Männer am meisten betroffen

Man muss nicht, wie gewisse andere Frauen, Ruhm und Ehre irgendwem anderes, Männer einfach als dreckige Untermenschen deklarieren, um auch aus Männerproblemen Frauenprobleme zu machen.

Vor Kurzem schrieb ein Autor bei Zeit Online einen aufsehenerregenden Kommentar: „Männer first!

Tja. Er hat halt auch Argumente.

 Gemeint war, dass Männer früher als Frauen die Corona-Impfung bekommen sollten. Der Grund: Männer erkranken häufiger schwer an Covid-19 und haben ein höheres Sterberisiko als Frauen.

Ja, „männlich“ ist wie „alt“ oder „Vorerkrankung“ ein statistisch nachgewiesener Risikofaktor. Dass Menschen in der Reihenfolge des absteigenden Risikos geimpft werden sollten, war eigentlich irgendwie auch sinnvoll und ethisch.

Ich kann den Autor verstehen. Er ärgert sich über die geschlechterneutrale Medizin.

Jein. Er ärgert sich darüber, dass manche Risikofaktoren Impflinge nach vorne in die Priorität schieben, andere nicht.

Andere tun das schon lange. Der Autor benutzt das Wort zwar nicht, aber sein Text ist im Prinzip ein Plädoyer für die „geschlechtersensible Medizin“.

Ja, weil es biologische, nicht sozial dekonstruktierbare Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, ist es sinnvoll, dies zu berücksichtigen. Sei es, weil manche Medikamente und Behandlungen bei einem Geschlecht besser anschlagen, sei es, weil sich manche Symptome unterscheiden, oder sei es, dass manche Krankheiten halt je nach Geschlecht unterschiedlich gefährlich sind. Erstere beiden Punkte kann man in Diagnose und Behandlung übrigens kompensieren, letzteres ist aber keinesfalls die Schuld der Medizin.

Also eine Medizin, die sowohl die biologisch-naturwissenschaftlichen und soziokulturellen Aspekte der Geschlechter als auch die personellen Geschlechterkonstellationen in Behandlung und Forschung berücksichtigt.

Weil Krankheiten sozio-kulturell sind? Ähh, nein? Aber, offenbar machen sich manche Menschen, angesichts der Tatsache, dass bestimmte Krankheiten – wie die weltumfassende Covid-19-Pandemie – schlimmer für Männer ist, erstmal darüber Sorgen, inwieweit sowas schlimm für Frauen wäre. Weil: Pawlow und seine Reflexe – „sich Sorgen machen“ und „über Frauen“ sind soziokulturell und personell so eng verknüpft, dass sie die beiden Dinge nicht mehr trennen können.

Ob ihm die Ironie klar war, dass er mit seinem Kommentar für etwas plädiert, das Frauen und LGBTI-Personen schon lange fordern?

Ob ihr die Ironie klar ist, dass die mehr medizinische Forschung für Frauen (und LGBTI-Personen) fordern, weil Frauen ja eine kürzere Lebenserwartung haben? Ach, haben sie ja nicht.

Mir gefällt der Begriff „geschlechtersensibel“ nicht, weil er suggeriert, Medizin müsse super sensibel gegenüber anderen Geschlechtern (außer dem männlichen) sein, weil das „politisch korrekt“ sei.

Ja, der Begriff ist doof. Aber meine Musterung war das Gegenteil von sensibel, ich weiß ja nicht, wie ihre Erfahrungen in der Hinsicht waren…

Die Suche nach „emotionalen“ Ursachen

Das steht da. Das ist ein Satz, der in diesem Artikel existiert. Fett hervorgehoben. Weil Männer gerne sterben und daher unbewusst eher tot sind. Oder keine Ahnung.

Man weiß noch nicht, woran es genau liegt, dass Männer häufiger an Covid-19 versterben. Es gibt zwar erste Studien, die nahelegen, dass das etwas mit dem Immunsystem zu tun hat.

Jaaa. Genaugenommen weiß man auch nicht, warum Alte häufiger daran sterben als Junge. Oder Leute mit Vorerkrankungen eher als ohne. Aber hey, bei Alten oder Vorerkrankten sagt auch niemand: „Hmm, wenn wir nicht wissen, warum das so ist, impfen wir sie einfach nicht bevorzugt.“

Aber für eindeutige Antworten ist es zu früh.

Könnte ja auch sein, dass die Alten und Kranken irgendwie selber schuld sind, woll?

Das Immunsystem allein erklärt zum Beispiel nicht, dass in Indien als scheinbar einzigem Land der Welt nicht Männer, sondern deutlich mehr Frauen an Covid-19 sterben.

In Indien haben Frauen tatsächlich auch eine insgesamt niedrige Lebenserwartung. Offenbar ist Indien auf einem Level misogyn, den sich Frau Sahebi nicht vorstellen kann. Aber gut, dann möge man in Indien eben Frauen als Risikogruppe einstufen. Freies Land und so.

Das Problem ist eben, dass nicht das Geschlecht allein eine höhere Sterblichkeit verursacht. Es spielen immer auch individuelle Faktoren eine Rolle, wie Übergewicht, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Das Problem ist eben, dass nicht das Alter allein eine höhere Sterblichkeit verursacht. Es spielen immer auch individuelle Faktoren eine Rolle, wie Übergewicht, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wenn also diabetische, übergewichtige Männer eine höhere Sterbewahrscheinlichkeit haben als diabetische, übergewichtige Frauen, nun… (Bzw., man könnte argumentieren, dass Übergewicht und Diabetes schon Ursachen haben, die man individuell hätte vermeiden können, Geschlecht aber nicht, so dass Diabetes und Übergewicht das Individuum nicht priorisieren, Geschlecht aber schon.)

Deswegen kann auch nicht generell entschieden werden, dass Männer vor Frauen geimpft werden. Wäre das Geschlecht der einzige Faktor – na klar müssten dann Männer zuerst geimpft werden!

Weil es mehrere Faktoren gibt, gibt es keinen einzigen Faktor. Demzufolge wäre damit jede Impfreihenfolge „falsch“. Das kann eigentlich nicht die Konsequenz sein. Aber wenn Frauen stärker betroffen, würde jede Person bei der taz (und in vielen anderen Medien) genau diese Priorisierung fordern. Ich wüsste nicht eine, der ich eine andere Meinung zutrauen würde. Im Grunde sagt sie hier: „Solange es noch irgendeinen Risikofaktor gibt AUSSER ‚männlich‘ weigere ich mich, das Risiko von Männern zu sterben so zu reduzieren, dass es so gering wird wie das von Frauen.“ Man stelle sich vor, dass jemand das über eine andere Menschengruppe sagen würde. Irgendjemand über irgendeine andere.

Gesichert sind generell aber folgende Fakten: Medikamentenstudien werden nicht verpflichtend an allen Geschlechtern durchgeführt; bei Frauen wird der Herzinfarkt oft spät oder gar nicht erkannt, weil Frauen nicht die „typischen“ (also männlichen) Symptome haben

Ob Ihr die Ironie bewusst ist, dass sie da was kritisiert, was Männerrechtler auch schon kritisieren. Nicht erst seit Montag, aber hier. Aber hey, manche Feministinnen verkaufen es auch als Privileg, in den Krieg zu ziehen.

bei Frauen mit Schmerzen wird eher nach „emotionalen“ Ursachen als nach körperlichen Ursachen gesucht

Männer haben doch gar keine Emotionen. Deshalb sterben die auch eher. (Alle Kritik an der Medizin und der darin Tätigen bitte vor dem Hintergrund einordnen, dass das jetzt kaum eine Hochburg der Männerherrschaft ist.)

Alles, was ich im Medizinstudium gelernt habe, war ausgerichtet am 75-Kilo-Mann.

Auch der Teil über Gynäkologie? Okehe.

Eine Frau ist aber kein Mann plus Hormone. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt spielt in der Forschung bisher kaum eine Rolle.

Ja, Männer haben auch Hormone. Nur halt andere. Was möglicherweise irgendwas mit Covid-19 zu tun hat, aber nicht die Schuld „der“ Männer ist oder „der“ Medizin. Und Geschlechtliche Vielfalt kann man ja gerne erforschen, betrifft aber jetzt nicht so viele wie eine Pandemie. Hat dieselbe Vorsilbe wie pansexuell, ist aber deutlich weiter verbreitet.

Es ist an der Zeit, dass sich das ändert. Also bitte nicht „Männer first!“, sondern „Alle first!“.

Männer am meisten betroffen? Wir müssen mehr für Frauen tun.

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