Kolonialismus vs. Holocaust

Immer noch

Wir kommen vllt. einmal zum Ende.

In der Verbindung von Aktivismus „von unten“ und Wissenschaft „von oben“ hat der Zeitgeist in den letzen Jahren eine neue Befassung mit dem Erbe des Kolonialismus in den Ländern des Westens erzwungen.

Jaaaaa. Du bist Australier, der in Amerika arbeitet, woll? Welche Hautfarbe hast Du so?

Wie sind koloniale Objekte in Museen gelangt und wie können ihre Geschichten multidirektional aus Sicht von Einwander:innen der Diaspora, People of Colour und Vertreter:innen der Herkunftsländer erzählt werden?

Die Objekte sind gekauft oder geklaut worden. Sie ihren ursprünglichen Eigentümern wiederzugeben, ist aus verschiedenen Gründen nicht ganz einfach. Und wenn man das getan hat, sind die Objekte weg.

Warum sind Straßen nach „Kolonialhelden“ benannt und warum stehen ihre Statuen auf prominenten Plätzen in europäischen Städten?

Ja, die Magellan-Straße. Sorry, sowenig, wie sich die Portogiesen den Holocaust ans Bein binden wollen, will ich mir Magellan ans Bein binden.

Wie haben Institutionen, ja ganze Ökonomien von der systematischen Versklavung afrikanischer Menschen profitiert oder waren sogar abhängig von ihr?

Sklaven aus Afrika nach Amerika, Rohstoffe aus Amerika nach Europa, Fertigwaren von Europa nach Afrika. Ein ewiger Kreislauf. Nagut, nicht „ewig“, aber so habe ich das in der Schule gelernt.

Was hatten europäische Mächte überhaupt in Afrika und in anderen Teilen der Welt zu suchen

Arbeitskräfte, Rohstoffe, Absatzmärkte. Also, suchten sie jedenfalls.

und sollten Reparationen an die Nachfahren der Opfer dieser genozidalen Feldzüge und Hyper-Ausbeutungen gezahlt werden?

Tja, geb den Ureinwohnern doch einfach Deinen Anteil von Australien zurück. Ich bin da, wo ich wohne, indigen.

Eine Panik, der ikonische Status des Holocaust würde dadurch auf einen „einfach weiteren“ Genozid in der Geschichte reduziert, und das Heilige durch das Profane verunreinigt.

Nein, es geht ums Geld.

Die alternde 68er-Generation erlebt den Einfluss der Postcolonial Studies als Einfall der Barbaren in Rom.

Weil die 68er ja so zivilisiert sind, mit ihren Togen und Haussklaven und Gladiatorenspielen?

Eine Debatte über diese Dinge ist an der Zeit. Anstatt aber Argumente zu liefern, wollen die Hohepriester sie als Inquisition führen, Häretiker denunzieren und den Katechismus herunterbeten.

Ja, diese Juden. Immer diese Juden wieder. Was sonst sind Hohepriester? Ok, eine identitäre Bewegung als Interessenvertretung, gut und schön, aber dann gibt es unterschiedliche Gruppen die um dieselben Ressourcen – Reparationszahlungen – wetteifern. Ist das das Ziel?

Deutsche Eliten instrumentalisieren den Holocaust, um andere historische Verbrechen auszublenden.

Achwas? Na, wer hätte das nicht kommen sehen. Deshalb sind das auch Eliten. Normale Menschen kämen ja nie auf den Gedanken.

Nehmen wir Claudius Seidl: „War der Holocaust eine koloniale Tat?“. In seiner negativen Antwort beharrt er darauf, dass den Deutschen wegen des Holocaust eine besondere Verpflichtung gegenüber den Juden zukommt.

DAS ist genau der Punkt, weshalb die Holocaust-und-Kolonialismus-Debatte in die falsche Richtung schwenken kann. Evt. kommt jemand zum Schluss: „Weil die Briten den Tasmaniern gegenüber keine Verpflichtung mehr haben, haben wir demnächst auch keine mehr gegenüber den Juden.“

Von vergleichbaren Verpflichtungen gegenüber Namibiern spricht er nicht.

Wenn, dann gegen Herero und Nama. (Dass die keinen eigenen Staat haben, ist da natürlich ein Problem…) Aber selbst wenn der Holocaust eine koloniale Tat war, und wegen des Holocaustes trotzdem eine besondere Verpflichtung gegen den Juden entstanden ist, gäbe es die erstmal auch gegen Sinti und Roma. Man könnte anführen, dass Hitler demokratisch gewählt wurde, während das Kaiserreich keine Demokratie war, dass von Trotha nicht den Auftrag für einen Völkermord hatte und auch nur sehr lose von Berlin aus kontrolliert wurde, und, dass die – eher semidemokratisch gewählten Politiker – sein Vorgehen teils sehr hart kritisierten, was jetzt alles keine Entschuldigung ist, aber eine andere Qualität in Hinblick auf Mitschuld aufweist. Aber gut, wenn „wir als Deutsche“ für Herero und Nama eine besondere Verpflichtung haben, was wird dann mit anderen Völkern in Namibia. Also sozusagen die „Palästinenser“?

Als sie Reparationen für Angehörige der Opfer verlangten, verweigerte Ruprecht Polenz  diese mit dem Verweis darauf, dass man die in Namibia begangenen Verbrechen nicht mit dem Holocaust vergleichen könne.

Das ist jetzt nicht die Entscheidung von Ruprecht Polenz. Und natürlich kann man auch für andere Verbrechen Reparationen zahlen.

Schmid erklärt ausdrücklich: „Der Holocaust war kein Kolonialverbrechen,“

Wer zum Hack ist jetzt Schmid?

zudem sei „der ‘globale Süden‘ den Beweis schuldig geblieben, dass er für einen neuen, besseren Entwicklungsweg steht“

Nicht besser als vor hundert Jahren? Was hat der jetzt konkret mit dem Holocaust zu tun?

Kein Wunder, dass diese Nachfahren der Opfer des deutschen Staats, deren Entwicklungsmöglichkeiten durch die genozidale kolonialistische Kriegsführung zerstört wurden, die deutsche Erinnerungskultur als rassistisch empfinden

Mal anders. Einen Menschen umbringen ist weniger schlimm als hundert Menschen umzubringen. Demnach ist der Tod von mehreren Millionen Menschen schlimmer als der Tod von mehreren zehntausend Menschen.

Sie behauptet eine Hierarchie des Leidens, Abstufungen von Humanität und bietet gleichzeitig wenig Ansätze für Selbstreflektion.

Wie soll ich Selbstreflektion betreiben wegen Dinge, die ich nicht veranlasst habe? Die Unterschiede zwischen dem einen Völkermord und dem anderen sind auch dann noch da, wenn beides Kolonialverbrechen sind.

Gerechtfertigt wird diese Hierarchie mit dem Verweis auf die vermeintliche empirische Einzigartigkeit des Holocaust:

Nicht ganz. Hundert Tote oder ein Toter ist aber ein empirischer Unterschied.

Nur Juden seien um des Tötens willen und einzig aus Hass getötet worden, während alle anderen Opfer von Genoziden aus „pragmatischen Gründen“ ermordet wurden.

Die anderen Opfer sind genauso tot. Ich sehe ein, dass das genaue Motiv wenig mit der Entschädigung zu tun haben sollte, aber diese Argumentation ist auch nicht so weit verbreitet, wie Dirk das hier behauptet.

Während die Nazis die Slawen durch die koloniale Brille gesehen haben mögen, sahen sie die Juden durch die antisemitische Brille, was zu ihrem entgrenzten, in der Geschichte einzigartigen Kampf geführt habe.

Oh, es gab schon andere Versuche, Juden als Volk zu vernichten. Umgekehrt gab es, auch erfolgreiche, Versuche, andere Völker zu vernichten. Wie „pragmatisch“ oder „ideologisch“ die waren, weiß man nicht so genau, aber es ist nicht so, dass „pragmatische“ Versuche weniger schlimm waren. (Was jetzt natürlich wieder für die Herero und Nama spricht.)

In meinem neuen Buch The Problems of Genocide argumentiere ich, dass diese vertrauten Einwände auf einem falschen Geschichtsverständnis beruhen. Sie ignorieren die Tatsache, dass alle Genozide durch Sicherheits-Paranoia betrieben werden.

Alle nicht. Der Genozid an den Tasmaniern wurde stark durch unabsichtlich eingeschleppte Krankheiten verstärkt. Un Paranoia trifft vermutlich auch nicht immer zu. Wenn Caesar ein eher unbedeutendes Keltenvolk aufreibt, ist das ja auch ein Völkermord, aber nicht direkt Paranoia, weil Caesar das sonst mit größeren Völkern täte.

Das Nazi-Reich war ein kompensatorisches Unternehmen, das permanente Sicherheit für das deutsche Volk anstrebte:

Was denn für eines? GbR? GmbH?

Die Nationalsozialisten betrachteten Juden von Anfang an als Volksfeinde, die das kommende Reich durch ihre angebliche Verbindung mit den internationalen Ideologien des Liberalismus und Kommunismus gefährdeten.

Achwas. Ich dachte, die Nazis hätten erzählt, dass die Juden Liberalismus und Kommunismus überhaupt erst erfunden hätten, um den gesunden Volkskörper zu infizieren? Über die Herero und Nama erzählten die das bestimmt nicht.

Der deutsche Katechismus begreift historische Gerechtigkeit als Transaktion zwischen identifizierbaren und stabilen Völkern:

Es gibt keinen deutschen Katechismus, aber selbst wenn – wie sonst sollen denn bitte die Reparationen ausgezahlt werden? Wenn ein Volk keinen Staat hat, braucht es doch ein Konto.

Statt Jüdinnen und Juden zu ermorden, sollten die Deutschen nett und weltoffen sein.

Und das ist jetzt falsch, weil…?

Dieser Philosemitismus sieht Juden und Jüdinnen in Deutschland weiterhin als Gäste, nicht völlig deutsch,

Ok, manche sind es auch nicht, manche schon, und das geht schon dahin, dass jemand beste jüdische Alibifreunde braucht, um sagen zu können: „… aber diese Juden sind nicht von hier!“ – „Opa, aus Gründen, die ich Dir jetzt hoffentlich nicht erklären muss, gibt es nicht genug beste deutsche Alibifreundejuden für alle mehr. Importjuden oder gar keine.!

und er begreift die jüdische Gemeinschaft als Repräsentanten eines ausländischen Staats, nämlich Israels.

Es gibt immer noch genug Juden in Deutschland, die sich weder so sehen noch so auftreten. Aber gut, Philosemitismus ist nicht die Lösung. Also nein, eigentlich müsste es mehr davon geben, aber es ist leider so.

Während diese Verbindung in der deutschen politischen Klasse sehr geschätzt wird, sollen muslimische Migrant:innen sich gefälligst nicht mit Muslimen im Ausland identifizieren, um nicht dem Dschihad Vorschub zu leisten.

DIE politische Klasse. In D., vor allem. Ja, bei Muslimen gibt es solche Vorwürfe, andererseits gibt es auch insgesamt viel mehr Muslime.

Die Bewältigung des Zivilisationsbruchs erlaubt es, eine neue Zivilisierungsmission zu proklamieren, in deren Rahmen Migrant:innen und deren Nachfahren dazu angehalten werden, sich mit dem deutschen Katechismus zu identifizieren, und nicht nur formell, sondern auch moralisch zu deutschen Staatsbürgern zu werden.

Eigentlich sollen die sich bitte mit dem dt. Staat identifizieren. Ein dt. Muslim ist dann genauso deutsch wie ein dt. Christ oder ein dt. Jude oder dt. Atheist. Jemand, der Nationalist seines Heimatlandes ist, ist mMn eher das Problem. Und ja, es gibt auch nationalistische Israelis, nur leben die typischerweise in Israel.

Man fragt sich, wie diese Migrant:innen und ihre Nachfahren den deutschen Sinn für historische Gerechtigkeit empfinden, wenn er die Verteidigung einer seit mehr als fünfzig Jahren herrschenden Militärdiktatur, unter der die Palästinenser:innen zu leben haben, mit einschließt.

Und, was gibt „man“ sich für eine Antwort, lieber Dirk? Dass die Palästinenser unter einer Militärdiktatur leben, ist ja schade, aber nicht die Schuld D.s oder der Kolonialzeit, schaut Dir mal an, wie demokratisch es im Nachbarland Israel zugeht. Aber ja, wenn jemand denkt, dass D. zu judenfreundlich ist, es gibt zig Länder, die das definitiv nicht sind. Gut, das sind dann meistens Diktaturen, aber irgendwas ist doch immer. (Und nein, das ist nicht das „geh doch nach drüben“-Argument, dass ist das „du bist freiwillig hergekommen, obwohl wir seit Gründung der Republik unsere besondere Verpflichtung gegenüber Israel betonen, dachtest du, das sei geheuchelt?“-Argument.)

Keine Frage, der Katechismus hat bei der Entnazifizierung des Landes eine wichtige Rolle gespielt.

Dafür, dass er nur ausgedacht ist, nicht schlecht.

Der Katechismus ist nicht nur nicht mehr nützlich, er gefährdet inzwischen gerade die Freiheit, die die Deutschen zu schätzen vorgeben.

Wenn wir in Wahrheit keine Freiheit wollen, kann es Dir doch egal sein.

In seinen völkischen Vorannahmen und seiner Fetischisierung der europäischen Zivilisation gegenüber den asiatischen Barbaren steckt der Katechismus voller Widersprüche

Ja, geiler Fetisch. Ich verkleide mich als holde Jungfrau, meine Freundin als asiatischer Barbar, und dann geht’s ab. Alle Macht dem Drogo! Aber pass auf, wenn DU Dir einen Katechismus ausdenkst, dann musst DU die Widersprüche ausbeulen, nicht ich.

auf die jüngere deutsche und nicht-deutsche Stimmen den Finger legen

Nebenbei, wann kriegen die Ureinwohner von North Carolina das Land zurück, auf dem Deine Uni steht? Also, nicht „Deine“ Uni, die, in der Du arbeitest? Und Stimmen haben keine Finger. (Ok, scheiß Übersetzung)

Es ist an der Zeit, diesen Katechismus zu verabschieden und die Forderungen nach historischer Gerechtigkeit auf eine Weise neu zu verhandeln, die alle Opfer des deutschen Staats und alle Deutschen – auch BPoC, inkl. Juden und Jüdinnen und Muslime und Muslimas, Einwander:innen und ihre Nachfahren – respektiert.

Sinti und Roma. Polen und Russen. Schwule und Kommunisten. Die heutigen Migranten und ihre Nachfahren zahlen dann mit ihren Steuern Geld an die Herero und Nama. Soll das so? Denn das kommt dann so. Wenn der Holocaust einfach nur als Vorwand genommen wird, Herero und Nama kein Geld zu geben – oder halt nicht mehr als ausgehandelt, und es ist nicht gut, wenn der Staat Namibia die Verhandlungen führte, weil der evt. anderweitig befangen ist, um es mal nett zu sagen – das wird nicht dazu führen, dass Deutschland plötzlich Palästinenser-pro wird. („Ich dachte, das wär’s schon?“)

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