Realismus und Fantasy

Um wieder auf das Thema „wie die Game of Thrones verdummbeutelten“ zurückzukommen, der Anfang setzte auf Realismus. Also klar, ein Fantasy-Mittelalter, in dem alles größer, epischer, gefährlicher und brutaler war als das RL-Mittelalter, und mit Drachen, Untoten und Magie, ABER Taten hatten realistische Konsequenzen. Und zwar unabhängig davon, ob der Täter oder die Täterin sympathisch ist oder nicht, oder gute oder weniger gute Absichten haben (oder, wegen vieler Grauzonen, wie legitim Ziele bzw. Mittel sind), sondern einfach in Abhängigkeit davon, welche Konsequenzen man realistischerweise erwarten kann, wenn man die Existenz von Drachen, Totenbeschwörung, epischen Riesenreichen oder wasauchimmer als Prämisse nimmt.

Also z.B. kann der tapferste, beste, härteste Krieger im Umkreis von zehntausend Kilometern an einer eher harmlosen Verletzung sterben, weil die sich entzündet – mangels Antibiotika – und weil seine Kultur nicht so sehr in Heilkunde investiert ist, ist die einzige medizinische Person jemand, die ihn lieber tot sähe. Aus Gründen, die die Konsequenz aus seinem kriegerischen Verhalten ist. Diese Art von Realismus.

Jetzt scheint aber das Problem der Macher der GoT-Fernsehserie – DnD – gewesen zu sein, dass sie ein völlig anderes Verständnis von Realismus haben als GRRM, der Autor der Bücher. Nachdem die Serienhandlung die Bücherhandlung überholte, wurde die Qualität immer schlechter. Bzw. der Realismus; Schauspieler, Spezialeffekte, Kulissen, Kostüme und was nicht alles blieb auf dem Level, den man gewohnt war.

Aber die letzte Staffel halt. Das Beispiel, an dem man mMn am besten erkennen kann, wie Sachen, die sonst in epischer Breite ausgebreitet wurden – und zwar ohne Langeweile aufkommen zu lassen – übelst verkürzt werden, ist:

Die Belagerung von Winterfell

Die halt nur die Schlacht von Winterfell wurde.

Im richtigen Mittelalter konnten solche Belagerungen Monate oder Jahre dauern, bei einer Festung wie Winterfell, die dafür ausgelegt ist, einen mehrere Jahre dauernden Winter zu überstehen, wären Jahre schon „realistisch“. Vor allem, weil im Lied von Eis und Feuer alles größer ist. Also hätte allein das theoretisch schon eine ganze Staffel dauern können.

Praktisch wäre das SO eigentlich tatsächlich doch langweilig geworden, aber allein damit hätte man genug Material gehabt, um die letzte Staffel so lang werden zu lassen wie die davor. Um das zu dokumentieren möchte ich drei andere Beispiele nennen, wie solche Belagerungen in der Fiktion dargestellt werden; jede davon nimmt das Problem, eine Belagerung spannend und aufregend darzustellen, wenn diese im richtigen Leben teilweise daraus bestand, zwischen Angriffen und Ausfällen dem Gegner beim hungrig werden zuzuschauen. Bzw., wenn die Belagerer Versorgungslinien haben, denen nicht, aber dazu später mehr.

  1. der Klassiker: Eine strategisch wichtige Stadt wird in der Bronzezeit belagert, angeblich 10 Jahre lang. Der Erzähler, der seine Version der Geschichte unter die Menschheit bringen will, denkt sich aber; „Naaah, zehn Jahre sind schon etwas viel. Ich fange einfach mittendrin an, der Hauptkonflikt ist zwischen dem Anführer und seinem wichtigsten Subalternen, und geht über ein paar Wochen. In der Zeit kriegen die Belagerten Oberwasser und bedrängen die Belagerer, um die Spannung oben zuhalten. Den Rest erzähle ich über Rückblenden und Vorandeutungen. Und wenn wer hören will, wie die Story ausgeht…“ Das dürften die Gedanken dahinter gewesen sein. Große Konflikte anhand von kleineren Nebenstreitigkeiten festmachen, Irrungen und Wendungen, DRAMA und Action. Der Ausgang der Geschichte ist NICHT das Ende der Belagerung, um dass zu erfahren, muss man tatsächlich die Fortsetzung lesen, und zwar die Rückblende der Nebenhandlung von dem Sohn, der seinen Vater niemals (bewusst) sah. Klingt kompliziert, aber Homer ist halt ein hochberühmtes literarisches Genie, von daher ist das so richtig.
  2. die Konkurrenz: die Nicht-Belagerung von Minas Tirith im Herrn der Ringe. Weil rechtzeitig Entsatz kam, konnten Saurons Armee keine Befestigten Lager aufbauen und wurden vertrieben, bevor es zu einer effektiven Belagerung kam.
  3. der Fünf-Folgen-Story-Arc bei Wicki und die starken Männer: Wicki soll eine Burg in Bulgarien vor den Graumännern beschützen, deren Anführer, mit dem total intellektuellen Namen Bullermann, denkt sich verschiedene Methoden aus, in die Burg zu bekommen, aber Wicki fällt immer was ein, um das zu verhindern. Das geht über fünf Folgen, weil Wicki hier mal auf einen einigermaßen gescheiten Gegner stößt UND weil Belagerungen eben dauern. Nagut, die Folgen dauern auch nur 23 Minuten, aber das sind zusammen knapp zwei Stunden. („Aber Mycroft, ist es nicht etwas unfair, eine uralte (jaja) Kinderzeichentrickserie mit einer der berühmtesten und bestausgestattesten Real-Fernseherien zu vergleichen?“ – „Naja, wenn die das in einer 82-Minuten-Folge abfrühstücken? Ist nicht meine Schuld, wenn Wicki den Vergleich gewinnt.“)

Ok, analog drei Möglichkeiten:

  • die Belagerung zeitlich länger laufen zu lassen, aber nicht komplett zeigen, sondern bspw. Anfang (Untotenheer kesselt Winterfell ein, und wahrlich, der Winter ist DA. Das bisschen Schnee, das man vorher ab und zu sah, ist ein erbärmlicher Witz im Vergleich. Wir kriegen endlich das grauenvolle Wetterphänomen, dass uns seit ACHT Staffeln angedroht wurde.), Mitte (es gibt nach einigen Wochen in Winterfell Diskussionen über das geschickteste Vorgehen, während die Schneewehen immer höher werden und schon bis knapp zwei Meter unter die Burgzinnen reichen. Belagerungstürme sind für sterbliche Menschen), Ende (es gelingt, die Diskussion über das geschickteste Vorgehen zu beenden, bevor die Eiszombies mit den Wehen über die Mauern stürmen…). Wie der Nachtkönig besiegt wird, kommt frühestens eine Folge später.
  • es wird tatsächlich eine Schlacht gezeigt und keine Belagerung. Aber entweder bei Tag – die Tageszeit, die berittene Bogenschützen, Trebuchets, Bogenschützen auf Burgmauern, Luftwaffeneinheiten in Form von Drachen und alle anderen Leute bevorzugen würden, insbesondere gegen ein Nahkampfheer (Zombies). Realismus halt. ODER, man denkt sich einen Grund aus, mit dem die Verteidiger gezwungen werden, ihre schützenden Mauern zu verlassen, und zwar im Dunklen. (Die ganze Feuerschwert-Aktion war völliger Mumpitz.) Oder man hat – wie in der Buchversion vom Herrn der Ringe – tatsächlich einen so bedeckten Himmel, dass es quasi Nacht IST. (Man fragt sich, wieso Peter Jackson das nicht in den Film übernommen hat?) Und wenn der Feind schon Nachtkönig heißt…
  • die Belagerten sind gut aufgestellt; auch, wenn es einige sehr reizt, einen Haufen dummer Fußsoldaten niederzureiten, lässt man es nicht drauf ankommen, verschanzt sich und hofft auf Entsatz aus dem Süden. Cersei wird doch im Anbetracht einer solchen Bedrohung…? Haha, nein. Der Nachtkönig könnte theoretisch auch einfach weiter südwärts maschieren, weil sein Heer keine Nachschublinien braucht, die die Winterfeller abschneiden könnten – Realismus: Zombies brauchen keinen Proviant – aber er will Bran. Und es geht in den mindestens zwei, besser drei Folgen genau um die beiden. Nachtkönig versucht, nach Winterfell zu kommen, Bran kann das verhindern. Nachtkönig versucht was anderes, Bran verhindert auch dies. Und am Ende läuft alles dann doch auf die Schlacht hinaus, aber dann fühlt es sich nach „unvermeidlich“ an und nicht wie „zu doof zum Leben“.

Ich bin keiner von denen, die die letzte Staffel neu drehen lassen wollten, aber ehrlich? Der Nachtkönig ist der Sauron von GoT und Cersei der Saruman. Und die Befreiung des Auenlandes kam aus denselben Gründen nicht in den Film, wie der, dass die Schlacht um Minas Tirith bei Tag gedreht wurde. Inklusive Trollen! Das ist so einfach fotogener und cineastischer.

Vielleicht, irgendwann, wird GRRM diesen Kampf in seinem letzten Roman zeigen. Vielleicht wird das, was jetzt sinnlos oder fragwürdig erscheint, einen Sinn ergeben. Vielleicht wird es völlig anders ablaufen. Vielleicht ist es die epischste Belagerungsgeschichte aller Zeiten.

Aber nunja, der schnittige GRRM, Gott des Todes und des Winters, ist leider nur so tödlich wie die Gletscher, aber nicht so schnell. Und was sagt der Gott des Todes, wenn wir fragen, wann es fertig wird? „Nicht heute.“

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