Pinkstinks goes Boulevard

Jedenfalls ist das hier sehr Regenbogenpresse-mäßig.

Und jetzt nicht, weil sie Schwule und Lesben supporten, sondern der andere Regenbogen.

GEKRÄNKTE MÄNNLICHKEIT

Ist bekanntlich viel schlimmer als gekränkte Weiblichkeit, weil… folgende evidente Anekdote:

Die Verletzung sitzt offenbar sehr tief: Der britische Fernsehmoderator und Journalist Piers Morgan traf sich 2016 mit der US-amerikanischen Schauspielerin Meghan Markle in einem Pub auf ein paar Drinks.

Jaaa, wenn das schon so los geht. Das muss ja in Tränen enden, in ihren oder seinen.

Anschließend fuhr sie seinen Aussagen zufolge mit einem Taxi auf eine Party, wo sie Prinz Harry kennenlernte, und hat seitdem den Kontakt mit Morgan abgebrochen.

Ist doch gut, wenn sie ein Taxi genommen hat. „Ein paar Drinks“ klingt nicht nach Fahrtüchtigkeit. Aber Kern der Geschichte ist, dass sie Harry irgendwie attraktiver findet. Was ja nicht so unverständlich ist. Female Choice und so.

Morgan, der anfangs in den höchsten Tönen von Markle gesprochen und ihr unter anderem attestiert hatte, dass sie “die perfekte Prinzessin” abgeben würde, konnte diesen Zustand offenbar nicht ertragen.

Das kann sein, aber ist Spekulation. Wir wissen nicht, ob es Kontaktversuche gab, wir wissen nicht, wie ehrlich er das „perfekte Prinzessin“ meinte, und ja, das ist nicht abwegig, aber die Art von Logik, die das Goldene Blatt oder so verwendet, um die Lücken und Löcher ihrer Recherchen zu füllen.

Seither sieht er sich veranlasst, in immer neuen Tiraden über die Herzogin von Sussex öffentlich herzuziehen – in Zeitungsbeiträgen, Interviews oder Kommentaren der Fernsehsendung Good Morning Britain.

Auch politisch eher links verortete Menschen betonen Adelstitel. Weil: Arbeiter und Herzoginnen aller Länder vereinigt Euch! Gegen den gemeinsamen Feind! Aber offenbar hat Morgan eine eigene Fehde mit besagter Vasallin der Queen auszufechten, seien wir froh, dass das verbal ausgetragen wird.

Er nennt sie einen “Emporkömmling, die nun einen gehobenere Stellung erreicht hat, in der kein Platz mehr für Leute wie uns ist”.

Er meint: „Normales Volk.“ Nicht „Männer“. Wobei natürlich möglich ist, dass Meghan sich super gut mit Bürgerlichen versteht, nur nicht mit ihm.

Er bezeichnet sie als “Pinocchio Prinzessin”, der er “kein einziges Wort glaubt, nicht mal wenn sie den Wetterbericht verlesen würde”, wenn sie über ihre Suizidgedanken angesichts der rassistischen Anfeindungen berichtet, die ihr zugemutet wurden.

Der letzte Satz ist jetzt Parteinahme: Es ist klar, das Morgan Markle nicht glaubt, Selbstmordgedanken gehabt zu haben. Aber es ist ebenso klar, dass Pickert a) Markle glaubt, und b) der Ansicht ist, dass die Suizidgedanken aus den rassistischen Äußerungen resultieren. Was jetzt zu kurz gedacht ist – wenn sie Depressionen hat, sind solche Gedanken leider ein Symptom davon. Depressionen werden als Ursache rd. der Hälfte aller Selbstmorde geschätzt. Jetzt sind Depressionen aber eine Krankheit, keine „Reaktion“ auf die Umgebung. So, wie man depressiv werden kann, „obwohl“ man materiell ein schönes Leben führt, wird man nicht deshalb depressiv, „weil“ man auch hässliche Dinge erlebt. Niemand hat „Schuld“, wenn jemand depressiv wird. Weder die Depressiven noch die bucklige Verwandtschaft.

Er beschimpft sie als “hinterhältige, geldgeile Markle”, die sich “schamlos selbst promotet”. Sie sei “selbstsüchtig, eine Schande, weinerlich”.

Keine Ahnung, ob das stimmt, aber selbst wenn, ist es jetzt nicht gerade souverän, so rumzuranten.

So heftig und kontextlos, dass sich seine Kolleg*innen bei Good Morning Britain, die zu seinen Ausfällen vor der Kamera oft nur ein saures “Oh mein Gott, hoffentlich ist es bald vorbei”-Gesicht machen konnten, mehrfach darüber beschwerten.

Ok, offenbar ist Pinkstinks hier nicht der Rächer der Enterbten. Die meisten finden solchle Ausfälle daneben. Dinge, die die meisten danaben finden, sind offenbar nicht allgemein akzeptiert. D.h., Morgans Ausfälle sind nicht Teil der Patriarchaischen Weltverschwörung, sondern ein Außenseiterding. Gibt wohl schon mehr als diesen einen, und weil die anderen keine Sendung haben, fallen die anderen nicht so auf, aber eben nicht „Mainstream-Männlichkeit“.

Beresford sprach aus, was alle dachten, und tat dies relativ zurückhaltend. Er stellte lediglich fest:

  1. Du hast offenbar ein Problem mit Meghan Markle. Das ist für alle ersichtlich.
  2. Sie hat das Recht, dich nicht an ihrem Leben teilhaben zu lassen.
  3. Obwohl sie nichts Negatives über dich sagt, fährst du fort, sie anzufeinden.

Punkt 3. mit der Einschränkung „nichts Negatives öffentlich„, aber selbst, wenn sie irgendwo irgendwem böse Sachen über Morgan sagte, oder zu ihm persönlich, ist die Reaktion trotzdem überzogen.

Für Piers Morgan war das Ganze offenbar so unerträglich, dass er das Set daraufhin verließ. Aus seiner Sicht ist das nur folgerichtig.

Oder, er merkte selbst, dass er überreagiert. ODER, er brauchte einfach frische Luft. Oderoder irgendetwas anderes, was wir nicht wissen. (Ich kann mir fast nicht vorstellen, dass das nicht schonmal hinter den Kulissen thematisiert wurde, aber das ist jetzt Spekulation meinerseits.)

Denn was von außen betrachtet – wie bereits erwähnt – kontextlos wirkt,

…so dass man sich einen Kontext ausdenkt…

hat in Wahrheit einen der für Frauen folgenschwersten Zusammenhänge, der im Patriarchat existiert:

Dasselbe Patriarchat, dass Frauen zu Herzoginnen macht, damit sie nicht mit dem gemeinen Volk schlafen?

Meghan Markles Verhalten hat Piers Morgans Ego gekränkt.

Ja, kann sein, und wenn, soll er sich nicht anstellen. Es ist keine Schande, die zweite Wahl zu sein (oder die dreihundertvierundneunzigste), wenn die erste Wahl ein Prinz ist. Dessenungeachtet tut Zurückweisung weh.

Das Ego eines Mannes, der glaubt, Anspruch auf sie zu haben, ein Recht auf ihre Sympathie, ihre Anerkennung, ihr Interesse.

Irgendwie bezweifle ich auch, dass sie ihm mal irgendwelche Anseutungen auf Romantik gemacht hat. Aber wieauchimmer, WENN er sich je diesbezügliche Hoffnungen gemacht hat, DANN würde das sein Verhalten erklären. Nicht rechtfertigen, wohlgemerkt.

Das Ego eines verheirateten Mannes, der sich auf übergriffige Weise darüber beschwert, dass Markle sich für Prinz Harry entschieden hat und nicht für ihn.

Das kommt erschwerend hinzu. Also, wenn er verheiratet ist.

Das Ego eines Mannes, der aus tiefster Überzeugung glaubt, dass diese Frau “ihm etwas schuldet” – er hat sie einmal getroffen.

Und wie viele Mails haben die ausgetauscht? SMSs? Telefoniert? Ja, weiß kein Mensch.

Die feministische Autorin Jessica Valenti hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, wie gefährlich die Zurückweisung eines Mannes für Frauen sein kann.

Ja, dafür begehen Männer häufiger Selbstmord.

Für ihren Ruf, ihr berufliches Fortkommen, ihre psychische Gesundheit und ihr Leben.

Da das in ihrem Fall nicht geschehen ist – Depressionen sind wie gesagt eine Krankheit und haben deutlich komplexere Ursachen als dies – soll das nicht widerlegen. Es ist halt ein schlechtes Beispiel.

Aktuelle Bücher von Veronika Kracher und Susanne Kaiser zeigen zwar, wie gefährlich sich die Lage bei Incels, Fundamentalisten, neurechter Männerbewegung und selbsternannten Herren der Schöpfung gerade zuspitzt, aber das Problem existiert seit Jahrtausenden.

Auch das ist typisch BILD: wenn ein Flüchtling eine Frau vergewaltigt, vergewaltigen alle Flüchtlinge alle Frauen.

Schon in der Bibel findet sich die alttestamentarische Erzählung von Susanna, die von zwei alten, hochangesehenen Richtern in ihrem Garten bedrängt und zu sexuellen Handlungen erpresst wird.

Das Alte Testament, meine Damen und Herren – Peak Wokeness!

Die beiden drohen, ihr einen Ehebruch anzuhängen.

Das würde man bei Männer ja nie machen, woll.

Im anschließenden Gerichtsprozess kommt die Sache nur deshalb ans Licht, weil die Richter als Zeugen unabhängig voneinander befragt werden und sich in Widersprüchlichkeiten verstricken.

Tja, so geht Wahrheitsfindung. Die böse, böse patriarchaische Rechtsordnung im antiken Irak. So frauenfreundlich. Achja, die sind dorthin verschleppt worden, also keine Flüchtlinge.

Gentileschi arbeitete 1610 zu einer Phase an dem Bild, in der sie von einem Malerfreund ihres Vaters, der sie vergewaltigt hatte, mit einem Eheversprechen zum Schweigen erpresst wurde.

Ok, was sagt das über Morgan und Markle aus?

Ihr Vergewaltiger heiratete sie nicht, er wurde von Gentileschis Vater angeklagt. Während des Prozesses behauptete er, Artemisia sei eine Prostituierte, woraufhin diese eine “gynäkologische” Untersuchung über sich ergehen lassen musste und gefoltert wurde, um den Wahrheitsgehalt ihrer Aussage zu überprüfen.

Ja, dieses 17. Jhdt. immer. Was Pickert irgendwie unterschlägt, um die finsteren Jahrhunderte noch finsterer zu machen, der Malerfreund wurde jedoch schließlich, auch wegen Diebstahls von Bildern, zu acht Monaten Haft verurteilt.

Im anderen Artikel steht was anderes, deshalb weiß ich nicht, was stimmt. Aber was genau hat Morgan mit einer Vergewaltigung zu tun?

Wir haben, so scheint es, noch einen sehr weiten Weg zu gehen, bis sich endlich die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass es nicht etwa anmaßend, unerhört und beschämend ist, wenn eine Frau sich den Ansprüchen eines Mannes entzieht, sondern wenn ein Mann mit großer Selbstverständlichkeit und Selbstgefälligkeit eben jene Ansprüche stellt.

Ungefähr niemand außer Morgan hält Morgans Verhalten nicht für anmaßend, überzogen und peinlich. Und ein bisschen Fremdschämen. Er stellt eigentlich auch keine „Ansprüche“, und ist auch weder „selbstverständlich“ noch „selbstgefällig“, sondern nutzt halt seine Möglichleiten, jemanden schlecht zu machen. (Dass das auch noch beim Inszenieren von Hofdramen in der Goldenen Gala oder wo vorkommt, macht es nicht besser, da ist es aber wohl hochprofessionelles Schlagzeilen basteln.)

Niemand bestreitet das Recht einer Frau, sich solchen „Ansprüchen“ zu entziehen. Selbst die, die aus anderen Gründen nicht auf Seiten von Frau Sussex sind, sind nicht automatisch auf Seiten von Herrn Morgan. Und vor allem, selbst in der grauen, patriachalischen Vorzeit waren Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und Artverwandtes ja nicht „erlaubt“. Das Problem war die Beweisbarkeit.

Nebenbei, angenommen im Mittelalter oder bei GoT würde ein „Journalist“ – nagut, den Beruf gab’s nicht, sagen wir, ein Minnesänger – so über eine Herzogin herziehen. Selbst, wenn diese sich gerade mit ihrer Verwandtschaft eine Fehde liefert, bei der es über „Ansprüche“ aller Art ginge. (Was jetzt eher unwahrscheinlich ist, weil die Herzogin wahrscheinlich vor ihrer Hochzeit auch schon adlig war, aber von der Idee her.) Das macht der EINmal und nie wieder. Herzog: „Kennst Du den Kerl?“ – „Der ist mal Weihnachten bei uns zu hause aufgetreten.“ – „Und warum ist der so sauer auf Dich?“ – „Weil ich adlig bin und er nicht? Keine Ahnung.“ – „Alles klar. – Wachen, ergreift ihn!“

Willkommen in der Wunderbaren Welt der Moderne.

Die Unersättlichkeit gekränkter Männlichkeit wird nicht dadurch gestillt, dass ihr immer neue Opfer zugeführt werden und weiterhin ein System aufrecht erhalten wird, indem Frauen ganz grundsätzlich als ihr Opfer markiert werden.

Ganz genau! Wir müssen endlich damit anfangen, Frauen als Täterinnen zu markieren, damit die Scheiße aufhört! Ähh, Moment.

Wir müssen anfangen, Männer als Opfer zu markieren, damit die über ihr Unrecht laminieren, äähh, lamentieren, ähm, nein.

Wir sollten Morgan keine Opfer zuführen, nachher mutiert er vom Dämonen zum Chaosgott.

Quatsch. Der Satz ist Quatsch. Also sind alle Antworten Quatsch. Quatsch.

Wir bekommen sie nur in den Griff, wenn wir ihr die Grundlagen entziehen und Männlichkeit anders erzählen, vorleben, gestalten und einfordern.

Tun „wir“ doch. Von allen Leuten, die Meghan und Harry kritisieren, ist Morgan vermutlich der einzige, der das aus gekränkten Gefühlen, Eifersucht oder sonstiger Enttäuschung macht.

Dann wäre die Ablehnung eines Mannes durch eine Frau eben einfach nur das: Eine Ablehnung, mit der man(n) zurechtkommen muss, zurechtkommen kann und zurechtkommen wird.

Die meisten kommen damit zurecht. Hier wird ein Einzelfall verallgemeinert. Wegen anekdotische Evidenz und so. Ok, vllt. würde er sie stalken, wenn sie keine Leibwächter hätte, aber andererseits gibt’s auch Papparazzi, die das auch nicht so ganz abschreckt. Ist also ein sehr spezieller Einzelfall.

Ein Gedanke zu “Pinkstinks goes Boulevard

  1. Weibliches Stalking, also Besitz- und Anspruchsdenken hat eine verdammt hohe Dunkelziffer. Man erinnere sich auch an den Fall der Stalkerin, die jahrelang einen Priester verfolgte und gegen die Polizei nichts machen konnte.

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