Endlich radioaktive Weiblichkeit!

Bei Pinkstinks.

Also nicht bei denen direkt, aber Ihr kennt die Übung.

DIE MUTTER ALLER AUFSTÄNDE

Nicht ganz die Mutter aller Schlachten, aber Saddam Hussein ist eben immer für geile Zitate gut.

Frauen und weiblich gelesene Menschen haben im Laufe der Geschichte nur brav gekocht und geputzt?

Nein, sie litten vor allem darunter, dass ihre Väter, Brüder und Söhne – und evt. Ehemänner – in Kriegen starben. Deshalb handeln Geschichtsbücher hauptsächlich von Kriegen und Schlachten. Nur der Frauen wegen.

Das beweist die irische Nationalheldin Grace O’Malley. Sie war im 16. Jahrhundert nicht nur Clanchefin und Freibeuterin, sondern brachte auch Königin Elisabeth I. persönlich auf ihre Seite

Ja, bei Wiki steht das so ähnlich – wurde erst Freibeutein, nachdem sie Elisabeth auf ihre Seite brachte. Weil nur der Souverän einen Freibrief ausstellen kann, und ohne Freibrief ist man kein Freibeuter(m/w/d), sondern Pirat. (Ist mehr eine juristische Unterscheidung: Piraten wurden von allen gehenkt, Freibeuter von allen außer von dem Staat, dessen Freibrief sie hatten. Es SEI denn, sie überfielen „versehentlich“ die Schiffe dieses Staates. Dann gab’s mal richtig Ärger.)

Wahrscheinlich habe ich mich deshalb sofort bis in die Haarspitzen für die Geschichte von Grace O’Malley (auf Gälisch lautet ihr Name Gráinne Ní Mháille) begeistert.

Ja, Rauben und Plündern ist ok, wenn eine Frau das Aberkommando hat.

Denn sie hat sich im 16. Jahrhundert weder vom Leben noch von den Männern in ihrem Umfeld kleinkriegen lassen. Im Gegenteil.

Sie hat das Leben und die Männer kleingekriegt?

Üblicherweise sind die Geschichtsbücher voll mit weißen Männern. Alle anderen? Vielleicht als Fußnoten, Hexen oder Verführerinnen.

Schwarze Männer sind verführerische Hexen. Genau.

Dabei haben sie schon immer den Lauf der Welt mit geprägt: als Künstlerinnen, Kämpferinnen, Königinnen. Trotzdem haben wir von vielen noch nie gehört.

Gorgo von Sparta? Artemisia von Halikarnassos? Die hat man sich nicht für den Film ausgedacht.

Denn wer in die Geschichte eingeht und in Büchern steht, bestimmen die Mächtigen – und das sind im Patriarchat die Männer.

Den Spruch kenne ich etwas anders, aber gut – entweder, es gab mächtige Frauen, dann hätten die die Geschichtsschreibung entsprechend lenken müssen, ODER, es gab mächtige Frauen, aber Macht allein bestimmt noch nicht die Geschichtsschreibung.

Logisch: Je weniger weiblich gelesene Vorbilder für unangepasstes Verhalten existieren, desto eher fügen sie sich in ihre „natürliche“ Rolle – Kochlöffel statt Schwert halt.

Nein. Je mehr Geschichten von Frauen im Umlauf sind, die in die Schlacht ziehen, desto weniger ist Männern vermittelbar, dass Männer das machen müssen. Nebenbei, Gráinne ist direkt als Anführerin in den Kampf gezogen. Frauen, die einfach nur Schütze Arsch geben dürfen, sind im Mainstream nicht vermittelbar. Hallo Mulan.

Also werden starke weiblich gelesene Figuren verschwiegen, weggelassen, ignoriert. Ein weiterer Weg, wie das Patriarchat seine Vorherrschaft sichert.

Achja, es ist tatsächlich mittelalterlich, dass man eher eine Frau aus der richtigen Familie als einen Mann aus der falschen für Führungspositionen nimmt. Bei Männern wird das auch tatsächlich kritisiert. Ist Fantasy etwa monarchistisch?

Zeit, das zu ändern und endlich mehr facettenreiche historische Held*innen zu entdecken. Wie Grace O’Malley.

Kleopatra?

1593 war das Leben in Irland brutal und hart. England versuchte seit Jahren, die Insel zu kolonisieren.

Es GIBT keinen Kolonialismus gegen WEISSE!!!

Doch viele der irischen Clans kämpften trotzdem gegen- statt miteinander gegen die Bedrohung von außen.

Hallo, Game of Thrones, die haben doch tatsächlich Euren Kernkonflikt geklaut! Und das Kolonialismus-Ding.

Grace O’Malley war 1593 über 60 Jahre alt, zweifach verwitwet und Sir Richard Bingham, englischer Gouverneur der Provinz Connaught, ihr erklärter Erzfeind. Für ihn war sie, wie er schrieb, „die Mutter aller Aufstände in Irland“.

Ach, doch nicht von Hussein. Aber im Original steht da nicht „Mutter“, sondern „Amme“. Naja, ist so oder so nicht nett gemeint. Aber schade, dass die Arme gleich zwei Ehemänner verloren hat. Frauen leiden immer am meisten.

Grace war unter dem Namen Granuaile seit Jahrzehnten als Piratin erfolgreich – und im Sommer 1593 auf ihrem Schiff unterwegs zu einer Audienz mit der englischen Königin Elisabeth I. am Hof in Greenwich.

Ja, seht Ihr? Rauben und Plündern ohne Genehmigung ist Piraterie.

Grace O’Malley hat über Jahre hinweg immer wieder Petitionen an der irischen Verwaltung vorbei direkt an die englische Königin und ihre rechte Hand William Cecil geschickt – unter anderem, um ihren Widersacher Bingham loszuwerden – und dabei diplomatisches Talent bewiesen.

Hmm, ist sie dann eine Freiheitskämpferin? Also meinetwegen wie in „unsere Terroristen sind Eure Freiheitskämpfer!“ meinetwegen? Spoiler: Nein.

In ihren Petitionen – mit Hilfe von Übersetzer*innen verfasst – schaffte es Grace, Elisabeths eigene Position als weibliche Autoritätsperson in einer männerdominierten Welt widerzuspiegeln.

Übersetzer übersetzen, aber Übersetzer*innen sind ganz was anderes, die sind Mitverfasser. Nebenbei konnten beide Latein, wie wir weiter unten erfahren, und hätten sich die Übersetzung auch sparen können.

Die Königin ordnete die Freilassung von Graces Söhnen und ihrem Bruder an – für das Versprechen, sich gut zu benehmen.

Si bene se gesserit.

Und sie akzeptierte großzügig Graces Unterordnung, anstatt sie für ihre Revolten gegen die englische Besatzung und ihre Raubzüge zu bestrafen.

Ist das jetzt so, wie Daenerys Jamie verzeiht, oder ist das so, als würde sich Cersei mit dem Nachtkönig verbünden? So Hardcore, dass jemand das Hauptproblem nicht nur ignoriert, sondern aktiv daran teilnimmt, ist GoT nie geworden, aber das ist vllt. sogar schade.

Obwohl Elisabeth und Grace rivalisierende Formen weiblicher Souveränität verkörperten – irische Clanchefin und englische Monarchin – fanden sie so zusammen einen Weg, der einerseits Graces Autorität in Irland bewahrte, andererseits aber auch Elisabeths Status als Königin festigte. Weibliches Win-win im 16. Jahrhundert.

Gráinnes Flotte kämpft somit gegen die Spanier, was einfacher ist, als sie zu besiegen, und man hat keine eigenen Verluste, die man somit ebenfalls gegen die Spanier kämpfen lassen kann. Bei Männern wären das üble Seilschaften.

…die Grenzen zwischen illegaler Piraterie und Freibeuterei im Namen der Krone waren fließend, wie die Beispiele von Graces männlichen Zeitgenossen Francis Drake und Walter Raleigh zeigen.

Nein, eigentlich nicht. Genausogut könnte man sagen, dass die Grenzen zwischen Autofahren ohne Führerschein und mit Führerschein fließend sind.

Die beiden sind weltbekannt. Und Grace?

Die sind keine Iren. D’oh. Im Unterschied zum 21. Jahrhundert, wo irischstämmige Menschen Herzogin von Sussex werden können, wegen Fortschritt und so.

Grace soll 1603, im selben Jahr wie Elisabeth I., mit über 70 Jahren gestorben und in der Burrisool Abbey beigesetzt worden sein; der genaue Tag und die Umstände ihres Todes sind in den Untiefen der Zeit verschwunden.

Ja, Frauen hatten vllt. generell noch keine höhere Lebenserwartung als Männer, aber diese Frauen schon. Fairerweise muss gesagt sein, dass Elisabeth mal fast an den Pocken gestorben wäre, und dass Gráinne nie einen Querschläger oder direkten Treffer abbekommen hat, ist jetzt auch ein Stück weit Glück.

Egal, ob zu Lande oder zu Wasser, mit dem Schwert oder der Feder, unter ihrer Flagge oder der der englischen Königin – letztlich kämpfte Grace ein Leben lang leidenschaftlich und mit allen Mitteln für sich und ihren Clan.

Hachja. Um Jesus zu zitieren: „Verwandtenkennung gildet nicht.“

Trotz ihres abenteuerlichen Lebens und ihrer faszinierenden Geschichte ist Grace O’Malley lange in Vergessenheit geraten. Zumindest offiziell.

Kann sich ja nur um eine Verschwörung handeln.

Lange Zeit wurde ihre Geschichte nur in Folklore, Gedichten und Balladen weitergetragen.

Und jeder weiß ja, dass gerade die irischen Gedichte und Balladen keinerlei Tradition haben. „Oh Vater, man hat mir so viel von Eires Land erzählt; es sei dort schön, mit Tälern grün, mit Bergen hoch und wild; man sagt, an diesem guten Ort ein Fürst gern leben mag – warum nur gabst dann Du es auf? Die Gründe zu mir sag!“  Ein Held, der die Melodie im Ohr hat.

Das änderte sich mit dem wachsenden irischen Nationalbewusstsein.

Verdammte Besatzer! Lasst Brian frei!

So schrieb der irische Historiker Hubert Thomas Knox im Jahr 1905, gut zehn Jahre vor dem irischen Unabhängigkeitskrieg von 1916: „So wichtig sie heute in der Tradition des Countys Mayo ist, war sie im 16. Jahrhundert nicht wichtig genug, um von irischen Chronisten erwähnt zu werden.“

Weil sie andere Iren überfallen und ausgeplündert hat? Weil sie sich mit der Königin von England verbündet hat? Hmmm? Wie heißt es in Homeland? Iren kotzen nur bei EINER Gelegenheit, und das ist, wenn sie vor englischen Offizieren salutieren müssen.

Anne Chambers hat auch eine Erklärung dafür: „Irische Historiker fanden es offenbar so schwierig, das Phänomen Grace O’Malley zu erklären, dass sie sie lieber komplett weggelassen haben.“

Jaaaa, Verschwörung halt, ne? Warum finden wir sie dann aber in englischen Quellen? Engländer hätten noch weniger Gründe, irische Geschichte zu dokumentieren. „Also ja, da ist diese Insel, die gehört zu England, und ansonsten ist da nie was interessantes oder wichtiges passiert.“

Grace O’Malleys Geschichte belegt, das Frauen und weiblich gelesene Menschen aus der Geschichtsschreibung weggelassen werden

Wenn ihre Geschichte weggelassen worden wäre, wüsste man sie nicht. Wobei es natürlich sein kann, es es viele Frauen wie sie gab, die tatsächlich nicht überliefert wurden, aber analog wird es auch viele Männer gegeben haben, die in keinem Geschichtsbuch stehen. Verschwörung!

besonders, wenn sie nicht in das gängige Narrativ von „Helden waren immer Männer, Frauen haben bloß im Hintergrund brav gestickt“ passten.

Und morgen wieder das Narrativ: „Schurken sind immer Männer, Frauen begehren gegen Rollenklischees auf.“

Aber sie zeigt mehr. Zum Beispiel, wie wichtig Resilienz, Durchhaltevermögen und Anpassungsfähigkeit sein können.

Und die Geburt in der richtigen Familie.

Wie Frauen und weiblich gelesene Menschen jeden Alters ihr Schicksal durchaus selbst in die Hand nehmen und gestalten können.

Wenn sie Latein sprechen. Und eine Flotte mit 200 Mann Besatzung haben. Dieses Maskulinum ist zwar generisch, aber selbst wenn nicht, müsste man es nicht gendern.

Dass sie selbst mit über 60 noch lässig Erzfeinde ausmanövrieren, Königinnen um den Finger wickeln, sich Respekt verschaffen, Leute anführen und Beute machen können.

Wie schön. Rauben, Plündern und Brandschatzen sollte kein Renteneintrittsalter haben.

Mit Schwert statt Kochlöffel, ganz ohne Ehemann oder Prinzen.

Wenn man selbst sozusagen die Prinzessin ist, ist das nicht allzuschwer.

2 Gedanken zu “Endlich radioaktive Weiblichkeit!

  1. Frauen und weiblich gelesene Menschen

    Spannende neuartige Menschenkategorie. Da reicht es nicht von „weiblich gelesenen Menschen“ zu reden, sondern Frauen müssen explizit hinzugefügt werden.
    Denn die Herrenfrau von heute kann man beim besten Willen nicht „weiblich lesen“.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s