Töchter halt

Ok, manche Sprüche sind echt doof.

Auch wenn sie spaßig gemeint sein sollen.

Aber war er daraus macht, ist nicht mehr feierlich.

LASST EURE TÖCHTER FREI!

Pinkstinks. Weil Töchter bekanntlich eingesperrt werden und so.

Es gibt Sätze, die ich einfach nicht stehen lassen kann. Die mich fertig und wütend machen, bei denen ich sichtbar zusammenzucke und aussehen als würde ich irgendetwas anzünden wollen. Wahrscheinlich weil ich etwas anzünden will.

Tja, dann versucht man und versucht man gegen Vorurteile zu kämpfen, dass Männer nicht das aggressivere Geschlecht sind, und dann kommt ein Mann daher und macht alles kaputt. Natürlich ein Feminist. War ja klar.

Mütter/Väter, sperrt eure Töchter ein!

Weil das dann gemacht wird? Wenn nicht, warum sonst? Wenn doch, wieso ruft er nicht einfach die Polizei wegen Verdachtes auf Freiheitsentzug?

Wenn ich den lese oder höre, knurre ich wahlweise durch meine gefletschten Zähne oder kneife angewidert die Augen zusammen, so als wäre jemand barfuß in Hundekot getreten. Irgendwie ist das merkwürdig.

Achwas? Merkwürdig? Na, sowas aber auch.

Zum einen gibt es sehr viel krassere Sätze, die meine Ablehnung verdient hätten.

Als jemand, der relativ häufig über pinkstinks im Allgemeinen und Pickert im Besonderen herzieht, bin ich wohl kein neutraler Beobachter und evt. auch nicht der beste Experte in Hinsicht von „sich nicht triggern lassen“, aber hier stelle ich fest: er reflektiert nicht.

Und zum anderen scheine ich mit diesem Gefühl ziemlich alleine zu sein.

Das alleine beweist nicht, dass er falsch liegt.

Menschen finden diesen Satz passend, harmlos oder witzig. Für mich ist die Tatsache, dass Menschen diesen Satz passend, harmlos oder witzig finden mit einer der Gründe, warum ich ihn hasse.

Eigentlich wäre das ein Grund, die Menschen zu hassen, nicht den Satz. Aber das soll jetzt kein Aufruf zu Hass sein, Herr Richter! Ok, er fügt eine Reihe von Beispielen an, die ich jetzt nicht alle analysiere, aber prinzipiell gibt es drei Interpretationen:

  1. Mann hat so viel Sexappeal UND Frauen sind so triebgesteuert, dass die einzige verbliebende Möglichkeit, Lieberkummer und Schwangerschaften zu verhindern, ist, die Töchter einzusperren. (Statt den Mann.)
  2. Mann ist ein möglicher Vergewaltiger, aber es ist trotzdem irgendwie einfacher, die möglichen Opfer wegzusperren statt des Mannes. (Wie Geld in einem Safe.)
  3. Mann ist an Liebe, Sex und Zärtlichkeit nur eher semi-interessiert, und um ihn vor sexueller Belästigung zu schützen, muss man die potentiellen Belästigerinnen einsperren.

Im letzteren Fall ist das Einsperren zwar am besten begründet, aber der ist am seltensten gemeint. Ich vermute stark, dass die meisten Zitate die erste Interpretation implizieren sollen – „männliche Person xy ist so toll, dass sich dioe Mädchen um ihn kloppen werden, was normalerweise eher umgekehrt ist, haha“ – und davon auch die meisten ironisch gemeint sind – „Aber so toll ist er ja doch nicht!“ – aber gut, sexistisch sind sie alle drei.

Kurz: Ich hasse einfach alles daran. Die heteronormative Sexualisierung, den offenen Sexismus, die Vereinnahmung von männlichem Begehren gegen Frauen.

Nuuun, bei Interpretation 1. und 3. ist das eher das weibliche Begehren gegen Männer – Sexualisierung und Sexismus gut und schön, aber eben nur unreflektiert.

Die Vorstellung, dass Menschen das tatsächlich als Lob meinen

Ein sehr fragwürdiges Lob – wegen Interpretation 2. einerseits, und weil es jemanden ja auf seinen Sexapeal reduziert, in den anderen Fällen.

die Markierung von Mädchen und Frauen als Eigentum, Freiwild oder Belohnung

Eigentum ihrer Eltern, die sie wegsperren sollen, ok, Freiwild und Belohnung eher nicht außer in Interpretation 3., aber mit viel „er will es doch auch“ dabei.

die Tatsache, dass man damit noch nicht einmal vor Ungeborenen halt macht.

Was für mich die Stelle ist, wo am allermeisten Ironie im Spiel sein dürfte. Frauen und Mädchen haben schon Interesse an Neugeborenen, aber mehr zum Knuddeln.

Die Andeutung von Gewalt, immer wieder Gewalt.

Ja, schon klar, aber wie war das mit dem Anzünden?

Aber am meisten hasse ich die damit verbundene Beschwichtigungstaktik: Alles lustig gemeint, ist doch nur ein Spruch, jetzt hab dich doch nicht so. Doch, ich hab mich so.

Es ist nicht immer nur ein Spruch, aber ehrlich gesagt, wenn man nicht mal genau darüber nachdenkt, welche Bedeutung des Spruches ironisiert werden soll, ist die Debatte doch eh‘ hinfällig. Für alle Beteiligte.

Ich stelle mich an, wenn ich lese, dass die Bürgermeister irgendwelcher kleinen Käffer aus Tradition Sachen sagen wie “Mütter, sperrt euere Töchter weg, denn zahlreiches fremdes Volk ist in der Stadt” und anschließend die Anweisung geben, dass nach 22 Uhr keine Jungfrau mehr auf der Straße sein dürfe.

Zehn Uhr. Zu der Zeit, die da nachgespielt wird, gab es noch keine 22.00. Ist hier wohl eher die zweite Interpretation. Aber keine Sorge: Diese fremdländischen, fahrenden Gastarbeiter aus Brandenburg wollen eh‘ nur unser Geld*. Aber ernsthaft, wer DAS für echt und ernstgemeint hält, denkt auch, dass die Schlacht bei Hastings und die bei Gettysburg mit scharfen Waffen und Munition nachgestellt werden. Inklusive echten Toten. Weil. Keks.

 Und es kotzt mich an, wenn der Bürgermeister eines größeren Kaffs bei der Vergewaltigung eines 14 jährigen Mädchen andeutet, die Eltern hätten ihre Tochter nachts einsperren müssen, damit so etwas nicht passiert.

„Andeuten“ ist ein großes Wort. Die Aufsichtspflicht gilt dennoch.

Türen aufreißen, öffentliche Räume sicher für Mädchen und Frauen machen,

Kaum jemand sperrt Töchter wirklich ein, oder? Kaum jemand denkt, dass Justin Bieber wirklich ein Vergewaltiger ist, hoffe ich mal. Die Idee, dass Mädchen so triebgesteuert und manipulierbar sind, haben die wenigsten. Oder Eltern vllt., aber sonst niemand. Und evt. die Erzfeindin des jeweiligen Mädchens, oder jedenfalls setzt sie diese Behauptung in Umlauf. Ja, der Spruch ist frauenfeindlich, aber aus den Gründen, an die Pickert denkt, sondern fast schon aus den gegenteiligen: zur Abwechslung werden Mädchen statt Jungs als sexhungrig beschrieben (1.+3.). Oder Männer als Vergewaltiger (2.).

Männlichkeit gewaltfrei erzählen, vorleben und einfordern.

Außer, man erzählt davon, wie man etwas verbrennen will. Oder, wenn der Mann eine Frau mit Gewalt beschützen soll. Wenn ich direkt die Ausnahmen sehe, wofür dann noch die Regel?

Keine Verharmlosung von sexualisierter Gewalt mehr.

Ich glaube, die Idee, dass zumindest einige Mädchen sich doch was mit Justin Bieber vorstellen könnten – nicht unbedingt, dass sie sich in die nicht vorhandene Schlange stellen, aber vorstellen – und dass man sich darüber tatsächlich lustig machen kann und DARF, und dass das sexuelle Gewalt aber trotzdem nicht verharmlost, ist Pickert nicht in den Sinn gekommen. Deshalb reflektiert er nicht. Deshalb erklärt er nicht, dass er den Spruch ausschließlich nach Punkt 2. interpretiert. Er kann sich halt nicht vorstellen, dass es andere Interpretationen gibt.

Keine Dauersuggestion von weiblicher Verfügbarkeit.

Es ist allen Interpretationen die Aussage gemein, dass man diese „Verfügbarkeit“ einschränken soll.

Lasst eure Töchter frei!

Justin Bieber ist so oder so nicht ganz mein Traumschwiegersohn. Aber ich habe eh‘ keine Tochter. Nebenbei, die Macht der Gendertauschprobe! Sehet, Ihr Völker, und erwachet: Eltern, sperrt Eure Söhne ein, meine Tochter ist in der Stadt. Würde das Pickert auch triggern? Nein.

*Mein Opa kam aus der Gegend von Eberswalde, ICH darf das sagen. (Er hätte aber nicht genau gewusst, was für ein Protestant er war…)

4 Gedanken zu “Töchter halt

  1. Ich begebe mich mal auf das Argumentationsniveau von Herrn Pickert.

    Er hasst es, wenn Frauen Ultraschallbilder von ihren ungeborenen Söhnen machen und den Satz „sperrt eure Töchter ein“ posten.

    Er hat es zugegeben! Nils Pickert hasst Frauen!

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