Mal was völlig anderes

Bei Jetzt.

„Schwarze Frauen glauben Meghan“

Und ich glaube, dass die ihr glauben. Also, ja gut, wo ist dabei jetzt die Meldung?

Es gab Diskussionen und Beunruhigung darüber, wie dunkel seine Hautfarbe sein würde“, sagte Herzogin Meghan im Interview mit Oprah Winfrey am vergangenen Sonntag.

Väterlicherseits ist er ein ziemliches Weißbrot, mütterlicherseits stammt er u.a. von Iren ab. Aber kann natürlich trotzdem „Diskussionen und Beunruhigungen“ gegeben haben. Weil, wer so denkt, jetzt nicht die logischste aller Denken vertritt.

Die Entsetzung rührte vermutlich daher, dass Meghan mit diesem rassistischen Verhalten das britische Königshaus meinte – also ihre eigene Familie.

Alle oder Teile davon oder eine konkrete Person, welche auch immer. Natürlich ist Winfrey entsetzt, aber wäre sie das nicht bei jeder Familie?

Während die beiden darin zwar auf persönliche Angriffe gegen einzelne Mitglieder der Königsfamilie verzichteten, hat das Gespräch dennoch enorme Schlagkraft. Denn immer wieder kommt darin besonders eines zur Sprache: der Rassismus der Royals.

Gegen Iren haben die inzwischen nichts mehr? Aber gut, nur weil Oma im 2. Weltkrieg gegen Deutschland gedient hat, wenn auch ohne Kampfeinsätze, heißt das nicht, dass die keinerlei Vorurteile haben. Oder eine etwas verklärtes Erinnerung an die Kolonialzeit. Oder sich auf Kostümpartys zum Thema Kolonialismus als Nazis verkleiden, weil. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung.

Es wurde Zeit, dass die beiden ihre Version der Geschichte erzählen. Es ist wichtig, dass Menschen etwas über den Rassismus im Vereinigten Königreich erfahren, der dort auf so vielen Ebenen existiert

Wie? Engländer sind auch rassistisch? Da hat die Welt ja noch NIE was von mitbekommen, die sind immer so nett und höflich. Gut, dass die zwei an die Öffentlichkeit gegangen sind. Das wäre ja sonst vllt. nie, ich meine, überhaupt nie. Also echt nicht.

Endlich werde deutlich gemacht, dass Rassismus der Grund sei, warum Meghan vom Königshaus und der Presse so schlecht behandelt wurde.

Naja, vllt. nicht der einzige Grund – Carmilla wird von der Presse auch regelmäßig runtergemacht, und die kann auf Generationen weißer Vorfahren zurückblicken.

Der Umgang mit Meghan zeigt rassistische und sexistische Strukturen des Vereinigten Königreiches.

Ja, warum musste Harry überhaupt eine Frau heiraten? Frauen sind weiblich, das ist ja fast noch schlimmer als schwarz und irisch zusammen.

Prince Harry beklagte in dem Oprah-Interview besonders die fehlende Unterstützung des Königshauses. Bei all den rassistischen Angriffen gegen Meghan seitens der Presse sei nie ein Familienmitglied dagegen aufgestanden

Was haste auch erwartet? Wer toleriert, dass einer aus der Familie mit fucking Hakenkreuz zum Kostümball geht, dem ist vermutlich alles egal. Immerhin hat Meghan Markle auch deutsche Ahnen, wie man an der anglizierten Version des teutschesten aller teutonischen Namen – Merkel – problemlos erkennen kann. Windsors hießen früher übrigens Sachsen-Coburg und Gotha, hatten das aber zum ersten Weltkrieg geändert, weil das etwas blöd aussieht, wenn man gegen Deutschland kämpft. Immerhin sind sie so auch aller Vorurteile über Ostdeutsche los. Von wegen alles Nazis und so.

Eine Twitter-Userin postete daraufhin zwei Schlagzeilen der britischen DailyMail zu zwei royalen Schwangerschaften, die eine Ungleichbehandlung sehr deutlich machen.

Ja, die Regenbogenpresse ist manchmal völlig irrational und parteiisch.

Während bei Kate das Streicheln des eigenen Babybauchs als freudiges Anzeichen baldiger Geburt gedeutet wurde („Nicht mehr lange!“), lautete die Schlagzeile in Bezug auf Meghan: „Warum kann Meghan es nicht lassen, ihren Babybauch anzufassen? Experten befassen sich mit der Frage, die die Nation beschäftigt: Ist es Stolz, Eitelkeit, Schauspielerei oder eine neue Bindungsmethode?“

Nicht zitiert: Alle Gelegenheiten, wo irgendwelche Prinzessinnen oder sonstige Promis sich auf irgendwelchen völlig legal aufgenommenen Fotos an den Bauch fassen, nicht schwanger sind, aber dies als Schwangerschaft gedeutet wird – wenn die zuständige Redaktion nett ist – als Gewichtssproblem – wenn die Redaktion nicht so nett drauf ist – oder als Magersuchtsverdachtsfall – Endstufe. Aber ja, Meghan war wohl wirklich eher „die Böse“, besonders im Vergleich zu Kate. Familienleben wird inszeniert wie ein Wrestling-Turnier. Nur, dass die Teilnehmenden nicht gebrieft wurden.

Viele Menschen vergleichen die Situation von Meghan mit der von Lady Diana: Meghan und Diana seien beide selbstbestimmte Frauen – und würden damit aus dem patriarchalen Rahmen der Royals fallen.

Wo ham‘ die denn jedient?

„Harry bricht den Zirkel generationenlanger Misshandlung von Frauen in seiner Familie. Schön zu sehen, dass er seine Frau und Kinder aus diesem toxischen Umfeld rausholt. Diana wäre stolz“

So ein bisschen klingt das tatsächlich danach, dass das Leben als Prinzessin nicht ganz so schön ist, wie das bei Disney immer aussieht. Ok, Dornröschen und Arielle und Yasmin und Kida und Elsa haben ihre Sorgen, aber Schnewittchen und Aschenputtel und Belle verbessern durch die Heirat mit einem Prinzen ihre Situation deutlich.

Schwarze Frauen glauben Meghan. Denn Schwarze Frauen kennen die Intersektion von Rassismus und Sexismus. Es gibt Gründe dafür, warum Harry und Meghan sich ausgerechnet Oprah anvertraut haben.

Also abgesehen von der Reichweite. Ok, ich habe keine Ahnung, was ich davon halten soll. Ob Monarchie und Klatschpresse einen Deal haben, und inwieweit Meghan und Harry jetzt unbedingt die Unvoreingenommensten sind, aber ja: Ich sehe in dem Vorgehen Sinn und Logik.

Besonders bekannt ist folgender Fall: 1976 verklagten einige Schwarze Frauen den Autobauer „General Motors“ wegen Diskriminierung, weil er keine Schwarzen Frauen einstellte. Die Klage wurde aber mit der Begründung zurückgewiesen, dass in dem Unternehmen sowohl weiße Frauen als auch Schwarze Männer arbeiten würden – und deshalb liege weder Geschlechter- noch rassistische Diskriminierung vor.

Diese Ausrede ist tatsächlich etwas hanebüchen. Und nur, weil Oprah Winfrey und Meghan Windsor zu den obersten Zehntausend gehören, gibt es trotzdem Mio. schwarzer Frauen, die sich über einen tollen Job bei General Motors oder so freuen würden. Oder wenigstens mit Windsor und Winfrey tauschen. Es gibt auch viele weiße Männer, die das gerne täten, nebenbei. Aber ja, man kann sich auch dann über Sexismus und Rassismus aufregen, wenn es anderen schlechter geht als einer selbst.

Herzogin Meghan äußerte im Interview mit Oprah auch, was sie am meisten bereue, nämlich „an die Institution“ des Königshauses geglaubt zu haben.

Erstens, die Institution eines Herzogtitels ist aber ok, oder haut Jetzt einfach irgendwelche Titel raus, ohne darüber nachzudenken? Zweitens, auch wenn das nach Victim-Bläming klingt, wenn Du einen Mann kennenlernst, der sich früher als Nazi verkleidet hat, aber sonst ganz nett ist – auch wenn Du nicht gerade nach arischem Mustermädel aussiehst – was erwartest Du von dessen Familie? Demnächst bei Oprah: „Die Redneck-Hinterwäldlerfamilie meines Verlobten in den Südstaaten hat Konföderiertenflaggen an allen Wänden, rühmt sich ihrer sächsischen Vorfahren und haut manchmal sehr üble Sprüche raus; soll ich ihnen sagen, dass meine Mutter eine Schwarze ist, bevor sie bei der Hochzeit auftaucht??“

Für viele scheint es nämlich keine Überraschung zu sein, von rassistischen Strukturen im Königshaus zu hören

Euer. Scheiß. Ernst. Ihr müsst eine Talkshow gucken und Twitter lesen, damit Euch der Gedanke kommt? Selbst, wenn die Rassismusvorwürfe sich übermorgen als völlig falsch erweisen sollten, Meghan und Harry einen Privatkrieg mit Großbritannien führen und Fachleute zum Münchhausensyndrom in allen Talkshows auftauchen, darüber habt Ihr Euch nie Gedanken gemacht?

Warum das Interview von Herzogin Meghan und Prince Harry mit Oprah Winfrey trotz des fehlenden Überraschungs-Effekts so große Wellen auf Twitter schlägt, kann sich letztlich aber Journalismus-Professor Jason Johnson erklären:

Weil man irgendwie froh ist, dass es reichen und mächtigen Leuten nicht besser geht als Armen und Ohnmächtigen? Weshalb man ja auch die semi-übersetzten Titel droppt, wie es der Fachmensch formuliert, um diesen Unterschied nochmal extra zu betonen.

Ich glaube, die Menschen sind weniger geschockt darüber, dass die Königsfamilie rassistisch ist, als dass sie eine Art Katharsis empfinden, dass zwei Schwarze Frauen aufdecken, dass eine derart romantisierte Institution rassistisch ist.

Ja, sach ich doch.

Alle haben sich darüber schon mal Gedanken gemacht, nur Jetzt ist mal wieder merkbefreit. Man könnte sogar sagen – Achtung, jetzt kommt’s – marklebefreit. Also durch Markle befreit, nicht von Markle befreit. Und auch nicht merkelbefreit, aber den Witz spar ich mir für eine bessere Gelegenheit.

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