Sophie aus Kassel II

Und weiter geht’s:

Was in den Kommentaren unter meinem Einwand auch schnell klar wird: Viele Nutzer:innen können nicht unterscheiden, dass Kritik am Projekt und das Einstreuen von Kontext, nicht automatisch Kritik an der historischen Person Sophie Scholl ist.

Oder, das Kritik am Projekt nicht automatisch Kritik am Publikum ist. HIER bin ich tatsächlich bei der Nutzerschaft: Die Kritik, dass Sophies Liebesleben mit einem scheinbar von ihr selbst gezeichneten Bild und einem scheinbar von ihr selbst geprägten Motto kommentiert wurde, ist ganz klar Kritik an dem Projekt. Die Kritik, dass eine Frau Sex hat, obwohl sie grundsätzlich von den stattfindenden Verbrechen der Nazis weiß, ist Kritik an der Frau.

Sie verteidigen ihre Sophie, ihre Heldin und beschweren sich über die Kritik. Man wolle doch hier einfach nur das Leben dieser beeindruckenden Frau verfolgen!

Ja, wie gesagt, Heldenverehrung ist nicht per se etwas gutes. Aber wenn man etwas sehr hart kritisiert, kritisiert man indirekt auch alle, die den Mist auch noch toll finden.

Fakten und historische Kontexte werden da anscheinend als störend empfunden.

Es ist keine valide Verteidigung, wenn man sagt, Scholl hätte „von nichts gewusst“. Es ist eine valide Verteidigung, wenn man sagt, dass Sophie Scholl nicht Jean d’Arc sei und daher Sex haben durfte.

Unter dem Post, in dem es um die Vorgeschichte von Sophie Scholl beim Bund Deutscher Mädel (BDM) geht, ist gar zu lesen: „Jeder macht mal Fehler“ oder „Wir verzeihen dir“.

Okeee. Ich habe mich bei Tante Wiki schlau gemacht. Einerseits gab es zu Nazizeit einen starken Druck, bei den NS-Jugendorganisationen mitzumachen, und die kleine Sophie war zwölf, als sie da eingetreten ist, aber andererseits hat sie das entgegen den Wünschen ihrer Eltern gemacht und wurde Scharführerin. Ist also mehr als „musste man halt“ machen und normales Mitläufertum. Andererseits hat sie trotzdem die Selbstständigkeit gehabt zu sagen: „Damit ist jetzt Schluss!“

Das Gefühl macht sich breit, dass damit vor allem den eigenen Großeltern verziehen werden soll.

Was jetzt so oder so nicht funktioniert. Wenn man selbst ein BDM-Mädel oder Hitlerjunge geworden wäre, ist es völlig Latte, ob man den Großeltern das vergibt. Aber gut, daran könnte die Heftigkeit manche Reaktionen liegen.

Viele kommentieren, man könne sich durch diese Darstellung Sophie Scholl so gut als Freundin vorstellen. Ein Effekt, der durchaus von den Macher:innen gewünscht ist.

Ja, so, wie man sich einen Fußballer als Freund vorstellt? Eine Sängerin als Freundin? George aus Fünf Freunde?

Dabei war die historische Sophie Scholl eher das, was wir heute eine Außenseiterin nennen würden.

Nein. War sie nicht. ICH bin Außenseiter. ICH wäre kein besonders guter Widerstandskämpfer, schon weil ich kaum vernetzt bin. Ich kann kaum jemanden trauen. Ich wäre auch kein besonders guter Hitlerjunge, aber hauptsächlich aus Unfähigkeit, mich mit anderen als anderen Außenseitern anzufreunden. Sophie ist Scharführerin und ergreift dem sozialen Beruf einer Kindergärtnerin. Das ist keine Außenseiterbiographie. Da weiß jemand einfach nicht, was Außenseiter sind.

Sie stand am Ende auch außerhalb des NS-Systems – und damit außerhalb der vielbeschworenen, nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Eine Entscheidung, die sie ganz bewusst getroffen hat. Aus Überzeugung.

Jaaaaa. Außenseiter treffen nicht die „Entscheidung“, Außenseiter zu sein. Sie treffen höchstens irgendwann die Entscheidung, sich keine Mühe mehr zu geben, was anderes zu sein. Hüstel. Ich möchte weiterhin darauf hinweisen, dass es ein Unterschied wäre, mit „Sophie befreundet“ zu sein, oder „Sophies Freundin“. „Befreundet“ heißt, sie redet nicht über ihre Widerstandsgruppe, weil sie sich nicht auf Verschwiegenheit verlassen kann. „Freundin“ heißt, sie redet nicht über ihre Widerstandgruppe, um die Freundin nicht zu gefährden.

Es ist hoch fraglich, ob all diese Nutzer:innen, die sich mit ihr identifizieren wollen, tatsächlich gerne die Freund:innen der historischen Sophie gewesen wären.

Wen schert’s? Oder anders gefragt – wäre es besser, wenn die Nutzerinnen und Nutzer NICHT mit Sophie Scholl befreundet sein wollten? Warum? Wofür? Was?

Denn – machen wir uns nichts vor – die allermeisten von uns wären eben nicht Sophie Scholl oder die Mitglieder der Weißen Rose gewesen.

Die allermeisten von uns wissen mangels eigener Erfahrung nicht, wie sie sich verhalten würden. Ich bin sehr dafür, gar nicht erst eine Situation entstehen zu lassen, in der die eigene Opferbereitschaft getestet wird, aber lieber eine Nutzerin, die gerne Sophies Freundin wäre, als 100.000 Fatalisten wie Hespers. Oder 80 Millionen davon.

Die allermeisten von uns wären Teil des Systems gewesen, das für ihren Mord mit verantwortlich ist. Und das nimmt mich nicht aus.

Ich wäre in allen Systemen Außenseiter. Feiert mich. Ehrlich gesagt, eine Möchtegernfreundin, die aber dann doch dem System nachgibt, wäre mir immer noch lieber als jemand, der mein Liebesleben kritisiert, weil ich mit einem Wehrmachtsoffizier schlafe…

Von der Verharmlosung der Rolle ihres Freundes Fritz, der als Offizier bei der Wehrmacht in Russland an der Front kämpft, will ich gar nicht erst anfangen.

Auch hier sagt Tante Wiki, dass der zumindest ok war. Er hat aus seiner Erfahrung mit Sophie, den Nazis und dem Krieg die Lehre gezogen, später die Friedensbewegung zu unterstützen. Wenn man sich realistische Ziele geben will, wäre Fritz vllt. das bessere Vorbild als Sophie.

Denn es braucht auch Kenntnis der Kontexte und historischen Hintergründe, um im Sinne Sophie Scholls mit Nutzer:innen zu interagieren. Wie wichtig das ist, zeigt sich an einem Post vom 24. Mai: „Sophie Scholl“ beschwert sich darüber, dass ihr Bruder sie übermäßig beschützt. Sie habe während ihrer Ausbildung schon zehn Säuglinge gleichzeitig betreut – „da war ich 19!“, empört sie sich.

Es geht hier um den Kontext, dass Kinderbetreuung zur Nazizeit nicht so intensiv war wie heute, so dass man das nicht gut vergleichen kann. Andererseits geht es tatsächlich nur am Rande um „Kindererziehung zur Nazizeit“, sondern um „Sophie Scholl und wie sie die Welt sah“. Und würde eine junge Frau, die von ihrem beschützerischen Bruder genervt ist, auf die Verantwortung verweisen, die andere als er ihr zutrauen? Auf jeden Fall! Man mag den Rollenspielaspekt blöd finden, aber vom Rollenspielaspekt ist das die richtige Antwort.

Vor diesem Hintergrund ist die Antwort von „Sophie Scholl“ grob fahrlässig. Sie vermittelt schlicht ein falsches Bild der Zeit.

Ok, solche Nebendetails kommen falsch rüber, für das Gesamtbild ist dieses Format aber trotzdem nicht gedacht. Wobei das Format aber vllt. auch falsch kommuniziert wurde.

Ist das Projekt also gescheitert? Auf keinen Fall.

Tja. Dann ist ja gut.

2 Gedanken zu “Sophie aus Kassel II

  1. „ICH bin Außenseiter. ICH wäre kein besonders guter Widerstandskämpfer, schon weil ich kaum vernetzt bin. Ich kann kaum jemanden trauen.“

    Da bin ich anderer Meinung. Dein Blogtitel, dein Nick Mycroft, der Stil deiner Beiträge, das alles zeugt von Intelligenz und Bildung. Dann hast du noch ein gewisses technisches Verständnis (Ingenieur) und die Fähigkeit eigene Projekte durchzuziehen (Selbstständiger).
    Für einen zweiten Georg Elser vollkommen ausreichend.

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