Pickert vs. Pappkamerad

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#MeToo ist keine Karriereleiter

Behauptet auch niemand. Bzw., rein statistisch wird es schon jemand behaupten, aber wenn, ist der behauptete Mechanismus, dass jemand ein Buch über #Metoo schreibt, in einschlägige Talkshows eingeladen wird und/oder sich sonstwie engagiert. Wie Streeck, der charmante Sonnyboy mit dem blonden Scheitel.

Dass Frauen mächtige Männer auch und gerade deshalb mit Anschuldigungen eindecken, um die eigene Karriere zu befördern, ist schlicht eine Lüge

Keine Theory of Mind, was? Wenn jemand das tatsächlich glaubt, ist es vllt. eine Unwahrheit, aber keine Lüge. Aber es ist eigentlich egal, weil Pickert sich hier auf eine sehr spezielle Behauptung konzentriert, die er relativ leicht widerlegen kann, um dann so zu tun, als ob alle anderen Behauptungen ebenfalls Lügen seien. Gegen Strohmannargumente argumentieren oder auf Pappkameraden schießen, nennt man das.

Haben Sie neulich das Interview mit Christine Blasey Ford in dieser berühmten Late-Night-Show gesehen?

Nein, ich gucke keine Late-Night-Shows mehr.

Wie fanden Sie den neuen Film mit Jany Tempel?

Kino ist gerade schlecht.

Und kennen Sie die Fotoausstellung von Valentine Monnier?

Da gehe ich nie hin.

Tja, ich auch nicht. All diese Dinge existieren nicht.

Tja, warum genau hat niemand Christine Blasey Ford interviewt?

Christine Blasey Ford ist die Psychologieprofessorin, die im Zuge der Berufung von Brett Kavanaugh zum Obersten Gerichtshof der USA mit Anschuldigung wegen sexualisierter Gewalt gegen ihn an die Öffentlichkeit trat.

Ja, was die betrifft, ist der Vorwurf nicht gewesen, dass sie ihre Karriere befördern, sondern, dass sie seine verhindern wollte. Konkret dessen Berufung. Was nicht geklappt hat. Immerhin ist er demokratisch genug gewesen, verschiedene Klimmzüge der Trump-Regierung nicht mitzutragen, rein politisch war er also nicht allzu ungeeignet. Da niemand behauptet hat, dass sie ihre Karriere als Psychologie-Professorin aufgeben und selber an den Obersten Gerichtshof wollte, widerlegt der ganz Vorgang exakt nichts. Und nebenbei, ich hoffe SEHR, dass Stokowski das hier ironisch meinte, aber offenbar verstehen nicht alle Menschen Ironie – jedenfalls, ungeachtet der Frage, ob sie gelogen hat oder nicht, wenn sie gelogen hat, war ihr Motiv nicht ihre Karriere und das hat niemand unterstellt.

Jany Tempel ist eine der Schauspielerinnen, die den Regisseur Dieter Wedel wegen Vergewaltigung angezeigt haben

Das ist faktisch falsch. Beleg: „Jany Tempel sagt, sie hätte sich nie bereit erklärt, ihre Geschichte zu veröffentlichen, wenn sie gewusst hätte, dass sie noch nicht verjährt ist.“ Was ich jetzt als Außenstehender schon frustrierend finde, weil

ein Prozess, der nach geschlagenen drei Jahren endlich ins Rollen kommt.

ein bisschen spät ist. Wenn Wedel ein Vergewaltiger ist, hat er jetzt also Jahrzehnte gehabt, um noch mehr Frauen zu vergewaltigen. Dass der Prozess nicht früher in die Gänge kam, ist nicht die Schuld von Staat und Gesellschaft. Nebenbei war der Vorwurf deshalb nicht verjährt, weil die Verjährungsfristen verlängert wurden, um genau auch SOLCHE Fälle verfolgen zu können. Scheiß-Patriarchat, was?

Und auch Valentine Monnier, die französische Schauspielerin und Fotografin, bezichtigt den verurteilten Sexualstraftäter Roman Polanski nichts weniger als der Vergewaltigung.

Ja, das ist etwas redundant, oder? Vierzig Jahre lang läuft also ein vorbelasteter Straftäter frei herum, es ist also nicht mal so, dass diese Bezichtigung sehr unglaubwürdig gewesen wäre, wenn man die eher zur Anzeige gebracht hätte. Hat man aber nicht.

Sie haben von diesen und vielen anderen Frauen nichts mehr gehört, weil einer der zentralen Einwände gegen die #MeToo-Bewegung schlicht und ergreifend eine Lüge ist: Frauen, so das insbesondere unter Männern gern verbreitete Gerücht, würden mächtige Männer auch und gerade deshalb mit Anschuldigungen eindecken, um die eigene Karriere zu befördern.

Dies ist kein zentraler Einwand gegen #Metoo. Dass man Frauen unterstellt, bei solchen Vorwürfen nicht immer ehrlich zu sein, kommt in der Tat vor, aber das Motiv, das Frauen unterstellt wird, reicht von politischen Erwägungen bis Rachsucht.

 Sie hätten es auf Aufmerksamkeit, Ruhm, Geld oder vielleicht auch nur auf 15 Minuten im Rampenlicht abgesehen

Mal abgesehen davon, dass, wenn Frau A die reine Wahrheit sagt und einfach nur Gerechtigkeit will, damit nicht bewiesen ist, dass Frau B das auch tut und will.

und würden deshalb Vorfälle aufbauschen oder sich ausdenken, die teilweise Jahrzehnte zurückliegen.

Ok, ich kann mir vorstellen, dass es nicht leicht ist, wegen sowas zu Polizei zu gehen. Ich halte es für die Wahrheitsfindung und der Gerechtigkeit zuliebe für extrem schlecht, damit Jahrzehnte zu warten, aber ich verstehe das. Mein Problem fängt aber an, wenn plötzlich der Arbeitgeber für Gerechtigkeit sorgen soll. Also bspw. SAT1 für Luke. Oder die katholische Kirche für verjährte Missbrauchsfälle,

Aus der „Sexualisierte Gewalt gegen Frauen interessiert mich nicht, die sollen gefälligst ihre Schnauze halten“-Kiste

Sexualisierte Gewalt gegen Männer interessiert die ja auch nicht…

ist das zusammen mit der sehr üblichen Täter-Opfer-Umkehrung

Ich glaube, er meint die Unschuldsvermutung. Rechtsstaat ist eine tolle Sache, aber wenn man ihn aus politischen Gründen nicht mag, kloppt man ihn gerne in die Tonne.

und dem Reflex, bei jeder Beschuldigung sofort „Falschbehauptung!“ zu brüllen

Es gibt aus naheliegenden Gründen keine besonders guten Statistiken, wie viele Behauptungen „Falschbehauptungen“ sind. Aber einfach jede Anklage zu glauben, oder noch einfacher den Rechtsstaat samt Unschuldsvermutung komplett zu umgehen, ist ein zivilisatorischer Rückschritt.

Denn es verzerrt die pandemische Situation ubiquitärer Gewalt gegen Frauen zu angeblichen Karriereerwägungen Betroffener

Pandemisch! Ja, Pickert hat in den letzen Monaten ein neues Wort gelernt. Und ubiquitär. Das ist trotzdem ein Argument, Vergewaltiger anzuzeigen. Nebenbei bleibt man so auch anonym.

versucht damit, sie und alle anderen Opfer von Übergriffen mundtot zu machen.

Wie genau soll das passieren? Das einzige, was die machen müssen, ist, den Vorfall anzuzeigen. Dann bleiben sie anonym und kriegen von all dem nichts mit. Niemand zwingt sie, an die Presse zu gehen. Oder das bei Twitter, Insta oder sonstwo zu veröffentlichen.

Seinen Job nicht mehr ausüben zu können, angefeindet zu werden, Morddrohungen zu erhalten und gezwungenermaßen mehrfach umziehen zu müssen wie Christine Blasey Ford ist aber kein Karrieresprung.

Hat exakt niemand behauptet, dass das einer werden sollte.

Es ist vielmehr das Standardprogramm, mit dem potenzielle Opfer eingeschüchtert und ihre Anschuldigungen lächerlich gemacht werden sollen.

„Potentielle“ Opfer? Also zukünftige Opfer? Weil alle Männer daran arbeiten, möglichst viele Frauen zu vergewaltigen? Mein Frust an der Stelle, als jemand, der Vergewaltigungen und sexualisierte Gewalt gerne verfolgt, angeklagt und ggfs. bestraft sehen will, ist folgender: von Männern wird erwartet, dass sie für Frauen und Kinder Leib und Leben riskieren und nötigenfalls auch opfern. Wenn eine Frau – in ihrem eigenen Interesse – das Verbrechen anzeigen soll, dessen Opfer sie ist, ist das aber eine unzumutbare Härte? Warum? Wieso? Und weshalb soll ich ihr dann helfen, wenn ihr selbst das nicht so wichtig ist?

Mit diesem Vorgehen werden die realen Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt,

Jein. Es ist nicht notwendigerweise „Macht“, dass man vor Gericht ziehen kann, aber wenn man das Recht und die Möglichkeit hat und nicht nutzen will, weil man den Rechtsstaat mit seiner Unschuldsvermutung ablehnt, sorry, Mitleid und Empathie sind begrenzte Ressourcen.

indem unter ihrem Schutz behauptet wird, der Vorwurf der sexuellen Belästigung und/oder sexualisierten Gewalt wäre eine Kugel im gut geölten Lauf der „Wie werde ich den Typ los und komme an seinen Job“-Waffe

Dieser völlig militarisierte Vergleich stammt fast sicher von Pickert selbst. Aber wie auch immer. „Früher“ wurden Wehrdienstverweigerer gefragt, ob sie ihre Freundin im Notfall nicht verteidigen würden, denn wenn ja, könnten sie ja wohl auch das Vaterland verteidigen. Hurra. Der „wie werde ich den Typ los“-Teil wird tatsächlich häufiger behauptet als der „wie komme ich an seinem Job“-Teil.

Einfach bloß behaupten, er hätte mich im Kopierraum vergewaltigt, und zack, schon bin ich stellvertretende Chefredakteurin.

Irgendwie habe ich das Gefühl, jetzt geht es gegen Reichelt. Andererseits, die fraglichen Mitarbeiterinnen haben bei der BILD gearbeitet, wo Leute mit Dreck zu bewerfen die Hauptbeschäftigung ist. Also, keine Ahnung – soll ich Schadenfreude für ihn empfinden, weil er – selbst oder gerade, wenn er unschuldig ist – die eigene „Medizin“ schluckt, oder mit den Mitarbeiterinnen, weil sie halt bei der BILD angefangen haben?

In Wahrheit sind solche Anschuldigungen Gift für die eigene Karriere und das Privatleben.

Und genau DAS ist der Grund, warum man damit nicht an die Öffentlichkeit gehen muss. Bzw., ich vermute, dass die allermeisten Opfer von Vergewaltigungen oder auch sexueller Belästigung am Arbeitsplatz etc., das nicht tun. Also nicht an die Öffentlichkeit gehen.

In Wirklichkeit dient diese Lüge dazu, sich nicht mit der Tatsache beschäftigen zu müssen, dass Vergewaltigung ein selten angezeigtes Verbrechen ist, das kaum zu Verurteilungen führt.

Ja, wo da wohl der Zusammenhang ist? Seltene Anzeigen und seltene Verurteilungen? Anstelle einer Anzeige keine Anzeige löst das Problem offensichtlich nicht.

Sexualisierte Gewalt ist keine randständige Ausnahmeerscheinung, sondern eine der tragenden Säulen unserer Gesellschaft.

Wie Fußball? Was für ein geiler Vergleich. Wird damit Geld erwirtschaftet? Wird  das versteuert? WAS?

Wer an ihr rüttelt, muss damit rechnen, sanktioniert zu werden.

Es gibt Gesetze, es gibt Opferschutz, es gibt Polizei und Gerichte. Gerade, weil Zeugen von Verbrechen vor Verbrechern geschützt werden müssen, gibt es diese Anonymität.

Und ja: Dazu gehört auch, dass es wie bei allen Verbrechen eine Anzahl von Falschbeschuldigungen gibt, die Gift für Karriere und Privatleben der falsch Beschuldigten sind.

Wie viele Falschbeschuldigungen wegen Einbruch und Diebstahl gab es, insbesondere bei Prominenten? Und wie viele Jahre verstreichen dabei i.d.R. bei Eigentumsdelikten? Ich nehme etwas Anstoß an „wie bei allen Verbrechen“.

Falschbeschuldigungen sind Verbrechen und sollten so behandelt werden.

Achwas? Also, wenn Luke Mockridge und Wedel und werauchimmer Anzeige erstatten, soll gegen die betreffenden Frauen ermittelt werden?

Aber warum wird potenziellen Opfern so gerne unterstellt, dass sie womöglich lügen?

Ich glaube, er verwechselt „potenziell“ mit „mutmaßlich“. Gegenfrage: warum sollte das Opfer eines Verbrechens an die Öffentlichkeit gehen, aber nicht zur Polizei?

Wieso sollte mit der Unschuldsvermutung ein Redeverbot einhergehen?

Genau, warum darf ich nicht überall herumerzählen, dass Pickert meinen Hund überfahren hat? Ach, darf ich das? Ja, dann: Pickert hat meinen Hund überfahren. Konsequenzen für Nils!

Weshalb sprechen wir eigentlich nicht von „Lynchmorden“, wenn Mädchen und junge Frauen sich suizidieren, weil in den sozialen Netzwerken und in ihren Schulen Nacktfotos von ihnen kursieren oder Aufnahmen von sexualisierter Gewalt gegen sie, an denen sich alle ergötzen?

Wenn Jungen und junge Männer gemobbt werden, und sie sich deshalb umbringen, reden „wir“ ja auch nicht von „Lynchmorden“. Apropos Lynchmorde: Schaut her. Oder hier. Was das jetzt mit Rassismus zu tun hat? Auch nicht mehr als mit Vergewaltigungen.

Warum reservieren wir die schärfsten Begriffe, die größte Empörung und das tiefste Mitleid so oft für mutmaßliche Täter und nicht für mögliche Opfer?

Ich reserviere gar nichts. Aber was soll ein „mögliches“ Opfer mit meinem Mitleid anfangen? Ich bin kein weißer Ritter. Ich bringe ihr nicht den Kopf ihres Vergewaltigers auf einem Silbertablett. Wenn sie will, dass Vergewaltigungen im allgemeinen und ihre im Besonderen strenger und konsequenter geahndet werden, dann soll sie bitte zur Polizei gehen, sonst wird das nichts.

Es könnte eine Falschbeschuldigung sein. Es könnte seine Beziehung und seine Karriere ruinieren. Sein Ruf ist vielleicht für immer beschädigt. All das ist möglich und furchtbar.

Oh, wenn es doch nur einen Rechtsstaat gäbe, der – unter Wahrung der Anonymität der Beteiligten – solchen Vorwürfen nachginge! Aber leider leben wir in einem Unrechtsstaat.

Aber was ist mit ihr? Was ist mit ihrem Ruf, ihrer Beziehung, ihrer Karriere, ihrer Gesundheit, ihrem Leben? Was, wenn alles, was sie sagt, stimmt?

Dann soll sie zur Polizei gehen.

Wie furchtbar wäre das denn?

Wie furchtbar wäre es, wenn ein Vergewaltiger weiter vergewaltigt, weil sie nicht zur Polizei gegangen ist?

Wie entsetzlich wäre es, wenn die Karriereleiter nicht dadurch erklommen werden könnte, dass man Falschbeschuldigungen tätigt,

Immer noch der gleiche Pappkamerad.

sondern indem man Kolleginnen einschüchtert, sexistische Witze reißt, übergriffig ist und Gewalt ausübt?

Das ist jetzt die Umkehrung des Strohmannes – die allerwenigsten Karrieren funktionieren so.

Wie grauenhaft wäre es, wenn Frauen und Mädchen zu Abertausenden sexualisierte Gewalt erfahren müssten?

Dann sollen die eben zu Abertausenden zur Polizei gehen.

Wer immer noch nicht bereit ist, den Konjunktiv in diesen Aussagen zu streichen, hat nichts verstanden und ist Teil des Problems.

Hey, ich kenne die Lösung!

4 Gedanken zu “Pickert vs. Pappkamerad

      1. Also, rein statistisch wird es irgendwo im I-Net irgendwen geben, der das so oder ähnlich ironiefrei behauptet hat, aber die Aussage ist insgesamt trotzdem nur ein Strohmannargument.

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