Merkbefreit im 21. Jahrhundert

Latürnich er hier.

Nils Pickert verbreitet ein Narrativ.

Das Narrativ hat drei Teile:

  1. „Männlichkeit“ ist eine willkürliche Sammlung von Eigenschaften, die nichts miteinander, mit dem Geschlecht, oder sonst irgendetwas zu tun haben.
  2. Diese Sammlung wurde von einigen Männern entwickelt, um alle anderen Männer, denen diese Eigenschaften  ganz oder teilweise fehlen, zu schikanieren, demütigen und unterdrücken.
  3. Nils Pickert und andere Feministen wollen Männer von dieser Last befreien.

Kann sein, dass er selbst das etwas anders darstellt, aber das ist das, was aus seinen Erklärungen am ehsten herleitbar ist.

Damals, in den Jahren v. C. (vor Corona), als ich zu Vorträgen, Schulungen und Fortbildungen tatsächlich noch irgendwo hin gereist bin, um physisch präsent zu sein, habe ich diese häufig mit einer Selbstbeschreibung begonnen.

Weil Selbstbeschreibungen immer völlig unvoreingenommen und objektiv sind, muss man das einfach mal so zur Kenntnis nehmen. Jedenfalls stellt er eine vermeintlich willkürliche Sammlung von Eigenschaften eine andere willkürliche Sammlung gegenüber. Nun ist es aber so, dass die Eigenschaften, die man unter „Männlichkeit“ bündelt, nicht willkürlich sind. Es sind Eigenschaften, die in historischen Situationen als „nützlich“ galten, die es teilweise heute so nicht mehr gibt, so dass deren Nützlichkeit evt. nicht mehr gegeben ist, aber sie sind nicht willkürlich.

Einerseits um das Eis zu brechen und mich vorzustellen

Jaaaa, ne. Ich habe schon den Eindruck, dass er sich da ins gute Licht rücken will.

andererseits um insbesondere den anwesenden Männern zu verdeutlichen, dass Geschlecht nur eine Kategorie von vielen ist, über die Gemeinsamkeiten oder Unterschiede hergestellt werden.

Ja, aber nein. Ja, man kann viele Gemeinsamkeiten und Unterschiede haben, aber nein, Männlichkeit dient nicht dazu, Gemeinsamkeiten herzustellen. „Männlichkeit“ sind all die Eigenschaften, die Männer betonen, trainieren oder sonstwie kultivieren, um auf Frauen attraktiv zu wirken. Deshalb ist es auch sinnlos, so zu tun, als ob „unmännliche“ Männer von anderen Männern drangsaliert werden. Weiterhin, wenn Männer möglichst männlich wirken wollen, um möglichst viel bei Frauen zu punkten, stellen sie sich in Konkurrenz mit anderen Männern, wodurch diese Gemeinsamkeit keine Kameradschaft oder Solidarität erzeugt.

Ich bin also ein mittelalter, weißer, gebürtiger Ostberliner Mann

Nichts davon ist sein Verdienst.

in einer Vierteljahrhundert Heterolangzeitbeziehung mit vier Kindern, für die ich in der Hauptverantwortung bin.

Ist sein Verdienst.

Ich esse kein Fleisch und kein Zucker,

Keinen Zucker. Zucker ist männlich. Woran erkennt man Vegetarier?

Ich verstehe nichts von Autos, mich langweilt alles an Fußball,

Dito. Ich empfinde trotzdem keine Verbindung.

dafür mag ich Billard und Carrom.

Okeee, wenn man das auch tut, hat man nach dem Vortrag vllt. Gelegenheit, eine Partie gegen ihn zu spielen.

Ich liebe es, mich um kleine Kinder zu kümmern, ich koche gern, ich bin vasektomiert, ich raste vor Freude aus, wenn ich Kirschblüten sehe.

Jaaaa, sehen alle, das Nils ein guter Mensch ist?

Ich bin ein wetterfühliger, antialkoholischer, feministischer Atheist, der freiberuflich als Autor/Journalist arbeitet und nicht gerne führt:

Also ein richtig, RICHTIG guter Mensch? Ja?

Wer noch?

Keiner. Keiner ist so ein guter Mensch wie Nils Pickert. Fließet aus den Aug‘, Ihr Tränen!

Selbstverständlich meldet sich nie jemand auf diese Frage – weder Männer noch Frauen. Wieso sollte irgendjemand diese Ansammlung von Spezifikationen und Marotten, die sich bei mir über die Jahre herausgebildet und angesammelt haben, auch nur mehrheitlich mit mir teilen?

Weil Pickertismus noch keine Religion mit einem zweistelligen Anhängerkreis ist vielleicht? Reine Vermutung meinerseits.

Trotzdem wird oft versucht, über stereotype Geschlechtszuschreibungen Gemeinsamkeiten von mir mit “allen anderen Männern”™ zu benennen oder zu erzeugen.

Es ist ein grundlegendes Missverständnis, dass Gemeinsamkeiten im Sinne von „gemeinsame Eigenschaften“ Gemeinsamkeit im Sinne von gegenseitige Empathie und Sympathie erzeugen. Aber das ist auch gar nicht der Sinn hinter Geschlechterstereotypen. Entweder sind das fremdbestimmte Rollenerwartungen oder abwertende Vorurteile.

Über Fleischkonsum, Technikaffinität und Fußballbegeisterung.

Zufällig bin ich technikaffin. Ich kann aber auch mit Frauen darüber reden. Wenn die wollen. Dass nur Männer gerne Fleisch essen, ist ein Vorurteil von pinkstinks. Ich interessiere mich nicht für Fußball, meine Fußballerfahrungen habe ich Mädchen zu verdanken, ich habe noch nie erlebt, dass meine Männlichkeit deshalb in Frage gestellt wurde. Woraus ich mal den Schluss ziehe, dass er entweder nicht ganz verstanden hat, welche Eigenschaften als „männlich“ gelten und welche Vorurteile über Männer sind, oder, dass er sich dumm stellt, um das Argument zu machen. Außerdem, selbst WENN bestimmte Eigenschaften wirklich als „männliche Tugenden“ gelten, kann es trotzdem sein, dass jemand diese verkörpert, weil er sie mag. Wie halt Fleisch, Technik und Fußball.

Über das Desinteresse an Kümmern und Kindern, über das Begehren für Frauen, über meine genitale Grundausstattung.

Man könnte argumentieren, dass Männer sich sehr kümmern müssen, um als Partner in die engere Wahl zu kommen. Männer, die keine Frauen begehren, sind für Frauen natürlich unattraktiv. Eine gewisse Mindestgrundausstattung ist diesbezüglich auch nicht schlecht.

Nichts davon definiert zwingend (mein) Mannsein.

Ja, weil Du’s nicht verstanden hast. Manche Eigenschaften wirken auf Frauen allgemein attraktiver als andere. Manche Eigenschaften kommen bei Frauen seltener vor als bei Männern.

Aber alles davon wird dazu herangezogen, mich einzuordnen, zu kategorisieren, mir Fähigkeiten und Interessen zu- oder abzusprechen.

Bisschen paranoid, kann das sein?

Ich muss Autos fahren wollen und Fleisch grillen können. Ich darf mich nicht für bunte Wandfarben, Kochrezepte, Windelgrößen und Zärtlichkeit interessieren. Ich muss als Mann für “Männerthemen” ansprechbar sein und für “Frauenthemen” demonstrativ Desinteresse zeigen. Wenn ich das nicht tue, löse ich Irritation aus.

Was jetzt? Darf er es nicht, oder löst er sonst Irritationen aus? Wer zwingt ihn, Fleisch grillen zu können? Wer hält ihn davon ab, sich für bunte Wandfarben zu interessieren? Kann sein, dass er bei manchen Themen mehr Frauen als Männer zum drüber reden findet, aber wo ist sein Problem?

Wenn ich also nicht darauf eingehe, dass ein Elektriker im Beisein meiner Lebenskomplizin ausschließlich mich anspricht, obwohl sie ihn beauftragt hat, ist die Verwirrung groß.

Warum ist er überhaupt dabei, wenn es ihn nicht interessiert? Er könnte jederzeit gehen.

Es ist wie ein Theaterstück, das man aufzuführen hat, aber nicht wirklich mitspielen will.

Angenommen, der Techniker würde nur mit der Frau reden, die ihn beauftragt hat – würde er ihm nicht vorwerfen, dass der automatisch annimmt, man müsste Frauen diesbezüglich belehren, Männer nicht?

Wenn Fleischessen, Technikwissen und Fußballbegeisterung kein Geschlecht haben, wieso muss dann eine mir fremde Person meinen, dass mich das zu interessieren hat.

Keine Ahnung. Aber jemand, der es als

https://twitter.com/pickinese/status/1397450472282333196

„Ankumpeln“ betrachtet, wenn Handwerker mit einem reden wollen, hält sich anscheinend für was besseres. Und sich in „Fußballmetaphern nicht reinziehen lassen“ für emanzipiert hält, hat wohl was gegen „Proletensport“, wie das mein alter Lateinlehrer nannte. Ich kann mit Fußball weder als Sport noch zum Zugucken was anfangen, aber Geringschätzung habe ich nur gegen überbezahlte Spitzensportler.

Bei Annalena Baerbock zum Beispiel, der die Befähigung zur Kanzlerinnenschaft abgesprochen wird, weil sie Mutter von Kindern unter 10 Jahren ist. So als hätte man männlichen Politikern jemals in gleicher Weise die Betreuungsfrage gestellt.

DIE haben auch nicht von sich behauptet, sich gleichzeitig um Amt und Kinder zu kümmern. Fairerweise muss man sagen, dass Trump ohne politische Erfahrung und mit einem kleinen Kind auch regiert hat. Das Kind war von der ganzen Sippe das am wenigsten problematische.

Also nein: Für Autoreperaturen, die meine Lebenskomplizin veranlasst hat, bin ich nicht zu sprechen.

Also, wenn er ans Telefon geht und sie ist nicht da, muss das solange warten, bis sie die Werkstatt zurückrufen kann? Ok. Hat er zu Single-Zeiten kein Auto gehabt, oder war das nie kaputt? Wäre er wohl für Aufträge an die Wäscherei zu sprechen, die seine Lebenskomplizin veranlasst hat? Oder angenommen, er würde irgendetwas veranlassen (keine Ahnung, ob das vorkommt), würde sie dafür zu sprechen sein? Zu sagen, dass man etwas nicht so gut kann, wie man irgendwelchen Klischees zufolge können müsste, ist die eine Sache. Zu sagen, dass man stolz auf die eigene Unfähigkeit ist, und dergleichen Probleme direkt auf die Partnerin abzuwälzen, kann aber nicht die Lösung des Klischee-Problems sein.

Und hier kommen wir an den dritten Teil des Narrativs: er will nicht „uns“ von Klischees und Vorurteilen befreien, oder von Rollenerwartungen, die „uns“ belasten könnten, er will nur nicht mit Sachen behelligt werden, die ihn nicht interessieren.

4 Gedanken zu “Merkbefreit im 21. Jahrhundert

  1. „Ich esse kein Fleisch und kein Zucker“
    Echt? Nichtmal Obst?
    Oder meint der Herr vielleicht keinen raffinierten Rohr-/Rübenzucker? So genau sollte ein Feminist* schon sein.

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  2. Ich lasse grundsätzlich meine Frau mit Handwerkern sprechen, und die erklären dann genauso schön, wie sie es mir erklären würden, was zu tun ist, und nennen einen Preis.

    Der Vorteil, das meine Frau das macht, ist, dass die dann sagen kann „ich frag noch schnell meinen Mann“, dann komme ich dazu und sage „m-hm, da geht aber schon noch was am Preis, gell?“ (das ginge umgekehrt zwar auch; aber dann steht man ja da wie das letzte Weichei, quasi wie Nils).

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