Die allumfassende Präsenz der Väterlobby

Wenn irgendwelche Leute nicht gendern, gendern sie halt nicht. In der Regel kann man erkennen, ob die Aussage generisch gemein ist oder nicht.

Wenn Feministinnen nicht gendern, hat das im Umkehrschluss Gründe.

DIE FEHLENDE MÜTTERLOBBY

Da steht nicht „Elternlobby“. Es geht also nur um die Mütter, vermutlich, weil die Autorin der Ansicht ist, dass es eine Väterlobby gäbe, oder, weil sie denkt, dass man keine Väterlobby braucht.

Ich habe mich als Mutter im letzten Jahr so wenig von der Politik gesehen gefühlt, dass ich mich frage, ob es mich überhaupt gibt.

Jaaaa, es gibt eine Menge Väter, die fühlen sich nur von der Politik nicht gesehen.

Ich will kein Mitleid, versteht mich nicht falsch.

Owwwww, will sie nicht?

Ich will Respekt.

Ja, im September sind ja Wahlen.

Dafür, dass ich mir täglich Sorgen um meine Kinder mache und neben dem Stress, ihren Stress zu erleichtern, versuche, selbst meine Arbeit zu tun, Steuern zu zahlen und mit Millionen anderer Eltern die Zukunft Deutschlands einigermaßen gesund durch die Pandemie zu bringen.

Ok, ich will nichts verharmlosen, aber KINDER sind die am wenigsten betroffene Gruppe. Es geht tatsächlich mehr darum, dass Deine Kinder nicht DICH anstecken, oder ihre Lehrer. Insofern bringst nicht DU „die Zukunft Deutschlands“ gesund durch die Pandemie, sondern hauptsächlich Dich selbst.

Vor einigen Wochen schrieb ich den Pressesprecher der Hamburger Schulbehörde an. … Ich fragte ihn, ab welcher Inzidenz die Kinder denn wieder im Wechsel an die Schulen dürften.

Wieso man das nicht das Gesundheitsamt fragt, weiß ich nicht. Aber ich weiß auch nicht, warum man das erst fragen muss, schließlich sind die Regelungen doch klar und nachvollziehbar kommunizie… ääähmja. Also, was weiß ich?

Wenigstens einmal die Woche, vielleicht.

Spontan wäre meine Überlegung, dass, wenn bei einer Inzidenz von über x alle Schüler in den Distanzunterricht kommen, bei einer Inzidenz von unter x die Schulen wieder öffnen, wenn dieser Wert an y Tagen in Folge unterschritten blieb. Also gibt es nur die Variablen x und y, aber das ist natürlich zu ingenieurmäßig gedacht von mir.

Selbst, wenn das noch weit weg wäre, bräuchten wir dringen einen Wert, an dem wir uns festhalten und entlang hangeln könnten.

Ja, wenn man nicht weiß, wann die Öffnungsbedingungen erreicht sind, ist es eher nebensächlich, welches die Öffnungsbedingungen sind. Wenn z.B. nach einer Woche mit Inzidenzwerten von unter 100 wieder Wechselunterricht eingeführt wird, ist das zwar eine Aussage, aber erst am 7. Tag wird man konkret wissen, dass man wieder zur Schule kommt, deshalb kann Vorfreude vllt. etwas enttäuschend sein.

Damit die Kinder nicht aufgeben.

Die Kinder. Genau. Deshalb steht da „Kinderlobby“ statt „Mütterlobby“.

Denn gerade die Großen wissen: Sars-Cov-2 geht nicht wieder weg.

Doch. Nicht so schnell, wie wünschenswert, aber doch.

Sie haben nicht nur die einzige Klassenreise in der weiterführenden Schule verpasst, das Schulpraktikum, den Schüler*innenaustausch, die ersten Partys und den Tanzkurs, die vielen Geburtstagsfeiern, die erste Liebe und die ersten Zeltreisen ohne Eltern.

Irgendeine Party ist immer die erste Party. Irgendeine Liebe ist immer die erste Liebe. Schulpraktika sind gar nicht so toll. Und Schüler*außenaustausch ist viel besser. Man kann noch mit 40 einen Tanzkurs machen. Oder ohne Eltern zelten.

Sie sitzen seit einem Jahr mit maximal einem Kontakt zu einer*m Gleichaltrigen zuhause und wissen, dass es vor 2022 auch keine Konzerte, Partys, Übernachtungsaktionen oder all das, was Jugendliche „normalerweise“ erleben, geben wird.

Ich habe eigentlich keine Lust, mich bei Jugendlichen und Kindern auszuheulen, deshalb lasse ich das. Aber Jugendliche gehen nicht pleite, Jugendliche haben eine gute Chance, Covid-19 zu überleben, und Jugendliche haben tatsächlich mehr Möglichkeiten, verpasstes nachzuholen.

Sie fragen sich, wie groß werden gehen soll, wenn sie sich nicht ausprobieren können.

Ok, als jemand, der groß geworden ist – naja, geht so – das klappt so oder so.

Und demotiviert, noch irgendetwas für ihre Zukunft – „Welche Zukunft?“ – zu tun.

Ok, auch wenn hier jemand die eigenen Probleme so ein bisschen projiziert – das Problem ist ja grundsätzlich existent. Nur, was hilft es zu wissen, ob man bei 7 Tage mit Inzidenz <100 in die Schule darf, wenn man es nicht kann? Weil die Werte drüber bleiben oder sadistischerweise ab 6. Tag wieder steigen.

Die Antwort des Pressesprechers war: Er wisse es nicht. Es gäbe zwar einen nationalen Wert, ab dem Kinder in den Distanzunterricht müssen, aber es gibt bis heute keinen, der sie zurück an die Schulen holt.

Ich glaube, das ist Pressesprecher-Deutsch für: theoretisch soundso, aber praktisch wird das noch ausklamüsert, und dann will ich nicht der gewesen sein, der falsche Versprechungen gemacht hat.

Da ja zum Glück in kaum einem Medium über diese politische Ahnungslosigkeit gesprochen wird, ist doch alles fein: Vor August oder September, so vermute ich, werden also 50% der Kinder in Deutschland in 2021 kein Schulgebäude gesehen haben.

Vllt. reichen ja Fotos? Ja, schon gut.

Eine Information der Stadt Hamburg an die Eltern? Eine Bekundung, wie hart das vor allem für die Kinder ist?

Ja, genau, die Kinder? Denkt mal bitte jemand an die Kinder!

Kein: „Ja, wir hätten als erstes die Lehrer impfen sollen…“, „Ja, wir hätten Luftfilter und innovative Konzepte…“, „Wir haben, ehrlich gesagt, keine Ahnung, wie wir das berechnen sollen…“ –Alles wäre okay.

Wetten, dass es sehr viele Leute gäbe, die das erst recht nicht ok fänden? Wegen „Hätte, hätte, Quotenkette?“ Oder weil der Fehler ja nicht schon dadurch besser wird, dass man ihn zugibt?

Nichts. Uns gibt es gefühlt gar nicht.

Wer ist „wir“? Die Eltern oder die Mütter?

Ca. 8% der Jugendlichen in Deutschland haben ADHS. Besonders für sie, aber auch für viele neurotypische Kinder gilt: Den ganzen Tag in ihrem Zimmer vor dem Rechner zu hocken, ist Gift für die Gehirnchemie.

Wenn da nicht steht: „Mädchen besonders betroffen“, kann man sich sicher sein, dass das hauptsächlich Jungen trifft. Man kann aber auch alleine vor die Tür.

Viele können nicht mehr schlafen, ihr Gehirn fährt Looping. Auch meine Kinder müsste ich alle zwei Stunden zum Toben an die frische Luft schicken, aber dafür sind sie viel zu alt.

Oder, man schickt sie eine Runde um den Block. Oder, man schickt sie Einkaufen. Nagut, für jedes bisschen extra laufen ist auch etwas ätzend…

Viele Distanzlernende sind in einem Alter, in dem sie sich dringend abgrenzen müssten von uns Erwachsenen.

Plötzlich gendert sie wieder. Abgrenzen gut und schön, aber dafür braucht man keine Schule.

Ich bin in dem Alter regelmäßig durchgetanzt und besoffen nach Hause gekommen und hatte im Abgrenzen und Rebellieren wenigstens einen Heidenspaß.

Ja, es müssten also die Zappelbuden mit Alkoholausschank aufmachen…

Aktuell haben Kinder nur die uns in den Wahnsinn treibende Dauermedienbeschallung, die es ihnen noch schwerer macht, nicht in Demotivation oder sogar Depressionen zu verfallen.

Moment, wenn die Medien die Eltern in den Wahnsinn treiben, ist das doch richtig? Im Sinne der Rebellion und so?

Wir haben um uns herum viele Fälle von Depressionen, Essstörungen und Schulversagen. Zu viele verzweifelte Eltern, die klagen

Hier wird mal wieder ADHS, Depression und anderes instrumentalisiert. Yäy. Und nach der Krise wieder: „Männer sind halt selber schuld, wenn sie sich umbringen, und sollen sich selbst um ihre Probleme kümmern.“

 Die Kinder treffen sich kaum noch mit anderen Freund*innen, weil sie Angst haben, ihre Eltern zu infizieren, weil um-den-Block-gehen irgendwann sterbenslangweilig ist

Jaaa, das soll ja auch eine Ausrede sein. *augenroll…

weil der April viel zu kalt zum gemeinsamen Abhängen draußen war.

Es ist Mai. Und es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung. Das sage ich als Stubenhocker.

Irgendwann kann man nicht mehr gegen die Pandemie anerziehen.

Hat keiner behauptet. Also, irgendwer bestimmt, aber niemand sagt: „Wir lassen die Schulen dicht, weil Eltern das alleine schaffen.“

Es ist nicht gesund, Teenager mit ihren Eltern einzusperren.

Wegen der häuslichen Gewalt und so? Das war mal ein ganz wichtiges Thema.

Ich weiß, dass viel zu viele Menschen sterben oder Long Covid bekommen und ich plädiere hier nicht für Schulöffnungen um jeden Preis.

Um welchen Preis denn? Was sollte man riskieren oder opfern?

Als der Pressesprecher mir diese Antwort gab, war ich so baff, dass ich am liebsten eine Petition gestartet, eine Initiative gegründet oder in irgendeiner Form mit anderen protestiert hätte.

Wogegen genau? Gegen Distanzunterricht? Gegen den Pressesprecher? Gegen Inzidenzwerte? Der Wert, bei dem Schulen geöffnet werden, kann sinnvollerweise höchstens der sein, ab dem sie geschlossen wurden. Wenn kein anderer Wert genannt wird, kann man annehmen, dass das derselbe sein soll, nur die Frist, wie lange der Wert unterschritten wird, wäre fraglich. Wenn der Pressesprecher das nicht erklären kann, liegt es vllt. mehr an der Regierung, die das vom Einzelfall abhängig machen wollen, keine Ahnung.

„Tja, selbst schuld, wenn ihr nicht laut werdet!“, sagte ein kinderloser Journalist neulich zu mir.

Okeee, blöder Spruch. Aber angenommen, der Pressesprecher hätte gesagt, Inzidenz x nach y Tagen in Folge, hätte das nicht annähernd so viel weitergeholfen, wie hier getan wird. Insofern bringt Protest reichlich wenig.

Ich habe aber, wie so viele Mütter und Eltern in Deutschland, keine Kraft übrig.

Aber Väter demnach schon? Schickt die doch protestieren.

Wir sind nicht umsonst die lobbylose Gruppe, weil wir mit anderen Dingen voll beschäftigt sind.

Wieso schaffen Manager mit ihren 100-h-Wochen es, die Politik in ihrem Sinne zu lobbysieren? Vermutlich sind ein paar der Hundert Stunden „Geschäftsessen“, wenn Ihr wisst, was ich meine. Aber hey, wenn Frauen mit zwei schulpflichtigen Kindern Kanzlerin werden können, dann können die auch Lobbyarbeit machen.

Zum Beispiel, die Rolle des Staates zu übernehmen.

Kanzlerin halt!

An seiner Stelle mache ich den Kindern jetzt täglich Hoffnung:

Durchhalteparolen!

„Wenn die Inzidenz in Hamburg unter 90 fällt und alle über 50-jährigen geimpft sind,

Versprechungen!!

dürft ihr wieder an zwei Tagen in die Schule.

Das! IST! Spar!TA!!

Da bin ich ganz sicher.

„…ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich wiederhole: Mein Ehrenwort!“ War zwar nicht Hamburg, sondern Schleswig-Holstein, aber nunja.

Wir schaffen das!“

Merkel kommt gebürtig aus Hamburg.

Wie schwer kann es sein, das einmal festzulegen und zu schreiben, Stadt Hamburg?

„Wie lange noch, Catilina, willst Du unsere Geduld missbrauchen?“ Eigentlich ist es nicht die Aufgabe des Staates, Fragen zu beantworten, deren Antwort er nicht kennt, um Wähler auf Linie zu halten, aber ich verstehe, warum man das denken könnte.

Ist das jetzt Kritik an der Pressestelle, Kritik an Corona oder einfach „Frauen am meisten betroffen“-Rhetorik? Man weiset nich.

4 Gedanken zu “Die allumfassende Präsenz der Väterlobby

  1. Ich habe aber, wie so viele Mütter und Eltern in Deutschland, keine Kraft übrig.

    Sie kann sich nicht entscheiden, ob sie jetzt Väter ausgrenzt oder nicht. Der Konflikt zwischen dem Opferabo und und hellsichtige Selbsteinschätzung, wie erbärmlich das ist.

    Gefällt 1 Person

    1. Wollte ich auch kommentieren. Sie will wohl sagen:

      …viele Mütter und Mütter und Mütter und Mütter und Väter und Väter und Väter…

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s