Outen oder nicht

Homosexuelle und Bisexuelle outen sich. Also, homosexuelle und bisexuelle Schauspieler.

Weil die Sexualität in der Schauspielerei offenbar ein Hindernis ist. Warum auch immer, jedenfalls ist die Theorie – Schauspieler können prinzipiell alles spielen, was sie wollen – und Praxis – um die tiefen und superkomplizierten Heteroa-Emotionen nachempfinden zu können dürfen, muss man Heteroa sein – auseinanderklaffen. Weil… keine Ahnung, ich kenne mich mit Film und Theater nicht aus. Und Heteroas dürfen von der Logik keine homosexuellen Rollen spielen, und wenn sich keine outet, kann man halt keine homosexuellen Charas zeigen. Schade.

Ok, gaaanz so seltsam ist die Schauspielbranche wohl nicht, aber auch nicht ganz OHNE Seltsamkeiten, und deshalb ist es vllt. nicht gaaaanz verkehrt, wenn man als homosexuelle Schauspieler (m/w/d) mal die Klappe aufmacht und die Öffentlichkeit erreicht.

Im völligen Gegensatz zu wunderbaren Welt des Profifußballs. Wo sich noch nie ein Mann geoutet hat. Solange er noch aktiv war, jedenfalls. Oder beim Frauenfußball, aber dann ist man kein Mann.

Aber da gibt es vier Gründe, warum das „was anderes“ ist:

  1. weibliche Homosexualität ist keine „richtige Sexualität
  2. Frauenfußball ist kein „richtiger“ Fußball
  3. solange die im Profifußball tätigen Menschen auf Frauen stehen, ist es egal, welches Geschlecht sie selber haben
  4. Fans, die auf Fußball und auf Frauen stehen, haben gemäß des kategorischen Imperatives nach Kant wenig Anlass, das zu kritisieren

Jedenfalls hat Philipp Lahm dringend davon abgeraten. Er rät nicht etwa Schwule davon ab, Profifußballer zu werden, um was vernünftiges mit ihren Leben anzufangen (doch, indirekt schon), aber die Formulierung diesbezüglich…

 „Die Verantwortung wäre mir zu groß“, schrieb der Weltmeister-Kapitän von 2014 in seinem neuen Buch „Das Spiel: Die Welt des Fußballs“

Wäre ihm, Lahm, die Verantwortung zu groß, einem der statischerweise vorhandenen schwulen Profifußballer zu einem öffentlichen Coming-Out zu raten, oder wäre ihm die Verantwortung zu groß, der eine schwule Profifußballer zu sein, der geoutet ist, und plötzlich ein Vorbild wäre? (Letzteres kann eigentlich nicht sein, weil Lahm eine Vorbildrolle schon als Buchautor ausfüllt. Mehr schlecht als recht.)

Gegenwärtig seien „die Chancen gering, so einen Versuch in der Bundesliga mit Erfolg zu wagen und nur halbwegs unbeschadet davonzukommen“, meinte Lahm.

„Unbeschadet“ im Sinne von „körperlich unbeschadet“? Oder finanziell? Beliebtheitstechnisch? Wie?

„Wenn er so etwas planen und mir davon erzählen sollte, würde ich ihm empfehlen, sich sehr intensiv mit seinen engsten Vertrauten zu beraten und sich selbst ehrlich Rechenschaft zu geben über seine Beweggründe für diesen Schritt“

Jaaa, ist das mal vorgekommen? Dass jemand Lahm gefragt hat? Schwule sind nicht direkt dumm, nur weil sie Fußball spielen. Die Idee, die engsten Vertrauten zu fragen, würde den meisten wohl von alleine kommen. Und das ganze mit „ehrlich Rechenschaft“ geben. Ok, was wären das für Beweggründe? Man will keine Geheimnisse haben? Man will anderen schwulen Fußballern moralische Unterstützung geben? Man will beim nächsten Mal, wenn man nicht aufgestellt wird, sagen können: „Nur, weil ich schwul bin?“? Die ganze Formulierung klingt danach, dass er dem hypothetischen (oder tatsächlich mal vorhandenen) Fußballer „unehrliche“ Motive unterstellte.

„Aber ich würde ihm nicht einmal raten, sich mit seinen Mitspielern im eigenen Klub über dieses Thema zu unterhalten.“

Ok, Mannschaftskameraden wechseln mit der Zeit. Und einige von denen haben was gegen Schwule. Bzw. könnten einem unehrliche Motive unterstellen. Ganz vorsichtig formuliert, wenn Lahm jetzt einfach sagen würde: „Eine beträchliche Anzahl von Profispielern, Trainern und Fans sind latent bis offen schwulenfeindlich, es gibt Fälle, wo Spieler, die man als schwul kannte, ihre Karriere faktisch beendeten, es gibt Gewalt gegen schwule Spieler, und ich nenne jetzt keine Namen, weil Opfer UND Täter mich sonst verklagen würden die Spieler, Trainer und Funktionäre, die Schwule tatsächlich unterstützen wüden, sind eine kleine Minderheit.“ klänge das nicht so nach „Ich habe nichts gegen Schwule, ich will nur nicht, dass sie sich outen.“. Weil er vermutlich keine schwulen Freunde hat. Von denen er weiß…

Selbst wenn der betroffene Profi die nötige Reife für einen solchen Schritt hätte, könnte er „nicht mit der gleichen Reife bei allen Gegnern im Sport und ganz sicher nicht in allen Stadien rechnen dürfen, in denen er antritt“,

Ähh, „nötige Reife“? Ich sag mal vorsichtig, ich habe noch nie von einem Coming-Out gehört, bei dem es an „nötiger Reife“ gefehlt hätte. Weil es vllt. mal wirklich eine Phase sein kann, sollte man das nicht sofort nach dem ersten Mal machen, aber nunja.

Lahm, der in diesem Fall „gebrüllte Beleidigungen, Beschimpfungen und diffamierende Äußerungen“ befürchtet:

Weil es für mutmaßliche Heteros keinerlei Sprüche wie „Schwule Sau“ oder dergleichen gibt? Oder weil er denkt, Schwule könnten sich das nicht denken?

„Wer würde das aushalten? Und wenn ja, wie lange würde er es aushalten?“

Das wäre genau genommen nicht Lahms Problem, aber andererseits, sagt er damit nicht: „Unsere Fans sind ein Haufen schwulenfeindlicher Arschlöcher, was man an den schwulenfeindlichen Äußerungen erkennt, die die auch sonst immer machen, die mich aber nicht stören, weil ich von deren Eintritt ganz gut gelebt habe.“?

„Ich will in dem Buch auf Gefahren hinweisen, man muss sich das genau überlegen.“

Das ist jetzt ziemlich trivial. Nichts davon ist etwas, was ein halbwegs aufmerksamer Mensch nicht selbst deduzieren könnte.

Als erster prominenter deutscher Fußballspieler hatte Lahms Auswahlkollege Thomas Hitzlsperger 2014 nach Abschluss seiner sportlichen Karriere öffentlich gemacht, dass er homosexuell ist. „Mir scheint es lebensklug, dass Thomas Hitzlsperger erst nach Beendigung seiner Laufbahn als aktiver Fußballprofi den Schritt gewagt und seine Homosexualität öffentlich gemacht hat“,

Ich zitiere hier einen Artikel, nicht das Buch. Bis hierhin lässt Lahm nicht erkennen, dass er sich „ehrliche“ Gründe vorstellen könnte, sich zu outen, dass er selbst jemanden unterstützen würde, der das doch täte, oder dass er das Klima, in dem man sich nicht outen sollte, irgendwie bedauert. Evt. ist das sehr verzerrt dargestellt, aber bei der Menge an Zitaten bezweifle ich das.

Derweil sicherten in einer öffentlichen Solidaritätsaktion mehr als 800 Fußballer und Fußballerinnen in Deutschland homosexuelle Spielern Unterstützung zu. „Wir werden euch unterstützen und ermutigen und, falls notwendig, auch gegen Anfeindungen verteidigen. Denn ihr tut das Richtige, und wir sind auf eurer Seite“,

Ich könnte mir vorstellen, dass ein Schwuler im Profifußball sich beides durchliest und am Ende Lahm für insgesamt überzeugender hält. Bzw., mir wären Blanko-Solidaritätsbekundungen etwas suspekt. Aber immerhin verstehen die die Pros und Contras in der Frage.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s