Die Relativierung der Relativierer

s.a. gestern.

heißa!

Den Glauben nicht zu verlieren verlangt jedoch ständige Wachsamkeit. Angeführt von offiziellen Amtsträgern mit dem beeindruckenden Titel Beauftragte:r der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus

Ja, ohne Gender: wäre der Titel NOCH länger. Und beeindruckender. Es hat aber immer noch nichts mit „Glauben“ zu tun, für jüdisches Leben in D. und gegen Antisemitismus zu sein.

auf Bundes- und Länderebene halten die Hüter der erinnerungspolitischen Orthodoxie ständig Ausschau nach antisemitischen Häresien und Anzeichen für den Glauben an den alten Katechismus

Und Nazis halt.

etwa die Wiederkehr von Schlussstrichdebatten.

Ja, Dirk. Auch das.

Obwohl die Nazis … längst symbolisch aus der Nation-auf-Wiedergutmachungskurs ausgestoßen worden sind, hat sich die Anspannung bis heute nicht gelegt.

Na, eben: „symbolisch“, nicht notwendigerweise in echt. Wenn Du den Unterschied nicht verstehst, macht mir Deine ganze Katholizismus-Metaphorik+jüdisches Priesteramt echt Sorgen.

Heute entdecken die Glaubenswächter neue Nazis, etwa Palästinenser:innen und ihre nicht-zionistischen israelischen Freunde, die Allianzen in Deutschland und anderswo schaffen und mit den Modi des Zusammenlebens jenseits nationalstaatlicher Grenzziehungen experimentieren.

Das sind jetzt aber nicht die Palästinenser, die ab und zu vor dt. Synagogen „vom Fluss bis ans Meer“ skandieren, oder?

Das bislang unheilvollste Signal dafür ist der BDS-Beschluss des Deutschen Bundestags von 2019.

Jaaaa, ne. DAS ist schlimmer als Hetz-Gesänge. Ich bin begeistert.

Er verurteilt die Palestinian Boycott, Divestment and Sanctions Bewegung, weil sie – wie es in der Begründung etwas provinziell heißt – die Abgeordneten „an die schrecklichste Phase der deutschen Geschichte“ erinnere.

Nur, weil BDS „kauft nicht beim Juden“ sagt? Diese rein willkürlichen Assoziationen sind sehr provinziell. Aber sorry, wenn ich China nicht boykottiere, wegen der Tibeter und Uighuren, wäre es unfair den Israelis gegenüber.

Der Beschluss und die breite Unterstützung, auf die er traf, lässt darauf schließen, dass der politische Konsens in dieser Frage ein Spektrum von den Antideutschen bis hin zur AfD umfasst.

Ja, man soll nicht mit der AfD zusammenarbeiten, aber wegen der AfD gegen Israel sein, ist keine Alternative. Höhö, „Alternative“.

Welche alternativen Möglichkeiten Palästinenser:innen ergreifen können, um sich der Kolonisierung ihres Landes zu widersetzen, schien diese Politiker:innen nicht zu kümmern:

Wie ich letztes Jahr im Radio hörte: „Es ist nicht unsere Schuld, wenn Gott die Palästinenser mit so einer schlechten Regierung bedacht hat.“ War irgendein arabischer Diplomat, iirc.

Sie fühlen, dass sie die Zustimmung der Palästinenser:innen für ihr ethisch aufrichtiges Selbstbild und ihre internationale Reputation nicht benötigen.

Naja, bestimmt nicht die der Hamas.

Diese moralische Hybris führt zu der bemerkenswerten Situation, dass nichtjüdische Deutsche amerikanische und israelische Juden und Jüdinnen mit erhobenem Zeigefinger über korrekte Gedenkkultur und Loyalität zu Israel belehren.

Eigentlich belehren die die anderen nicht-jüdischen Deutschen. Und außerdem ist das die taz, die kann nicht ohne moralisch und Zeigefinger. Was hat die eigentlich mit der Regierung zu tun, die sind ziemlich weit links bei der taz?

Das hielt jene Deutsche nicht davon ab, Disziplin zu wahren – einerseits um zu verhindern, dass Juden und Palästinenser gemeinsam Bündnisse und Allianzen schmieden, andererseits, um sogar die AfD zur Konformität zu bringen:

Ppff, jaha, der disziplinierte Deutsche. Jetzt greifen wir aber ganz tief in die Klischee-Kiste, woll? Und evt. ist die AfD nicht ganz so antisemitisch wie ihr Ruf, aber dass irgendeine Entscheidung in D. Juden und Palästinenser davon abhält, ein gemeinsames Bündnis zu schmieden. Träum weiter, lieber Dirk, träume und schlafe weiter.

Davon abgesehen bringt die AfD Israel als ethno-nationalistischem und anti-islamischem Staat mit einer restriktiven Einwanderungspolitik eine gewisse Bewunderung entgegen.

Oh, das kann sogar sein! Hey Dirk, Du alter Rechtsaußenversteher!

Das Klima ist mittlerweile derart angespannt, dass der oder die deutsche Autor:in eines Beitrags zu einem von mir im Journal of Genocide Research veröffentlichen Forum zur Mbembe-Debatte ausdrücklich darum bat, anonym bleiben zu dürfen.

Weil sonst die Katechismus-Polizei vor der Tür steht, um soe zu verhaften? Oder einfach so?

Die Jagd auf Häretiker hat unter den liberalen Geistern, die Deutschlands Kulturinstitutionen leiten, den Verdacht aufkommen lassen, dass die Gedanken womöglich doch nicht ganz so frei sind und sie selbst als nächstes an die Reihe kommen könnten.

Ja, diese Cancel-Cultur, was? Das ist ja so, als würde man sagen: „Kauft nicht beim Juden!“ Aber ja, wenn jüdische Wissenschaftler, Künstler, Sportler oder wasauchimmer gecancelt werden, dann kann Euch das auch passieren. Ist vllt. nicht so schlau, sich ausgerechnet für BDS stark zu machen.

Deshalb starteten sie im Dezember die Initiative GG 5.3 Weltoffenheit, eine Erklärung über Meinungsfreiheit und das Recht, die Politik Israels zu kritisieren.

Das Recht nimmt Euch keiner. Ihr kriegt bloß nicht mehr bezahlt und müsst die Räume dafür selber bezahlen. Voll die Diktatur, wo man Geld nicht in alle Körperöffnungen eingeblasen bekommt. Heult doch.

Obwohl viele der Beteiligten Gegner des BDS sind, denken sie, dass man deshalb nicht um seinen Arbeitsplatz oder die Teilnahme am öffentlichen Leben fürchten müssen sollte.

Ja, die ganzen jüdischen Menschen, die BDS boykottieren will, wollen auch gerne Arbeitsplätze und Teilnahme. Kategorischer Dingsbums.

Aufgrund der demografischen und generationellen Umbrüche wird es zugleich immer schwieriger, die Bevölkerung zu disziplinieren.

Tja, allein das Wort „disziplinieren“. Weil Deutsche ja eigentlich viel lieber Israel boykottieren wollten, müssen sie gezüchtigt werden. Aber das mögen die ja. Hurra.

Für immer mehr jüngere Deutsche spiegelt der Katechismus ihre Lebenswelt nicht wider – unabhängig von den Mühen schulischer Vermittlung.

Dieser Katechismus ist ja auch kein Gegenstand „schulischer Vermittlung“. Weil Du, lieber Dirk, nur denkst, dass es ihn gibt. Es gibt ihn nicht. Ansonsten ist es mit Mathe genauso. Eine Engelstrompete hat eine endlose Oberfläche aber ein endliches Volumen.

Wie ihre Altersgenossen und Genossinen, die in den USA und in anderen Ländern für Black Lives Matter auf die Straße gegangen sind,

„Genossinen“ merke ich mir. Aber ja, es gibt BLM. Ganz vergessen.

verstehen viele, dass Rassismus gegen Deutsche mit „Migrationshintergrund“ – und nicht nur wenn er antisemitisch ausgerichtet ist – ein allgemeines Problem ist.

Fan Fuct: die Juden hatten praktisch keinen Migrationshintergrund. Jetzt ja. Aber kein Mensch behauptet, dass Rassismus kein Problem sei, weil es Antisemitismus gibt.

Sie beobachten zugleich, dass in Israel kontinuierlich rechtsgerichtete Regierungen an der Macht sind, die durch eine aggressive Siedlungspolitik die Illusion von der Zwei-Staaten-Lösung ad absurdum führen.

Ja, kontinuierlich. Das ist jetzt aber schlecht gealtert, was. Aber wieauchimmer, nationalistische Palästinenser sind halt auch rechtsgerichtet. Bei sowas sind Linke tatsächlich kooperativer.

Selbstverständlich bringen Einwanderer:innen Erfahrungen und Perspektiven auf Geschichte und Politik mit, die den von Europäern so oft rezitierten, selbstgefälligen Geschichten über die Verbreitung der Zivilisation durch die Jahrhunderte hindurch nicht anhängen.

Die meisten Einwanderer in D. sind andere Europäer: Russen, Polen, Italiener, Griechen, Spanier, Portugiesen. Türken jetzt nicht, aber die verbreiten Geschichten über die Verbreitung der Zivilisation durch Türken. Also, die Palästina als jahrhundertelange türkische Kolonie sieht das bestimmt auch so.

Viele von ihnen dürften die Rede vom Zivilisationsbruch als schal empfinden

Ja, die Polen und Russen fanden den Krieg super zivilisiert. Zig Millionen Tote, aber hey! WAS redest Du da?

selbst wenn sie die unbestreitbar spezifischen Eigenschaften des Holocaust anerkennen

Tja, dann sind die weiter als Du.

Wurden im Namen der westlichen Zivilisation nicht weite Teile der Welt von Europäern und US-Amerikanern erobert und Millionen von Menschen getötet, auch von Angestellten der deutschen Kolonialverwaltungen?

Ähmm, falls Du das nicht gemerkt hast – in Frankreich und England und den Niederlanden leben viele Menschen, die aus deren ehemaligen Kolonien kommen. In Deutschland ist das nicht so. Bzw., wenn man den 2. WK als Kolonialismus sieht, dann sind Polen, Russen, Russlanddeutsche, Ukrainer, Weißrussen und andere, die nach D. zogen, tatsächlich von Deutschland kolonialisiert worden, profitieren aber hart vom „white-passing“.

In Berlin treffen diese jungen Deutschen mittlerweile auf tausende junger Israelis (mit und auch ohne deutsche Staatsbürgerschaft), die hoffen, hier dem Alptraum in ihrer Heimat zu entfliehen.

Ja, lieber so ein paar Neonazis halt statt Raketen. Aber dafür halt in Berlin leben.

Berlin ist außerdem Heimat der größten palästinensischen Diaspora Europas

Haha, „Diaspora“! Für jemanden, der so leicht was gegen Juden hat, bedienst Du Dich aber sehr ihrer Begriffe. Kulturelle Aneignung?

Zugleich sorgt die demokratische Anarchie des Internet dafür, dass die priesterlichen Zensoren, anders als noch in den 1980er und 90er Jahren, die öffentliche Meinung kaum mehr kontrollieren können.

Nein, Zensor ist kein Priesteramt, und hat weder mit Juden noch mit Katholiken zu tun. Nagut, vllt. mit denen. Zensoren waren Beamten der römischen Republik. Weißt Du denn gar nix?

Obwohl ein „speaking back to power“ durch das überparteiliche Bekenntnis zum Katechismus im Zaum gehalten wird, entstehen durch die Sozialen Medien subalterne Diskursräume.

Jaaa, die ganzen Jugendlichen mit ihren spanischen, portugiesischen, russischen, türkischen und italienischen Migrationshintergründen. Die machen sich über die Opfer aus Polen, Griechenland und dem ehemaligen Jugoslawien lustig, weil deren Vorfahren keine mächtigen Kolonialreiche aufgebaut haben.

Gleichzeitig schlossen sich deutsche Akademiker:innen ihren Kolleg:innen andernorts an: Nicht länger ausschließlich an den Gedanken und Taten weißer Menschen interessiert, widmeten sie der imperialen Geschichte und der Kolonialliteratur zunehmend Aufmerksamkeit

Wollen die etwa andere Kulturen aneignen? Buuuh!

Ein … Punkt besteht darin, sich Rechenschaft darüber abzulegen, wie sehr Politik noch bis vor kurzem in imperialen Kategorien verstanden wurde: in Begriffen der Hierarchie von Kulturen und Zivilisationen und in historischen Analogien, beispielsweise der Nachahmung Roms.

Man kann sich selbst nicht Rechenschaft ablegen. Oder wenn, bringt das nichts. Aber ja, Faschismus kommt von diesen Rutenbündeln, mit denen die Liktoren früher Leute verdroschen haben, die nicht anständig den Konsul oder Diktator grüßten. Diktatoren wurden damals noch gewählt. Die USA imitieren Rom übrigens auch. Ich mein ja nur.

Viele Historiker:innen halten darum das Beharren darauf, der Holocaust habe nichts mit der Kolonialgeschichte zu tun, für genauso pervers wie die Behauptung, Antisemitismus sei etwas grundsätzlich anderes als Rassismus.

Natürlich hat er was damit zu tun. Natürlich ist Antisemitismus zwar was anderes, aber nicht grundlegend anderes als Rassismus. Darauf beharrt auch kaum jemand. Hitler war Vegetarier, aber Vegetarier sind nicht Hitler. Die Vokabel „pervers“ schiebt die Diskussion aber in eine Ecke, wo die mMn auch nicht hingehört.

Wie Claudia Bruns gezeigt hat, überlagerten sich „Schwarz“-Sein und „Jüdisch“-Sein in den Aufklärungsdebatten über die jüdische Emanzipation, in denen „koloniale“ Lösungen für die „Judenfrage“ vorgeschlagen wurden.

Sind das wieder so Debatten, die von nicht-jüdischen nicht-Schwarzen geführt wurden?

In Anbetracht dieser Verbindungen ist die Rede von der „Relativierung“  sinnlos:

Einerseits ja, aber dann muss man zuerst mit Sinti und Roma anfangen, mit Menschen mit Behinderung, Homosexuellen und anderen Gruppen, die von den Nazis holocaustartigerweise bekämpft wurden. Andererseits – was ist genau die Argumentation: weil sagen wir der Völkermord an den tasmanischen Ureinwohnern genauso schlimm ist wie der Völkermord an den Juden, müssen deren Nachfahren entschädigt werden, oder weil deren Nachfahren nicht entschädigt wurden, müssen die Juden auch nicht entschädigt werden?

Erinnerung ist notwendigerweise durch rekursive Prozesse von Inklusion und Exklusion konstituiert, durch das Herstellen von Analogien und Unterscheidungen.

Schon, trivialerweise. Die Zwangsarbeiter, die im 2. WK in dt. Fabriken arbeiten mussten, waren Sklaven, sozial, rechtlich und funktional. Aber die meint Ihr ja nicht.

Der Holocaust ist Teil vieler Geschichten: des Antisemitismus, der massenhaften Versklavung, von Aufständen in den Kolonien und von Vertreibungen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Ganz allgemein gefragt: inwiefern ist der Holocaust Teil der Kolonialisierung der USA, die zum damaligen Zeitpunkt bereits im Wesentlich abgeschlossen war? „Hat etwas damit zu tun“ ist so ein Wieselwort.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s