Moral von Geschichten

Es ist kein neues Phänomen, dass Menschen versuchen, Geschichten zu erzählen, die irgendwie eine Moral haben (sollen). Insofern ist es etwas unfair, dergleichen Versuche komplett als „woke“ abzutun. Außerdem, freies land und so. Kunstfreiheit und Meinungsfreiheit erlauben dies.

Allerdings sollte man, wenn man Kunst mit einer moralischen Botschaft ausstattet, dabei zwei Dinge berücksichtigen.

  1. je stärker die „Moral von der Geschicht'“ betont, desto besser muss die Story sein, weil sonst das Publikum die Geschichte nicht mag, wenn es die Moral ablehnt. (Und dem Publikum eine Moral zu predigen, die es schon hat, ist sinnlos.)
  2. je stärker die Geschichte die Moral „beweisen“ soll, desto weniger konstruiert muss die Geschichte wirken; zwar ist im Grunde jede Geschichte ausgedacht, aber wenn man offenbar argumentative Klimmzüge machen muss, um eine Situation zu finden, in der die gewünschte Moral zutrifft, ist die Moral vllt. nicht besonders wirklichkeitsnah und daher nicht so überzeugend.

Ansonsten ist es evt. spannender, wenn die Charas in der Geschichte über das richtige Vorgehen streiten und sich die moralische Frage tatsächlich aus der Handlung entwickelt. Und wenn der Autor selbst an die Moral glaubt.

Ein Beispiel, wo das nicht so ist, ist dies. The Cold Equations (1954) (dt. scheint die Kurzgeschichte wohl „Die unerbittlichen Gesetze“ zu heißen, aber da finde ich nur beiläufige Erwähnungen zu.)

Die Moral aus dieser Geschichte sollte sein, dass

  1. der Held das Mädchen nicht immer rettet (warum man das nicht zeigen konnte, indem das Mädchen den Helden rettet, weiß der Gilb)
  2. der Weltraum kein Ponyhof ist (was eigentlich nicht bezweifelt wurde)

Jetzt war offenbar so, dass Godwin, der Autor – nicht der mit dem Gesetz über Hitler – von Herausgeber Campbell mehrfach dazu gebracht wurde, die Geschichte zu überarbeiten. Damit das Mädchen stirbt.

Die Zusammenfassung: In einer fernen Zukunft fliegt ein interstellares Raumschiff durchs All, an einer Stelle setzt es ein EDS (Beiboot) ab, welches Impfstoffe auf einem Planeten absetzen soll. Pilot Barton findet kurz nach dem Start einen blinden Passagier. Normalerweise würde er ihn mit der dafür mitgebrachten Pistole erschießen und von Bord werfen, aber dieser blinde Passagier ist ein achtzehnjähriges Mädchen. Die Fünfziger haben angerufen und finden ihre Klischees gut.

Achtzehnjährige Mädchen haben halt Sonderrechte, aka Privilegien. Der Treibstoff des EDS ist so knapp bemessen, dass das zusätzliche Gewicht des Mädchens dazu führt, dass man nicht genug abbremsen kann. Die Fracht – Impfstoffe oder so – kann auch nicht über Bord geworfen werden, weil dann viele Leute sterben. Der Pilot kann nicht von Bord gehen, weil das Mädchen sonst auch stirbt, es kann nämlich kein Raumschiff steuern, und wenn alle an Bord bleiben, prallt es auf, beide sterben und die Leute auf dem Planeten auch, wegen der Krankheit.

Das Mädchen kontaktiert seinen Bruder auf dem Planeten, den es eigentlich mit der Aktion besuchen wollte, und muss dann leider sterben, weil kalte Gleichungen einem keine Wahl lassen.

Aber weil man weiß, und wusste, und wissen wird, dass der Weltraum keine menschenfreundliche Umgebung ist, würde das SO nicht passieren. Es ist weniger tragisch als dumm.

Dass das Mädchen von seinem ursprünglichen Plan, zu einem Planeten zu fliegen, abweicht, um spontan seinen Bruder zu treffen, OHNE ihr Gepäck, ist schon eher unwahrscheinlich. Dass es nie von blinden Passagieren gehört hat, die direkt erschossen wurden und aus der Luftschleuse geworfen, kann ja sein, aber dann kommt das nächste Problem.

Vor der Abteilung mit den Beibooten steht ein Schild „Unbefugter Zutritt verboten“. Ok, warum ist die Tür nicht abgeschlossen, weshalb wird sie nicht bewacht, und wieso steht da nicht noch „von der Schusswaffe wird Gebrauch gemacht“?

Weiterhin, wieso wird so ein Beiboot nicht durchsucht, bevor es losfliegt? Neben der Gefahr durch solche blinde Passagiere, die wissen, dass man sie töten wird, und deshalb den Piloten angreifen und töten, sobald das EDS gestartet ist, kann ja auch mal ein Werkzeugkasten im Schrank liegen bleiben oder so, und das Gewicht (genauer: die Masse) ist ja sehr begrenzend hier. Kennt ihr noch die Folge von Captain Future, wo dieser einen blinden Passagier bemerkt, weil die Comet 40 kg schwerer ist als sonst? Was uns zum Hauptproblem führt:

Wie schwer ist so eine Achtzehnjährige? 50-100 kg? Wie schwer ist so ein interplanetares Raumschiff? 5-10 to? Also sind ein bis zwei Prozent mehr Masse als kalkuliert schon zu viel. Jetzt kann man das auf vllt. auf Budgetkürzungen schieben, aber wenn man so knapp kalkuliert, kann auch ein sehr kleiner Pilotenfehler zum Absturz führen, und außerdem wäre es dann um so wichtiger, dass man das Schiff vorher absucht und am besten auch wiegt.

Und das ist das Problem mit der Geschichte: es werden in ihr zu viele offensichtlich dumme Entscheidungen getroffen, um in eine Situation zu kommen, wo eine bestimmte Tat tatsächlich das zumindest kleinstmögliche Übel darstellt, obwohl man sie sonst für unmoralisch und unethisch hielte. Und daher kann die Moral nur sein: nicht zu knapp tanken, nicht erst nach dem Start das Startgewicht prüfen, wenn man bereit ist, jemanden zu töten, dies auch offen kommunizieren, sensible Bereiche auch einfach abschließen, und vor allem, nicht hirnlos im Weltraum sein.

Es gibt aber deutlich jüngere Beispiele von Geschichten, wo man die geplante Geschichte der geplanten Moral unterwirft statt umgekehrt.

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