Orks II

Auch, wenn Tolkien da keine Lösung zu gefunden hat, die Idee von Orks als Volk oder Rasse (Spezies wäre eigentlich der beste Begriff), das oder die immer „chaotisch böse“ ist, führte dazu, dass sich andere Autoren mit ihnen befassten, und andere Lösungen zu der Frage lieferten. Manche betrachten Orks tatsächlich einfach als böse, grausam und sozial unverträglich; manche betrachten das als Ausdruck ihrer niedrigen Intelligenz, die sie in diesen Geschichten tatsächlich auch haben, bei anderen haben Orks rein zufällig eine barbarische Kultur, bei der technisch primitive Elemente und sozial Unfähigkeit „halt“ zusammenfallen, wieder andere schieben die Schuld ihren fragwürdigen Gottheiten in die Schuhe (Tolkiens Orks sind nicht besonders religiös; jedenfalls verehren sie Sauron nicht irgendwie als ihren Herrn und Erlöser), und bei wieder anderen sind Orks halt brutal und grausam, aber nicht grausamer und brutaler als ihre Gegner, sondern sie haben eine Kultur, einen Ehrenkodex und tatsächlich moralische Leitwerke, die man als Mensch auch haben könnte; und so kämpfen verschiedene Arten von Böse (Warhammer) oder von Neutral (Warcraft) gegeneinander, wenn es zum Krieg zwischen Ork und Mensch kommt.

Tatsächlich könnte man argumentieren, dass ein kriegerisches Volk tatsächlich irgendeine Art Kriegerkodex haben muss. So lässt sich die Frage, ob Aragorn hinterher alle Orks umbringen ließ, vielleicht ganz einfach beantworten: Orks sind eher pragmatisch als fanatisch, und Aragorn ist nicht rachsüchtig oder auch nur besonders nachtragend. So haben sie tatsächlich eine Chance, sich zu vertragen.

All das vor dem Hintergrund, dass man „orkische Männlichkeit“ statt „toxische Männlichkeit“ sagen könnte, ohne groß andere Assoziationen zu wecken.

Immerhin, zu den Versuchen, Orks nicht nur als Antagonisten, sondern als Spieler-Charas aufzubauen, gehören die verschiedenen Orkkulturen, die mehr sind als nur brutale Gewalt. Und die eine eigene Sprache haben. Die zwar nicht immer leicht auszusprechen ist für normale Leute, wegen der vielen Zischlaute, wie „sch“ und „tsch“ (kann ich) oder gelegentlich „ch“, wie der mittlere Zischlaut in „tschechisch“ (kann ich auch), und natürlich wegen des kaum erträglichen Rachen-ch’s wie in „Rache“ und „Drache“, aber… Mooooment.

Nein, das ist nicht das, wonach es klingt. Haben Orksprachen auch so sinnlose Konsonantencluster wie in „Deutsche Sprache – schwere Sprache“? (Wer sich jetzt fragt, wo da der Konsonantencluster ist…) Oder haben Orks zum Ausgleich etwa mehr als nur vier oder fünf Vokale? Oder gar Diphtonge? Außer „ai“? HAH!

Eine ähnlich Entwicklung haben auch die Klingonen gemacht, von technisch und militärisch ebenbürtigen Gegnern der Föderation, die körperlich überlgen sind, und eine unangenehm brutale, kriegerische Lebensart führten, zu naja, nicht direkt Freunden der Föderation, die auch nicht direkt Pazifisten sind, die aber eine Kultur haben, einen Ehrenkodex und tatsächlich moralisch-ethische Standards, die man teilen kann. Gleichzeitig merkt man, dass es unter Klingonen Unterschiede gibt, wie bei Menschen auch.

Natürlich haben Klingonen auch eine Sprache. Natürlich mit Zischlauten und zusätzlich schpetsiellen Konsonantenklumpen, wie Q, was ein Rachen-k gleichzeitig mit einem Rachen-ch ist. Im Unterschied zu q, was nur ein Rachen-k ist. qapla’Hey.

Außerdem gibt’s noch die Dothraki aus dem Lied von Eis und Feuer. Dothraki sind quasi Orks in Menschengestalt. Es gibt zwar die Erklärung, dass Dothraki eine Mischung aus Prärie-Indianern und zentralasiatischen Steppenvölker (Mongolen, aber auch Türken, was DIE Epoche von Mulan und die „Hunnen“ betrifft) seien, aber nein. Hier beginnt eine Serie von Überlegungen, wieso dieser Anspruch nur sehr bedingt zutrifft – tl,dr: diese Indianer waren nomadische Reitervölker, im Unterschied zu den Dothraki würden sie immer hinter Bisons oder anderen Großwildherden herziehen, und die Mongolen waren ein Hirtenvolk, das nicht nur Pferde als Fleisch-, Milch- und Lederquelle hatte – und wieso das problematisch ist – tl,dr: wenn Dothraki alle real existierende negativen Vorurteile über bestimmte, real existierende Völker tatsächlich bedienen, fühlen sich bestimmte Menschen evt. bestätigt – aber das ist sowieso nur eine Theorie, die der Autor aufgestellt hat. In Wahrheit sind Dothraki Orks, besonders die Fernsehversion:

  • wie ihre grünhäutigen Gegenstücke tragen die Lederzeug, welches ihre nicht-grüne Haut nicht besonders gut verdeckt. Reale Menschen, die in einem kontinentalen Steppenklima leben, müssen sich vor Sonne, Wind, gelegentlichen Regen und Schnee schützen, und haben meist nur Hände und Kopf frei.
  • sie sind gewalttätig und brutal gegenüber Nicht-Dothraki, von denen sie niemanden leiden können (bis die Handlung kickt).
  • sie sind gewalttätig und brutal gegenüber anderen Dothraki und lösen auch kleinere interne Konflikte mit tödlicher Gewalt.
  • wie Orks essen sie Pferdefleisch (aber zum Glück nicht schlimmeres, was zu den ersten Informationen zählt, die Tolkien seiner kindlichen Leserschaft über Orks mitteilt).
  • sie versklaven aber Nicht-Dothraki, was zugegebenermaßen bei realen Völkern auch vorkam, aber eben auch recht orkisch ist.
  • Rachen-ch, geschrieben kh

Unterschiede sind teilweise, dass sie technisch recht unbeleckt sind, was mehr mit den Barbaren-Orks im Zuge der grünen Marsmenschen übereinstimmt, weiterhin macht ihnen Tageslicht nichts aus – aber das Merkmal trifft auf  Warhammer-Warcraft-Orks auch nicht mehr zu – und ihr berühmtester und härtester Anführer heißt wie ein Hobbit. Ja. Wenn man sich von Tolkien distanzieren will, reicht es eben nicht, alles anders als Tolkien zu machen, sondern man macht das genaue Gegenteil. Ob Sex bei Orks typischerweise einvernehmlich ist oder nicht, wird in vielen Geschichten gar nicht erwähnt. Seien wir mal optimistisch und gehen von Orkinnen aus, die selbst entscheiden, wo’s lang geht, dann ist das in der Dothrakikultur etwas anders. Aber hey, durch die Liebe einer Frau wird das (männliche) Biest gezähmt! Hurra für Frauenpower!

Ich möchte darauf hinweisen, dass ich solche Parallelen zwischen fiktiven Wesen und realen Menschen nicht überbewerten will, weil erstens Fantasy per definitionem von der Wirklichkeit abweicht, weil der halbwegs gescheite Leser, Zuschauer oder Spieler genug Verständnis und Abstraktionsvermögen haben sollte, um a) selbst keine unzulässigen Schlüsse zu ziehen, und b) Schlüsse, die der Autor der Geschichte vermeintlich oder tatsächlich ziehen lassen will, zurückzuweisen, und weil drittens manche Sachen so offensichtlich erfunden sind, dass man merkt, dass das gar nicht in echt funktionieren könnte. Orks können einfach nicht immer und überall grausam sein.

Andererseits sehe ich natürlich schon, dass eine grünhäutige Spezies von Humanoiden mit Stirnwulst, die gefährlich, gewaltbereit und wenig einfühlsam ist, vllt. als symbolisch für diese Eigenschaften stehen könnte, aber erstmal keine realen Menschen repräsentiert, denen man diese Eigenschaften zuschreibt. Wenn die alle Heinz, Iwan oder Kurt heißen, ist das vllt. was anderes.

Wenn man einem prinzipiell menschlichen Volk solche Eigenschaften zuschreibt, ist die Abstraktion zwar noch da, aber viel schwächer.

Und wenn man schon über schlechte menschliche Eigenschaften diskutiert, die in Fantasy oder phantastischen Geschichten allgemein bestimmten Gruppen zugeschrieben werden, dann braucht man nicht nur über rassistische oder klassistische Vorurteile reden, sondern auch über sexistische.

Orks im allgemeinen, Klingonen und Dothraki werden Dinge unterstellt, die im richtigen Leben typischerweise Männern unterstellt werden und praktisch nie Frauen. Hmmmm.

Ein Gedanke zu “Orks II

  1. Nur ein toter Ork ist ein guter Ork!

    Nee, ich habe in meiner Jugend Rollenspiel gespielt, und da gab es natürlich auch Orks. Einmal stieß meine Gruppe auf eine verschlossene Tür zu einer Höhle hinter der zwei Orkkinder, ein Junge, ein Mädchen, waren, die überzeugt werden mussten, zu öffnen, wobei sie aber von ihren Orkeltern instruiert wurden, keinen Fremden zu trauen.

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