Haare, Krischner, Haare, Harry, Haare, Krischner

Na, da hat mal jemand ein Problem entdeckt, was sich so noch gar nicht gelöst hat.

Wer wohl?

HAARE HABEN KEIN GESCHLECHT

Barthaare?

Eigentlich sollte das Thema durch sein.

Es gibt eine Menge Frauen mit Kurzhaarfrisuren.

… und nachdem wir in den letzten Jahrzehnten mehrere Wellen von modischen Langhaarfrisuren für Männern gesehen haben und einige Subkulturen schon länger auf wallende Männermähnen setzen

Mein Bruder war sein halbes Leben schon nicht mehr beim Friseur und trägt einen Pferdeschwanz. Der Punkt ist aber, dass geflochtene Zöpfe bei Männern schon seit über zweihundert Jahren nicht mehr zeitgemäß sind. Die Redensart „Alte Zöpfe abschneiden“ kommt entweder daher, dass zu Zeiten vom Alten Fritz und Katarina der Großen Männer, die ihr Leben zu ändern planten, und dabei sich und andere daran erinnern wollten, sich dazu ihre Zöpfe abschnitten, oder, dass Männerzöpfe im 19. Jahrhundert ausstarben und so generell zum Symbol überholter Traditionen wurden. Letztere Erklärung finde ich im Internet, aber zu ersterer passt, dass das in Zamunda und der Feuernation offenbar wirklich in der Neues-Leben-Anfang-Bedeutung verwendet wurde (wobei weder Zamunda noch die Avatar-Welt direkt in Europa liegen, aber nunja). Der Opa, der „Zöpfe“ mit „Mädchen“ verbindet, liegt nicht so falsch. Wobei es jetzt trotzdem nicht der coolste Move ist, sich über kleine Kinder lustig zu machen.

Lange Haare werden immer noch mit Weiblichkeit assoziiert.

Ein Zopf, also eine aufwendiger frisierte Haartracht als ein Pferdeschwanz oder generell Langhaar, wird mit Weiblichkeit assoziiert. Die ganze Analyse wäre deutlich besser – und meinetwegen sogar männerfreundlich – wenn das Gegenargument verstanden würde.

Männer und vor allem Jungen werden immer noch vermeintlich unmännlicher Umtriebe verdächtigt, wenn sie sich die Haare über Kinnlänge hinaus wachsen lassen

Das wird wohl vorkommen, aber dann sollte man vllt. auch ein dazu passendes Beispiel nehmen. Das Zopfbeispiel ist dazu wenig optimal, weil es sehr wenig Männer mit Zöpfen gibt. Kann sich mal wieder ändern, aber nunja. Ich habe mal mit einer Frau gesprochen, die kein Problem damit hatte, offen mit einer Frau zusammenzuleben, aber mit einer Kurzhaarfrisur, weil dass dann nicht einfach „Lesbe“, sondern „Klischeelesbe“ ist. Es gibt also auch Frauen, die nicht frei über ihre Frisuren bestimmen.

Was soll das? Was ist das? Woher kommt die absurde Vorstellung, dass lange Haare unmännlich sein könnten? Immerhin brauchen Menschen, denen Kopfhaare wachsen, nur eine geraume Zeit zu warten und sie haben lange Haare.

Die Menschen, denen Kopfhaare nicht wachsen, sind in den meisten Fällen männlich. Das mal vorab. Zweitens, in der guten Mulan-Version (Zeichentrick!!!) schneidet sich Mulan ihre Haare in ihrer Rüstungsszene ab, was als tatsächlich Verwestlichung betrachtet wird, nicht, weil „alte Zöpfe abschneiden“ eine westliche Redensart ist, sondern weil männliche Chinesen in der Epoche auch keine Kurzhaarfrisuren trugen, sondern Männerdutts. Wie sie tatsächlich auch im Film gezeigt werden. Auch bei Mulan. Es ist aber kein so großer Fehler, dass Realfilm-Mulan da keinen draufsetzt: Männerdutts oder Kurzhaar haben einen Grund. Offene, lange Haare sind in Kämpfen ein Problem, weil der Gegner einen daran festhalten kann, weil sie die Sicht versperren können, weil sie irgendwo hängen bleiben könnten. Aber nein, Realfilm-Mulan lässt ihr Haar frei wehen. Weil: „Freiheit!“ Alle Vorteile eines Mannes, aber keinen von seinen Nachteilen.

Zumal geschichtlich betrachtet Männer mit langen Haaren eine lange Tradition haben. Die alttestamentarischen Nasiräer legten einen asketischen Eid ab, der unter anderem beinhaltete, sich für einen gewissen Zeitraum oder für unbegrenzte Dauer nicht mehr Haupt und Barthaar zu schneiden.

So ein Eid ergibt nur dann Sinn, wenn das ungewöhnlich ist UND als ein Nachteil betrachtet wird.

Die Rastafari, die ursprünglich an diese Tradition anknüpfen wollten, bis Haile Selassie, der letzte Kaiser von Abessinien und ihr Messias, wieder auf dem Thron sitzt, tun dies heute noch.

Ja, aber dann ist es kulturelle Aneignung, wenn andere das machen, oder? Immerhin, Rasta ist schon eher ein Fall von „Zopf“.

Trotzdem gab es auch schon sehr früh die Vorstellung, dass lange Haare Männern nicht gut zu Gesicht stehen. In der griechischen Antike galten lange Haare nach anfänglicher übergeschlechtlicher Verbreitung als etwas, das mit Zeit und Aufwand gepflegt werden muss, Männer dementsprechend nur vom “Wesentlichen” ablenkt und sie zu Hochmut und Eitelkeit verleitet.

Lange Haare müssen in der Tat mit mehr Zeit und Aufwand geflegt werden als kurze, das hat die griechische Antike gut erkannt. Dass Männerfrisuren dann weniger kosten, ist nicht komplett auf den frauenfeindlichen Hass der Haarindustrie zurückzuführen.

Im alten Rom waren Kurzhaarschnitte unter Männern gerade mit Blick auf die militärische Ausbildung populär. Während sich die Kelten mit gekalkten langen Haaren und teilweise nackt in die Schlacht warfen, verordnete Caesar seinen Legionären einen Kurzhaarschnitt.

Funfact: Das Wort „Seife“ kommt vom lateinischen „Sopa“, was aber umgekehrt von einem Wort aus dem Germanischen kommt, was da aber nicht „Zeug zum Waschen“ bedeutete, sondern „Haargel, Pomade“. Scheißegal, ob man sauber ist, Hauptsache, die Matte sitzt. Gegeltes Haar ist neben Kurzhaar oder Dutt (Suebenknoten) ebenfalls eine Methode, nicht mit wehenden Haaren in den Kampf zu ziehen. Und ja, kunstvolle, aber enganliegende Zöpfe wären auch nicht verkehrt, und vermitteln außerdem einen gewissen Prunk: „Ich kann mit das leisten, Du Opfer.“

 Im ersten Brief an die Korinther macht Paulus zum Thema Haare klare Ansagen:
“Lehrt euch nicht die Natur selbst, dass es für einen Mann eine Unehre ist, wenn er langes Haar trägt, aber für eine Frau eine Ehre, wenn sie langes Haar hat? Das Haar ist ihr als Schleier gegeben. Ist aber jemand unter euch, der darüber streiten will, so soll er wissen, dass wir diese Sitte nicht haben – und die Gemeinden Gottes auch nicht.”

Hmmm. Menschen, die nicht in irgendwelche Kriege ziehen müssen, können lange Haare haben? Achwas.

Lange Haare sind also eine Unehre für Männer, weil die Natur uns das so lehrt.

Ich vermute mal, dass Paulus mit „Natur“ nicht ganz dasselbe meint wie wir heute, und damit gemeint ist, dass die Haartrachten damals „universal“ galten oder so.

Das ist nicht nur vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Jesus gemeinhin langhaarig dargestellt wird, doch ziemlich interessant.

Nicht SO langhaarig, wie es prinzipiell möglich wäre. Andererseits trägt er auch keinen Zopf, Dutt, Gelhaar oder sonstiges, was auf aufwendige Pflege und/oder militärischen Einsatz hindeutet. Könnte es sein, dass dieser Jesus Geld und Gewalt für nicht so wichtig hielt?

Denn wie, auf welche Weise und was genau “die Natur” uns über die Haarlänge von Männern und Frauen lehren soll, wird überhaupt nicht klar.

Die Korinther wussten wohl, was er meinte.

Fest steht, dass vom Mittelalter über die Renaissance bis in die Neuzeit auch in christlich geprägten Ländern Männer durchaus lange Haare trugen – entweder eigene oder in Form einer Perücke. Das galt als Anzeichen für adlige, reiche oder besonders freigeistige Männer.

Achwas? ACHWAS? Außerdem galt Vergewaltigung in der Ehe nicht als Verbrechen, Frauen durften nicht wählen, Männer typischerweise auch nicht, und die Kindersterblichkeit war hoch. Leibeigenschaft und Sklaverei war noch nicht abgeschafft. Inwiefern sind DIE denn jetzt auf einmal die besseren Menschen? Nagut, es gab nur Biobauernhöfe, aber entsprechend häufig Ernteausfälle.

Die zunehmende Militarisierung Europas im 19. und insbesondere im 20. Jahrhundert sorgte auf den Köpfen vieler Männer für Kurzhaarschnitte.

Wie gesagt, das markiert Menschen, deren Aufgabe es werden sollte, im Schützengraben zu verbluten. Und ja, DAS ist der Hintergrund für lange Mähnen bei Männern. Nicht Zopf, Pferdeschwanz, Dutt, Irokesenschnitt (ein als besonders kriegerisch bekanntes Volk wird schon wissen, wie es am besten in den Krieg zieht) oder Glatze. Sondern die am wenigsten kriegstaugliche Frisur, die der Menschheit bekannt ist.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten allerdings mehr und mehr Männer Lust darauf, sich von dem “Wesentlichen”, dass aus Drill, Gewalt und Gehorsam zu bestehen schien, ablenken zu lassen.

Och, dass schien nicht nur so. Nebenbei ist es auch nicht so, dass lange, offene Haare grundsätzlich am wenigsten Arbeit machen; sie taugen also insofern schon als Statussymbol.

Auf beiden Seiten der Mauer galten lange Haare bei Männern als Ausdruck einer grundsätzlichen Unangepasstheit, als Widerstand gegen das herrschende System – mit den jeweils entsprechenden Folgen. Langes Männerhaar war Teil der Protestkultur.

Außerdem als Zeichen einer gewissen Jugendlichkeit. Hachja. Ich beim letzten Klassentreffen.

Letztendlich ging und geht es auch bei Männerfrisuren darum, die Betreffenden auf Linie zu bringen. Sie sollen nicht ausscheren, sich der entsprechenden Norm unterwerfen, die Regeln befolgen und nicht den Anschein erwecken, aufrührerisches Gedankengut zu hegen.

Eigentlich haben Abweichler-Haare den Vorteil, dass man gar kein aufrührerisches Gedankengut mehr denken muss, man ist ja schon aufrührerisch genug. Könnte es aber sein, dass bei Männern mehr darauf geachtet wird, dass sie auf Linie sind? Männer – am meisten betroffen???

Zum Beispiel nicht, indem sie sich in den Augen ihrer Mitmenschen durch lange Haare feminisieren.

Das hat wenig mit „feminisieren“ zu tun. Bzw., wenn es feminisieren ist, dass man sich absichtlich so wenig militärisch frisiert wie möglich, und dann einer Frau ähnelt, dass das einfach daran liegt, dass das bei Frauen egal ist? Und das Frauen, die tatsächlich beim Militär sind, einen entsprechenden Kurzhaarschnitt tragen? Einschließlich einiger Frauen mit Superkräften wie Captain Marvel?

Wenn Opa oder sonst irgendwer dem Jungen also wegen seiner Zöpfe Stress macht, gleich dagegenhalten: Wir sind hier nicht beim Militär.

Eigentlich wäre der Spruch: „Wir sind hier nicht beim Alten Fritz!“ Ein König, der vor allem für sein strammes Militär berühmt wurde, wird schon wissen, ob Zöpfe kriegstauglich sind. (Es waren auch nur nackenlange Zöpfe, nichts Khal-Drogo-mäßiges.

Jungen und Männer haben schon immer auch lange Haare getragen.

Jetzt müsste man mal ein paar erwachsene Männer aus Mitteleuropa finden, die ihr Haar zu Zöpfen flechten, und keine zweihundert Jahre alt sind.

Wir beschämen keine kleinen Jungen.

Genau: man muss sich auf die großen Jungen konzentrieren!

6 Gedanken zu “Haare, Krischner, Haare, Harry, Haare, Krischner

  1. Lange Haare sind also eine Unehre für Männer, weil die Natur [sic!] uns das so lehrt.

    Welche “Natur“ soll das konkret sein, die uns das so lehrt – die Natur welche den dominantesten Löwen- oder Pavianmännchen u.a. die längsten Mähnen sprießen lässt, oder etwa eine (von Pinkstinks exklusiv entdeckte) andere “Natur“?

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