Filmrassismus

Während man sich manchmal über die Besetzung von Filmen tatsächlich und zurecht wundern kann, gibt’s auch positive Beispiele.

Die dann natürlich trotzdem hart kritisiert werden, denn naTÜRlich werden sie hart kritisiert.

Was ich allerdings hart verteidigen werde, ist Ghost in the Shell.

Das ist die Realverfilmung eines Mangas, wo die Hauptrolle – eine gewisse Major (oder Sho-Sa) Motoko Kusanagi – von Scarlett Johansson dargestellt wird. Weil: Gründe. (In einer kapitalistischen Filmindustrie ist ein spezialeffektlastiger Film wie dieser sehr teuer, so dass man ein bekanntes und vor allem beliebtes Gesicht auf den Plakaten und Trailer-Thumpnails braucht. Aber eine nicht-kapitalistische Filmindustrie gibt’s halt nicht.)

Bzw., insgesamt ist der jetzt auch nicht so ein toller Film, aber es gibt einen sinnvollen Grund, warum die Hauptperson so aussieht wie jemand, der mit Familiennamen eher Johanson als Kusanagi heißt. Und weil es den gibt, der in der dargestellten Welt und in der erzählten Geschichte logisch und plausibel ist, gibt es einen künstlerischen Grund, die Rolle mit einer Europäerin zu besetzen.

Film-Major ist ein kybernetischer Organismus, aka Cyborg. Ihr Hirn ist noch original, aber der Rest quasi eine Ganzkörperprothese. Sie hat keine konkreten Erinnerungen an vor ihrer OP und lebt fast ganz für ihre Arbeit bei einer Spezialeinheit gegen Cyberterrorismus.

Jetzt wäre es natürlich schon deshalb egal, wie Major aussieht, weil es in der stark globalisierten zukünftigen Welt des Cyberpunks auch schwedische Japaner geben wird. Bzw., die Stadt, in der der Film spielt, kann praktisch JEDE sein, weil: globalisiert, Cyberpunk, naTÜRlich sieht die Stadt wie ein SF-Tokyo-Klon aus.

Weiterhin, Major Hintergrundgeschichte ist die, dass sie zu einer Flüchtlingsfamilie gehört, die bei einem Terroranschlag auf ihr Flüchtlingsboot ums Leben kam, nur sie selbst, also ihr Gehirn, aber ohne die Erinnerungen, konnte gerettet werden. Sie bekam einen neuen Körper und kämpft jetzt gegen ausländerfeindliche Terroristen. Alles klar, könnte man sagen, Südschweden ist also kein sicheres Herkunftsland mehr – Vater Johansson kommt aus Dänemark – ja gut, Nordeuropa ist kein sicheres Herkunftsland mehr. Zukunft und Ironie und so.

Es stellt sich aber heraus, dass Motoko in Wahrheit doch eine Bio-Japanerin ist, nur jetzt mit 95% Synthetikanteil. Ein Mädchen aus einem Armenviertel, was kaum jemand vermisst und für Cyborg-Experimente verwendet wurde. Dass sie europäisch aussieht, hat den einfachen Grund, dass eben nur ihr Gehirn erhalten blieb, und daher hat man ihr Gesicht entsprechend angepasst.

Denn kennt Ihr Robocop? Die Stelle, wo er sein Visier abschraubt, sein Gesicht im Spiegel wiedererkennt, was seine Erinnerungen an vor seiner Kybernisierung triggert? Genau DAS wollte man wohl verhindern. Vorallem könnte Major auf Bildersuche nach sich selbst gehen, bis sie schwarz wird, das entsprechende südschwedische oder ostdänische Mädchen wird sie nie finden. Man musste ihr ein völlig anderes Äußere geben, um sie als Elite-Agentin ohne familiäre Bindungen und Gedöns zu gewinnen. Warum passiert sowas ständig Scarlett-Johanssons-Figuren?

Leider wird im Film das nicht zu Ende gedacht. Bzw., schon in der Mitte fehlt was. Sie hat im Film irgendwelche Träume/Visionen/Erinnerungsfetzen, aber nichts deutet auf ihr altes Ich hin. Kein Gesicht einer jungen Japanerin, dass irgendwas sagen will, was sie nicht versteht. Keine Aufnahme von Motoko auf irgendeinem Polizeiband, das Major im Zuge ihrer Ermittlungen sichtet, und wozu sie sagt: „Die kenne ich doch! Aber, woher?“ Keine Albträume von Gespenstern im Spiegel. Am Ende findet sie zwar heraus, wer sie ist, weil sie ihre Mutter trifft, und wo ihre Leiche begraben wurde (95% ihres Körper jedenfalls). Und das ist jetzt schon eine schöne Szene, aber zu ästhetisch und zu wenig emotional. Müsste sie nicht sowas sagen wie: „Erzähl mir ALLES über mich! Zeig mir alte Bilder, Filmaufnahmen, was ist mit meinem Vater, habe ich Geschwister, beste Freundinnen, Lieblingsessen??? ALLES!„? Also, ich schon.

Eine Ausrede, eine Japanerin mit Johansson zu besetzen, ok. Aber da hätte man mehr raus machen können.

Edit: Keine Ahnung, mit wie viel s Johans(s)on geschrieben wird, jetzt habe ich beides.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s