Angriff der Mutanten

Hachja.

Warum „indische Mutante“ kein guter Begriff ist

Weil der suggeriert, dass diese Mutante nur oder fast nur in Indien vorkäme, in Deutschland aber nicht, und deshalb die Sache verharmlost.

Die indische Regierung hat Onlinemedien im Land angewiesen, für die Coronavirus-Mutante B.1.617 nicht den Begriff „indische Variante“ zu verwenden.

Nun, Indien wäre das einzige Land auf der Welt, wo „indische Variante“ keine Verharmlosung ist. Insofern betreiben die Verharmlosung. Nebenbei, darf eine Regierung Medien vorschreiben, wie die Sachen nennen sollen? Wenn ja, dann möchte ich, dass in D. „frisch geteert“ verboten wird. Wie das Zeug selbst. Außer in Zigaretten, aber das ist ja Bio-Teer.

Zu Recht, meint Kolumnistin Samira El Ouassil – und findet, dass „britische Variante“ dennoch geht.

DAS ist rassistisch. Entweder alle oder keiner.

Begründet wurde dies unter anderem damit, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO die Variante B.1.617 nicht mit einem bestimmten Land in Verbindung brächte.

Ok, bleibt es dann bei „B.1.617“? Journalisten hassen uneinprägsame Schlagzeilen.

Immerhin wurde diese Mutante doch zuerst in Indien entdeckt. Warum sollte man sie nicht so nennen?

Und vor allem, hat die indische Regierung mal vom Streisand-Effekt gehört?

Natürlich wissen wir mittlerweile, dass solche regionalen Zuschreibungen in einer Pandemie unweigerlich Ressentiments schüren. Im vergangenen Jahr sprach der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten vom vermeintlichen „China-Virus“ und von der „Kung Flu“.

Ja, Scheiß-Amis ey! Ich spüre geradezu, wie meine Ressentiments gegen die USA wieder stärker werden.

In Anbetracht des aufflammenden antiasiatischen Rassismus war es geboten, solch ein landesspezifisches Framing des Erregers, der keine nationalen Grenzen kennt, zu verhindern.

Einige werden jetzt sagen: dann sind die nationalen Grenzen eben nicht dicht genug. Es gibt keinen Rassismus gegen Chinesen. Chinesen werden nicht unterdrückt, außer höchstens von anderen Chinesen. China ist seit grauster Vorzeit imperialistisch gewesen. Alle Argumente, warum es keinen Rassismus gegen Weiße gibt, treffen auch auf Chinesen zu.

Und warum macht es einen Unterschied, ob man vom „chinesischen Virus“ oder von der „britischen Mutante“ spricht?

Weil die Inder die Briten aus Gründen hassen, die irgendwas mit Imperialismus zu tun haben? Nur so als Idee.

Nun – dass die eine Formulierung für manche Menschen gefährlich sein kann und für andere nicht, liegt daran, wie Rassismus historisch betrachtet, aber auch praktisch im Alltag funktioniert.

Eigentlich ist das nur eine andere Art zu sagen: „Inder werden für ihre Vergangenheit als Kolonie entschädigt, dass man eine Virus-Variante nicht nach ihrem Land benennt, Briten werden für ihre kolonialistische Vergangenheit bestraft, indem man das tut.“

Denn Menschen können asiatisch gelesen werden und werden aufgrund ihrer äußerlichen Merkmale rassistisch diskriminiert.

Achnee?

Jemanden jedoch rein phänotypisch als „britisch“ zu lesen und ihn deshalb zu diskriminieren – das ist schwer möglich.

Ich erkenne ihn anhand seines Namens und seines Akzentes – wenn er nicht sehr gut deutsch spricht – als Briten. Oder an seinem Auto. Wenn ich Briten – oder Franzosen, Belgier, Holländer und dergleichen mehr – diskriminieren will, ist es vllt. etwas schwerer, sie im Alltag zu finden, aber keinesfalls unmöglich.

Für die indische Regierung hängen damit aber mutmaßlich auch weitere politische Interessen zusammen: denn mit dieser Mutante ist auch ein mögliches Scheitern der Pandemie-Politik verbunden

Wohingegen Großbrittanniens Premier ja geimpft ist, wie ich hörte.

Wie wichtig der Zusammenhang von Erfolg oder Misserfolg mit der Nennung des eigenen Landes oder des eigenen Namens in der politischen Kommunikation ist

…hat Otto mal erklärt: Jamaica ist klingt besser als Nicaragua, Fiesland heißt heute aus Imagegründen Friesland, und – wie ich hinzufügen möchte – die alten Römer haben Malevent in das heutige Benevent umbenannt. „So einen Unglücksnamen wollen wir nicht kolonialisieren!“ – „Ja, dann lasst es doch!“ – „Schnauze!“

Framing durch Assoziation wirkt.

Auf Trottel, die darauf reinfallen. Aber ja, Briten soll man mit Krankheiten assoziieren, Inder nicht. Schon klar.

Ein Gedanke zu “Angriff der Mutanten

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