Erziehung mal wieder.

Jetzt natürlich

Zu DEM hier.

Denn jetzt ist nicht fähig, Polemik als Polemik zu erkennen. Es ist noch nicht einmal naiv.

Kann Erziehung Gewalt gegen Frauen verhindern?

Kann Erziehung Gewalt gegen Männer verhindern? Kann Erziehung Eigentumsdelikte verhindern? Kann Erziehung Morde verhindern? Offensichtlich kommt all das vor, also muss die Antwort „nein“ lauten.

Seit dem Mord an Sarah E. teilen viele den Spruch „Educate your son!“. Eine Expertin erklärt, welche Rolle Erziehung spielt und wo ihre Grenzen sind.

Den Spruch gab es schon vorher, aber nutzen wir den traurigen Anlass, darüber zu diskutieren – es gibt bestimmt viele Eltern auf der Welt, die sich fragen, wenn ihr Kind einen Mord begeht: „Was haben wir nur falsch gemacht?“ und darunter tatsächlich leiden. Auch, wenn das Kind dann normalerweise schon erwachsen ist. Auch, wenn es schon lange nicht mehr auf seine Eltern hört. Und auch, wenn die Eltern faktisch nichts gemacht haben, was „falsch“ war. Den Eltern besagten Polizisten eine Mitschuld zuzuschreiben ist etwas unter der Gürtellinie. Aber hey! Expertin!

Erzieht eure Söhne, statt eure Töchter zu schützen – das fordern gerade viele in den sozialen Medien.

DAS wird hier so wiedergegeben. Das ist also KEINE bösartige Missinterpretation. Da steht „statt“ statt „zusätzlich“. „Hört auf, Eure Töchter zu schützen, sondern erzieht Eure Söhne, Ihr pädagogischen Vollversager(m/w)!“

In den sozialen Medien nahmen viele ihren gewaltsamen Tod zum Anlass, um auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen.

Weil Gewalt gegen Männer so normal ist, dass man darauf nicht extra aufmerksam machen muss. Das ist tatsächlich sogar logisch.

Erzieht eure Söhne, damit Mädchen und Frauen nicht beschützt werden müssen.

Wohingegen Söhne ja immer super gegen Gewalt geschüzt werden und daher keine Twitteraktionen brauchen? Oder weil Söhne schlechtere Menschen sind und daher keinen schutz verdienen?

Kann Erziehung Gewalt gegen Frauen tatsächlich verhindern?

Es gibt kein Verbrechen und keine Ordnungswidrigkeit, die faktisch nie vorkommen. Warum das ausgerechnet hier anders sein sollte, oder wieso ausgerechnet das als Mangel von Erziehung betrachtet wird, lässt sich nur aus einer ganz sonderbaren Wahrnehmung heraus erklären.

Darüber haben wir mit der Entwicklungspsychologin Meike Watzlawik gesprochen, die sich an der Sigmund Freud Universität in Berlin mit pädagogischer Psychologie und Kulturpsychologie beschäftigt.

Eigentlich ist das nicht ganz dasselbe wie die Psyhologiezweige, die sich tatsächlich mit Kriminellen befassen, aber nagut.

Meike Watzlawik: „Educate your son“ ist auf jeden Fall sinnvoll, wenn es darum geht, Privilegien zu reflektieren und Männer zu Verbündeten gegen Sexismus zu machen.

Ja, dann fällt denen vllt. auf, dass ihre Schwester das Privileg hat, von den Eltern abgeholt zu werden, man selbst aber nicht. Aber natürlich ist „Erziehung“ sinnvoll.

Es ist auch wichtig aufzuzeigen, dass „Protect your daughter“ nicht ausreicht, sondern dass es dahin gehen muss, dass Schutz nicht mehr nötig ist.

„Reicht nicht aus“ wäre ja eine sinnvolle Aussage. Die tatsächliche Aussage ist aber „Tut es nicht!“. Was eine Dichotomie aufstellt, die nicht ANSATZWEISE vorhanden ist.

Es reicht aber auch nicht zu sagen, man solle die Söhne erziehen.

Ja, etwas zu sagen, reicht sowieso nie, man müsste es auch tun.

Warum nicht?

Man muss auch die Töchter – nein, alle Kinder – dabei unterstützen, bestehende Geschlechterstereotype zu dekonstruieren.

Ja, ok. Eines dieser Stereotypen ist, dass Männer Frauen beschützen sollen, aber nicht  umgekehrt. Ich sag’s nur.

Nur Eltern und Erziehende in die Verantwortung zu nehmen, wäre falsch, weil es Frauen im Hier und Jetzt ihre Agency, also das Gefühl, auch selbst Kontrolle zu haben, nimmt.

Wäre wie gesagt nicht mein Hauptargument, aber ja: Frauen beizubringen, wie sie ihre Leben kontrollieren können, kann nicht falsch sein. Es ist wirklich keine entweder-oder-Sache.

Frauen müssen ja nicht warten, bis die Männer der Zukunft die Welt verändern, damit sie keine Diskriminierung mehr erfahren.

Eben. Bzw., eine Menge dieser Forderungen beinhalten genau das: Männer sollen die Welt für Frauen ändern. Eine gewisse Hilflosigkeit letzterer, die damit impliziert wird, stört nicht, weil… Keks.

Wie hängen männliche Privilegien überhaupt mit Gewalt gegen Frauen zusammen?

Wie kann man Suggestivfragen stellen, um auf das Thema zu kommen, das man haben will?

Der Umstand, dass bestimmte Geschlechterstereotype Männern Privilegien und Machtpositionen einbringen, kann dazu führen, dass sie andere dadurch als schwächer wahrnehmen.

Ja, aber es gibt auch Männer, die Gewalt gegen vermeintlich oder tatsächlich stärkere Gegner einsetzen, insbesondere gegen solche mit Privilegien. Also Adelige, Großbürger, Besatzer oder Helmut Kohl. Tatsächlich gilt es unter Männern sogar als verpönt, Gewalt gegen Schwächere einzusetzen, Gewalt gegen Stärkere erhöht hingegen den sozialen Status, aka „Ehre“. Also, laut Geschlechterstereotyp, ich will das hier nicht irgendwie propagieren.

Solche Stereotype lassen Dinge, die nicht akzeptabel sind, akzeptabel erscheinen – etwa die Annahme, dass das „Nein“ einer Frau weniger wert sei und Männer das Recht hätten, sich darüber hinwegzusetzen.

Solche Stereotypen lassen aber Männer, die Frauen verteidigen, in besonders gutem Licht erscheinen. Also, meinetwegen gerne gegen Stereotypen kämpfen, aber ich weiß nicht, ob die das ganz zu Ende gedacht haben.

Wenn man beigebracht bekommen hat, dass Männer das „starke Geschlecht“ seien, verinnerlicht man das. Mann zu sein, macht aber nicht automatisch gewalttätig.

Ja, dazu braucht es die allgemeine Wehrpflicht, die passende Erziehung und/oder Frauen, die nichts dagegen haben, wenn ihr Mann gewalttätig ist, solange er diese Gewalt gegen andere Männer einsetzt.

Das zu behaupten, ist, als würde man sagen, Videospiele machen automatisch gewalttätig.

Nein. Wer Tetris spielt, tötet auch Welpen und Kätzchen.

Da müssen schon noch andere Sachen als verinnerlichte Stereotype zusammenkommen, zum Beispiel Probleme in der Familie, Erfahrungen mit Gleichaltrigen, eigene Gewalterfahrungen.

Oder eben Tetris. Aber mal ganz blöd gesagt: wenn jemand jemanden umbringt, kommt der Mörder oder die Mörderin ins Gefängnis, nicht die Eltern, die Gleichaltrigen oder die Ehepartner. Denn Sippenhaft ist abgeschafft.

Welche Rolle spielt Erziehung dabei?

Wenn man Kindern vermittelt, dass Jungen nicht weinen dürfen und Mädchen Gefühle zeigen müssen, verfestigt das diese Stereotype.

Wer vermittelt, dass Mädchen Gefühle zeigen müssen? Inwieweit bringen Jungen, die weinen dürfen, später weniger Leute um?

Das geschieht oft unreflektiert „nebenbei“. Wenn man etwa in der Schule die „starken Jungs“ bittet, Tische zu tragen, wird auf der einen Seite suggeriert, dass alle, die nicht „Jungs“ sind, dies nicht könnten.

Nein. Das suggeriert, dass Jungs dafür da sind, Mädchen körperliche Tätigkeiten abzunehmen. Aber ja, es wäre schlauer, keine Vorgaben zu machen, damit die Kinder das unter sich ausmachen. Wenn die stärksten Kinder zufällig die Jungs sind, ist das halt so.

Gleichzeitig entsteht so ein Erwartungsdruck, dass man als Mann stark sein muss.

Der – ich wiederhole mich – nicht nur oder auch nur hauptsächlich von Männern aufgebaut wird.

Keine Gefühle zeigen zu dürfen und stark sein zu müssen, kann später auch Beziehungen und den Umgang mit Konflikten erschweren.

Körperlich stark zu sein – nicht „käpferisch stark“ oder „willensstark“ – einerseits und keine Gefühle zu zeigen – nicht „keine Gefühle haben“ oder „nicht auf Gefühle achten“ – sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Die sollte man schon deshalb trennen, um Stereotypen zu vermeiden.

Wichtig ist zu reflektieren, was man als erziehende Person dazu beiträgt, um diese Stereotype zu zementieren. Das fängt schon bei der Wahl der Kleidung an – das Bagger-Shirt für die Jungs, das mit dem Einhorn für die Mädchen.

Pro-Tipp: Bagger-Shirts helfen beim Anbaggern leider gar nicht weiter.

Es ist auch wichtig, „geschlechtsuntypisches“ Verhalten nicht zu sanktionieren und Kindern viele verschiedene Möglichkeiten zu eröffnen – zum Beispiel durch Bücher, die diverse Rollenbilder anbieten.

Das hört sich auch gut an. Aber eigentlich sind Frauenmorde kein „geschlechtstypisches“ Verhalten für Männer, insofern ist die Diskussion Mist:

Die Behauptung, dass Frauenmorde ein Verhalten sind, das typisch für das männliche Geschlecht sei, ist ein dummes sexistisches Vorurteil, die Annahme, dass man mit anti-stereotypischer Erziehung etwas dagegen machen könnte, ist falsch. Was jetzt nicht gegen anti-stereotypische Erziehung spricht, wohlgemerkt.

Was haben Männer selbst davon?

Die Stereotype, die mit Männlichkeit einhergehen, verschaffen Männern durchaus Vorteile und bringen Frauen in die schwächere Position.

Wie der Vorteil, Möbelpacker zu werden? Aber ja, Stereotype sind nichts erstrebenswertes.

In den sozialen Medien teilen viele Frauen auch Tipps, wie sich Männer verhalten können, um Frauen Sicherheit zu geben. 

„Tipps“ ist seh euphemistisch.

Diese Kampagne hilft dabei, die Perspektive zu wechseln. Denn wenn ich selber nie Angst hatte, wenn ich nachts alleine nach Hause gegangen bin, kann ich oft schwer nachvollziehen, dass andere diese Angst sehr intensiv spüren.

Woher kommt die auf die Idee, dass Männer nie Angst haben, alleine nachts nach hause zu gehen? Wegen ihrer eigenen internalisierten Vorurteile? Was anderes fällt mir nicht ein.

Solche Tipps geben Männern die Möglichkeit, zu Verbündeten zu werden. Das kann zur Gewaltprävention und zum Abbau diskriminierender Strukturen beitragen.

Also sollen Männer nicht nur Möbel schleppen. Es gibt rein von der Quantität her deutlich mehr Männer, Möbel für irgendwelche Frauen schleppen, als solche, die Frauen umbringen. Ergo ist ersteres ein deutlich weiter verbreitetes Stereotyp. Wenn das nicht hinterfragt wird, geht es offenbar nicht um den Abbau von Stereotypen, sondern nur von solchen, die Frauen schaden.

 „Make it stink!“

Was bedeutet dieser Ratschlag?

Wenn ich Dinge beobachte, die nicht in Ordnung sind, etwa frauenfeindliche Kommentare oder Situationen, in denen Frauen belästigt oder bedroht werden, sollte ich das deutlich machen.

„Ich“ als Frau jetzt? Ok, meint die ernsthaft, dass jemand aus Versehen eine Frau bedroht? Offenbar ist mehr gemeint, wenn eine Frau belästigt oder bedroht wird, soll man aufstehen und sie verteidigen. Was aber, wenn ein Mann das tut, wiederum ein Stereotyp ist: Männer beschützen Frauen, aber nicht umgekehrt.

Ich würde gerne sagen, dass es möglich ist, mit Erziehung Gewalt aus der Welt zu schaffen. Tatsächlich ist Bildung auch zentral, wenn es darum geht, Diskriminierung abzubauen. Aber es gibt einfach Einflüsse, die außerhalb der Erziehung wirken.

Ja, aber wenn man Gewalt von Männern über die Hintertür doch fordert, weil sie Frauen beschützen sollen, was zu Gewalt zwischen Männern führen kann, ist das Konzept sowieso nicht zuende gedacht. Also, was macht man sich über andere Einflüsse Gedanken?

Es gibt gesellschaftliche Narrative, die sich nur sehr langsam verändern und die wir, so sehr wir das auch wollen, nicht aus der Erziehung rauskriegen.

Ja, aber ich bezweifle, dass das klappen kann, wenn man so einseitig vorgeht. Ich bezweifle, dass ein Werbeplakat mit einer halbnackten Frau die Ursache für einen Mord ist. Es ist einfach ein Narrativ. Daran zu glauben ist im besten Fall „naiv“, aber eher eine Form von Selbstbetrug.

3 Gedanken zu “Erziehung mal wieder.

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