A. Dirk Moses Nachklapp

Nachdem ich jetzt schon ausführlich dieses Meisterwerk in der Kunst des „Ich habe ja nichts gegen Israel, aber… „-Sagens besprochen habe:

Es gibt schon Sekundärliteratur!

(Nein, ich kaufe mir das Buch nicht, der Werbeartikel spricht mich irgendwie nicht so an.)

A. Dirk Moses‘ Buch „The Problems of Genocide“:Illiberale Sicherheit

Es gibt den Spruch: „Wer Freiheit für Sicherheit aufgibt, hat hinterher beides nicht.“ Ist aber anscheinend nicht gemeint.

A. Dirk Moses‘ Buch „The Problems of Genocide“ und die Frage, wie sich angemessen über koloniale Verbrechen sprechen lässt, ohne den Holocaust zu verharmlosen.

Hmm, wie macht man das sonst? Kann man über ein Verbrechen reden, ohne ein anderes zu verharmlosen? Einfach nicht vergleichen? Oder, wenn man es vergleicht, tatsächlich so etwas sagen wie: „A ist schlimmer als B“? Wenn es Moses nur darum ginge, dass Herero und Nama sich etwas verarscht vorkommen, wenn manche Deutsche sinngemäß sagen: „Sorry, unser Wiedergutmachbudget ist schon für die Nazizeit verbraucht.“, würde er die ganze Katechismus-Rhetorik nicht brauchen. Das ist seine Methode, sich gegen Kritik und Gegenargumente zu impfen: „Haha, die dummen deutschen Eingeborenen denken, ihr dummer Aberglaube sei weder Aberglaube noch dumm!“ Das Problem, das hier gelöst werden soll, ist größtenteils ausgedacht.

A. Dirk Moses[´] … Pionierstudie „The Problems of Genocide“ zeigt, dass die deutsche Öffentlichkeit gut beraten wäre, die globalgeschichtliche Genozidforschung stärker als bislang zur Kenntnis zu nehmen

Genau, deutsche Öffentlichkeit! Das kommt alles in der Arbeit dran! Wirst auch getätschelt, wenn Du brav bist.

selbst dann, wenn sie primär an der Geschichte des eigenen Landes interessiert ist.

So interessiert ist die dt. Öffentlichkeit an gar nichts, glaube ich.

Im Kern liefert Moses‘ … Buch nämlich drei bedeutende Beiträge zur Debatte.

Geht es nicht darum, wie man den Holocaust verharmlosen kann, ohne dafür kritisiert zu werden, und wie man Israel kritisieren kann, ohne als Antisemit zu gelten, aber einer zu bleiben?

Zunächst ist es eine kritische Geschichte des Genozidkonzepts, das der polnisch-jüdische Jurist Raphael Lemkin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte.

Na also – wie hätte man bitte ohne Genozidkonzept überhaupt Genozide begehen können? Juden, Polen, polnische Juden und Juristen: das habt Ihr Euch jetzt selber eingebrockt!

1948 von einer UN-Konvention definiert als eine Handlung, „begangen in der Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören“, gilt Genozid seither als strengster Maßstab zur Stigmatisierung und nach Möglichkeit auch juristischen Verfolgung massenhafter Gewalt an Zivilisten.

Die Definition ist etwas weiter, denn es werden die Handlungen, die unter Völkermord fallen sollen, aufgezählt (nur auf die Absicht abzuzielen, ist etwas schwach, weil man Absichten schwierig beweisen kann).

a) das Töten von Angehörigen der Gruppe

b) das Zufügen von schweren körperlichen oder seelischen Schäden bei Angehörigen der Gruppe

c) die absichtliche Unterwerfung unter Lebensbedingungen, die auf die völlige oder teilweise physische Zerstörung der Gruppe abzielen

d) die Anordnung von Maßnahmen zur Geburtenverhinderung

e) die zwangsweise Überführung von Kindern der Gruppe in eine andere Gruppe“

Was den fraglichen Fall in Namibia betrifft: Zivilisten in der Wüste von Quellen abhalten oder in Lager zu konzentrieren, die nicht annähernd ihr Überleben ermöglichten, wäre c) und b). Insofern hätte ich kein Problem, dass einen kolonialen Völkermord zu nennen, auch wenn andere das eher als Kriegsverbrechen einstufen, weil die Grenzen fließend sind und man tatsächlich auf die Absicht abstellt.

Zudem bietet das Buch eine breiter gefasste Kultur- und Begriffsgeschichte des Redens über extreme staatliche (oder in ihrem Auftrag begangene) Gewalt, die bis in das späte 15. Jahrhundert zurückgeht und überzeugend daran erinnert, wie eng die Eroberung der Welt durch die europäischen Mächte und ihrer Handlanger eine Geschichte der Gewalt und der Unterdrückung war.

Oberst Offensichtlich im Einsatz. „Überzeugend“ erinnert. Weil man sonst nicht glaubt, dass Eroberungen mit Gewalt stattfinden?

Vieles spricht dafür, dass das zum Teil fabrikmäßig organisierte Töten im 20. Jahrhundert in eine neue Dimension dessen vordrang

Nein? Vieles spricht dafür? Nicht etwa alles? Was spricht den dagegen? Wo sind die bedeutenden Beiträge zur Debatte???

Der Holocaust, so hat zuletzt etwa Thomas Schmid in einer scharfen Replik auf Michael Rothbergs und Jürgen Zimmerers Artikel in der Zeit erklärt, sei darum einzigartig, weil es den Tätern um die „Vernichtung um der Vernichtung willen“ gegangen sei.

Ach, DER Schmid jetzt. Nein, die wollten die Juden nicht nur vernichten, sondern auch ihr Geld. Und ihre Häuser. Und ihre Wohnungen. Und ihre Scherenschleifereien, weil man mit Scherenschleifen bekanntlich richtig reich wird. Sonst würden Juden das ja nicht machen. Glaubten die Nazis. (Ok, ein Unterschied ist wohl, dass Nazis Juden für gefährlicher hielten als Herero und Nama zusammen.)

Moses historisiert diese Argumentationsfigur mit Blick auf ihre Entstehung in den Vierzigern und Fünfzigern.

Fürs Argument, wie schlimm der Holocaust ist, ist das vllt. nicht wichtig. Bzw. für die Frage, wie einzigartig der Holocaust sei. Da aber heute (hoffe ich) niemand fordert, Herero und Nama „ins Meer“ zu werfen, oder in die Wüste zu schicken, erscheint mir dieser Sachverhalt nicht komplett unwichtig.

 Er bestreitet dabei keinesfalls die Singularität des Holocaust, hebt aber hervor, dass dessen „Entpolitisierung“ als rassistisches Hassverbrechen seither dazu beitrage, dass Gewalt gegen Zivilisten in Bürgerkriegen oder in antikolonialen Auseinandersetzungen nur dann als Genozid klassifiziert werden könne, wenn sie diesem „Archetyp“ entspreche.

Und in prokolonialen Auseinandersetzungen? Und „Entpolitisierung“ des Holocaustes? Wer? Wo? Warum??? Außerdem, wenn der Holocaust als Singularität eine Angrenzung zu „Völkermorden allgemein“ ist, dann hieße das, dass etwas auch dann als Völkermord/Genozid gilt, wenn es nicht dem „archetypischen Holocaust“ entspricht. Also gut, kann ja sein, dass der „Schwellenwert“, ab dem „man“ von Völkermord spricht, zu hoch ist, aber umgekehrt ist nicht jede Gewalt gegen Zivilisten Völkermord.

Daraus ergebe sich, drittens, dass der moralische Diskurs um einen vor allem im globalen Norden überhöhten und den Opfern jegliche Handlungsmacht absprechenden Genozidbegriff nur einen Teil der tatsächlichen Gewalt gegen Zivilisten problematisiert.

Nuuun, vllt. ist das jetzt schlecht in der Rezi eines englischsprachigen Buches wiedergegeben, aber der „Genozidbegriff“ beschreibt Verbrechen, die schlimmer sind als alle andere. Natürlich sind solche Verbrechen nur dann möglich, wenn die Opfer keine oder nur sehr wenig Handlungsmacht haben. Natürlich wird damit nur ein Teil von Verbrechen gegen Zivilisten problematisiert. Beschwert sich wer, dass bei „Mord“ nicht „Körperverletzung“ problematisiert wird?

Nicht in den Blick gerate auf diese Weise die Politik moderner Staaten mit ihrem letztlich unerreichbaren und darum umso gefährlicheren Versprechen „permanenter Sicherheit“.

Ok, „permanente Sicherheit“ ist ein gefährliches Versprechen. Besser wäre „permanente Gefahr“ oder „Sicherheit nur an Wochenenden und Feiertagen“. WAS faselt Ihr da???

Die Verfolgung dieses Ziels produziere zwangsläufig zivile Opfer.

Frau so: „Ich will nachts im Park mich sicher fühlen.“ Mann so: „Alles klar, ich produziere erstmal ein paar zivile Opfer.“

Zahlreiche Gewalttaten gegen Zivilisten – ferngesteuerte Drohnenangriffe, aber auch Embargos von lebenswichtigen Gütern – würden von der Weltöffentlichkeit allerdings weitgehend unbeachtet hingenommen.

Echt jetzt? Ok, Drohnenangriffe haben den „Vorteil“, dass eine Drohne nicht ihr Leben verteidigen muss. D.h., eine Drohne kann eher das Risiko eingehen, dass ein mutmaßlicher Zivilist eine Waffe hat, und ist nicht so „triggerhappy“. Andererseits erhöht die Technik die Bereitschaft, überhaupt Krieg zu führen, enorm. Embargos wie BDS? Hachja.

Nur wenn es einem Staat oder Staatenbündnis politisch zweckmäßig erscheine, werde zur Stigmatisierung solcher Gewalt gegen Zivilisten der Begriff des Genozids verwendet

Niemand hält einen davon ab, den Begriff selbst zu verwenden. Ob man damit immer Recht hat, ist eine andere Frage, aber die Definition ist nachlesbar, man braucht keine Erlaubnis, ihn zu nutzen.

aktuell diskutiert am Beispiel der systematisch ausgeübten Gewalt gegen die Volksgruppe der Uiguren in China oder gegen Zivilisten in Syrien.

Ersteres wird hier als Genozid betrachtet.

 Die Lösung, die Moses vorschlägt, ist originell: Das Leben von Zivilisten sei am besten zu schützen, wenn das utopische Staatsziel „permanenter Sicherheit“ selbst bestraft würde.

Hmmmmmmm. Wenn man staatlicherseits seinen eigenen Bürgern keine Sicherheit mehr verspricht, sind sie plötzlich sicherer? Bzw., wenn die Nazis die Juden nur wegen ihres angeblichen Reichtums umgebracht hätten, OHNE „permanente Sicherheit“ zu versprechen – weil das in dieser Pararealität dazu gehört – wäre das dann kein „echter“ Völkermord? Oder umgekehrt, angenommen, ein Staat versucht, Sicherheit zwar permanent, aber mit legitimen Methoden zu erreichen? Ist das dann nicht so, als würde man Sex verbieten, um Vergewaltigungen zu bestrafen?

Dieses Argument wird im Buch anhand zahlreicher historischer Beispiele diskutiert.

Ach? Es gibt doch mehr als zwei?

In der Tat wurde genozidale Gewalt seit der systematischen Vertreibung und Ermordung von Hunderttausenden Armeniern während des Ersten Weltkriegs regelmäßig mit dem Hinweis auf die angebliche Gefährdung, die die späteren Opfer für die Sicherheit eines Staates darstellten, gerechtfertigt.

Halloho? Nein, die Ausreden, die Völkermörder und ihre Apologeten verwenden, gelten nicht. Das ist ja so, als würde man einen Vergewaltiger nicht bestrafen, weil das Opfer eine Frau war.

Wie die von Moses geforderte Ächtung „permanenter Sicherheit“ erreicht werden könnte, bleibt allerdings vage.

Vermutlich meint er damit Israel. Israelis wollen halt per-ma-nent in Sicherheit leben, nicht wie die coolen Kods in den USA, wo alle Nase lang waffenstarrende Rednecks durch die Gegend ballern. Immer diese Israelis.

Moses ist ein Moralist, der aufrütteln will.

DAS sind die schlimmsten.

Er akzeptiert unter keinen Umständen, dass das Töten von Zivilisten gerechtfertigt sein könnte.

Das ist zwar sehr sympathisch, aber dann setzt er Notwehr und Völkermord als die extremen Enden des Spektrums auf eine Stufe.

Was, so lautet seine rhetorische Frage, sei der Erfahrungsunterschied für ein Genozidopfer und das Opfer eines „Kollateralschadens“ bei einem Luftangriff?

Was ist der Erfahrungsunterschied zwischen einen Verkehrstoten und einem Mordopfer? Tot ist tot.

Wer eine Tötung von Zivilisten mit Verweis auf übergeordnete politische Sicherheitsinteressen rechtfertige, begehe eben das Verbrechen der „permanenten Sicherheit“,

Die Rechtfertigung und die tatsächliche Motivation sind nicht notwendigerweise identisch. Wer eine bestimmte Motivation verbieten will, erreicht damit nur, dass sich die Ausreden ändern.

wobei Moses zwei Unterkategorien unterscheidet: „illiberale permanente Sicherheit“ als Verbrechen gegen eine bestimmte ethnische, nationale oder religiöse Gruppe

Ähhh, okeee?

und „liberale permanente Sicherheit“ als Delikt derjenigen, die Gewalt gegen Zivilisten mit Verweis auf höhere humanitäre Ziele rechtfertigen.

Sowohl den Sinn dieser Unterscheidung als auch die Begrifflichkeiten halte ich für sehr seltsam.

Militärschläge im Namen von Menschenrechten, Fortschritt und Demokratie seien Teil einer neuen „zivilisatorischen Mission“ des globalen Nordens, die wie schon seit 500 Jahren auch weiterhin „Raub, Besatzung, Besiedlung und die Ausbeutung von Rohstoffen“ ermöglichen solle.

Also der Krieg gegen Nazideutschland hatte „Raub, Besatzung, Besiedlung und die Ausbeutung von Rohstoffen zum Ziel“? Also dasselbe wie die Nazis zum Ziel hatten? Nur ohne die „Menschenrechte“? Man muss nicht alles gut finden, was die USA so machten, aber ein bisschen Differenzierung wäre ja nicht schlecht.

Auch das europäische „Imperium“ der Nationalsozialisten, so argumentiert Moses seiner Gesamtlinie im Buch folgend konsequent, sei um das Ziel der permanenten Sicherheit willen errichtet worden.

Generell gesagt, ja. Dass „der Jude“ aber in Wahrheit keine Gefahr der „permanenten Sicherheit“ darstellte, macht die ganze Argumentation gegen das Ziel der „permanenten Sicherheit“ hinfällig. Dass Notwehr erlaubt ist, rechtfertigt ja keinen Mord, obwohl Mörder ja behaupten könnten, in Notwehr zu handeln. Die „permanente Sicherheit“ Deutschlands wurde nicht durch die Juden gefährdet, und etwaige Gefährdungen dieser Sicherheit hätte man auch anders begegnen können. Wenn eine Frau nachts durch den Park will, erschießt ihr Mann auch nicht erstmal alle, die da rumlaufen.

Damit setzt sich Moses sowohl von Forschern ab, die Rassenhass, einen sich bis zur physischen Vernichtung radikalisierenden Antisemitismus, als Hauptgrund für den Holocaust angeben, als auch von denen, die eine Kontinuitätslinie zur kolonialen Gewalt im außereuropäischen Raum für maßgeblich halten.

Ähhh, ja? Na, herzlichen Glückwunsch zu dieser originellen Einsicht.

Der Mord an den europäischen Juden, so Moses, sei geradezu die Inkarnation des Verbrechens der „illiberalen permanenten Sicherheit“ gewesen.

Die Fleischwerdung des Verbrechens! Die FLEISCHWERDUNG!!! Religiöse Metaphern sind einfach sein liebster Fetisch. Bestimmt gibt’s dazu auch Fan-Fics, wo die Fleischwerdung fleischliche Gelüste entwickelt, und dann vom Katechismus diszipliniert werden muss.

Als alleiniger Maßstab zur Beurteilung von staatlicher Gewalt gegen Zivilisten sei der von dieser traumatischen Erfahrung geprägte und in der westlichen Welt nunmehr über 70 Jahre lang vorherrschende Genozidbegriff jedoch nicht geeignet.

Fun-Fact: Punkt e.) aus der Liste haben die Nazis haben die Nazis technisch gesehen nicht begangen, sondern die Kinder mit den Eltern ermordet. Schön, dass der Holocaust nicht ganz das „Musterbeispiel“ ist. Aber wie gesagt, niemand außer Moses sagt, dass der Genozidbegriff der alleinige Maßstab zur Beurteilung staatlicher Gewalt gegen Zivilisten sein soll. Von daher: Keks.

Mitleid führe nicht zwangsläufig zu Gerechtigkeit.

Natürlich nicht.

Um das mal einzuordnen:

Angenommen, eine Gruppe deutscher Nationalisten bombardiert mit mehr oder weniger „selbstgemachten“ Raketen Belgien, das sie eigentlich Deutschland zuordnen wollen, drohen, die Belgier ins Meer zu werfen (die dt. Minderheit in Belgien ist eine der am besten umsorgten Minderheiten der Welt), und die dt. Regierung unternimmt keinerlei überzeugende Anstrengungen, das zu unterbinden. Weltweite Demonstrationen, bei denen „von der Maas bis zur Memel!“ skandiert werden, unterstützen die Nationalisten. Sollte Belgien irgendwelche Gegenmaßnahmen ergreifen, oder wäre das das verwerfliche Streben nach „permanenter Sicherheit“?

Umgekehrt, wenn dänische Nationalisten dasselbe mit Deutschland machen. Nagut, mit Schleswig-Holstein. „Dänemark bis zur Eider!“ Muss man das als bombardierter Deutscher hinnehmen?

Ein Gedanke zu “A. Dirk Moses Nachklapp

  1. Gute Güte, der Moses wird ja immer dümmer, desto mehr man da liest.

    Erstmal: Ein „Staat“ hat keinen Sinn ohne ein Gewaltmonopol; dann nützt er nämlich niemandem was; dann könnten sich genauso gut alle Anarchisten gegenseitig kloppen. Es ist also einer der originären Zwecke eines Staates, Gewalt auszuüben – gegen Zivilisten. Beispielsweise Mörder, Vergewaltiger, Diebe, viel später (und bald nicht mehr) Pädophile…

    Idealerweise bezieht sich dies aber natürlich nur auf die eigene Bevölkerung, die dem Staat, idealerweise demokratisch, das „Recht“ zu dieser Gewaltausübung (und damit seiner Existenz) erst gegeben hat. Finden die Leute nicht (mehr), dass der Staat das Gewaltmonopol haben sollte, nehmen sie ihr Einverständnis zurück – damit haben sie ihr Grundrecht auf Gewaltausübung („Notwehr“) wieder selbst. Siehe Frz. Revolution oder Art. 20 GG.

    Moses macht aus diesem konstituierenden Element eines Staates nun mit Hilfe eines billig-demagogischen, sophistischen Tricks _permamente_ Sicherheit, und um davon abzulenken, dass das „permanent“ immer nur so lange gilt, bis der Staat diese zentrale Aufgabe nicht erfüllt und damit sein Existenzrecht verwirkt, Staaten also keineswegs permanent sind oder jemals waren – eine semantische Differenzierung in „liberal“ und „illiberal“ vor, um seine „Argumentation“ zu bringen, obwohl eine aus einer schwachsinnigen Prämisse gezogene Konsequenz halt nur Schwachsinn² ist.

    Das kann man natürlich auch ein ganzes Buch lang machen, es bleibt aber Schwachsinn. Deswegen ist ja auch jeder Punkt, den der Rezensent so toll findet, wie Du schön darstellst, so offensichtlich Schwachsinn.

    Zum eigentlichen Thema – der Vergleichbarkeit von normalen Genoziden mit dem Holocaust – die „Logik“ bei Moses, dass staatliche Gewalt gegen Zivilisten in jedem Fall falsch sei, ist ja nun keine, und daher ist auch die nachfolgende „Argumentation“ Quark – ist (mE) nicht „die Vernichtung um der Vernichtung willen“. Und das nicht, weil, wie Du schreibst „Nein, die wollten die Juden nicht nur vernichten, sondern auch ihr Geld. Und ihre Häuser. Und ihre Wohnungen“. Das hatten sie bei der Wannsee-Konferenz 1942 nämlich schon.

    Es gibt aber zwei sehr relevante Unterschiede: (1) Die Juden im 3. Reich haben – ganz im Gegensatz zu den Herero und Nama in D-SW-Afrika – niemandem was getan. Aufständische zu Verfolgen (letzere) ist eine zentrale Aufgabe des Staates; v.a. wenn die wahllos Leute umbringen (siehe auch Boxeraufstand in China; da haben sie den deutsche _Vermittler_ erschossen). Leute, die (aktiv!) den Staat nicht anerkennen, sind nicht mehr Teil des Staates; es ist daher die Aufgabe des Staates, die loszuwerden. D- SW-Afrika wäre bis zur Verteilung der H&N in die Wüste kein Genozid; das ist noch nicht mal verwerflich. Die Deportation friedlicher, anständiger jüdischer Staats(!)bürger durch die Nazis hingegen bereits per se (in meinen Augen; ich bin ja kein Jurist) ein Verbrechen an der Menschheit – aber kein Genozid. Staatlich sanktionierte Morde; ja – ein Verbrechen an der Menschheit: ja. Aber kein Genozid.

    Genozid wird es, wenn man (als Staat) von seinen Gegnern nicht nur in Ruhe gelassen werden will, sondern sie vernichten möchte (!). Da fehlt mir bei der UN die Intention – es ist ein moralischer Unterschied, ob’s Dir egal ist, dass jemand verreckt, oder ob Du das aktiv willst. Zur Illustration: während der reiche Westen Billionen verplempert hat, um statt 3,3 drei Millionen Menschen an Corona sterben zu lassen, sind 9 Millionen Kinder verhungert. Die hätte man auch nur von den deutschen Kurzarbeitergeldern für drei Generationen durchfüttern können. Macht aber keiner. Mir ist das egal. Unseren Politikern auch. Davon ist das noch kein Genozid,

    In D-SW-Afrika hat Trotha offensichtlich befohlen, die so lange in die Wüste zu treiben, bis alle verrecken. Das wäre genozidal – die Intention war, die vollständig zu vernichten. Das ist, wie wir seit Karthago wissen, auch möglich – aber dauert halt 600 Jahre; aber wir haben als Deutsche ja sowieso ein Gesinnungsstrafrecht seit den Nazis; dank „Hate Crimes“ jetzt auch international. Das ist genozidal – weil unangemessen. Weil es (a) nutzlos (b) Unschuldige trifft. Die waren bereits weg.

    (2) Was den Holocaust von solch üblichen Genoziden abgrenzt ist, dass die Nazis nicht nur bereits mit der Deportation / Vertreibung ein Verbrechen gegen die Menschheit begangen haben, sondern dann, als sie sie nicht weiter vertreiben konnten, halt beschlossen haben, alle zu vergasen. Ob das nun mehr am üblichen Narrativ lag, dass die Nazis Juden hassten (was stimmt) oder daran, dass sonst auch niemand Juden wollt (was auch stimmt; siehe zum Beispiel Palästina), sei hier egal – der Holocaust ist einzigartig, weil er gleich zwei Verbrechen an der Menschheit ist.

    DAS ist es, was den Holocaust – neben seiner praktischen Effizienz – moralisch einzigartig macht.

    Aber wenn die ganzen Jammerer das gleich behandelt sehen wollen, können wir als „globaler Norden“, und ich bin sicher, dass da alle „reichen“ Länder zustimmen werden, den armen Opfern sonstiger Genozide genau die gleichen Reparationen zugestehen, wie das die junge Bundesrepublik mit einer Pistole am Kopf das gegenüber den Juden gemacht hat: Eine lebenslange Entschädigungsrente für alle Betroffenen ersten Verwandtschaftsgrades.

    Die sind nämlich sogar bei den Juden schon fast alle tot. Die 0 [Währung] finden sich sicher in jedem noch so engen Budget.

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