Female Choice zu Ende gedacht

Female Choice ist eigentlich ein Biologismus, wenn man ihn auf Menschen überträgt.

Erstmal ist es natürlich ein naturalistischer Fehlschluss zu sagen, weil etwas in der Natur SO vorkommt, muss das auch SO gemacht werden, aber man kann immerhin argumentieren, dass, weil etwas in der Natur funktioniert, es auch in der Kultur funktionieren könnte.

Zweitens sind Weibchen, die Weibchenwahl praktizieren, in aller Regel an bestimmte Wahlkriterien genetisch gebunden, wie z.B.:

  • den Sieger in ritualisierten Kämpfen
  • bestimmtes Äußere
  • singt oder tanzt gut
  • macht die besten Geschenke
  • hat die besten Vorleistungen zur Brutpflege gemacht

„Ritualisierte“ Kämpfe ist hier wichtig: Rothirsche bspw. könnten einander schwer verletzen, wenn sie nicht regelmäßig nur Geweih-gegen-Geweih kämpfen würden. Bei Tierarten, deren Männchen weniger Hemmungen haben, einander zu verletzen oder zu töten, vertreibt das stärkste Männchen schnell alle anderen; auf ritualisierte Kämpfe kann man sich auch als nicht-so-Alpha-Tier einlassen, selbst wenn’s nichts wird, hilft die Übung im nächsten Jahr, bei schweren Verletzungen wird es vermutlich kein nächstes Jahr geben. Jedenfalls gibt es bei Rotwild prinzipiell mehrere Männchen zur Auswahl.

Noch unkomplizierter ist es, wenn bei einer Vogelart die Männchen knallrote Beine, smaragdgrüne Flügel und ultraviolette Köpfe haben. Vögel sehen UV-Licht. Dann hat das Männchen, dessen Farbschema dem Ideal der Weibchen am nächsten kommt, den meisten Erfolg.

Und bei Arten, bei denen sich die Männchen an der Brupflege beteiligen, ist es sicher ein sinnvolles Kriterium, wenn er ihr schonmal ein schönes Nest gebaut hat, um seine Wertigkeit unter Beweis zu stellen.

Im Unterschied zu Frauen, die tatsächlich unterschiedliche Kriterien gegenüberstellen können, können Tiere das nicht. Ein Tierweibchen mit Weibchenwahl ist auf ein bestimmtes Merkmal oder Kombination von Merkmalen festgelegt. Wenn sagen wir die Kombination aus Gefieder und Gesang die Entscheidung bestimmen, kommt es nicht vor, dass plötzlich Nestbau und Aggressivität wichtiger werden. (Man kann darüber streiten, ob sich Menschen „freiwillig“ verlieben, aber immerhin sind die Kriterien, aus denen man sich verliebt, deutlich weniger festgelegt.)

Weiterhin kommt es kaum vor, dass ein Weibchen gar kein Männchen wählt; solange es mindestens zwei zur Auswahl hat, nimmt es das bessere, egal wie toll oder schlecht, und wenn es nur eines gibt, nimmt es genau DAS.

Drittens: Female Choice ist die Entscheidung, mit wem das Weibchen Kinder will, nicht, mit wem es Sex hat. Es gibt nämlich noch dieses Phänomen. Hat nichts mit Superman zu tun.

Viertens, wenn man all das berücksichtigt, wie würde eine menschliche Gesellschaft ablaufen, wo es eine rein weibliche Partnerwahl gibt?

Wenn Frauen einfach darüber entscheiden, mit wem sie Sex/eine Beziehung/Kinder haben wollen, hätten wir das schon, und das Thema wäre durch. Ergo muss da noch was geändert werden, und das wäre die Möglichkeit, dass Männer diese Entscheidungen mittreffen können. Denn: Nur weil Frauen hierzulande überwiegend freiwillig heiraten, wird die Gesellschaft nicht zu einem female choice System.

Im Tierreich ist es bei Weibchenwahl nämlich so, dass die Männchen jedes Weibchen nehmen, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Oder runter vom Baum, je nach Tierart. Auch die Art der Beziehung – nur Sex, Teilzeitbeziehung bis die Kinder flügge sind, lebenslange Partnerschaft – ist genetisch meist ziemlich festgelegt.

Jetzt werden viele Leute sowieso sagen: Haben wir ja trotzdem schon. Platzhirsche, die alle Wettkämpfe dominieren, Chads mit bestimmten körperlichen Merkmalen, Männer mit Häusern, Männer, die Frauen schick zum Essen einladen, Musiker und Männer mit teuren Autos. Letztere kommen im Tierreich so nicht vor, aber sonst.

Nuuuun, jetzt wird es kompliziert – wenn ein Mann auf nur eine bestimmte Art der Beziehung aus ist, bspw. ONSs, wird er möglicherweise sein Balzverhalten so optimieren, dass sich auch Frauen, die eigentlich was anderes wollen, davon angesprochen fühlen. Umgekehrt gibt es Männer, die tatsächlich eine Familie gründen wollen, aber das so nicht in ihren Anmachsprüchen einbauen. Aber ja, ein Mann, der eine Familie gründen will, bildet die wirtschaftliche Grundlage, ein Mann, der das nicht will, konzentriert seine Ressourcen auf was anderes. Was ist, wenn eine Frau einen bestimmten Mann will, aber für jeweils was anderes als dieser Mann? Im Tierreich kommt das so kaum vor. Sie kann ihn nicht zwingen. Bzw., wenn sie es könnte, wäre das keine freiheitliche Gesellschaft mehr.

Um Evo-Chris zu verlinken,

… sie will auch keine Rückkehr zur Female Choice in Reinform, denn, so schreibt sie: „friedliches Zusammenleben und hohe Sexualkonkurrenz“ schließen sich aus.

Wenn/falls Männer – aus welchen Gründen auch immer – mit jeder Entscheidung einverständen wären, die Frauen beziehungstechnisch so träfen, würde das entweder deren Sexualkonkurrenz erhöhen, denn ein Mann müsste nicht nur beweisen, ein guter Liebhaber oder ein guter Familienvater zu sein, sondern, ein guter Liebhaber UND ein guter Familienvater. Oder, man wird frusttolerant, ist einfach nur „man selbst“, und überlässt den Frauen den ersten Schritt. Female Choice zu Ende gedacht.

Was natürlich den Elefanten im Raum aufdeckt. Wenn – wie diverse Buchbesprechungen und Beobachtungen im Tierreich dazu führen, dass 100% aller Frauen weniger als 50% aller Männer für irgendwas wollen – teilen sich dann jeweils zwei Frauen oder mehr einen Mann?

Es führt, wenn zuviele Frauen von anderen Männern monopolisiert werden (was sie vielleicht als Female Choice versteht) schnell zu Gewalt.

Ja, dann ist auf einmal der heldenhafte Beschützer gefragt, der Frauen doch vor den bösen Männern beschützen soll. Oder, man bringt einfach die unattraktivere Hälfte aller Männer um. Was einfacher ist.

Bei vielen Tierarten mit Weibchenwahl sind die Männchen tatsächlich so sehr damit beschäftigt, gut auszusehen, Turnierkämpfe abzuhalten, zu singen und zu tanzen, und – wie im Falle des Damhirsches – zu rülpsen (vier Mägen sind zu mehr zu gebrauchen als zum Verdauen!), dass sie sich bei der Brutpflege exakt NULL beteiligen. Jetzt könnte eine Frau, die Kinder will, natürlich exakt solche Männer aussuchen, die Kinder wollen und sich an deren Aufzucht auch beteiligen würden, aber das schränkte die Wahlmöglichkeiten der Frau ein. Und das ginge ja gar nicht.

Jetzt ist es aber wohl so, dass die Autorin das Prinzip der Ehe ablehnt. Also, nicht nur ihre eigene, sondern grundsätzlich. Die Ehe ist allerdings die Institution, die zur gemeinsamen elterlichen Aufzucht von Kindern gedacht ist. Ich warte noch ein paar Rezensionen ab, ob irgendwie erklärt wird, welche Ersatz-Institution sie vorschlägt, oder ob sie sich für alleinerziehende Mütter ausspricht – wie das bei den meisten Säugern ist – oder, ob sie das Thema komplett ausblendet.

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