und Pickert gegen den Rest der Welt

Natürlich

YES, ALL MEN

Ich könnte indifferent sein, aber entweder will man micht zum Gegner oder zum Verbündeten. Solche Formulierungen legen nahe, dass man mich nicht als Verbündeten haben will.

Nein, nicht alle Männer.

Doch, steht da.

Nicht alle Männer vergewaltigen, plündern, zetteln Kriege an, lügen sich in ihrer ganzen Mittelmäßigkeit die Karriereleiter hoch, prellen Unterhalt, mansplainen, benehmen sich übergriffig, wiederholen in Konferenzen einfach was Frauen sagen und heimsen dafür die Lorbeeren ein.

Funfact: die wenigsten tun das. Und die allerwenigsten tun alles auf der Liste, oder auch nur mehrere Sachen, wie meinetwegen „plündern“, „Unterhalt prellen“ und „auf Konferenzen wiederholen, was Frauen sagen“. Das ganze „nicht alle“ soll hier wohl heißen: „aber die meisten“, und wer sich die Karriereleiter hoch lügt, plant auch Angriffskriege. Denn wenn nicht, wäre der ganze folgende Rant für die Katz.

Nicht alle Männer schlagen und/oder töten ihre (Ex) Partnerinnen.

Pfff, ja, wenn eine Frau, ihr Kind und ihr neuer Lebensgefährte erschossen werden, will man, dass das Femizid genannt wird. Dieses Främing würde dazu führen, dass meine Ermordung nicht als Beziehungstat bezeichnet wird – wogegen ich nichts hätte, denn meine Beziehung wäre leider ursächlich für meine Ermordung – sondern dass ein totes Kind und ich die nicht weiter erwähnenserten Kollateralschäden eines Femizides wären. Womit klar gemacht wird, dass ein Frauenleben mehr wert ist als das eines Kindes und eines Mannes zusammen. Wie gesagt, man will mich einfach nicht als Verbündeten.

Anscheinend muss das immer wieder gesagt werden.

Nicht alle Frauen sind Feministinnen. Das muss man auch immer wieder sagen…

Bei jeder Debatte, jedem Aufschrei, jedem Hinweis auf Sexismus, Misogynie und sexualisierte Gewalt.

Die ganzen Leute, die gegen Flüchtlinge hetzen, da kommt doch nie ein Hinweis wie „nicht alle Flüchtlinge“, oder? Die ganzen Leute, die über US-Republikaner schimpfen, die machen auch keine Einschränkungen dieser Art oder dergleichen? Aber wenn IHR Pauschalaussagen macht, dann wollt Ihr, dass man die als ausgewogene Kritik auffasst? Empathie, meine Damen und Pickert, so wichtig.

Wann immer jemand dazu ansetzt, problematische Männlichkeitskonzepte als, nun ja, problematisch zu benennen, als strukturell übergriffig und toxisch, geht es los:

Wenn man jemanden verbal angreift, muss man eben mit verbaler Gegenwehr rechnen. Um das zu erwarten, muss man gar nicht so viel Empathie haben, logisches Denken reicht aus. Oder eventuell auch eine gewisse Lernfähigkeit; wenn der dreiundrölfzigste Vorwurf nur zu Abwehrreaktionen führt, dann ist der Vorwurf eben keine effektive Methode, Zustimmung, Hilfe oder auch Verbündete zu finden.

Wie kannst du nur, was soll die Verallgemeinerung, noch nie bin ich so beleidigt worden, Männerfeindlichkeit1!!11!, Hashtag #notallmen.

Von jemanden, der sich doch eigentlich gegen Kriege positioniert, bezeugt das einen bemerkenswerten Mangel an diplomatischen Grundlagenwissen. Menschen sind nicht automatisch auf seiner Seite. Männer sind nicht automatisch auf seiner Seite. Also, ein paar Männer schon, die muss er nicht überzeugen, manche Männer sind tatsächlich Mörder, Vergewaltiger und/oder Karrieristen, die kann er nicht überzeugen, und den Rest könnte er vllt. überzeugen, wenn er ihnen nicht als allererstes sagen würde: „Du bist ein schlechter Mensch, aber wenn Du Dich änderst und für andere aufstehst, springt auch was für Dich raus: Du darfst dann öffentlich weinen.“ Ehrlich, als der Staat noch Männer einfach zum Kriegsdienst verpflichtete, hat der das besser verkauft. Was jetzt nicht unbedingt heißen soll, dass Pickert Orden verleihen sollte, aber der Staat war halt besser im Verarschen.

Die Sache ist nur die, dass bei einem strukturellen Problem eine Haltung wie #notallmen nicht ausreicht.

Das ist uns ziemlich wumpe – dieser #hashtag dient nicht dazu, Frauen zu helfen, sondern Männern.

Es mag ja sein, dass es sich im ersten Moment irgendwie nicht gut anfühlt, als Student zur Teilnahme an einem Workshop zum Thema Einvernehmlichkeit aufgefordert zu werden

Nicht nur im ersten Moment, sondern in jedem. Aber gut, vllt. hätte man Pickert auch zu einen Workshop „Wie überzeuge ich andere?“ zwingen sollen. Wenn der Workshop nicht einvernehmlich ist, hat das zwar eine gewisse Ironie, aber nun gut.

Denn ja: Genau so kann ein Vergewaltiger aussehen.

Na, komm. Vllt. ist das ja kein Vergewaltiger, sondern ein Mörder? Oder jemand, der Frauen die Vorfahrt klaut. Was weiß ich. Punkt ist, wenn jemand zu so einem Workshop muss und andere nicht, wäre das Kriterium für die Auswahl schon interessant – vllt. das Horoskop, vllt. die Augenfarbe – aber der eigentlich Witz ist doch, dass ein Vergewaltiger nicht aufhört zu vergewaltigen, weil er in einem Workshop war, in den er gar nicht wollte. Und ein Nicht-Vergewaltiger fängt nicht an zu vergewaltigen, bloß, weil er nicht in dem Workshop war. Und Vergewaltigerinnen – für alle, die mit generischen Maskulina Probleme haben – müssen sich damit nie auseinandersetzen. Jedenfalls ist das für Vergewaltiger und Nicht-Vergewaltiger gleichermaßen Zeitverschwendung.

Wie der beste Freund, der Partner, der Fahrschullehrer, der Sportvereinstrainer, der Hausmeister, der Barkeeper, der Vater oder der Bankberater. Wie jedermann. Darum geht es ja.

Oder wie ein Feminist. Aber wenn es darum geht, Männer in Generalverdacht zu halten, warum bei Vergewaltigung bleiben? Was ist mit Eigentumsdelikten? Was ist mit Steuerhinterziehung? Sollte man nicht einfach alle Menschen in ein Anti-Steuerhinterziehungs-Camp schicken?

Not all men steht ganz außer Frage. Selbstverständlich nicht alle Männer.

Ich habe nichts gegen Gruppenmitglieder. Einige meiner besten Freunde sind Gruppenmitglieder. Aber diese Gruppenmitglieder… An der Stelle ist das nicht mal eine Höflichkeitsphrase, wenn das von Pickert kommt.

Aber weil es ein strukturelles Problem ist, könnte es jeder sein.

Nein. Allmählich halte ich „strukturell“ auch nur für eine leere Floskel, aber, um den Punkt ernst zu nehmen: „strukturell“ wäre etwas, was zu einer Struktur gehört oder von einer Struktur gefördert wird. Was genau eine Struktur ist und was nicht, wird auch nie klar gesagt, aber angenommen, es gäbe ein Gesetz, dass Vergewaltigungen bei bestimmten Bedingungen nicht strafbar wären. Ergo könnte eine Frau oder auch ein Mann misstrauisch werden, wenn eine andere Person offenbar versucht, genau diese Bedingungen herbeizuführen. Hieße im Umkehrschluss, dass alle anderen Personen kein Misstrauen verdienten. Weil aber Vergewaltigungen grundsätzlich strafbar sind, gibt es solche Personen nicht. Höchstens solche, die eine Vergewaltigung planen und die Tat verdecken wollen. Insofern könnte es wirklich „jede/r“ sein, weil man es niemanden ansieht, aber das ist dann so, weil es gerade keine strukturellen Vergewaltigungen gibt.

Wenn Betroffene selbst in ihren eigenen vier Wänden nicht sicher sind, wenn sie immer wieder verdächtigt werden, als Opfer doch auch irgendwie Schuld zu sein, wenn sexualisierte Gewalt systematisch verharmlost wird und gleichzeitig eine tragende Säule der Gesellschaft ist, dann ja: Alle Männer!

Ein Verbrechen zu begehen ist nicht dasselbe wie eines zu verharmlosen. Und Pickert verwendet den Begriff „verharmlosen“ sehr frei. Weiterhin, es ist ja nicht einmal so, dass alle Männer Vergewaltigungen „verharmlosen“ würden, also trifft #notallman auch hier zu.

Schließlich schnallen wir uns auch an, obwohl wir nicht jedes Mal einen Autounfall haben und nicht alle Verkehrsteilnehmer*innen mit überhöhter Geschwindigkeit rasen.

Einige machen das nur, weil es sonst Bußgelder gibt. Aber ist ein Gurt gegen tödliche Autounfälle nicht so, als würden wir Töchtern beibringen, wie sie sich gegen Vergewaltigungen schützen?

Wir haben Schwimmwesten unter Flugzeugsitzen, obwohl wir vermutlich nicht abstürzen und wenn, dann womöglich nicht über Wasser.

Wenn jemand zu einer Stewardess sagt, dass Flugzeuge ein gefährliches Transportmittel sei, und man wolle die Menschen davor warnen, und am besten Flugreisen verbieten, gerät diese bestimmt auch soffort in die Defensive, oder? Aber ja, Frauen können gerne alle Pfefferspray dabeihaben.

Wir ergreifen umfassende Coronaschutzmaßnahmen, obwohl unser Gegenüber womöglich gar nicht infiziert ist.

DIE sind tatsächlich dafür, dass „wir“ das Gegenüber nicht anstecken, nicht umgekehrt. Abgesehen davon…

Sexualisierte Gewalt insbesondere gegen Frauen ist eine weltumspannende Pandemie, weswegen ein Coronavergleich hier durchaus angebracht ist.

..,ist das Quatsch. Wenn mein Gegenüber mich mit Corona ansteckt, ist das vermutlich keine Absicht. Wenn mein Gegenüber micht vergewaltigt, vermutlich schon. Aber wenn man das so sieht, bedient es nicht so schön das triebhafte-Männer-Narrativ und die Pauschalverdächtigungen. (Ich würde noch nicht einmal den Corona-Leugnern unterstellen, dass die mich anstecken wollen.) Ich verhindere, dass ich andere vergewaltige, indem ich einfach niemanden vergewaltige, ich verhindere, dass ich Corona verbreite, indem ich eine Maske trage.

Solange Männer andere Männer nicht zur Verantwortung ziehen

Warum sollte ich? Dafür gibt’s Gerichte.

Sexismus als Strategie ablehnen

Das tue ich, aber trotzdem gehöre ich zu den „doch alle Männer“.

Übergriffigkeit und Gewalt ächten

Bei den Meisten (nicht allen, jaja) ist es sogar so, dass Gewalt gegen Männer auch in solchen Situationen geduldet oder entschuldigt wird, wenn sie gegen Frauen bereits geächtet ist.

bereit sind, Feuer ans Patriarchat zu legen

Hachja. Vergewaltigungen sind böse, aber Brandstiftungen sind tolle Metaphern. Siegreich woll’n wir Ungarn schlagen, sterben als ein wack’rer Held…

haben Frauen aus überlebensstrategischen Gründen kaum keine andere Wahl, als nach dem Motto Yes, all men! zu agieren.

Wenn die das täten, würden sie ja nicht versuchen, sich ihre Probleme von Männern lösen zu lassen.

Zweifellos ist das für Männer ausgesprochen unangenehm.

Aber aus völlig anderen Gründen…

Wer lebt schon gerne in einer Gesellschaft, in der Frauen nachts die Straßenseite wechseln, obwohl man vollkommen harmlos ist?

Wenn ich die Straßenseite wechsle, interessiert das auch keinen.

Das ist eine wichtige Frage. Noch viel wichtiger ist allerdings die Frage, wer gerne in einer Gesellschaft lebt, in der sie nachts die Straßenseite wechselt, weil ihr ein Mann entgegenkommt

Wenn ich die Straßenseite wechsle, ist das wie anschnallen im Auto, oder derzeit mache ich das auch wegen Corona. Kein Schwein interessiert sich dafür, ob ich das achselzuckend in Kauf nehme oder darunter leide. Aber wenn eine Frau das tut, ist das irgendwie meine Schuld und ICH muss das irgendwie ändern.

sie einfach schon zu viele Erfahrungen mit Belästigungen, Übergriffen und Gewalt machen musste. Ihr also nur allzu klar ist, was die Situation für sie bedeuten kann.

*schulterzuck.

#Notallmen ist keine brauchbare Strategie, um dieses Problem zu lösen.

Achwas. Und Tortellini sind kein Patentrezept gegen Mücken. Weil sie das auch gar nicht sein sollen.

Yes, all men hingegen schon. Denn nicht alle Männer sind Täter.

Ja. Das steht da. Sic. Also: so. Ich habe es höchstpersönlich herübergecopypastet. Weil nicht alle Belgier böse sind, muss man „Ja, alle Belgier“ sagen. Aber wenn alle Belgier böse wären, würde man auch „alle Belgier“ sagen, also gibt es realistischerweise keine Situation, in der man „nicht alle Belgier“ sagen würde. Im Kampf gegen das internationale Belgiertum ist „nicht alle Belgier“ keine brauchbare Strategie. Oder, allgemeiner: Angst vor allen Männern ist mehr Angst als Angst vor nicht allen Männern. Aber es ist nicht meine Aufgabe zu beweisen, dass ich harmlos bin, also meinetwegen wechselt halt die Straßenseite.

Aber nur wenn alle Männer sich verantwortlich dafür fühlen, Sexismus und sexualisierte Gewalt zu klar zu benennen, zu verurteilen und zu ächten, haben Frauen vielleicht irgendwann nicht mehr das Gefühl, die Straßenseite wechseln zu müssen.

Emanzipation heißt für mich, weniger Rollenklischees zu erfüllen, also weniger den Beschützer spielen. Das heißt, dass ich NICHT dafür verantwortlich bin, ob sich andere gefährdet fühlen, und mich nicht dafür verantwortlich fühlen muss. Sollen doch bitte die Frauen die Straßenseite wechseln, damit ICH mich sicherer fühle, dankeschön im Voraus.

2 Gedanken zu “und Pickert gegen den Rest der Welt

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