Im Banne der Dämon:innen

Ja, in der Liste starker Frauen aus Film, Funk und Fernsehen steht Buffy, die Dämonenjägerin, „Dämonenerschlagerin“ klingt auch irgendendwie sperrig, ganz weit oben. Und zwar nicht nur, weil sie mit „B“ anfängt.

Aber alas, poor Buffy. Kontaktschuld? Kontaktschuld.

Das Gegenteil von Feminismus

Antifeminismus? Maskulismus? Dämonismus? Humanismus?

Für viele Fans war »Buffy« Porträt einer selbstbestimmten Frau – jetzt wird ausgerechnet dem Serienschöpfer Machtmissbrauch vorgeworfen.

Das ist ungefähr so, als würde man schreiben: „Für viele Leute gilt Michelangelos Lebenswerk als Ausdruck von Kultur und Schönheit – jetzt hat man herausgefunden, dass er sehr hässlich war und nur zweimal im Jahr badete.“ Ganz allgemein, angenommen, man liebt ein Bild eines anonymen Künstlers, ein Buch, welches unter Pseudonym geschrieben wurde, oder sonst irgendetwas, OHNE irgendetwas anderes über die Person zu wissen, die dieses Werk erschaffen hat, kann man dieses Werk dann lieben oder mögen? Ich meine, ja. Und man kann die Person unbekannterweise für ihre Kreativität, ihr Talent oder sonstwas bewundern, aber soviel Trennung zwischen Werk und Künstler muss sein, man sollte sich klar machen, dass ein Mensch nicht deshalb ein guter Mensch ist, weil soe iosen Beruf gut kann. Gleiches gilt auch, wenn man der Botschaft der Kunst zustimmt und deshalb den Boten mag. Auch, wenn es dann nicht ganz naiv ist zu denken, man wäre zumindest politisch Verbündete.

Eine schwere Probe für Anhänger – aber vielleicht auch eine Chance.

Einmal eine Probe auf Entsetzen, bitte. Mag man als Buffy-Fan Buffy, die Serie, Buffy, die Hauptfigur, Buffy, die Botschaft, oder Joss Whedon? Eine Serie ist nebenbei keine Singularität: Harry-Potter-Bücher sind das Werk von Rowling, und evt. des Lektorats und der Übersetzung. Eine Fernsehserie wird von so vielen kreativen Menschen gemacht, dass es etwas albern ist, allen Verdienst oder alle Schuld einer Person zu geben.

Buffy Summers rammte in den Neunzigern auf dem TV-Bildschirm Vampiren Holzpflöcke durch die Herzen.

Sie rammte ihr hartes Holz hemmungslos in das weiche Fleisch… Jaja, wir haben das schon verstanden.

Dass einer ihrer gefährlichsten Gegner in dieser Riege aus fremddimensionalen Staffelschurken ausgerechnet ein sehr gewöhnlicher, durch und durch menschlicher und hochmisogyner junger Mann sein sollte,

Menschen sind die wahren Monster. Und das Monster von Loch Ness. In Twilight regt sich Bella tierisch darüber auf, dass ihre kleine Tochter den Spitznamen „Nessie“ bekommen hat. Obwohl das echte Nessie keinerlei Menschen anfällt, was man über Vampire, Werwölfe und normale Menschen nicht direkt sagen kann. Also, WTF, Bella? WTF! Wo war ich?

der, assistiert von zwei archetypischen Incel-Sidekicks, schließlich auch zwei Frauen tötet, sah man bislang als wissenden dramaturgischen Twist eines feministischen Serienschöpfers.

Oh, nein, gleich ZWEI Frauen? Hau där ju! Aber ja, wenn man geschlechterspezifische Rollen überwinden will, muss man auch solche Erwartungshaltungen überwinden.

Als solidarischen Kommentar zu den ganz alltäglichen, potenziell lebensgefährlichen Bedrohungen, denen Frauen auch in einer Welt ausgesetzt sind, in der es keine Monster, aber Männer gibt.

Männer, die dazu erzogen werden, sich schützend vor Frauen zu stellen, ihnen Platz auf der Planke zu überlassen und allgemein zum Verschleiß da sind? Nicht in einer Serie, wo Frauen kompetent und stark und alles andere als Fräulein in Nöten sind.

dass »Buffy, the Vampire Slayer« – die Serie, nicht die Figur – für viele ihrer Fans jetzt womöglich irreparabel beschädigt ist, ist ebenfalls das Werk eines ganz gewöhnlichen Mannes: ihres Erfinders Joss Whedon.

Wenn man Fan von Whedon ist, ok. Dann würde man sich ios Fandom vllt. überdenken. Was hat Whedon denn getan?

Ihm hat Schauspielerin Charisma Carpenter, … nun vorgeworfen, sich am Set der Serie »abstoßend, missbräuchlich, unprofessionell und komplett inakzeptabel« verhalten zu haben.

Indem er was gemacht hat?

Buffy-Darstellerin Sarah Michelle Gellar und weitere Kolleginnen bestätigten ihre Aussage.

Nämlich?

Schon 2017 hatte Whedons Exfrau Kai Cole ihn in einem Blog-Gastbeitrag beschuldigt, seine demonstrativ zu Markte getragene, vermeintlich feministische Haltung als scheinheiliges Tarnmäntelchen für sein tatsächlich ausgesprochen toxisches Verhalten zu benutzen.

Ok, Expartner(m/w/d) sind generell die besten und unvoreingenommensten Zeugen überhaupt. Aber wie äußerte sich dieses Verhalten konkret, abgesehen davon, dass kein Mensch toxisch ist?

Wirklich wahrnehmen wollte man die Gerüchte als Fan damals trotzdem nicht, weil sie eben all dem widersprachen, wofür »Buffy« stand.

Kann ja sein, aber wenn die derartig vage und allgemein wiedergegeben werden wie HIER, dann ist es nicht allzu schwer, sie nicht wahrzunehmen.

Die einzige Person, die die Erde und ihre Menschen vor Vampiren, Dämonen und allerhand anderem Übel retten konnte, »the chosen one«, wie es im Serienvorspann heißt, sollte wirklich dieses zierliche, californiagirlige Mädchen mit dem zuckrigen Quatschnamen sein?

Nun, dass eine schöne, junge Frau das Biest bändigt, ist ja nicht so ein ungewöhnliches und originelles Klischee. Hier ist aber neu, dass die schöne, junge Frau Salti schlägt und aus der Bewegung den Pfahl dahin rammt, wo die Sonne nicht scheint. Weil, wenn die Sonne da scheinen würde, sich das Problem schon in Staub verwandelt hätte.

Für viele Mädchen und Frauen war Buffy ein feministisch-trojanisches Pony, das seine Girlpower-Botschaft nonchalant nebenbei vermittelte.

Ja, war schon nicht schlecht. Aber…

Dass all diese Erzählungen mutmaßlich unter Bedingungen produziert wurden, in denen Frauen bedrängt und beleidigt wurden, zerstört ohne Frage sehr viel.

Buffy muss schon hart kämpfen. Wird bedrängt und beleidigt – vllt. nicht so hart, dass man das dem jüngeren Publikum nicht zeigen kann – und generell stellt sich schon die Frage, ob man Buffy sein wollte. Aber gut, natürlich wünscht man den Schauspielerinnen und -spielern trotzdem, dass die bei ihrer Arbeit gut behandelt werden. Was genau ist denn passiert?

Natürlich wäre das Verhalten, das Whedon vorgeworfen wird, ebenso verachtenswert, hätte es sich am Set einer Doku über mongolische Murmeltiere zugetragen.

Die Murmeltiere können sich nicht wehren. Könnte man das, was Whedon gemacht hat, also auch mit Murmeltieren machen? Was? Ist? Passiert?

Von »Buffy, the Vampire Slayer« konnte man sich Haltungen und Handlungsstrategien abschauen, Moves für den Kampf gegen immer neue Monster, Ideen wie: Glaube an dich. Steh zu deinen Freunden. Fühle mit. Traue dich, zu kämpfen.

Wehre Dich gegen Deinen Chef, wenn er seine Macht missbraucht. Egal wie er seine Macht missbraucht, wehre Dich!

Auf Twitter verbreiteten sich nach den bekannt gewordenen Vorwürfe gegen Whedon schnell Ideen

Twitter zitieren, ok. Sagen, dass die werte Leserschaft sich gefälligst bei Twitter informieren solle, weil der Spiegel entweder keinen Bock mehr hat, Recherche zu betreiben, oder aber die Früchte dieser Recherche zu veröffentlichen, ist ja wohl Arbeitsverweigerung. Das ist wie damals, als sich HWSQ aufgelöst haben. Oder in der Kurzgeschichte von Kishon über Gerschon. „Ich hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet Gerschon so etwas täte.“ Nur, dass man bei HWSQ und vllt. Gerschon unbeteiligte schützen wollte.

wie man all diese guten Buffy-Gefühle retten könnte

Wenn die Botschaft wahr ist, ist es egal, ob der Bote sie glaubt. Wenn die Botschaft unwahr ist, auch.

Damit läge der Fall anders als etwa bei J. K. Rowling, die sich wiederholt transfeindlich geäußert hatte und als alleinige Autorin weitaus unmittelbarer mit ihrem Werk zu identifizieren ist (und umgekehrt) als Whedon, der seine Idee von anderen Menschen auskleiden ließ.

Ja, sag ich ja. Ich mache mich gelgentlich über Rowlings Getwitter lustig, für das sie hart verteufelt wird, obwohl es deutlich schlimmeres gibt, aber was tut die Welt? Verteufelt Rowling weiter. Aber was genau hat Whedon eigentlich gemacht?

Schmerzhafter für den Buffyfan wäre prinzipiell … ein aufmerksamer Re-Watch der Serie, ein genauer Blick darauf, wie gut ihre vermeintlich feministischen Botschaften tatsächlich gealtert sind

Weil eine kompetente Frau, die nicht dauernd von irgendwelchen Männern gerettet werden muss, heute nicht mehr als „feministisch“ gilt? Falls ja, ist das wohl eher ein Problem des heutigen Feminismus‘ als eines von Buffy.

wenn man sie kritischer, weil wissender sieht als beim ersten überraschten Anschauen und den behaglich verklärten Wiederholungs-Marathons seitdem.

Man könnte eine Serie ja auch mögen, weil man die Charas sympathisch findet, die Story spannend, die Monster gruselig, die Kampfszenen aufregend oder den Humor mag. Aber gut, Hauptsache, die Botschaft stimmt.

Man wird sich dabei womöglich wundern, warum einem nie aufgefallen ist, wie obsessiv oft Buffy gegen phallusförmige Schlangenmonster kämpfen muss

Weil das zu offen männerfeindlich ist? Mich stört es nicht.

Man wird sich eventuell fragen, warum Angel (der Buffy in seiner Angelus-Version sexistisch demütigt) und Spike (der versucht, sie zu vergewaltigen) sich niemals direkt für ihr Verhalten rechtfertigen müssen, sondern zu ehrenwerten Verbündeten geläutert werden.

Die Macht des Guten, verkörpert durch eine schöne, junge Frau, bändigt die Bestien! Oder die Botschaft ist, dass, wenn sich sogar Vampire ändern, Männer das erst recht können. Ähh, Menschen, ich meinte, Menschen können sich ändern. Menschen.

Und man wird für sich entscheiden müssen, ob Buffys vermeintliche Absage an traditionelle Frauenrollen nur eine plakativ behauptete ist.

Buffy wird als mutige, starke Frau gezeigt, nicht behauptet. Aber gut, auf eine gewisse Weise werden da gewisse Geschlechterrollenklischees reproduziert, ohne, dass das notwendigerweise Ironie ist, sondern tatsächlich etwas, was Whedon und Co. gewissermaßen glauben. Insofern kann man sich im Nachhinein fragen, ob diese Handlungsstränge einem (noch) gefallen. Andererseits, das ist eine Aussage über Vampire. Stehen Vampire jetzt für Männer (böse), für Ausbeuter (saugen Leute aus) oder für Junkies (blass, abhängig von einer Substanz (Blut), selten in der Sonne)? Man weiß es nicht.

Ach, hier steht es ja:

Charisma Carpenter … schrieb, Whedon habe bei »Buffy« eine »toxische und feindselige Arbeitsumgebung« geschaffen, besonders während sie schwanger war. Whedon habe sie damals »fett« genannt und über eine mögliche Entlassung gescherzt.

das ist schon übel und

in einem Meeting habe er sie gefragt, ob sie »es behalten würde«.

erst recht.

Auch abfällige Bemerkungen über ihren Charakter und ihre Religion habe es gegeben.

Ja, ok. Offenbar ist Whedon eine Art Chef, die man eigentlich nicht haben will. Das widerspricht auch prinzipiell der „starke-Frauen-können-alles-schaffen“-Botschaft, wenn in der Serie nur eine nicht-schwangere, sportlich-schlanke Frau alles schafft, und eine Schwangeren im RL ihre Schwangerschaft zum Vorwurf gemacht wird. Aber ernsthaft, DAS hätte man nicht im oberen Artikel schreiben können? Keine sexuellen Übergriffe? Keine rassistischen Schimpfwörter? Keine Nazivergleiche? Denn normalerweise geht es bei so etwas um eines davon. Oder um Terfigkeit.

2 Gedanken zu “Im Banne der Dämon:innen

  1. Aha. Ich hatte mich schon gefragt, worum es geht. Natürlich könnte man sich als unterdrückte Frau auch fragen, wo man ohne diese Serie geblieben wäre. Ohne Buffy und dann Angel. Und ein wenig Loyalität beweisen, wenn man wüßte, was das ist. Nun, da es heraus ist, schäme ich mich dafür, mir dennoch ab und zu mal eine Folge Buffy zu gönnen. So als Erinnerung an alte Zeiten.

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