Zwei Tassen Tee

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Immer wenn man gerade glaubt, sich einigermaßen einen Überblick über Formen und Auswirkungen von sexualisierter Gewalt angelesen zu haben, passiert es: Ein Interview, ein Text, eine Studie erscheint und plötzlich wird alles, was man sich an Ausmaßen des Problems vorgestellt hat, noch einmal höher skaliert.

Jaaaa. EIN Interview ist auch wichtiger als EINE Studie. Außerdem, gibt es auch sexualisierte Handlungen, die nicht als Gewalt gelten? Drittens, ja, die Skala ändert sich andauernd.

Die Psychologin Jessica Taylor stellte mit ihrer Kollegin Jaimi Shrive eine Studie mit dem Titel “Ich dachte, dass wäre einfach ein Teil des Lebens” vor, in der sie anhand der Erfahrungen von über 22.000 Frauen die Dimensionen von sexualisierter Gewalt in Großbritannien aufzeigt.

Ja, aus dem Link:

„The study had a target sample of 5000 people, however, due to snowball technique and large universities sharing the study, the sample quickly exceeded the target. A cut off date was set and adhered to. There were 22,419 completed responses.“

Heißt also, jede Frau darf mitmachen, aber es wird nicht darauf geachtet, ob es eine repräsentative Gruppe ist. Was, wenn hauptsächlich solche Frauen antworten, die tatsächlich sexualisierte Gewalt erfahren haben? Was, wenn einige Frauen mehrmals teilnehmen?

Die Ergebnisse sind so präzise wie niederschmetternd.

Präzision ist was anderes. Mal was anderes, angenommen, man würde Männer per Schneeballsystem zu irgendwas befragen, würde man das Ergebnis auch als „präzise“ beschreiben?

Unter anderem belegen sie nicht nur, dass 93,3% der britischen Frauen im Laufe ihres Lebens Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind

93,3% von den Teilnehmern. Wie hat man kontrolliert, ob das alles Frauen waren, alle die britische Staatsbürgerschaft hatten und niemand doppelt gezählt wurde?

„This study does not seek to generalise to the whole UK female population, nor has the report extrapolated the figures. All findings are presented as responses within the sample size of 22,419 UK women.“

Also eher gar nicht.

  sondern auch dass über die Hälfte der befragten Frauen ist schon einmal davon aufgewacht, dass ihr Partner an ihnen sexuelle Handlungen vorgenommen hat.

Von „sexuelle Handlungen“ oder von „Sex“? Ich will es mal so sagen: das sind zwei unterschiedliche Tassen Tee. Wenn ein Mann eine Frau anfasst, ist das kein Sex, kann das durchaus „sexuell“ sein, vor allem, wenn die Frau wenig an hat, der man auch eher weniger, und wenn der Mann eigentlich schon erwartet, Sex zu haben, nachdem die Frau wach ist. Wenn dieses Anfassen aber dazu dienen soll, die Frau zu wecken, ist das nicht dasselbe wie „vom Sex wach werden“. Außerdem, wenn eine Frau neben einem nackten Mann wach wird, der gerade eine Erektion hat, wäre das dann sexuelle Belästigung? Auch, wenn der Mann dabei schläft?

Selbst Taylor, die sich seit Jahren mit dem Thema sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen beschäftigt, war von den Ergebnissen und der Größe der Zahlen überrascht.

Schneeball-System. Exponentielles Wachstum. Eure Studie ist nicht repräsentativ.

Warum machen Männer so etwas?

Die müssten doch wissen, dass sich Einvernehmlichkeit nicht mit einer schlafenden Person herstellen lässt.

Also, neben den allgemeinen methologischen Fehlern der Studie, und davon abgesehen, dass man nicht erkennen kann, ob die Frauen tatsächlich im Schlaf Sex haben mussten oder geweckt wurden, indem ein Mann sie anfasste (anstelle Lärm zu machen oder so)? Ist DAS die Frage?

Es sollte doch klar sein, dass ich mit einem schlafenden Menschen überhaupt nichts anstelle, weil dieser Mensch sich zu meinen Handlungen überhaupt nicht verhalten kann.

Es kann schon sein, dass der Mensch geweckt werden will. Auch mit der Absicht, unmittelbar danach Sex zu haben. Gegenfrage – bei wie vielen Frauen haben die sexuellen Handlungen aufgehört, sobald die Frau gesagt hat, dass sie keinen Sex will, weiterschlafen will oder verdammt noch mal erstmal keinen Kaffee braucht?

Allem Anschein nach wissen die betreffenden Männer es nicht oder gehen davon aus, dass sie ein Zugriffsrecht auf den Körper ihrer Partnerinnen haben, das sie zu jeder Zeit ausüben können.

Allen Anschein nach werden sämtlich anderen Interpretationen einer Studie, der Grundlagen unkritisch übernommen wurden, ausgeblendet.

Das zeigt sich auch an dem Feedback der Opfer und der Täter, das Taylor auf ihre Befragungen und Forschungsergebnisse bekommt.

Da hier nicht gegendert wird – angenommen, irgendeine Frau würde irgendeinen Mann wecken, um unmittelbar mit ihm Sex zu haben, wecken. Welches Körperteil fasst sie an? Bzw., welches Körperteil dürfte sie anfassen, ohne dass das aus Symmetriegründen auch als „Wachwerden durch sexuelle Handlungen“ zählt?

Die Täter hingegen fühlen sich missverstanden und gerade mit Bezug auf sexualisierte Gewalt gegen ihre schlafenden Partnerinnen ihre Motive verzerrt dargestellt.

Es wird sicher Männer geben, die sexualisierte Gewalt an Frauen ausüben. Und die gekränkte Unschuld spielen. Aber da wäre es jetzt schon wichtig, welche Handlung genau gemeint ist.

Sie berichten davon, dass sie sich verbitten, als Vergewaltiger dargestellt zu werden, weil sie eine Einvernehmlichkeit über solche Handlungen mit der Partnerin bereits im Vorfeld hergestellt hätten.

Auch hier ist das ein Grund, warum Definitionen wichtig sind: „Weck mich morgen ruhig etwas eher.“ wäre schon konsensfähig.

Es sei also nicht etwa so, dass sie einen sexuellen Übergriff im Schlaf intendieren würden, sondern entweder “davon ausgehen” dass das ein unproblematischer Bestandteil aller sexuellen Beziehungen sei, oder sie sogar vorab das Einverständnis der Partnerin eingeholt hätten.

Hier werden vermutlich bewusst zwei Sachen vermischt. Männer, die tatsächlich Sex mit Frauen (oder sonstigen Partnern) haben wollen, die dabei schlafen, und solche, die das nicht tun.

Das bedeutet, dass es … zu viele Männer gibt, die sich keiner Schuld bewusst sind und gar nicht verstehen können oder wollen, wo das Problem sein soll.

Männer, die ihre Partnerin wecken, weil sie Sex wollen? Mal unterstellt, dass die ihre Hoffnungen aufgeben, weil sie sowas sagt wie: „Es ist Sonntag, ich kann ausschlafen!“, jedenfalls…

Sie gehen davon aus, dass sexueller Konsens grundsätzlich durch das Eingehen einer sexuellen Beziehung hergestellt wurde und allenfalls punktuell um Neuerungen im Repertoire aktualisiert werden muss.

Es gibt wohl auch Männer, die das denken, aber anekdotische Evidenz und so.

Das mittlerweile berühmte Beispiel mit der Tasse Tee, die niemandem gegen seinen oder ihren Willen eingeflößt werden sollte – schon gar nicht wenn die betreffende Person bewusstlos ist, sollte eigentlich einleuchtend genug sein.

Ja, man sollte seine Partnerin wecken, fragen, ob sie zum Frühstück Tee will, und sie gegebenenfalls nochmal wecken, wenn der Tee fertig ist. Wenn sie nach dem drölfzigsten Mal schreit: „Seit drölfzig Tagen sind wir zusammen, jedesmal will ich einen Tee, aber jedesmal weckst Du mich eher als nötig, nur um mich DAS zu fragen! Willst Du mich eigentlich ärgern?“, verweist man sie auf das Video. Oder bietet Versöhnungssex an. Was schneller geht.

Weil es die Dinge verkompliziert, genauere und offenere Kommunikation erfordert und ein hohes Maß an Privilegienreflexion bedeutet.

Die Verkomplizierung besteht darin, dass da mehrere Sachen zusammengelegt werden: Sex haben mit jemanden Bewusstlosen, jemanden für Sex zu wecken, und natürlich die Mängel der Datenerhebung.

Und mit einer Tasse Tee geweckt werden bedeutet nicht, einer Schlafenden Person den Mund aufzusperren und Tee einzuflößen, weil man davon ausgeht, dass die Person das womöglich angenehm findet.

Nun, manche Leute wollen überhaupt nicht geweckt werden, manche schon, aber nicht unbedingt mit Tee, und manche nur mit Tee. Wie kann man das wissen, wenn nicht durch Erfahrung der vorigen Male?

Es bedeutet die andere Person zu wecken und so freundlich wie möglich zu fragen, ob sie eine Tasse Tee möchte.

Wenn es mal eine Untersuchung dazu gibt, bei DEM Verfahren gäbe es bestimmt auch Antworten, die das Verhalten als aufdringlich, übergriffig und coffeinierte Gewalt beschreiben würden. Ich WILL nicht mit Tee geweckt werden, fertig. Dass man mir den Tee nicht per Schlauch einflößt, ändert nichts daran, dass ich keine Lust auf Tee habe, keine Lust habe, wachzuwerden und wenn ich doch welchen trinken würde, beweist das nicht mein Einverständnis, weil ich vor meiner ersten Tasse Kaffee morgens nicht ganz zurechnungsfähig bin.

Aber gerade weil vor allem Frauen so häufig gezwungen werden, gegen ihren Willen Tee zu trinken, sollten wir alles tun, um uns endlich die Grundregeln eines vernünftigen Teegenusses draufzuschaffen.

Einfach verbieten, das Zeug. Oder nur noch für sich selbst welchen machen. Ein Problem weniger.

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