Charakterentwicklung falsch gemacht

Es gibt in letzter Zeit viele Beschwerden, wie eigentlich beliebte Serien in Film und Fernsehen durch erhöhte „Wokigkeit“ eine Wendung zum schlechteren nehmen. Zunächst einmal: wenn der Wookie auch eine Medallie kriegt, ist das noch keine Wokigkeit. Und allgemeiner: Bei einigen finde ich diese Kritik tatsächlich überzogen, bei noch anderen ist die Wokigkeit gar nicht das Hauptproblem, und bei GoT könnte man sogar sagen, dass hier tatsächlich gar nicht versucht wurde, ein armes-Frauen-werden-von-bösen-Männern-unterdrückt-Narrativ einzuführen. Allerdings wird ein Männerbild bedient, welches selbst für mittelalterliche Verhältnisse schlecht ist.

Die Rede ist natürlich von Jamie Lennister. Wie Wolfram von Eschenbach schon vor 800 Jahren schrieb, so wie eine Elster schwarz und weiß ist, ist kein Mensch einfach nur gut oder nur böse. Und weil GoT nunmal „moderne“ Ritteromane sind, sind die Figuren da eben auch nicht einfach nur gut oder nur böse, aber Jamie ist dabei besonders ambivalent. Denn auch, wenn niemand entweder gut oder böse ist, sind manche bessere und manche schlechtere Menschen.

Er beginnt seine Geschichte extrem weit am „bösen“ Ende des Spektrums: er versucht einen Jugen zu töten, damit der nicht rumerzählt, dass Jamie was mit seiner Schwester hat. Achja, und die ist übrigens verheiratet. Außerdem kriegt er ständig einen drüber, weil er der Leibwächter des alten Königs war, diesen aber erschlagen hat. Ein bisschen wie Stauffenberg, nur erfolgreich. Und sein Vater und seine Schwester kritisieren ihn, weil er nur ein „besserer“, also eigentlich ziemlich schlechter, Leibwächter ist und keine politischen Ambitionen hat. Wie jeder normaler Mensch. Aber da geht es los: trotz erwiesener Charakterschwächen hat er auch gute Seiten, und im Laufe der Serie, infolge der Erfahrungen und Erlebnisse mit anderen Menschen, entwickelt er seine guten Seiten weiter und wird vllt. kein anderer Mensch, aber ein besserer. Außerdem wechselt er von hellblond zu dunkelblond. Elstermäßig.

Aber er ist tatsächlich etwas schüchtern, sonst würde er seinen Hatern sagen:

  1. „Oh, ich habe den irren König erschlagen? Denselben, zu dem IHR Eure Gefolgschaft schon lange gekündigt hattet? Heult doch!“
  2. „Ich hatte auch geschworen, dass Reich vor Schaden zu schützen. Eine niedergebrannte Hauptstadt wäre ein Schaden für das Reich gewesen. Ihr seht, ich habe zumindest diesen Teil meiner Eide eingehalten.“
  3. „Hätte ich ihn verteidigt, wäret Ihr vorne mit dabei gewesen, mich zu töten. Natürlich nicht ganz vorne, denn die ersten zehn oder zwanzig hätte ich noch geschafft. Beschwert Euch woanders.“

Tja, real-live-Stauffenberg hätte solche Probleme vllt. auch gehabt. Jedenfalls, und das ist eine Stärke des Serienformates, Jamie entwickelt sich langsam, aber glaubwürdig zum besseren Menschen, trennt sich von seiner Schwester, die diese Entwicklung nicht mitmacht, wird ein Parteigänger der „guten“ (=weniger schlechten) Partei und insgesamt einer der komplexesten und interessantesten Figuren einer recht charakterlastigen Fernsehserie.

Wie könnte so ein großer, langer Charakterbogen ein Ende finden? Es folgen Anti-Spoiler – alles was jetzt kommt, ist NICHT das echte Ende (wobei inzwischen jeder, den es interessiert, es wissen dürfte. Oder man akzeptiert sowieso nur die Bücher als Kanon.)

  • der überraschende, aber nicht allzu überraschende Tod: Im Zuge der harten Kämpfe der alles entscheidenden, letzten Staffel von Game of Thrones, wo Leute leben, die den Tod verdienen, und Leute sterben, die es verdienten zu leben, stirbt Jamie, wo er gerade sympathisch geworden ist, weil er drei Sekunden lang nicht aufpasst, etwas pech hat oder ganz einfach überrant wird. Zombie #398 war halt einer zuviel.
  • gelernt ist gelernt: es gab viele Beschwerden, dass ausgerechnet Arya, die mit allen möglichen Leuten außer dem Nachtkönig eine Fehde hatte, diesen tötet, und das dramaturgisch wenig Sinn ergibt, aber da zumindest finde ich, dass „dramaturgischer Sinn“ einfach ein anderes Wort für „Erwartungshaltung“ ist, die es zu unterlaufen gilt. Aber natürlich hätte auch Jamie den Nachtkönig töten können. Nachdem er sich durch dreihundert Eiszombies gehackt hat, steckt sein Schwert aus valyrischen Stahl aber leider in einem Eiriesenzombie fest, sein Reservedolch aus Drachenglas ist zersplittert, und er steht nur noch mit einem normalen Messer zum Fleischschneiden dem Nachtkönig gegenüber, der inzwischen keine Leichen zum wiederbeleben hat. „Du Narr!“, sagt der, „Keine Klinge kann mich verletzen, wenn sie nicht aus Drachenglas oder Valyrerstahl besteht!“ – „Ach, und was ist mit stumpfen Waffen?“ – „Ähhhmmm…?“ Jamie prügelt 398x mit seiner Handprothese auf den Nachtkönig ein. Es ist nicht gerade die choreographische Meisterleistung, aber effektiv. Königsmörder for the win! (Und hey, vllt. bekäme er so sein „Und wenn sie nicht gestorben sind“-Ende)
  • Reue und Buße: Ausgehend von der Überlegung, dass Jamie Bran ein Paar funktionierender Beine schuldet, wird er dessen Leibwächter. Im Kampf gegen die Untoten sind die zwei ein tolles Team – während Jamie einen Schutzwall aus Dochtoten aufhäuft, nutzt Bran seine übermenschlichen Superkräfte. Am Ende gelingt es Bran, die Gefahr zu bezwingen, aber Jamie ist tot. Immerhin starb er als effektiverer Leibwächter als je zuvor: beide seiner vorigen Schützlinge starben eines gewaltsamen Todes.

Oder, man hält die Spannung weiter oben und lässt ihn diesen Kampf überleben, dann gibt es immer noch die Befreiung des Auenlandes Königsmunds:

Es ist, die Götter wissen es, genug Blut vergossen worden. Um den Krieg mit Cersei zu beenden, müsste es mit ihr irgendeine Einigung geben, daher will Jamie versuchen, mit ihr zu reden, weil er hofft, immerhin noch eine Chance auf Gesprächsbereitschaft zu haben. (Viele Kritiker, die deutlich tiefer in der Materie stecken, finden, dass Cersei es an der Stelle schon längst mit Adel, Klerus und gemeinem Volk derartig verscherzt haben müsste, dass man sie längst vertrieben hätte. Aber GoT halt. Größer, böser, hässlicher.) Welches Ende hätte Jamies Geschichte dann?

  • der neue Ned: er reitet Richtung Königsmund. Das nächste Mal, wenn wir ihn sehen, wird ihm auf dem Stadttor der Kopf abgehackt – Cersei macht keine Gefangenen mehr. Das letzte, was wir von ihm sehen, ist sein Kopf auf einer Lanze. Ist konsistent mit Cerseis sonstigem Verhalten.
  • warum liegt hier eigentlich Stroh: Jamie kennt irgendeinen Geheimgang, mit dem er sie unbemerkt treffen kann. Er beruhigt sie, dass er sie nicht umbringen will, und macht ihr das Angebot, zu fliehen, um „all das“ zurückzulassen. Nach etwas Geplänkel scheint ihr die Idee zu gefallen. Als sie am Fenster stehen, fragt sie ihn, ob er das aus Liebe mache, er bejaht dies, aus Liebe würde man alles tun. „Aber wenn man aus Liebe schon alles tut, was tut man erst aus HASS?“ fragt sie ihn dann und schubst ihn aus dem Fenster, weil er zu verdutzt ist, sich zu wehren. Ironischerweise landet er auf einem Strohhaufen und überlebt das querschnittsgelähmt.
  • der Kreis schließt sich: Jamie trifft Cersei, macht ihr das Angebot, redet mit Engelszungen, aber sie sagt, dass er Schwachsinn sei, so zu tun, als wäre alles in den letzten Jahren nie passiert; sie kann und will die Vergangenheit nicht ungeschehen machen oder ihm wieder vertrauen, aber wegen der alten Zeiten und so gewährt sie ihm freies Geleit, wenn er JETZT nach Essos einschifft. Wenn er jemals wieder in Westeros gesichtet wird, würde sie jeden REICH belohnen, der ihr seinen Kopf bringt. Er sieht sie traurig an, meint, dann müsse es wohl so sein, zieht sein Messer zum Fleischschneiden und ersticht sie damit, dramaturgisch sinnvollerweise. Als Leibwächter zwar eine Katastrophe, aber als staatlich geprüfter Königsmörder ist er halt der beste.

Stattdessen ist reist er zwar nach Königsmund, nachdem er zu seiner Freundin und seinem Bruder recht ätzend war (das war vllt. deshalb, damit die nicht traurig sind, wenn er nicht wiederkommt, aber DnD, echt jetzt?), aber dann will er mit Cersei einfach wieder zusammenkommen, um zum Zustand von vor Staffel eins, Folge eins, zurückzukehren und ACHT Staffeln Charakterbogen zu resetten. Und plötzlich kickt das Karma, und beide sterben den Schurkentod.

Und ja, ist nicht meine Geschichte, wenn die das SO erzählen wollen, dürfen sie. Ist wie gesagt auch nicht Hardcore-Feministisch, weil hier eine Frau die Hauptgegnerin ist, ohne irgendwelche „die Gesellschaft“- oder „das Patriarchat“-Entschuldigungen.

Aber machen wir doch einfach die Geschlechtertauschprobe: eine Frau trennte sich aus einer sehr ungesunden Beziehung mit einem Mann, dessen Gefühle zu ihr immer mehr Richtung Hass gekippt sind, die Frau selbst ist jetzt zwar auch nicht direkt eine Heilige, aber wird über den Verlauf einer Geschichte vom „Miststück“ zur „sympatischen Antiheldin“ oder dergleichen. Also meinetwegen Cersei und Jamie mit vertauschten Charakterbögen. Oder Harley Quinns „Emanzipation“. Macht Frieden mit früheren Feinden. Lacht sich vllt. einen neuen Freund an, der viel besser zur ihr passt und sie ehrlich liebt. Hat Aussicht auf ein insgesamt besseres, schöneres Leben, was sie sich durch ihre eigenen Leistungen auf dem Gebiet der Charakterentwicklung auch verdient hat. Und dann rennt sie zurück zu ihrem alten Freund. Der nichts getan hat, was anzeigen könnte, er habe sich gebessert. Der noch nicht einmal behauptet, er wolle sich ändern. Und der – ganz wichtig – noch nicht einmal andeutet, dass er sie wiederhaben will, zumal er in einer neuen Beziehung steckt und erst letztens noch ihre Ermordung beauftragt hatte. Es gäbe auch keine sonstigen Gründe, die diese theoretische weibliche Jamie dazu bringen könnten, ihre kaputte Beziehung wieder aufzunehmen, wie

  • sozialer Druck (ihre Beziehung ist kulturübergreifend tabuisiert und verboten),
  • oder wie gemeinsame Kinder (Spoiler: alle tot),
  • oder finanzielle Probleme (beide Partner sind sprichwörtlich für ihre Zahlungsfähigkeit),
  • oder Anspruch auf eine Staatsbürgerschaft (beide würden das Recht haben, „Staatsbürgerschaften“ zu erteilen, wenn sie den Krieg gewinnen, und wenn nicht, wären sie tot. Es gibt keinen Mittelweg.),
  • oder Erbschaften (das schon mal gar nicht).

Also eine fiktive Frau würde hypothetischerweise zu ihrer gewalttätigen und ungesunden Ex-Beziehung zurückkehren, ohne Not, ohne Druck und ohne Hoffnung auf Besserung. Würde dazu nicht jeder sagen: „Das Frauenbild hinter dieser Geschichte ist ein extrem schlechtes – kaum eine Frau würde sich so verhalten, und ist das nicht das völlig falsche Vorbild für paar Frauen, die das tatsächlich täten???“?

Aber mit Männern kann man’s ja machen. Die sind ja triebgesteuerte Idioten. Immerhin folgt die Strafe auf dem Fuße – endlich eine GoT-Folge mit Moral.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s