Wenn man keine Ahnung hat

Fremdes Land, fremde Kultur, man versteht nicht alles.

Wenn ich nach China komme, habe ich keine Ahnung, warum Chinesen tun und lassen, was sie gerade tun und lassen.

Analog geht es A. Dirk Moses.

Die Erinnerung an den Holocaust als Zivilisationsbruch ist für viele das moralische Fundament der Bundesrepublik.

Nicht das GG? Aber ja, ich will ja schwer hoffen, dass die Erinnerung und nicht der Holocaust selbst das moralische Fundament sein soll.

Diesen mit anderen Genoziden zu vergleichen, gilt ihnen daher als eine Häresie, als Abfall vom rechten Glauben.

Okeee, die allermeisten Deutschen halten Holocausterinnerung nicht für eine Religion, und die, die das doch tun, tun das, indem sie den Holocaust als „Mythos“ bezeichnen. Und die Konsequenz aus der Holocausterinnerung ist nicht die, dass man sich an keine anderen Genozide erinnern soll, sondern dass man keine anderen Genozide begehen soll.

Es ist an der Zeit, diesen Katechismus aufzugeben.

Schon passiert. Es ist so einfach, eine Sache aufzugeben, die gerade erst von jemand anderem erfunden wurde.

Die hitzigen Debatten über Achille Mbembes angeblichen Antisemitismus, … lassen einen als Beobachter aus der Ferne ratlos zurück.

Was das betrifft – wenn man etwas aus der Ferne beobachtet, hat man halt wenig Ahnung. Mbembe jedenfalls hat sich antisemitisch verhalten, nicht, indem er den Holocaust mit Kolonialismus verglich (das auch), sondern, indem er bspw. eine Israelin aus einem Vortrag drängte. Was ungefähr das ist, was ihm widerfahren ist, also kategorischer Imperativ und so. Außerdem schrieb er das Vorwort zu einem Buch namens „Apartheid Israel“, und nachdem mir sehr viele Leute übereinstimmend versichern, dass Antisemitismus nicht erst in der Gaskammer anfängt, sondern da eher endet…

Denn die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Kolonialismus des Deutschen Reichs und dem Vernichtungskrieg der Nazis wird außerhalb Deutschlands schon seit zwei Jahrzehnten unaufgeregt verhandelt.

Mhhm. Wer genau verhandelt das denn mit wem? Inwiefern sollen Verhandlungen zwischen Australiern und Amerikanern zu Vorgängen, die auf anderen Kontinenten stattfanden, relevanter sein als – mal als random Beispiel – Verhandlungen zwischen Deutschland und Israel?

Wenige Jahre später hatte sich unter vielen Wissenschaftler:innen die Annahme etabliert, dass wesentliche Aspekte des NS-Regimes und des Holocaust durch deren Beziehung zum imperialistischen Kolonialismus überhaupt erst erfassbar werden.

Mindestens zehn Jahre davor habe ich in der Schule gelernt, dass die Idee vom „Lebensraum im Osten“ nicht auf Hitlers Mist gewachsen ist, sondern in der Ostkolonisation ein historisches Vorbild hatte, welches tatsächlich auch ideologisch verwurstet wurde. Jetzt könnte man sagen, dass, wenn Hitler selbst sagt, seine Politik hätte mit Kolonialismus zu tun, dies ein Argument sei, dass das genau NICHT so ist, weil Hitler jetzt nicht gerade für seine Wahrheitsliebe bekannt ist, aber ja, offenbar gibt es einen Zusammenhang. Die Frage ist höchstens, welchen.

Was also ist neu?

Von Deinem herablassenden Ton abgesehen? Die Beschäftigung mit dem Holocaust, nicht nur als Akademiker, sondern auch als Politiker oder gar Mensch, als Religion zu främen, kommt sonst auch aus Ecken, denen ich den Holocaust als Thema nicht überlassen will.

Die damalige Debatte entprovinzialisierte die historische Holocaustforschung und zwang alle Teilnehmer:innen zu schärferem Nachdenken.

Das mag schon so sein. Aber was ist die Konsequenz? Statt „Der Holocaust war schlecht.“ (Provinzielles Nachdenken) sagt man jetzt „Der Holocaust war wirklich schlecht.“ (Schärferes Nachdenken)

Die Heftigkeit der Reaktionen auf den Artikel, den Rothberg und Zimmerer am 31. März 2021 unter dem Titel „Enttabuisiert den Vergleich!“ in der Zeit veröffentlicht haben, ihr denunziatorischer, sarkastischer, herabwürdigender Ton – all dies erinnert an Häresieprozesse.

Die fortgesetzte Reli-Metaphorik mag vllt. nicht ganz ernst gemeint zu sein insofern, als dass der Autor möglicherweise nur sagen will „Die dummen Deutschen denken, dass Holocausterinnerung eine Religion sei!“, aber da politische Abweichler genauso behandelt werden, sind sich Politik und Religion mal wieder viel näher, als man denkt.

Empörung tritt an die Stelle von Nüchternheit, vermutlich noch potenziert durch die Fähigkeit der Sozialen Medien, politische Emotionen zu lenken und für diese Öffentlichkeit zu schaffen.

Das wohl auch, aber die alten 68er, die früher gegen ihre Elterngeneration auf die Straße gingen, waren empört. Sowas geht nicht ohne Empörung. Und jetzt kommen Leute – von anderen Kontinenten – und sagen den dummen Ureinwohnern, sie hätten ihre Geschichte falsch verstanden. Hallo, China.

Es scheint, als ob wir zunehmend zu Zeugen von nicht weniger als öffentlichen Exorzismen werden, die unter der Aufsicht selbsternannter „Hohepriester“ den „Katechismus der Deutschen“ bewachen.

Hihi, „Hohepriester“. Im Katholizismus, auf den Du die ganze Zeit anspielst, wäre das ein Papst oder wenigstens Kardinal. Exorzismen nimmt man nicht an Häretikern vor. Und wenn Du Dich wirklich auskennen würdest, wüsstest Du, woher der Begriff „Hohepriester“ eigentlich kommt.

Dieser Katechismus besteht aus fünf Überzeugungen:

  1. Der Holocaust ist einzigartig, da er die uneingeschränkte Vernichtung von Juden um deren Vernichtung willen Im Unterschied zu den pragmatischen und begrenzten Zielen, um derentwillen andere Genozide unternommen wurden, versuchte hier ein Staat zum ersten Mal in der Geschichte ein Volk ausschließlich aus ideologischen Gründen auszulöschen.
  2. Da er die zwischenmenschliche Solidarität beispiellos zerstörte, bildet die Erinnerung an den Holocaust als Zivilisationsbruch das moralische Fundament der deutschen Nation, oft gar der Europäischen Zivilisation.
  3. Deutschland trägt für die Juden in Deutschland eine besondere Verantwortung und ist Israel zu besonderer Loyalität verpflichtet: „Die Sicherheit Israels ist Teil der Staatsräson unseres Landes.“
  4. Der Antisemitismus ist ein Vorurteil und Ideologem sui generis und er war ein spezifisch deutsches Phänomen. Er sollte nicht mit Rassismus verwechselt werden.
  5. Antizionismus ist Antisemitismus.

Gott sei dank kommt DIESER Moses nur mit Fünf statt Zehn Geboten. Da haben wir aber alle Glück gehabt. Lasset uns beten und danke sagen. (Und der nächste Moses drückt IHN dann hoffentlich auf zwei oder drei.) Leider stimmt das inhaltlich trotzdem nicht.

  1. dass hier zum ersten Mal ein Volk ausschließlich aus ideologischen Gründen ausgelöscht werden sollte, stimmt so sowieso nicht – bei vielen ausgelöschten Völkern in der Vergangenheit weiß man nicht, wie ideologisch das motiviert war, umgekehrt ging es bei den Juden auch um den nicht so ganz ideologischen Plan, sich an ihnen zu bereichern. Aber selbst, wenn das so gewesen wäre, ist das nicht der Grund, warum man den Holocaust für (hoffentlich auch in Zukunft) einzigartig hält: der Grund ist wohl eher, dass die Methoden, Mittel und Möglichkeiten der Industrialisierung für einen Völkermord eingesetzt wurden, oder eigentlich Morde an mehrere Völkern, die man noch hundert Jahre vorher einfach nicht hatte. Deshalb erreichte das quantitativ wie qual systematisch auch bis dahin unbekannte Höhen Tiefen.
  2. Beispiellose Zerstörung der zwischenmenschlichen Solidarität ist ein Instant-Sieg im Bullshit-Bingo. Nein, Dirk, das Problem ist, wenn die industrialisierte Massenvernichtung von Menschen offensichtlicherweise nur im Industriezeitalter möglich ist, muss man als Industrienation besonders darauf achten, dass das nicht passiert.
  3. Ja. Nach DER Aktion kann man Juden schlecht sagen: „Bleibt doch hier in Deutschland, alles ist wieder gut.“ Natürlich zogen sie nach Israel. Natürlich wollen sie lieber da leben. Natürlich kann man als Deutscher nicht sagen: „Ja, macht, ist uns jetzt auch egal.“ Oder kann man schon, aber wie arschig wäre das?
  4. Antisemitismus ist nicht spezifisch deutsch. Behauptet meines Wissens nach niemand. Es gibt gewisse Unterschiede zum Rassismus, sowohl, was die Ausprägung, als auch die historischen Wurzeln betrifft, und es mag Menschen geben, denen dieser Unterschied sehr wichtig ist, aber diejenigen, die einfach beides ablehnen, stehen eigentlich nicht in der Kritik als „Häretiker“ oder „Parteiabweichler“.
  5. Kommt ein bisschen darauf an, was man mit Zionismus meint, und wie „Anti“ man diesbezüglich ist. Allerdings sind viele „Israelkritiker“ nur (schlecht) getarnte Antisemiten, insofern macht man sich darüber mehr lustig als alles andere.

Dieser Katechismus verdrängte um die Jahrtausendwende den vorangegangenen Katechismus, der seinerseits Werten wie der nationalen Ehre und Tradition verpflichtet war.

Pfff, Dein Ernst? Kritik an Patriotismus (alles, was mit Ehre und Tradition zu tun hat) kenne ich, seitdem ich alt genug bin, darüber nachzudenken. Also ja, dass der eine „Katechismus“ den anderen verdrängt hat, kann man so sagen, aber das ist schon länger her.

Die Anhänger des „alten Katechismus“ verstanden den Holocaust als ein historisches Unglück, für das lediglich eine kleine Gruppe ideologischer Fanatiker verantwortlich gemacht werden könne.

Um das einzuordnen: die, die Nazis gewählt hatten, als man noch eine Wahl hatte – bis 1933 – sind fast alle tot (Generation vorm ersten Weltkrieg und ältere). Die, die unter den Nazis sozialisiert wurden – Sophie Scholls Generation, die zwischen den Kriegen geboren wurden – sind auch größtenteils tot und definitiv lange in Rente. Die erste Nachkriegsgeneration – aka 68er – geht jetzt in Rente. Die, die um die Jahrtausendwende 70 wurden, waren 1945 gerade 15, also im besten Flakhelferalter. Ist das also möglicherweise ein Artefakt des Umstandes, dass es keine Leute mehr gab, die sich persönlich für den Holocaust rechtfertigen mussten?

Diese kleine Gruppe werde nun von „Nestbeschmutzern“ instrumentalisiert, um Schmach und Schande über die Nation als Ganzes zu bringen.

Das gab’s und nicht zu knapp, wegen der Generationenfolge waren die zur Jahrtausendwende aber schon eine Minderheit. Jetzt ist die Frage, wenn die „alte“ Holocaustwahrnehmung eine Verharmlosung darstellte, wieso sollte die neue Holocaustwahrnehmung ebenfalls etwas sein, wovon man sich „verabschieden“ sollte?

3 Gedanken zu “Wenn man keine Ahnung hat

  1. Es gibt (mW nur) im Deutschen das „deutsche ‚wir'“, was den Sprecher nicht einschließt („wir haben 6 Millionen Juden umgebracht“, „wir schaffen das“).

    Ich denke, dass das den eigentlichen Punkt trifft: ich habe zum Beispiel genau 0 Menschen umgebracht, davon 0 Juden. Meine Opas auch nicht, die hätte man sonst gehängt.

    Die neo-Linke, die findet, dass ‚wir‘ mehr Marxismus brauchen, meint auch nie sich selbst; dass muss also kein Relikt der NS-Zeit sein; Marx selbst fand ja wohl auch nicht, dass Lumpenproletariat wie er in ein Gulag gehören.

    Das exklusive ‚wir‘ ist aber vor allem sehr Deutsch.

    Und da müssen die vielen „wir“ sich halt ein Narrativ zurechtspinnen, weil/wenn ihre Identität auf einem (bekloppten) Anschuldigungs-Kult beruht, der schon 1968 eigentlich keine Grundlage hatte.

    Und da kommt dann halt dieses idiotische „Einzigartigkeits“-Narrativ des Holocausts raus, weil ‚wir‘ den Genozid halt ordentlich gemacht haben. Was, aber, hatten die denn erwartet, wie wir Deutschen Genozid machen? So, wie Briten Autos bauen? Hübsch, fährt aber nur bis zur nächsten Werkstatt?

    Das darf aber nie wieder passieren, weil- äh- es keine Sau interessiert, wieviele hunderttausend ungeborene Kinder jedes Jahr püriert werden, wenn wir über industriellen Massenmord sprechen wollen.

    Stört ja niemanden. Deswegen haben die Nazis die Juden (meist) auch nicht einfach auf offener Straße erschossen – die Sauerei muss ja jemand wegputzen.

    (Disclaimer: ich bin sehr gegen die wahllose Ermordung von Juden – solange das keine Kommunisten sind. Ich habe aber 0 Problem mit dem pürieren von Babys, die noch nicht mal ihre Mutter haben will. Ich brauche weder Babys noch Kommunisten, und ich weiß nicht, was man mit sowas sonst machen sollte).

    Gefällt mir

  2. Gleich zu Anfang:

    „‚Die Erinnerung an den Holocaust als Zivilisationsbruch ist für viele das moralische Fundament der Bundesrepublik.‘

    Nicht das GG? Aber ja, ich will ja schwer hoffen, dass die Erinnerung und nicht der Holocaust selbst das moralische Fundament sein soll.“

    Das Grundgesetz ist mitnichten moralische Grundlage. Sondern es ist Grenzsteckung für Legislative: bis hier und nicht weiter darf der Staat gehen. Das Grundgesetz betrifft – anders als die Moral – keineswegs die menschliche Seele, sondern Schutz vor Übergriff des Staats.

    Nun also. Wenn das Grundgesetz als moralisches Fundament ausscheidet: wollen Sie vorschlagen statt des kollektiven Schuldgefühls vor? Ich höre.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s