Wie man sich eigentlich das Finanzamt sparen könnte

„Bringt Frauen nicht bei, sich zu schützen, sondern Männern, nicht zu vergewaltigen!“

ist das Äquivalent zu: „Stellt keine Fahrkartenkontrolleure(m/w/d) ein, sondern bringt Leuten bei, ordentlich zu zahlen.“ oder:

„Kauft keine Schlösser, sondern bringt Euren Kindern bei, nicht zu stehlen.“

oder eben: „Statt einer bürokratischen Infrastruktur, die der Einnahme von Steuergeldern dient, sollte jeder Bürger so ein guter Mensch sein, dass soe iosen Beitrag freiwillig und in korrekter Höhe direkt dem Staat überweist.“

s.a. hier.

Aber Jetzt mal wieder

Vorsicht allein kann sexualisierte Gewalt nicht bekämpfen

Das stimmt, und die allerwenigsten behaupten das. (Gibt es auch Strohfrauen oder Pappkameradinnen? Nein? Skandal!)

Männer sollten verstehen, dass von ihnen eine Gefahr ausgeht – und etwas dagegen tun.

Um den Herrn der Ringe zu paraphrasieren (dieses Wort wollte ich schon immer mal verwenden): „Gefährlich“ ist nicht dasselbe wie „bösartig“. Wenn jeder Mann ein potentieller Vergewaltiger, Mörder, Dieb oder Steuerhinterzieher ist, und dieses Potential ein hinreichender Grund ist, Maßnahmen gegen jeden Mann zu ergreifen, dann müssen auch gegen jede Frau Maßnahmen ergriffen werden, weil wir dann alle prophylaktisch unter Generalverdacht kommen müssten.

Meine Eltern wohnten gegenüber einer kleinen Grünfläche. Sie waren immer in Sorge um mich, wenn ich als Teenie bei Dunkelheit unterwegs war. Oft rief ich sie an, wenn ich von der Haltestelle heimlief.

Ja, das Problem gibt es. Bzw., natürlich machen sich Eltern auch genauso Sorgen, wenn ihr Sohn im Teeniealter nach Einbruch der Dunkelheit irgendwo herumläuft.

Von klein auf habe ich also gelernt, was sexualisierte Gewalt bedeutet, und: wie ich mich selbst vor Männern schützen kann.

Gibt es eigentlich keine nicht-sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Frauen? Wenn doch, kann sie sich dagegen dann nicht schützen? Ok, wenn man ihr bloß beibringt, mit Schmackes dem Angreifer zwischen die Beine zu treten, und der Angreifer ist weiblich, ist der Effekt nicht ganz der erwünschte. Aber ist ja nicht mein Problem.

So wie viele andere Frauen und als weiblich wahrgenommene Menschen auch. Ich würde sogar sagen: alle.

Vllt. würde es helfen, nicht als weiblich wahrgenommen zu werden? Soll kein Mansplaining sein, macht, was Ihr meint.

Nachts meiden wir schlecht beleuchtete Straßen, Parks sowieso.

Schlecht beleuchtete Irgendwas würde ich auch nachts meiden. Hey, Gemeinsamkeit!

Eigentlich weiß ich: Keine dieser Schutzmaßnahmen kann mich wirklich vor Gewalt schützen. Die Angst ist Alltag – wie die Wut darüber, überhaupt ängstlich sein zu müssen. Was hilft dagegen?

Die mathematische Antwort: Man kann Risiken reduzieren, aber nicht auf NULL bringen. Wenn man mit einem bestimmten Restrisiko nicht leben will, muss man evt. noch weitere Maßnahmen ergreifen. Die psychologische Antwort ist eine Gegenfrage: wie angemessen ist die Angst dem Risiko?

Als die Engländerin Sarah E., 33, am Mittwochabend vor einer Woche um 21 Uhr das Haus einer Freundin in London verließ, trug sie Turnschuhe und grelle Kleidung. Auf dem Heimweg telefonierte sie mit ihrem Freund. Sie lief auf gut beleuchteten Straßen.

Ein Waffenlobbyist würde jetzt sagen, dass sie mit einer gescheiten Handfeuerwaffe noch am Leben wäre. Aber nunja….

Aber Sarah kam nie zu Hause an. In einem nahegelegenen Wald fand die Polizei später Leichenteile, ein Polizist wurde wegen des Verdachts auf Mord festgenommen.

Verdammte Polizeigewalt! Der Polizist war vermutlich bewaffnet und macht regelmäßig Schießübungen. Insofern löst sich das pro-Waffen-Argument in Wohlgefallen auf. Ich sage mal vorsichtig, dass das ein SEHR untypischer Mordfall ist, wenn sich der Verlauf so bewahrheitet, wie das hier angedeutet wird.

 Leider sind darunter auch einige Menschen – vor allem Männer – die Victim Blaiming betreiben. Sie suggerieren, Sarah sei selbst schuld, weil sie zu spät abends unterwegs gewesen sei (zur Erinnerung: Es war 21 Uhr).

Natürlich ist sie nicht schuld. Sie war wohl noch nicht einmal „fahrlässig“. Und vermutlich wird nichts, was sie getan hat, dem Mörder milderne Umstände verschaffen. (Außer, sie hätte wild um sich geschossen, und der Polizist hätte sie nicht nur in Notwehr erschossen, sondern aus Panik zerstückelt und die Körperteile versteckt, wie man das von unseren Freunden und Helfern nicht besser erwarten kann.)

„Schützt nicht die Töchter, klärt die Söhne auf.“

Ja, und da wird’s absurd. Also erstens wird suggeriert, dass nur ersteres stattfindet, zweitens ist es dämlich, nur letzteres zu tun, und drittens passieren die wenigstens Schwerverbrechen aus Unkenntnis.

Genau da ist der Knackpunkt. Natürlich sind unsere Selbstschutzmaßnahmen wichtig. Sie geben uns das Gefühl, im Notfall handeln zu können.

Da steht „Schützt NICHT die Töchter.“. Wieso das eine entweder-oder-Sache sein soll, weiß ich auch nicht, aber es steht da und wurde so zitiert. Aussagenlogik ist nicht frauenfeindlich.

Aber es seien doch nicht alle Männer so, mag man jetzt entgegnen. Stimmt. Nicht alle Männer würden Frauen Gewalt antun – ob auf offener Straße oder im eigenen Zuhause.

Und nicht alle Politiker sind korrupt. Glaube ich.

Aber es sind zu viele, um zu wissen, wer es nicht tun könnte.

Egal, ob es 50%, 5% oder 0,5% sind, man kann es nie wissen. Die Unfähigkeit, Gedanken zu lesen steht in keiner Beziehung zum Gewalttäteranteil.

Und es hilft wenig, sich als Mann bei Debatten über Sexismus und sexualisierte Gewalt reflexartig freizusprechen und die Aufmerksamkeit auf die eigene Unschuld zu lenken.

Ähh, doch? Gruppenschuld und Sippenhaft sind Dinge, gegen die man das Maul aufmachen soll. Nebenbei müsste man in einem Rechtsstaat die eigene Unschuld gar nicht beweisen. Wenn eine Frau ermordet wird, ist nur eine Person schuld daran, und das ist weder sie selbt noch ein unbeteiligter Dritter.

Hilfreicher wäre es, das zu tun, was gerade einige junger Männer im Internet machen: Sie fragen, was sie tun können, um etwas zu verändern.

Nun, eigentlich „gar nichts“. Die Strafverfolgung gehört zu den Aufgaben des Staates, nicht der Gesellschaft. Im konkreten Beispiel kann man mal „Wer bewacht die Wächter?“ fragen, aber grundsätzlich lautet die Antwort leider: „nix“. Oder die Frage ist, wie man persönlich einer konkreten Frau helfen kann.

Liebe Männer, hört uns zu, nehmt unsere Angst (und auch die damit einhergehende Wut) ernst.

Joah, wie früher bei der Wehrdienstverweigerung: Wenn man bereit ist, die Freundin vor einem Angreifer mit Gewalt zu schützen, dann sollte man auch in der Krieg ziehen, und irgendwelche Frauen vor irgendwelchen Wehrpflichtigen zu schützen.

Stellt uns Fragen, wenn ihr unsicher seid.

„Knarre oder Messer?“

Reflektiert euer eigenes Verhalten und informiert euch zu den Themen Gewalt gegen Frauen und Sexismus.

Das ist so ein belangloser Kaugummisatz, dass ich jetzt einfach „erledigt“ sagen kann.

Redet mit anderen Männern darüber, macht sie darauf aufmerksam, wenn sie sich daneben verhalten.

Ja. Der Polizist. Der, den sie verhaftet haben. Dem haben sie bestimmt mal gesagt – und zwar nicht in der Kaffeepause, sondern in der Polizeischule – dass Mord daneben ist. Und Vergewaltigung, und Diebstahl, und überhaupt alles, was in England so verboten ist. Und wenn der jetzt zufällig an dem Tag krank war, gab es doch hoffentlich mal eine Prüfung, so klassisch mit Multiple-Choice-Kästchen wie in der Fahrschule. Wenn man da bei „welche der folgenden Dinge ist KEINE Straftat“ Mord ankreuzt, kriegt man doch hoffentlich minus unendlich Punkte und darf nie wieder bei der Strafverfolgungsbehörden arbeiten, oder? ODER?

Wenn ihr nachts einer Frau auf der Straße begegnet, könnt ihr die die Straßenseite wechseln.

Ja, ich kann es aber auch lassen. Wenn die merken, dass nicht jeder Mann sie vergewaltigen, umbringen oder ausrauben will, ist das doch gut, oder?

Schleicht nicht, sondern macht Geräusche, sodass wir hören können, wo ihr euch befindet

Damit die Straßenräuber mich besser finden und ausrauben können? Ja ne, is klar.

Bietet Freundinnen an, sie auf dem Heimweg zu begleiten.

Ja, DAS sowieso. Damit beweise ich meine Fittigkeit für das als „Female Choice“ bekannte Verfahren der evolutionären Selektion.

Hinweis der Redaktion:

Betroffene können gegen sexuelle Belästigung vorgehen, zum Beispiel durch eine Anzeige bei der zuständigen Polizeidienststelle. Für Betroffene sexualisierter Gewalt gibt es zudem Beratungsstellen. Immer erreichbar ist zum Beispiel das bundesweite Hilfetelefon. Das Hilfetelefon ist rund um die Uhr unter der Nummer 08000 116 016 kostenlos, auf Wunsch anonym und über die Internetseite auch mit Gebärdendolmetschung erreichbar.

Diese nützliche Information übernehme ich. Nur, weil ich mich nicht für zuständig halte, heißt das ja nicht, dass ich nicht will, dass das Problem bekämpft wird.

4 Gedanken zu “Wie man sich eigentlich das Finanzamt sparen könnte

  1. Danke, in den Kommentaren unter dem Artikel habe ich mit einer Feministin gestritten, die der Meinung ist, männlichen Opfern häuslicher Gewalt würde in unserem Land genauso geholfen wie weiblichen…

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  2. „Schützt nicht die Töchter, klärt die Söhne auf.“
    Habe ich sofort gemacht. Habe meinen männlichen Kumpels erklärt, dass es illegal ist, um 21 Uhr eine Frau in einem Park in Stücke zu schneiden. Hättest mal die erstaunten Gesichter sehen sollen…

    „Wenn ihr nachts einer Frau auf der Straße begegnet, könnt ihr die die Straßenseite wechseln.“
    Aber nur, wenn die Frau weiß ist, sonst ist das Rassismus…

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