Sophie aus Kassel I

Ich bin nicht bei Insta.

Und ich glaube, damit fange ich gar nicht erst an.

Twitter reicht mir.

Erst recht, nachdem ich DAS gelesen habe.

Wo anfangen? Also, ich halte nach dem Lesen dieses Artikels das Projekt für sehr fragwürdig, und frage mich, ob man mein Geld nicht anderswo besser verbraten könne. Allerdings finde ich die Kritik daran in Teilen auch etwas abwegig, und da schlechte Argumente gute Argumente für die Gegenseite sind, hier mein Arrgs:

Die echte Sophie Scholl wurde am 22. Februar 1943 vom NS-Regime hingerichtet. Gemeinsam mit ihrem Bruder Hans und vielen weiteren Mitgliedern der Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“.

Und das ist halt der Hauptunterschied zur Jana. Jana hat nicht ansatzweise zu befürchten, vom Hausmeister verraten zu werden. Jana wird nicht verhaftet werden, erschossen werden, unter unklaren Bedingungen sterben oder irgendetwas, was Regimekritikern bei den Nazis oder anderen Diktaturen andauernd passiert. Insofern ist es schön, dass diese Unterschiede mal dargestellt werden. Meinetwegen auch bei Insta. Allerdings würde man seine Regimekritik nicht bei Insta verbreiten. Entweder, es ist keine Diktatur, dann sollte man es auch nicht so nennen, oder es ist doch eine, dann sollte man sie erst recht nicht so nennen, jedenfall nicht mit Selfie und unter Klarnamen. Flugblätter sind da schon besser. Jedenfalls ist der rein technische Vorsprung durch Smartphones nicht der Hauptanachronismus.

Die Einstellungen sind nah, häufig wirkt es, als würden die Schauspieler:innen selbst filmen. Mit einem Smartphone, das 1942 selbstverständlich noch nicht erfunden war. Fiktion eben.

Die Schauspielerinnen und -spieler, ja. Das Gegender ist weiter unten nochmal richtig daneben. Aber jetzt könnte man auch wohlwollend sagen, dass die Existenz solche Anachronismen die Fiktion betont und klarmacht, dass das keine perfektionistische Rekonstruktion sein kann. Andererseits – Wohlwollen ist für Weicheier!

Die User:innen sollen „emotional, radikal subjektiv und in nachempfundener Echtzeit an den letzten zehn Monaten ihres Lebens teilhaben.“

Ja, man kuckt aus der gemütlichen Sicherheit des eigenen Wohnzimmers anderen beim Sterben zu. Wie in Titanic.

Interaktion mit Nutzer:innen ist wesentlicher Bestandteil. Die können „Sophie Scholl“ zum Beispiel Fragen stellen – oder sie per Abstimmung in Liebesdingen beraten.

Warum eigentlich nicht gleich ein Computerspiel? Man ist ein Mensch um die Zwanzig zur Nazi-Zeit, hat Entscheidungen zu treffen, und am Ende stirbt man entweder im Widerstand oder als Nazi.

Gerichtet ist das Projekt vor allem an junge Frauen, sagt Redaktionsleiter Ulrich Hermann vom SWR.

Ist das eigentlich schon Sexismus? Ich frage für die rosa-blau-Falle.

Das heißt, es werden mögliche Nutzerinnen imaginiert, und auf dieser Grundlage entstehen dann Storyboard und Nutzungsszenarien.

Ja, gut, dass ich nicht die Zielgruppe bin.

Darüber, welche Rolle Sophie Scholl in der Erzählung über den deutschen Widerstand spielt und warum das durchaus problematisch ist, hat sich der Autor Max Czollek bereits ausführlich auf Twitter geäußert – und in einem Artikel für die WOZ.

Nein, Sophie Scholl ist keine deutsche Anne Frank. Anne Frank ist die deutsche Anne Frank. Wenn die Nazis der Ansicht waren, dass sie keine Deutsche waren, spricht das hauptsächlich gegen die Nazis. Aber dessenungeachtet ist eine überzogene Verehrung und Verklärung eher nicht Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Heldenkult war übrigens bei den Nazis sehr beliebt.

Der größte Widerspruch: Einen ungefilterten Blick zu bekommen in eine fiktionalisierte Figur. Über die Plattform Instagram, die quasi von Filtern lebt.

Ja, eigentlich würde es reichen, Tagebuch und Briefe zu veröffentlichen, meinetwegen mit den Antworten. Hauptproblem ist eigentlich die Frage, ob das eine Doku sein soll oder ein Drama? Ein Film bei Aktenzeichen xy bspw. hat sicher eine gewisse Dramaturgie, dient aber dazu, reale Sachverhalte möglichst gut wiederzugeben.

Sie zensierte sich dabei auch selbst: Als sie in ihrem Tagebuch im August 1942 von Alexander „Schurik“ Schmorell schwärmte, dem Studienfreund ihres Bruders Hans und Mitgründer der Weißen Rose, schrieb sie: „Eben habe ich eine Seite aus dem Heft gerissen, weil sie von Schurik handelte“.1)

Ist das dann schon Zensur? Wobei natürlich interessant wäre zu erfahren, wie sie über einen Mitwiderstandskämpfer dachte. Aber wenn sie einfach genau das nie aufgeschrieben hätte, wäre das dann „Gedankenzensur“? Oder angenommen, sie hätte irgendeinen Flugblattbeitrag stark überarbeitet, wäre das Zensur? Ich sehe das Argument, dass man auch per Tagebuch nicht ALLES über eine Person erfährt, aber hier wird ein Anspruch gestellt, denn der Werbe-Pitch so eventuell nicht meinte.

Was wir bei „Ich bin Sophie Scholl“ bekommen, ist nicht Sophie Scholl. Es ist ein Produkt. Ein sehr gut gemachtes Produkt wohlgemerkt. Aber es ist alles andere als ungefiltert.

Eventuelle meinen die „ungefiltert durch pädagogische und quellenkritische Randbemerkungen“. Ob das wünschenswert ist oder erreicht wurde, ist noch eine andere Frage. Aber hey, Smartphones zur Nazizeit!

Ein weiterer Filter in diesem Produkt ist das Community Management. Es verstärkt positive Kommentare, bedankt sich artig für jeden Zuspruch – und ist bei Kritik zurückhaltender. Es hat noch eine weitere wichtige Aufgabe: Es soll die Figur Sophie Scholl auch in den Kommentaren transportieren.

Ok, ab HIER wird’s richtig schwierig. Wenn die Grenzen zwischen Doku und Fiktion verschwimmen, ordnet man die immer größer werdende Grauzone der Doku zu oder der Fiktion?

Es ist ein Post vom 18. Mai 2021, der mich das erste Mal dazu bringt, selbst etwas in die Kommentare zu schreiben. Zu sehen ist die Zeichnung eines Liebespaars. Er auf einem Stuhl, sie rittlings auf ihm, innig umschlungen. Dazu der Text: Liebe machen statt Krieg.

Das ist übrigens ab 18. Und ja, das Ding ist eigentlich auch der Punkt, wo ich raus bin. Die Zeichnung ist nicht von Scholl, der Spruch wird rund ein Viertel Jahrhundert später auftauchen, in einer anderes Sprache, und das ist alles SO unhistorisch, dass mich das einfach rausreißt; und zwar sowohl aus der Doku als auch aus der Fiktion. Und sich selbst beim Sex zu zeichnen, war wohl „out-of-character“ für Sophie Scholl, wie man bei fiktiven Figuren sagen würde. Weil diese Zeichnung sie frivoler zeichnet, als sie diversen echten Quellen zufolge wohl war. Mal abgesehen davon, dass viele Leute etwas dagegen haben, wenn man Bilder wie sie Sex haben, in der Öffentlichkeit verbreiten, unabhängig davon, ob der Sex stattfand oder nicht. Aber was macht Hespers daraus?

Darunter eine Caption, in der Sophie Scholl ihre Zerrissenheit beschreibt zwischen dieser süßen Annäherung und ihrer Ablehnung der Berufstätigkeit ihres Freundes Fritz,

Diese Zerrissienheit – im Deutschuntericht nannte man das „Pflicht und Neigung“ – scheint sie ja tatsächlich empfunden zu haben. Nebenbei wäre es schwer gewesen, Typen kennenzulernen, die mit dem Naziregime nichts zu tun hatten, weil ALLE etwas damit zu tun hatten.

dem Berufssoldaten bei der Wehrmacht, der gerade auf Heimaturlaub ist: vom Krieg, den Deutschland im Mai 1942 fast überall in Europa führt.

Ja, für jemand, der wenig später wegen „Wehrkraftzersetzung“ hingerichtet wird, ist das schon sehr viel  „moralische“ „Unterstützung“.

Ein Krieg, über den wir im Account nichts erfahren.

Ähh, was? Der Krieg kommt nicht vor? Oder erfahren „wir“ bloß keine Details? Hans Scholl war an der Front, was ihn offenbar sehr bestärkt hat, dagegen zu sein.

Was wir auch nicht erfahren: Ist die Zeichnung ein Original von Sophie Scholl? Ist der Text darunter ein Zitat aus einem ihrer Briefe?

Tja, weder noch, und das, was ich tatsächlich für das Hauptproblem daran halte, nämlich, dass damit die ganze Prämisse – „wir“ lernen Sophie Scholl so gut kennen wie möglich – in rauchenden Trümmern liegt, ist hier ein „auch“. Aka: ferner liefen.

Auf die Frage, warum das nicht schon im Post selbst kenntlich gemacht wird, …: Zu viele Informationen im Post würden stören.

Dann lasst das Bild halt GANZ weg, und den Spruch, und alles, was Ihr nicht belegen könnt. Journalismus, ey. Muss man den studieren?

Auf die Frage nach den fehlenden Quellenangaben in den Posts selbst gibt Historikerin Maren Gottschalk zu verstehen, dass Fußnoten junge Follower:innen eher abschrecken würden:

Das ist nicht ganz dasselbe wie „stören“. Der Punkt ist aber, einfach nichts zu liefern, für das man Fußnoten bräuchte. Nebenbei kenne ich historische Romane mit Nachwörtern, in denen Fakten und Fiktionen auseinanderklamüsert werden. Irgendwo sollte es stehen.

Das Argument steht auf tönernen Füßen. Beste Gegenbeweise: Die Kanäle von Rezo oder der Chemikerin Mai Thi Nguyen-Kim

Fairerweise muss man sagen, dass die auch keine immersiven Realismus erzeugen wollen, sondern Fakten möglichst gut belegen. Andrerseits, wie gesagt, bringt bloß nur Fakten.

Sophie Scholl hat dagegen nachweislich vor allem wegen religiöser Zweifel mit ihrer Leiblichkeit und Lust gehadert2) – aber Religion auf Instagram? Wie unsexy.

Jaaaa. Das wohl auch.

Ich fühle mich also das erste Mal genötigt, Kontext einzustreuen und verweise darauf, dass zeitgleich zum Liebesakt zwischen Sophie und ihrem Franz…

Fritz. Sophie Franz heißt Fritz.

…überall in Europa Millionen Jüdinnen und Juden deportiert, in Lager gepfercht und vergast werden.

Und deshalb…?

Sex scheinen die beiden wohl gehabt zu haben. Insofern ist die Zeichnung nicht völlig falsch. Außerdem, wenn man wegen des Holocaust abstinent lebt, müsste man Rauchen und Alkohol auch kritisieren. Und Fleisch. Und überhaupt – was genau ist der Vorwurf?

Was folgt, sind entrüstete Antworten von Nutzer:innen: Das hätte Sophie doch damals – also im Frühjahr 1942 – gar nicht wissen können!

Genau, Sophie und Co. haben ja bekanntlich einfach so rebelliert. Aus antiautoritären Überschwang „Scheiß-Fascho-Diktatur“ gebrüllt und leider zu spät festgestellt, dass sie tatsächlich in einer Scheiß-Faschismus-Diktatur lebten. Nie wieder Verschissmuss! D’oh.

Das Narrativ der Großelterngeneration, das sich danach massenhaft im Account verbreitet. Sie, die historische Sophie, habe ja nichts gewusst. Dieses Narrativ ist längst widerlegt, wie auch die Historikerin Sandra Franz im Gespräch mit dem DLF ausführt. Sophie Scholl hat 1938 in Ulm gelebt, während dort die Novemberpogrome stattfanden, über die auch in der Presse berichtet wurde.3)

Ähh, ja. Die Novemberprogrome. Eigentlich hat sie wohl ihre eigenen Flugblätter gelesen, von denen eines explizit vom Mord an den polnischen Juden berichtete. Von daher: ja, sie hat zumindest von mehr als „nichts“ gewusst. Zu Ihrer Verteidung: 1942 wurde sie gerade wahlmündig, zu einem Zeitpunkt also, an dem sie an der Urne absolut nichts mehr hätte ändern können.

Auch im Account selbst gab es bereits einen Hinweis darauf, dass auch die Insta-„Sophie Scholl“ etwas mitbekommen hat:

Nein. Ehrlich? Das angehende Mitglied einer Widerstandsgruppe erfährt etwas von dem, dem es widerstehen will? Ist das nicht eine viel wichtigere Information als die Stellung, mit der sie mal Sex hatte?

Und vor wenigen Tagen gab es eine Konversation mit ihrem Fritz, der sie fragte: „Bist du dir darüber im Klaren, dass es dir den Kopf kosten kann?“ – „Ja, ich bin mir darüber im Klaren“, antwortete sie ernst.4

Ok, dass „nichts gewusst haben“-Ding ist wohl mehr beim Publikum als im Projekt vertreten, aber trotzdem verstehe ich diese Kritik nicht. Wenn die Beziehung zu Fritz sexuell war, dann ist die Aussage, dass sie es war, alleine nicht falsch. Und wenn man (also Hespers oder die Apologeten) das als anrüchig betrachten, nungut, dann war Sophie Scholl leider anrüchig, weil sie während der Schrecken der Naziherrschaft, die sie bekämpfen wollte, keinen Enthaltsamkeitseid geleistet hat. Oder das jedenfalls nicht durchhielt. Euer Ernst?

Sie hat die Weiße Rose weder gegründet noch war sie maßgeblich an ihrem Aufbau beteiligt. Sie kam durch freundschaftliche und familiäre Beziehungen in den Kreis. Das soll ihre Entschlossenheit und radikale Konsequenz im Kampf gegen den NS nicht schmälern. Aber Vorreiter:innen, Galionsfiguren, das waren andere.

Ok. Welche andere weiblichen Mitglieder waren MEHR Vorreiterinnen als Sophie Scholl? Es müssen ja mindestens zwei sein, wenn man „Vorreiter:innen“ zu „Vorreiterinnen und -reitern“ auflöst, stimmt’s? Ansonsten ist „Gallionsfigur“ bei einer Geheimorganisation eher kontraproduktiv.

An der Stelle könnte man sich im Übrigen auch fragen, warum ihr Bruder Hans nicht ähnliche Aufmerksamkeit…

Weil Mädchen mehr Mitleid farmen als Jungens, vielleicht?

Historiker:innen sind sich inzwischen einig, dass Hans Scholl bi- oder homosexuell war.

Inzwischen? Also in den 60ern z.B. noch nicht?

Bereits am 14. Dezember 1937 wurde Hans Scholl nach einer Strafanzeige nach §175 verhaftet…

In der Nazizeit. Ok, kann ja sein, dass er schwul war, aber wenn Nazis einen festnehmen hat das nicht notwendigerweise damit zu tun, dass man die jeweilige Sache auch gemacht hat.

Das Gesetz war, in modifizierter Form, bis zum 11. Juni 1994 in Kraft. Schon deshalb konnte Hans Scholls Geschichte in der Bundesrepublik nicht richtig gewürdigt werden.

Das mag sein, andererseits hey! Männer kämpfen für die Sache und sterben dafür: „Er hat seine Pflicht erfüllt.“ Frauen kämpfen für die Sache und sterben dafür: „Oh nein, wie schrecklich!“

Morgen mehr.

Ein Gedanke zu “Sophie aus Kassel I

  1. Ihr Bruder Hans war übrigens dagegen, dass Sophie Mitglied wurde. Weil zu gefährlich. Er hat Recht behalten.

    Ansonsten lässt sich festhalten, dass der Widerstand gegen das dritte Reich umso stärker ausfällt, umso länger es her ist. Und wie stolz sie sind! Ja! Wir wären gegen Hitler gewesen! Ich persönlich bin mir da nicht so sicher. Vielleicht wäre ich begeistertes Mitglied der HJ gewesen. Denn diejenigen, die mir hätten sagen können, dass das falsch sei, wären tot und hingerichtet. Gecancelt next level.

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