, denen gesagt wurde, dass sie es nicht übertreiben sollen, weil Männer das nicht so mögen.

„Aus Versehen“ „zu viele“ Muskeln zu kriegen, ist extrem unwahrscheinlich. Es gibt übrigens nach Geschlechtern getrennte Vorgaben, wie viel und wie oft ein Angestellter etwas schweres heben darf. Die Vorteile von Männern ohne die Nachteile.

Was, wenn es mein Trainingsziel ist, mit bloßen Händen einen Angreifer erwürgen zu können, ohne am nächsten Tag Muskelkater zu haben?

Dann kauf Dir halt ne Knarre oder mach Kampfsport.

Das darf man dann wieder nicht sagen, oder was?

Du musst natürlich betonen, dass das nur in Notwehrsituationen zum Einsatz kommen soll.

Natürlich könnte man sagen: Ist doch egal. Man muss ja nicht auf die »schlank und schön«-Fraktion hören und kann einfach alles cool durchziehen.

Ach, das geht? Ich meine, wenn eine Frau gerne so aussehen will wie Abby aus TLOU 2, um sich besser gegen Scars, Infizierte und sonstiges Gesocks zu verteidigen, bitte.

Man kann aber auch auf jede feministische Kritik so reagieren.

Ja, das stimmt. Das ist aber jetzt kein Gegenargument.

Frauen verdienen zu wenig Geld? Such dir einen besseren Job und mach richtig Cash!

Zum Beispiel.

Frauen müssen ständig blöde Sprüche über ihr Aussehen hören? Mach einen Rhetorikkurs und zeig’s den Männern!

Nun, Männer müssen sich auch ständig blöde Sprüche über ihr Aussehen anhören, und die meisten kommen damit auch ohne Rhetorikkurs klar.

Ja genau, so geht Revolution, LOL.

In der Tat: LOL

Erstens das Offensichtliche. Alle wollen »starke Frauen«, aber wenn es dann um Krafttraining geht, geht es auch direkt um die Angst, dass es »zu viel« werden könnte.

Fürs Protokoll: diese Einwände kamen von Frauen. Trainerin, Frauenzeitschrift-Journalistin, etc., weiterhin ist schon die Idee, eine Frau solle/wolle/müsse nur aus ästhetischen Gründen abnehmen, aka, um Männern zu gefallen, ein Irrtum, dem Stokowski aufsitzt. Eigentlich müsste noch die „Magersuchtgefahr“ kommen, um die Klischees abzuhaken.

Weil »starke Frauen« halt lifestylemäßig gemeint ist und nicht körperlich.

Das ist halt das Problem mit Metaphern.

Starke Frauen sollen einfach ihr sogenanntes Ding machen, ohne rumzuheulen, aber nicht so aussehen, als könnten sie dich in den Schwitzkasten nehmen oder dir die Nase brechen.

Wo ist das Problem? Männer, die vor körperlich starken Frauen Angst haben, kann man dann als Frau leicht voraussieben. Der Unterschied zwischen: „Ich will so aussehen, wie ich will!“ und „Ich will, dass Männer mein Aussehen auf jeden Fall mögen!“ ist nicht unerheblich.

Und dann gibt es zweitens noch das andere Problem: Sport könnte auch einfach Spaß machen, ohne direkt unter dem Gesichtspunkt der Optimierung ein Mittel zum Zweck (Hauptzweck: Sexyness) zu sein.

Das ist in der Tat so. Aber dann würde man sich den Sport nach Spaßfaktor aussuchen.

Ohne Pflichtgefühl und Ideen von Idealkörpern

Also derselbe Druck, der auch auf Männer ausgeübt wird, und zwar von Frauen.

Es gibt sehr viele Leute, denen das Thema Sport durch den Schulsport verekelt wurde: Sadistische Sportlehrer*innen, Komplexe und Stress in der Umkleide, stinkende Hallen, Als-Letzte-ins-Team-gewählt-werden, Bundesjugendspiele, überhaupt alles

Ja, wie mich zum Beispiel. Wobei, ehrlich gesagt, ich bin diesbezüglich unbegabt. Ohne sportliche Talente macht Sport halt keinen Spaß.

und am Ende keine Zeit zum Duschen und noch mal zwei Stunden Mathe in einer Deowolke aus »Vanilla Kisses« und »Axe Alaska«

„Keine Zeit“, genau, das war mein Grund. Aber zwei Stunden Mathe hatte ich auch, die mir trotzdem Spaß machten. Auch Mathe sollte man aus Spaß machen.

Manche brauchen Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, um irgendwann festzustellen, dass Sport weder Qual noch Wettbewerb sein muss, sondern auch einfach guttun kann.

Ach, rein von der Logik her war mir das schon klar.

Das ist aber schwierig, wenn man versucht, sich auf dem schmalen Grat von »gesund und schlank, aber nicht zu viele Muskeln« zu bewegen.

So schmal ist dieser Grat gar nicht. Die meisten Frauen, die ihre Männer in den Schwitzkasten nehmen und ihnen die Nasen brechen, sehen gar nicht so muskulös aus. Die meisten Männer, die ihren Sport zum Spaß machen, sind ja meistens auch zwar sportlich, aber nicht direkt muskulös. Umgekehrt, um als Frau auszusehen wie Abby, benötigt man auch eine entsprechende Diät.

Weil wir ja alle wissen, dass man damit zum Männerschreck wird. Aber hey – vielleicht will man das ja gerade. Was dann?

Dann kann man auch direkt zum Männerschreck werden, ohne Sport zu machen.

Mich beschleicht das Gefühl, dass die Entscheidung, Abby als körperlich starke Frau darzustellen, den Grund gehabt haben könnte, ihr auf die Art Sympathiepunkte zu verschaffen. „Starke“ Frauen und so. Analog die Entscheidung, eine Schwangere in einen Kampfeinsatz zu schicken, weil das zeigt, dass Frauen nicht dadurch schwächer oder verletzlicher sind, dass sie Kinder kriegen. Äh, nein. Bzw., nicht in dem Kontext. Abbys Abs sind meinetwegen wirklich Ausdruck ihres Wunsches, Angreifer mit bloßen Händen umzubringen, ohne am nächsten Tag Muskelkater zu haben, andererseits gibt es in ihrer Welt Feuerwaffen, Granaten Marke Eigenbau – und tatsächlich auch Nahkampfwaffen und Bögen, die schon Muskelkraft erfordern, aber sie wäre darauf nicht angewiesen – so dass das weniger wichtig als vielmehr eitel erscheint. Und Schwangere im Kampfeinsatz – habt Ihr „A Quiet Place“ gesehen? Ich nicht (:-P), aber die Schwangere, die in DEM Film alleine mit dem Angreifer konfrontiert wird, hatte ja keine Wahl, Ausweichmöglichkeit oder hunderte von Kameraden und Kameradinnen, die ihr hätten helfen können. In einem der beiden Fälle hat man daher maximale Angst um die arme Frau, und Mitgefühl und Sympathie und die ganze Pallette, und im anderen Fall eher nicht.

Woraus ich den Schluss ziehe: Stokowski und das Team von TLOU 2 sind Vertreter einer Denkrichtung, die verschiedene Mann-Frau-Unterschiede bzw. Rollenerwartungen kritisieren und abschaffen wollen, aber offenbar nicht verstanden haben, warum es diese gibt. Wenn man der Meinung ist, es sei nicht mehr zeitgemäß, dass Frauen keinen Muskelaufbau machen, ist das ok für mich. Freies Land und so. Wenn behauptet wird, dass früher Männer Frauen aktiv davon abgehalten hätten, körperlich hart zu arbeiten und/oder zu kämpfen (indem sie dergleichen selber machten), um sie zu unterdrücken – nope. Offenbar hatte das in erster Linie den Grund, diese zu schützen, nicht, sie zu unterdrücken. Was jetzt an und für sich kein Grund ist, jetzt trotzdem damit aufzuhören, aber der Grund ist entscheidend. Wenn der Grund für ein Verhalten nicht mehr als zeitgemäß betrachtet wird, muss man doch erstmal klären, was der Grund war. Wenn der Grund weggefallen ist, ok. Wenn der Grund noch da ist, kann man sich überlegen, ob man damit auch anders umgegangen ist. Wenn man den Grund nicht verstanden hat, kann man darüber nicht diskutieren. Ansonsten kann Frau Stokowski ihre Möbel gerne allein ins 4. OG tragen.

Ein Gedanke zu “Schönheit und Stokowski

  1. Stumpfkowskis 2744ter Versuch, die Tatsache zu leugnen und zu verschleiern, dass Frauen 24/7 nach externer Validierung lechzen. Außer Atmen und Schlafen lässt sich damit jedes Verhalten einer Frau erklären. Jedes.

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