Ironie geht anders

Ironie ist ist kluges Dummstellen.

Also nicht dummes Dummstellen oder kluges Klugstellen, oder dummes nach Komplimenten fischen, weil man ja so ironisch sei, sondern man tut bspw. so, als hätte man den Denkfehler in einer Argumentation nicht erkannt und führt die bis zu ihrer absurden Konsequenz. Oder man sagt sowas wie: „Wie, man kann keine Steine essen?“

Ironie ist eine wichtige Komponente von Satire. In Hinblick auf die österreichische Islam-Landkarte gab’s z.B. diese Reaktion. Ich bin jetzt mal dreist und behaupte, dass 99% aller Leute, die eine reale Synagogenkarte sähen – ob Antisemit oder Antiantisemit – darin einen Reiseföhrer für die Bundeskristallnacht sehen würden, und sonst gar nichts. Aber das entwertet die Satire nicht.

Und dann gibt es ihn hier.

Normalerweise würde ich da jetzt Sätze einzeln kommentieren, aber ehrlich gesagt, dazu habe ich wenig Bock. Er vergleicht eine Islamkarte mit einer Männerkarte, was eine deutlich weniger naheliegende Analogie ist als eine Karte zum Judentum, und zusätzlich auch weniger passend. Es sei denn, man sieht darin nicht das Problem, Gewalt zu provozieren.

Jedenfalls scheint Nils Pickert davon auszugehen, dass nur Männer diese Islamkarte verteidigen – obwohl die zuständige Ministerin eine Frau ist, soweit ich das von weitem beurteilen kann – und dass diese Männer keine Empathie oder sonstigen intellektuellen Fähigkeiten haben, und deshalb auf Satire Marke Nils angewiesen seien. Was ist mit Frauen, die die Islamkarte für eine tolle Sache halten und eine „Männerkarte“ genauso gut fänden? Die würden bei dieser Satire die Schultern zucken oder sagen: „Entweder alle oder keiner. Also ALLE!“

Der andere Grund, warum diese Satire nicht halb so scharfsinnig oder bissig ist, wie er sich das wohlmöglich einbildet, ist der Umstand, dass es überhaupt nicht ironisch oder selbstironisch klingt, wenn er schreibt:

Selbstverständlich geht es mir „nicht um einen Generalverdacht gegen Männer, sondern um den gemeinsamen Kampf gegen die politische Männlichkeit als Nährboden für Extremismus“.

Ich habe durchaus den Eindruck, dass es ihm um beides geht, aber er will, dass seine Leser den „Generalverdacht“ für Selbstironie halten, obwohl er durchaus einen Generalverdacht hat.

Die „gefährliche Entwicklung der politischen Männlichkeit in den Hinterhöfen“ sollten wir uns schon genauer anschauen.

Welche Enwicklung von Männlichkeit – politisch oder sonstwie – hat er je für harmlos gehalten? Außer seiner eigenen?

Schließlich muss „Transparenz geschaffen und die Trennlinie zwischen Männlichkeit als Geschlecht und politischer Männlichkeit gezogen werden„.

Ich bin mir nicht ganz schlüssig, ob er die Wahrheit jetzt als Selbstironie tarnen will oder ob er einfach nicht erkennt, dass er „Männlichkeit“ genauso kritisiert wie andere „Islam“. Das soll islamophobe Politiker bloßstellen, wovon es etliche gibt, aber es stellt ihn selbst bloß, weil sich seine ironische Pose nicht von seiner sonstigen Pose unterscheidet.

PS: Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Text einfach so stehen lasse.

Pickert überlegt. Man kann ihm nur wünschen, sich dabei keinen Knoten ins Gehirn zu machen.

 Ihn also nicht breche, nicht kommentiere, nicht aufweiche.

Ja, nicht den Witz erklären. Aber er hält sich für soviel klüger als sein Publikum, dass er ihm das nicht zutraut.

Es hat mir in den Fingern gejuckt, genau das zu tun und einfach zu sehen, was passiert.

Mit ein bisschen „Theory of Mind“ wäre ihm klar, dass man Probleme hätte zu erkennen, was er damit sagen wollte. Die Wetten wären 50:50 zwischen „Weil Ihr keine Männerkarte wollt, sollt Ihr auch keine Islamkarte wollen.“ und „Weil Ihr eine Islamkarte habt, muss es auch eine Männerkarte geben.“

 Es tut mir leid.

Das glaube ich ihm nicht. Ich habe tatsächlich auch Zweifel, dass ihm die Islamkarte leid tut. Irgendwelchen positiven Aussagen über Moslems sind mir bis dato von ihm nicht aufgefallen. Insofern klingt das wie ein als Ironie getarnter „Ich will eine Männerkarte, weil: die aber auch!“

Die Mehrheit der österreichischen Männer sind friedliche Menschen

Die deutschen Männer aber nicht, oder wie?

Sie verdienen es nicht, über eine Karte mit Männern assoziiert zu werden, die mit ihrem sexistischen Verhalten die Gesellschaft vergiften und/oder ihren Mitmenschen Gewalt antun.

Pickert ist immer ganz vorne mit dabei, wenn es darum geht, Männern die Verantwortung für andere Männer zuzuweisen, hier, hier, und hier. Ach, und noch viel mehr. Ja, ich werde auch ohne Karte von Pickert mit sexistischen Verhalten assoziiert. Kein Mensch ist toxisch!

Es ist nicht fair, Männer in Geschlechtshaft zu nehmen.

DANN LASS ES DOCH!

Es ist politisch unklug, es ist ignorant und es löst nicht einmal ansatzweise das reale Problem von toxischer Männlichkeit.

Unklug und ignorant auf jeden Fall, aber Menschen sind nicht toxisch.

Also problematische, gewalttätige Männlichkeitsvorstellungen, die Jungen und Männer adaptieren, weil sie glauben, so ihre Geschlechtsidentität belegen zu können.

Tja, wenn ihnen das Erfolg bei Frauen verschafft, waren die Vorstellungen ja gar nicht so falsch. Wenn diese Vorstellungen keinen Erfolg bei Frauen verschaffen, würden sie sie ganz schnell abschaffen.

 Ersetzen Sie in meiner Entschuldigung einfach mal den Begriff „Männer“ durch „Menschen muslimischen Glaubens“.

Ja, Pickerts Publikum besteht aus Leuten, die er für Idioten hält. Sonst müsste er das jetzt nicht auch noch erklären. Natürlich denkt „jeder“ im Publikum, er selbst sei nicht gemeint, sondern die anderen. Aber naja, von Pickert nicht für einen Idioten gehalten werden ist jetzt auch nicht gerade etwas, für das man sich was kaufen kann.

Wenn Sie dann immer noch nicht das Problem mit der Islam-Landkarte sehen, ist Ihnen nicht zu helfen.

Das mag wohl so sein. Andereseits – man ersetze mal in einem random Pickert-Text „Männer“ mit [willkürlich ausgewählte Minderheit, für die man Sympathie empfindet].

2 Gedanken zu “Ironie geht anders

  1. „Das mag wohl so sein. Andereseits – man ersetze mal in einem random Pickert-Text „Männer“ mit [willkürlich ausgewählte Minderheit, für die man Sympathie empfindet]“

    Das ist der entscheidende Punkt. Diese unglaubliche Arroganz, sich über den Splitter im Auge der Anderen zu empören und gleichzeitig den Balken im eigenen Gesicht zu übersehen….

    Gefällt 2 Personen

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