Einerseits ja, andrerseits…

Einerseits stimme ich dem hier tatsächlich zu, andererseits finde ich es „problematisch“, wie das Zauberwort heißt.

Popkultur kann helfen, mentale Erkrankungen zu entstigmatisieren

Auf einem SUPER-Allgemeinen Level, ja. Bzw., wenn es nur um das Stigma an sich geht, was teilweise so wahrgenommen wird, dass jemand mit einer „mentalen Erkrankung“ (was entweder ein Euphemismus ist – weil eine Krankheit keine „Erkrankung“ ist – oder völlig falsch – weil einige Krankheiten Störungen sind) einfach nur aus der „Krankheit“ besteht. Also jemand mit Arachnophobie ist nicht etwa ein Mensch, der neben einem breitem Spektrum an menschlichen Eigenschaften, Interessen und Fähigkeiten auch eine extreme Angst vor Spinnen hat, sondern der Mensch hat Angst vor Spinnen und sonst nichts. Oder die Arachnophobie hat einen Menschen.

Wenn jetzt ein Charakter eine Phobie hat, aber nicht auf diese Phobie reduziert wird, kann das den Effekt haben, dass das Publikum, das i.d.R. keinerlei Phobiker kennt – bzw., es kennt vllt. schon welche, weiß aber nicht, dass das welche sind – und daher nicht einschätzen kann, lernt aus dem Film, dem Buch oder je, nachdem, wie man mit Arachnophobikern umgeht.

Ein Beispiel wäre Indiana Jones und seine Ophiophobie. Wobei das im Film tatsächlich gefährliche Schlangen sind.

Allerdings sind fiktionale Geschichten keine Dokus und können eigene Vorurteile produzieren. Der Fim Rain Man stellt einen autistischen Savant dar. Nach realen Vorbildern und so, ist aber nicht zu verallgemeinern, dass beides immer zusammentrifft. Von 100 Savants sind 50 Autisten. Von zig Millionen Autisten sind daher 50 Savants. Macht die Mathe. Schafft Ihr auch als neurotypische Menschen.

Jedenfalls, wenn selbst ziemlich sorgfältige Darstellungen falsche Vorstellungen verbreiten können, machen schlampige Darstellungen das erst recht. Was jetzt ein Argument wäre, dergleichen lieber komplett wegzulassen.

Und wenn selbst Leute, die eigentlich minderheitenfreundlich daherkommen (wollen), ein Buch nicht nur wegen Rassismus ablehnen, sondern auch, weil die Hauptperson „ein hyperaktives Kind, das unfähig ist, sich zu konzentrieren oder produktiv in soziale Zusammenhänge einzubringen“ sei. Jaaa. Gut, vllt. habe ich mal ein hyperaktives Kind, welches gerne eine Geschichte über andere hyperaktive Kinder lesen oder hören würde? Hallooo? Nebenbei, die Geschichte, in der Kinder sich am produktivsten in soziale Zusammenhänge einbringen, ist „Heidi“. Und vor dem damaligen gesellschaftlichen Hintergrund ist es völlig logisch, dass Peter sich Gedanken macht, ob er lieber die Grundschule fertig macht oder Vollzeit arbeitet, um seine Familie zu unterstützen, aber echt mal…

Wo war ich?

Es gibt einige Dinge, die ich gerne schon als Teenagerin gewusst hätte. Zum Beispiel, … dass plötzliches Herzrasen, Kurzatmigkeit oder sogar Atemnot nicht einfach „Schulstress“ oder Nervosität bedeuten, sondern auch eine Panikattacke anzeigen können.

Ja, oder, man hat eine magische Verbindung zu Voldemort oder so. Lernt man sowas nicht in der Popkultur?

Ende Mai wird beispielsweise die Doku-Serie „The Me You Can’t See“, produziert von Oprah Winfrey und Prinz Harry, erscheinen. Ich habe das Format zwar noch nicht gesehen

Ich auch nicht, kenne aber mindestens vier Serien, in denen Lebensmittelallergien für Lacher gut sind. Gut, ein Lacher geht eigentlich auf Homer Simpsons Kosten, der Laktoseintoleranz so auf Laktose bezieht, wie manche Homophobie als Analogie zur Arachnophobie betrachten. Ist tatsächlich kein „dummer“ Witz, aber wenn ein Zeichentrickkind darunter leidet, ist das nur unterdurchschnittlich witzig. (Denselben Witz hätte man z.B. bringen können, indem Homer bei einem Laktoseintoleranztreffen für mehr Toleranz wirbt, vor macht, wie toll Laktoseprodukte schmecken und die Leute als intolerante Spießer trollt.)

Ok, soll eine Doku sein und KEINE Sitcom. (Ich kenne sie auch nicht.)

In der Serie werden verschiedene Menschen mit psychischen Erkrankungen zu Wort kommen, darunter weltbekannte Promis wie Lady Gaga oder Glenn Close. Auch andere Prominente, wie beispielsweise die Sängerin Billie Eilish, thematisieren Mental-Health-Themen immer wieder öffentlich.

Okeee, das ist jetzt aber nicht ganz dasselbe wie Popkultur. Rain Man, Simpsons und HIMYM sind Popkultur. Wenn eine Person, die durch Popkultur prominent wird, sich für bzw. gegen ein bestimmtes Problem einsetzt, ist das keine Popkultur im eigentlichen Sinne mehr.

Dass es einen positiven Effekt haben kann, wenn Prominente öffentlich über mentale Gesundheit sprechen, erklären die Psychiaterinnen

Ist absolut nicht dasselbe wie:

Popkultur und die mediale Darstellung von mentaler Gesundheit hat also enormes Potenzial, die öffentliche Diskussion voranzutreiben, Stigmata abzubauen und das Tabuthema „psychische Probleme“ zu normalisieren.

Erstens, wenn eine berühmte Sängerin meinetwegen ihre Magersucht oder ihr Drogenproblem thematisiert, bedient dass das Vorurteil, dass „Genie und Wahnsinn“ halt dicht beieinander liegen. Oder jedenfalls, dass man als Publikum nicht so wirklich betroffen sei. Also sollte man auch nicht-berühmte Nicht-Künstler thematisieren. (Kann sein, dass das  in der Serie passiert.)

Zweitens, die „öffentliche Diskussion vorantreiben“ ist so eine Scheiß-Phrase. Echt, was gibt es zu diskutieren? Kriegt man diese Probleme durch drüber Reden gelöst? Bzw., wenn ja, durch das drüber Reden von nicht-Betroffenen? Die Information, dass es das und das Problem gibt, dass man das an sich erkennen kann, weil man das und das macht bzw. nicht macht, ist ja ok. Oder die Überlegung, warum man oft so lange auf einen Therapieplatz warten muss, dass sich das Problem fast schon von alleine löst, wenn es eine Schwangerschaft und kein Selbstmordgedanke wäre.

In der Netflix-Sitcom „Big Mouth“ geht es beispielsweise ums Erwachsenwerden. … Wie schön wäre es gewesen, hätte ich diese Serie bereits als Teenagerin schauen können?

Das muss jeder selbst entscheiden. Weil nicht alle Menschen dieselben Probleme haben, vor allem. Und ja, Popkultur kann helfen, mit Problemen klarzukommen. Nur…

Ähnlich gut macht es der Pixar-Film „Alles steht Kopf“ von 2015.

Ja, aber nein. Ja, das ist ein schöner Film, und ja, er thematisiert den Umgang mit Gefühlen als Kind, und etwas allgemeiner in jedem Alter. Aber nein, das hat nichts mit „mentalen Erkrankungen“ zu tun.

Es gibt auch Darstellungen, die Schaden anrichten können

No Shit, Sherlock.

Der Psychiater Vasilis Pozios stellte beispielsweise fest, dass viele Comics, Videospiele und Fernsehserien Gewalt und Kriminalität auf psychische Erkrankungen zurückführen. Somit würden sie Stigmata eher vertiefen.

Ja, wie in dem Film, wo man die Frau für eine Epileptikerin mit Selbstmordabsichten hält. Die Wunden müssen in die Hangelenke, Nägel in Handflächen können keinen Menschen tragen, weil das Gewebe auf Lochlaibung versagt. Besonders nicht, wenn wie dargestellt die Arme um 60° von der Senkrechten abweichen, dann wird ein Krafteck aufgespannt, dass dafür sorgt, dass auf jede Hand eine Kraft wirkt, die ungefähr dem Körpergewicht des Gekreuzigten entspricht. Falsche Darstellung ist eben falsch. (Ok, ist vllt. nicht so schlimm, wenn Kreuzigungen wegen falscher Darstellung nicht richtig gemacht werden.)

Und eigentlich braucht man davor auch keine Angst zu haben. Es braucht nur die nötige Sensibilität und ein bisschen Geschick, um auf dem Grat zu balancieren.

Joah, Wörter, mit denen man Schwarze beleidigt, sind schlecht, aber hyperaktive Kinder verächtlich zu machen, soll gut sein. Die meisten, die auf dem grat balancieren wollen, fliegen auf die Fresse.

Nebenbei, wieso fällt das unter „female gaze“? Haben Männer keine „mentale Erkrankungen“, oder sind ihr Männer mit „mentalen Erkrankungen“ egal?

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