Orks I

Orks sind in der Form, wie man sie heute kennt, eine Erfindung von J.R.R. Tolkien.

Es gibt, wie hier zu lesen ist, Vorgänger, außerdem ist das Wort verwandt mit Orcus (Unterwelt, speziell der Teil mit den bösen Verstorbenen, aka Hölle), Orca und indirekt Orkan, also nicht einfach „erfunden“.

Orks sind böse, aber nicht dumm. Ihre Intelligenz wird im Kleinen Hobbit betont, es wird beschrieben, dass sie mit Waffen und Maschinen tatsächlich gut sind, und ihre Sprache (tatsächlich haben sie mehr als eine, wie Menschen ja auch) besteht zwar aus den jeweils hässlichsten Wörtern unterschiedlicher Sprachen des richtigen Lebens, aber tatsächlich beherrschen viele Orks die Sprache ihres jeweiligen Volkes oder Stammes und Westron, die Verkehrssprache, um sich mit Orks anderer Nationalität zu verständigen. Sauron hat versucht, die Schwarze Sprache als eine Art Esperanto zu etablieren, aber das hat sich irgendwie nicht durchgesetzt. Diese Sprachpolitik immer. Ist jedenfalls gut für die Story, weil Sam die Orks sonst nicht hätte belauschen können…

Welche – wenn überhaupt eine – ethnische Gruppe im Richtigen Leben Orks sein sollen, ist umstritten, aber eine literarische Vorlage sind die Morloks aus „Die Zeitmaschine“. Der Wiki-Artikel selbst belegt, das Tolkien die kannte.

Morlocks haben viel mit den späteren Orks gemein:

  • technisch versiert
  • leben unterirdisch
  • essen andere Zweibeiner (nein, keine Hühnchen)
  • mögen kein Licht
  • sind mehr in der Masse gefährlich
  • sind anscheinend komplett bosartig
  • außerdem: mORlocKS, d’oh

Die Morlocks sind sogar ein Stück überdrehter als Orks, denn ihnen ist nicht nur die Sonne zu grell, sondern sogar das Licht des Mondes, weshalb sie hauptsächlich zu Neumond an die Oberfläche kommen, und ein unbewaffneter Engländer kann einen Morlock ohne viel Auffand töten, was bei Tolkiens Orks einfach nur lächerlich wäre.

Orks in späteren Geschichten – Warhammer-Orks, Warcraft-Orks und dergleichen – scheinen mir auch noch von den grünen Marsmenschen aus den Barsoom-Romanen inspiriert zu sein. Diese Bücher sind speziell in den USA sehr bekannt und einflussreich, ähnlich wie die Winnetou-Romane in Deutschland, nur, dass weniger Apachen drin vorkommen. Deren Orkmerkmale sind:

  • grüne Haut
  • große Hauer
  • sind körperlich größer und vor allem stärker als der „Durchschnittsmensch“
  • sind dafür technisch anderen intelligenten Zweibeinern unterlegen

Letzteres wird durch die Aufteilung in „Orks“ und „Goblins“ gelöst, was bei Tolkien teils noch Synonyme waren: Orks sind in späteren Reihen starke, aber nicht technisch begabte „Grünhäute“, Goblins hingegen technisch begabt, aber schwach. Auch die Existenz verschiedener Morphe kommt schon bei Tolkien vor, wo einige Orkrüstungen auch von Hobbits tragbar waren – einigermaßen – und Hobbits damit als Orks durchgingen, oder eben als Goblins bei der modernen Zweiteilung.

Jedenfalls, Orks haben im Hobbit und im Herrn der Ringe die funktion als reine Antagonisten, und sind daher böse. Immer, überall, und auch gegenüber anderen Orks. Tolkien selbst hat später auch gemerkt, dass eine solche Gesellschaft eigentlich nicht plausibel funktionieren kann, aber fand auch keine gute Erklärung.

Jetzt könnte man einwenden, dass es auch keine plausible Erklärung gibt, wieso Drachen fliegen können. Oder Feuer speien können. Oder existieren können. It’s a kind of magic. Oder, etwas durchdachter, Orks werden in den Büchern aus Sicht ihrer Feinde in Kriegen, Schlachten und Fehden gezeigt, irgendwelche fürsorglichen, liebevollen oder meinetwegen auch einfach nicht bösen Orks würden da auch nicht auffallen.

Aber speziell im posthumen Silmarillion wird tatsächlich eine Erklärung angeboten, die mir schlüssig erscheint, obwohl es vllt. nicht die Erklärung ist, mit der Tolkien am zufriedensten wäre: Orks sollen nicht als Gesellschaft funktionieren. Orks sollen als Soldaten funktionieren. Dafür wurden sie gezüchtet und/oder magisch zurechtgebogen und/oder mit ganz wenig Zuckerbrot und sehr viel Peitsche erzogen. Da sind technische Fähigkeiten aller Art nützlich, aber keinerlei künstlerischen. Hass auf andere ist gut, aber Liebe zueinander nicht, weil sonst Orks mehr an ihre Mitorks denken als an ihre nicht-orkischen Gebieter. (Im Hobbit wird erwähnt, dass sie zumindest ihre Häuptlinge rächen, und individuelle Ork-Sippen mit individuellen Zwergen-Sippen verfehdet sein können – und umgekehrt – der Hass ist also auch mal individualisiert. Menschen sind einfach nur rassistisch. Aber andererseits sind Orks auch nicht direkt immer glücklich, für Sauron oder so zu kämpfen.) Aber, auch wenn das nicht immer rüber kommt, Orks sind nicht direkt egoistisch. Orks können bei Tolkien einen Grad der Selbstverleugnung erreichen, der bei Menschen zwar nicht ganz undenkbar, aber extrem selten ist, und den man Orks nicht zutrauen würde, wenn man sie als einfach nur bosartig, sinnlos grausam und nur auf den eigenen Vorteil bedacht hält: An einer Stelle sollen Orks zwei Menschen gefangen nehmen. Die wehren sich natürlich, und einer der beiden kriegt einen Orkpfeil durchs Visier direkt ins Auge und ins Hirn. In zehntausend Jahren treffen die nie was! Jedenfalls ändern die Orks ihre Strategie, lassen ihre Waffen fallen und werfen sich auf den verbleibenden Menschen, den sie nicht einfach k.o. schlagen können. Er hackt ihnen die Arme ab, aber der Griff ihrer Hände bleibt, und irgendwann ist er unter einem Haufen lebendiger Orks, toter Orks und kalter, toter Orkhände gefangen. Es gibt Geschichten von Soldaten, die sich auf scharfe Handgranaten werfen, um ihre Kameraden zu retten, aber das ist eine Sekundenentscheidung, wenn man sowieso stirbt. Sich sehendenden Auges Leib und Leben riskieren, wenn man einfach gar nichts machen müsste, um zu überleben, und zwar für eine Gefangennahme, kostet viel mehr Überwindung. Wobei Melkor gnädiger ist mit Dienern, die ohne Hände heimkehren, als mit solchen, die mit leeren Händen heimkehren.

Nun, jedenfalls ist es sinnvoll, wenn Melkor seine Soldaten nach folgenden Eigenschaften selektiert:

  • Aggressivität
  • technische Begabung
  • wenig bis gar kein Einfühlungsvermögen
  • wenig Rücksichtnahme auf andere
  • wenig Rücksichtnahme auf sich
  • die eigene Ersetzbarkeit wird als Tugend begriffen
  • Fleischesser

Also ungefähr das, was man sonst

„Toxische Männlichkeit“

nennt. Kein Ork ist toxisch. Oder trinkt Gift. Jetzt will ich damit nicht sagen, dass Tolkien – oder spätere Autoren – Orks als Metapher dafür benutzen, aber dass umgekehrt viele, die von toxischer Männlichkeit reden, sich darunter orkiges Verhalten vorstellen oder exakt DAS meinen, kommt mir viel plausibler vor.

Nebenbei: am 30. April hätten die ersten Orks auftauchen sollen, aber wegen Corona musste die Goblinisierung verschoben werden. Was noch, 2021, was NOCH?

2 Gedanken zu “Orks I

  1. „Sauron hat versucht, die Schwarze Sprache als eine Art Esperanto zu etablieren, “

    Ĉi tie mi devas severe protesti. D-ro Esperanto neniam celis konkeri la mondon aŭ devigi la homaron lerni sian lingvon internacian.

    *hust*, *räusper*

    Die schwarze Sprache sollte den Eroberten per Gewalt aufgedrückt werden. Das Konzept von Eo basiert auf der Freiwilligkeit des Lernens (und hat sich daher nicht gegenüber anderen Sprachen wie Englisch, Russisch und Mandarin durchgesetzt).

    Nutzloses Wissen an dieser Stelle:
    Zur durch Hitler postulierten, „jüdischen Weltverschwörung“ gehörte auch die These, dass man uns nach der Machtübernahme durch das „Weltjudentum“ deren „Universalsprache“ Esperanto aufzwingen würde. (Quelle: Mein Kampf, kann man per Glossar finden)

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