Lobo, ey

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In sozialen Medien wandelt sich das Klima – in Richtung Frauenfeindlichkeit

Also, weniger Männerfeindlichkeit? Oder einfach mehr generelle Feindlichkeit, und jetzt sind auch Frauen betroffen?

Ein misogyner Mob erschwert es Frauen, sich frei und offen zu äußern.

Es gibt sicher auch Männer, die sich wegen eines schlechten Diskussionsklimas nicht frei und offen äußern. Die sind Lobo aber offenbar egal. Oder er denkt, es gäbe sie nicht, dann ist er ein merkbefreiter Idiot.

Es gibt diesen besonderen Sound in sozialen Medien: vorsichtig tastend, manchmal beinahe fragend. Anflüge von Selbstironie mit einem Hauch Selbstzweifel. Fakten zitierend, keinesfalls behauptend. Ein paar »vielleicht«, »oder?« und »glaube ich« einstreuend.

Ja, wir können nicht alle wie Lobo sein. Glaube ich.

Etwas Charme, ein wenig Emotionalität, aber von beidem nicht zu viel.

Man kann also Charme und Emotionalität auch vortäuschen. Wer hätte das gedacht.

Schließend mit einer Art Demutsgeste gegenüber dem Publikum, etwa »oder wie seht ihr das?«

Solche Phrasen können tatsächlich was bedeuten oder eben reine Höflichkeitsgeräusche sein. Aber ja, das gibt es.

Das mag sich interessant anhören, aber dieser Sound – oder präziser: der Grund für seine Existenz – ist eine Katastrophe. Und zwar eine menschengemachte, eine Männer-gemachte.

Genau. Es kann nur einen Grund geben, wenn jemand „Oder wie seht Ihr das?“ schreibt. Nicht die ehrliche Frage nach auch gegensätzlichen anderen Ansichten, nicht die höfliche Bitte um Zustimmung, nein. Derartig logische Erklärungen kommen in Lobos Weltbild nicht vor, welches ziemlich schwarz-weiß ist, im Unterschied zur Situation AUF seinem Kopf.

Denn es handelt sich um die Art, wie Frauen in den sozialen Medien zu Sachthemen kommunizieren, damit ihnen am wenigsten Hass entgegenschlägt.

Weil Männer nie „Und wie seht Ihr das?“ sagen? Nebenbei, so richtig hilft das ja wohl nicht.

Es ist der Sound der Misogynie-Minimierung, eine Form von vorauseilender Notwehr, und dass Frauen sich gezwungen sehen

„Sich gezwungen sehen“ ist nicht „gezwungen sein“. Das Problem ist aber nicht, dass Frauen mehr beleidigt werden als Männer, sondern, dass Beleidigungen von Frauen als schlimmer betrachtet werden. Andererseits kriegen Frauen eher Unterstützung als Männer (nicht nur in solchen Fällen), was jetzt ein struktureller Nachteil von Männern ist.

bewusst oder unbewusst

Ja, Frauen wissen halt nicht immer, warum sie etwas machen. Gut, dass wir unseren Lobo halten, Frauendurchschauer Lobo erklärt uns, warum Frauen tun, was sie tun. Und beschützt sie noch dabei. Mehr Macho-Klischee geht nicht.

ihre Kommunikation derart zu verändern, ist ein Ausweis des gigantischen Problems Frauenhass im Netz.

Erstens, dass sie ihre Kommunikation verändern, setzt voraus, dass die das vor ein paar Jahren nicht so machten. Das müsste man ja an Statistiken oder so belegen können, sonst ist nas nur gefühlt oder behauptet. Zweitens sind gefühlte oder unbewusst verursachte Vorsichtsmaßnahmen kein Beweis für die Existenz des Problems. Arachnophobie und so.

In den sozialen Medien findet ein »sozialer Klimawandel« statt.

Und die sozialen Klimaforscher sind die sozialen Juden von heute?

Eine zunehmend toxische Atmosphäre wird absichtsvoll erzeugt, die insbesondere Frauen davon abhalten soll, unbeschwert und offen zu kommunizieren.

Ja, immer diese Verschwörungen hier. Er belegt nicht die Behauptung, dass der Ton sich gegenüber Frauen verändert hätte im Vergleich zum Ton gegenüber Männern. Apropos, gibt’s eigentlich was neues zu Woody Allen? Und unter „toxisch“ geht ja gar nichts. (Quecksilberathmosphäre z.B. ist tatsächlich toxisch.)

Ja, wenn Lobo, Stokowski et alii sich zusammenmobben, um die Buchübersetzung von Woody Allen zu verhindern (vergeblich), ist das natürlich was völlig anderes. Sie sagen ja nicht, dass sie das tun, weil er hässlich ist oder Jude ist, sie behaupten, er habe ein kleines Kind vergewaltigt. Ansonsten machen sie dasselbe wie eine Affenhorde, die sich zusammenrottet, um einen anderen Affen solange zu schlagen, zu treten und mit Ästen zu bewerfen, bis der freiwillig geht. Also „freiwillig“ jetzt. (Also, es gibt auch rechte Cancel Culture und Affen-Cancel-Culture; dass linke Cancel Culture nicht immer zum Erfolg führt, beweist nicht ihre Nicht-Existenz, sondern nur, dass Linke leider nicht so effektiv sind, wie siegerne wären.)

Schon 1792 schrieb die Frühfeministin Mary Wollstonecraft: »Warum müssen Frauen sich erniedrigen lassen, einen Grad an Respekt von Fremden zu erdulden, der sich völlig unterscheidet den Umgangsformen zwischen Männern, die vom Gebot der Menschlichkeit und Zivilisiertheit geprägt sind?«

Weil das 1792 war. Heute wird von Männern erwartet, sich für Frauen einzusetzen, aber nicht umgekehrt.

Etwa von Gruppierungen wie den Incels, eine englische Abkürzung für »unfreiwillig zölibatär«, die getrieben sind von misogynem Hass und Verschwörungstheorien,

Hmm, hat er gerade Andersdenkenden vorgeworfen, sie seien untervögelt? Ich würde sagen, ja, das hat er.

Aus diesen Zirkeln heraus sind bereits mehrere Attentate vornehmlich auf Frauen verübt worden, mit Dutzenden Toten: ja, es gibt inzwischen netzgeborenen Frauenhass-Terrorismus.

Ja, Attentate hat es gegeben, die Motivation dazu – ich will das nicht „Grund“ nennen – kam aber hauptsächlich aus dem Richtigen Leben. Wobei das Netz mit all seinen Blasen und Echokammern die Sache auch nicht besser macht, aber hey.

Ergänzt aber wird der Frauenhass dieser extremistischen Gruppen durch eine tief sitzende Frauenfeindlichkeit aus der Mitte der Gesellschaft.

Wenn Männer Frauen angreifen – verbal, körperlich, wasauchimmer – gibt es meistens Männer, die diese Frauen verteidigen. Wenn Männer angegriffen werden – egal wie, egal von wem – passiert das nicht. Es gibt dann aber auch keine Frauen, die das tun (außer Dagmar aus meiner Stufe; danke, Dagmar!). Nebenbei, ja, dass „Männer beschützen Frauen“-Klischee, weißer Ritter und so, ist tatsächlich recht mittelalterlich. Nur bedient Lobo dieses Mittelalter-Klischee, um sich als progressiv zu främen.

Wo Abwertungen achselzuckend oder schmunzelnd hingenommen werden, von Leuten, die sonst von ihrer eigenen Moral oder gar ihrem proklamierten Feminismus enorm überzeugt sind.

Ja, genau. Abwertungen von Männern werden speziell von Menschen mit proklamierten Feminismus achselzuckend und schmunzelnd hingenommen, die von ihrer Moral sehr überzeugt sind. Wenn er das doch erkannt hat – wie dumm muss man sich stellen?

Deshalb kann man es als eine Art Fortschritt von geringem Niveau aus betrachten, dass das flächige Ignorieren von Frauenhass jüngst nicht mehr geschah.

Eine Einheit weißer Ritter in Keilformation warf sich mannhaft in die Bresche.

Zwar waren die Haupttreiber der Angriffe auf Lang wahrscheinlich Trolle, die mit ihrer szenetypischen Mischung aus Memes, Hohoho-Humor und Boshaftigkeit versuchen, absichtsvoll zu verletzen.

Achwas? Wenn’s gegen Allen geht, stört ihn Boshaftigkeit doch auch nicht.

Aber – und das zeigt das Ausmaß der Problematik – neben der Trollkampagne gegen Ricarda Lang waren auch viele Reaktionen ganz gewöhnlicher Männer zu beobachten. Offensichtlich emotional sehr mitgenommen durch die Benzinpreisdiskussion, versprühten sie in Kommentarspalten und sozialen Medien ebenfalls Abwertung und Hass auf die junge Grünenpolitikerin.

Woran kann man im Internet sehen, ob jemand ein „ganz gewöhnlicher Mann“ ist? Steht ja nicht in der Twitter-Bio. Oder wenn, würde ich das erstmal nicht glauben. Aber gut, fürs Protokoll, Langs Gewicht sagt jetzt nichts über ihre Benzinpolitik aus.

Nach meiner Einschätzung hat auf Twitter die Zahl der Solidaritätsbekundungen inzwischen die Hass- und Häme-Tweets um den Faktor zehn übertroffen.

Ok, auch hier die Frage nach der Statistik. Aber gut, wenn das stimmt, und ich würde Lobo hier nicht unterstellen, dass er die Tendenz übertreibt – zeigt das doch, dass die Problematik kleiner ist als gedacht, nicht größer.

Genau das ist eines der wichtigsten Mittel, um den frauenfeindlichen Klimawandel in sozialen Medien aufzuhalten

D’oh.

Denn – und das ist leider keine Übertreibung: Frauenhass tötet.

Und demnächst wieder volle Solidarität mit Carolin Emcke. Weil ja noch nie eine Frau an Judenhass gestorben… ach, schon gut.

5 Gedanken zu “Lobo, ey

  1. Wir könnten ja mal festhalten, dass das Internet von Männern gemacht wurde.

    Für Männer.

    Und Frauen einfach rauswerfen.

    Wäre sicher netter, das Internet. Und es gäbe auch keine Incel-Morde; Incels bekommen wahlweise Pickup-Tipps („lass dir man Eier wachsen“) oder die Empfehlung, sich die Kugel zu geben. Beides stört *niemanden*.

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  2. #killallmen -> in Ordnung.
    #killallfeminists als Antwort darauf: Sperre.

    Bin jetzt zu faul die Quellen rauszusuchen, aber erstens – was wohl niemanden hier überraschen wird – sind auch Männer von Cybermobbing betroffen, wobei der nur deshalb nicht als sexistisch gewertet wird, weil der Vorwurf z.B. von „toxischem Judentum Männlichkeit nicht als Sexismus gilt, und zweitens geht die (auch sexistische) Hatespeech gegen Frauen zur Hälfte von anderen Frauen aus.

    Und wer für ein Medium schreibt, demzufolge das größte Problem an Falschbeschuldigung ist, dass sie nicht funktioniert, sollte mal ganz still sein, bevor er Frauenfeindlichkeit anprangert.

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  3. Dass »Frauen in den sozialen Medien« anders kommunizieren als Männer, wie Lobo feststellt, hat nun aber mit den sozialen Medien überhaupt nichts zu tun: sondern damit, dass Frauen eben grundsätzlich anders als Männer kommunizieren – nämlich nicht erst seit es soziale Medien gibt, sondern eben auch im RL und zwar seit es Frauen und Männer gibt, und Frauen und Männer anders sind. Die unterschiedliche »Art zu kommunizieren« von Frauen und Männern, welche Lobo als Phänomen in den sozialen Medien darstellt, ist gar keines sondern vielmehr geschlechtsspezifische Gepflogenheit seit Adam & Eva.

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    1. Lobo wird das möglicherweise so uminterpretieren, dass es schon bei Adam und Eva T-Net-Trolle gab, aber es kann natürlich auch sein, dass man sich mit Abschwächungen wie „Wie seht ihr das?“ angreifbar macht, und man gerade als Frau mehr wie Lobo auftreten sollte, um Anfeindungen zu vermeiden.

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  4. Ich bin mir sicher, Lobo war auch damals schon auf den Frauenhass-Barrikaden, als Christian Ehring Alice Weidel „Nazischlampe“ nannte. Nicht.
    Merke: Frauenhass ist nur dann schlimm, wenn er Frauen aus meinem politischen Lager trifft. Wenn meine linken Kumpels rechte Frauen unter der Gürtellinie angehen, ist das völlig knorke.

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