Wo’s gerade Thema ist

Tempel und Wedel

Es wird regelmäßig unterstellt, dass alle, die #Metoo kritisieren, Frauen mundtot machen wollten, um zu verhindern, dass Täter bestraft würden.

Das stimmt nicht. Solche Kritiker mag es geben, aber was mich betrifft,

  • ich will, dass Anzeige gegen bspw. Wedel gestellt wird
  • ich will, dass gegen ihn ermittelt wird
  • ich will, dass ggfs. Anklage gegen ihn erhoben wird UND
  • ich will, dass er verurteilt oder freigesprochen wird

Und wenn wir schon beim wollen sind, will ich, dass das möglichst zeitnah passiert, aber nunja. Vor allem bei Vorwürfen, die deutlich unter das Strafrecht fallen; wenn eine Frau von einem Regiesseur einen blöden Spruch gedrückt kriegt, muss sie sich den jetzt auch nicht gefallen lassen, aber eine gewisse Verhältnismäßigkeit wäre auch mal ganz schön.

Jetzt ist es natürlich so, dass Tempel Gründe hat oder haben kann, nicht vor Gericht zu gehen, die ich nicht kenne, die mich genau genommen auch nichts angehen, und ich habe auch keinen „Rechtsanspruch“ darauf, dass sie das macht. Und ich will auch keinen Rechtsanspruch haben. (Wenn es „nur“ die Retraumatisierung ist, tut es mir leid, aber wie will man ein Verbrechen sonst aufklären?)

Außerdem ist das jetzt ein Beispiel, es geht mir nicht um Tempel im speziellen. Die ist nämlich mMn aus Gründen falsch beraten, also verraten worden, die eher nicht in ihrer Verantwortung lagen. Also irgendwie geht es mir doch um sie, also frühstücke ich den Teil ab:

Die Zeit ist unbestritten – denn sie hat es so veröffentlicht – der Ansicht gewesen, dass der Fall von Wedel und Tempel verjährt war. Inwieweit Tempel der Zeit vermittelt hat, dass diese Verjährung Voraussetzung dafür war, dass sie mit Namen Teil eines „deutschen #Metoo-Falles“  wird, ist tatsächlich umstritten, aber Zeit, angeblich drei Anwälte und Tempel infolgedessen selbst haben das geglaubt. Und da kommt es mir so vor, dass die Zeit entweder die falschen Anwälte gefragt hat, oder gar nicht gefragt, und von ihrem eigenen Narrativ auf Glatteis geführt wurden: böse Rape-Cultur manipuliert Gesetze und Rechtssprechung, um die Verfolgung und Ahndung von Sexual-Verbrechen zu unterbinden, deshalb muss man per Zeit-Artikel dagegen anschreiben.

Tja, und so ist es eben nicht. Im Zuge der Aufarbeitung der Fälle von Kindesmissbrauch in der kath. Kirche, bei denen festgestellt wurde, dass viele bereits verjährt waren (weil die Aufarbeitung alles seit dem 2.Weltkrieg erfasste), wurde festgelegt, dass die zwanzigjährige Verjährungsfristen bei Vergewaltigungen erst ab dem 30. Lebensjahr des Opfers beginnen.

hier eine Tabelle

(Natürlich galten bis dahin auch andere Verjährungsdaten in Abhängigkeit vom Geschlecht des Opfers.)

Jedenfalls wäre die Tat von 1996 nach altem Recht 2016 verjährt gewesen, aber das das 2015 geändert wurde, also, als sie noch nicht verjährt war, verjährte sie dann erst mit Ablauf des 30+20 = 50. Lebensjahr des Opfers, also 2019. Verdammte Rape-Culture.

Und – wer hätte das gedacht, außer allen, die nicht an dieses Narrativ glauben – Vergewaltigung ist ein Offizialdelikt, d.h., sobald die Strafverfolgungsbehörden davon erfahren – weil sie es bspw. in der ZEITUNG lesen – müssen sie diesbezüglich ermitteln. Die namentlich genannte Frau Tempel vernehmen. Deren Umfeld. Andere Frauen, die anonym bleiben wollten, deren Namen aber zumindest Wedel und dessen Anwälten genannt werden müssen, damit die sich damit auseinander setzen können. Die ganzen Behauptungen und Unterstellungen wie „niemand wird Dir glauben“ und „es bringt eh‘ nichts, zur Polizei zu gehen, wegen: Patriarchat“ und dergleichen mehr – wenn sogar gegen den Wunsch des Opfers und 25 Jahre nach der Tat der Rechtsstaat in den Einsatz geht, wie viel effektiver wäre die ganze Aktion, wenn sie mit Zustimmung des Opfers und sehr zeitnah stattfünde?

Wie gesagt, ich bin froh, dass der Fall aufgerollt wird. Ich verstehe aber auch, dass Tempel jetzt nichts mehr mit der Zeit zu tun haben wollte, denn eine Zeitung, die offenbar in Sachen Sexualverbrechen nicht auf dem neuesten Stand ist, ist bei sowas offensichtlich nicht die richtige Plattform.

Und so wird das bei der SZ gefrämt.

Lange sah es so aus, als würden die Vergewaltigungs-Vorwürfe gegen den Regisseur versanden.

Ok, haltet Ihr es immer noch für eine gute Idee, nicht zur Polizei zu gehen?

Nach drei Jahren Ermittlungen klagt die Staatsanwaltschaft München Wedel nun doch an.

Zuzüglich 22 Jahre, bis die Geschichte in der Zeitung steht.

Kaum einer hatte noch damit gerechnet, dass der Regisseur doch noch vor Gericht gestellt wird.

Inklusiver „dreier Anwälte“. Aber hey, ich habe damit gerechnet, als ich davon bei Übermedien las, insofern: feiert mich!

Lange sah es so aus, als würden die Vergewaltigungs-Vorwürfe gegen Dieter Wedel versanden.

Was deutlich kürzer gewesen wäre, wenn die eher der Polizei und Staatsanwaltschaft bekannt gegeben worden wären.

Lange sah es so aus, als würde die Kunst seiner Anwälte – der Münchner Kanzlei Gauweiler – ihm den Gang vor Gericht ersparen.

Wenn die Anwälte, die die Zeit gefragt hatte, ihre „Kunst“ beherrscht hätten, hätte Tempel offenbar der Veröffentlichung zum damaligen Zeitpunkt vor der Verjährung nicht zugestimmt und jetzt gäbe es keinen Prozess. Also: gar keinen. Wedel hätte nichts mehr zu befürchten, was er aber dann nicht der Kunst seiner Anwälte zu verdanken hätte, sondern der Kunst der Gegenseite.

Aber nun hat die Staatsanwaltschaft München I überraschend Anklage gegen den heute 81 -Jährigen erhoben.

Wieso „überraschend“? Offizialdelikt, Rechtsstaat, keine Verjährung? Halloho?

Interessant ist, dass sich die Anklage auf die mutmaßliche Vergewaltigung von Tempel beschränkt. Die Zeit hatte in ihrem Artikel auch von einem gewalttätigem Übergriff auf die Schweizer Schauspielerin Esther Gemsch berichtet, die von Wedel so schwer verletzt worden sei, dass sie danach eine Halskrause habe tragen müssen. Dieser Vorfall ist jedoch nicht angeklagt.

Weil…? Also, ich habe keine Ahnung, warum nicht. Aber das wäre ja eine Frage, die die Leserschaft interessieren könnte.

Erst vor kurzem hatte der Anwalt von Jany Tempel Untätigkeitsbeschwerde gegen die Staatsanwaltschaft erhoben.

Achnee.

Die Staatsanwaltschaft erklärt nun ausführlich, warum es so lange gedauert hat: Sie habe zahlreiche Zeugen erst aufspüren und dann über internationale Rechtshilfeersuchen im Ausland befragen müssen. Außerdem hätten sich immer neue Erkenntnisse ergeben, die dann wieder hätten überprüft werden müssen – das gelte vor allem für die Aussagen von zwei Zeuginnen und für die detaillierte Einlassung Wedels.

Jaaa, das ist NOCH ein Grund, warum man nicht bis zum Ende der Verjährungsfrist warten sollte, wenn man ein Verbrechen bestraft haben will, weil es natürlich schwieriger ist, Zeugen zu finden, wenn inzwischen über 20 Jahre vergangen sind. Der Umschwung von: „Ich will auf gar keinen Fall, dass es zu einem Prozess kommt.“ zu „Jetzt will ich aber auch, dass er schnell vorbei ist.“ ist ja verständlich und richtig, aber so als Staatsanwaltschaft käme ich mich jetzt etwas genervt vor.

Hachja. Einfach nur: Hachja.

Ein Gedanke zu “Wo’s gerade Thema ist

  1. Der Vorfall des gewalttätigen Übergriffs auf Esther Gemsch von 1980 ist nicht angeklagt, weil es sich nicht um Vergewaltigung handelte sondern um versuchte Vergewaltigung bzw. Nötigung in Tateinheit mit Körperverletzung. Beide Straftatbestände sind inzwischen ungeachtet des damaligen Alters des Opfers tatsächlich verjährt, im Unterschied zum Fall Tempel wo es um vollzogene Vergewaltigung geht.

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