Einerseits ja, andererseits nein

Jetzt mal wieder

Menschen aus Ostasien sind nicht immer reich

No shit, Sherlock

Es sollte deshalb endlich auch Serien mit mehrheitlich asiatischem Cast geben, die nicht nur Superreiche zeigen.

Oder Filme über Ostasiaten, die nicht alle Schwarze Gürtel in irgendwelchen Kampfsportarten haben. Ich meine, irgendwer MUSS doch einen weißen haben, oder? Danke, Disney.

„Es kostet nur 19 000 Dollar“, sagt Jaime Xie über ihre Monatsmiete, während sie mit ihren Freund*innen am hauseigenen Pool sitzt.

Ist die verwandt mit Jamie Lennister? Dem Typen aus der Prequel zu „Verbotene Liebe“? (Oder irgendsoeine andere Serie in der Welt der Reichen und/oder Schönen mit Geschwistern, die ineinander verliebt sind und reich und schön…)

Schwimmen gehen könnte sie aber nicht, denn ihr Badeanzug sei in einem Flügel ihres Kleiderschranks verloren gegangen.

Das, liebe Kinder, ist die Definition von „Luxusproblemen“. Ohne Luxusprobleme würden wir ja gelb werden vor Neid, wenn wir reiche Leute sehen, aber so können wir über sie lachen und sogar so etwas wie „Sympathie“ empfinden.

 Jaime Xie ist eine Protagonistin bei „Bling Empire“, einer Reality-Show auf Netflix.

Irgendwie muss ich gerade an die Geißens denken. Ich bezweifle, dass alle Millionäre wie die Geißens sind. Die Geißens selbst sind möglicherweise nicht wie die Geißens. Aber: „Höhö, die wohnt noch Miete!“

Ich stelle mir den Gedankengang ungefähr so vor: „Obszön reiche Asiast*innen? Hey, das hat doch einmal gut geklappt, die Nummer nudeln wir jetzt einfach nochmal und nochmal durch.“

Liebe Asiastinnen und Asiasten! Die Leute, die diese Reality-Shows produzieren, haben leider keine Ahnung von irgendwas. Deshalb wird das „Reality“ immer so betont. So wie in „echte“ Rolex. Und außerdem, Indien, Persien, Arabien und Tadschikistan gehören auch dazu. Warum nicht mal die nehmen?

Das wäre nicht mal ein Problem, wenn es eben auch andere Reality-Shows mit komplett ostasiatischem Cast gäbe. Wer aber Ostasiat*innen in anderen Hauptrollen sehen will, findet im Bereich Non-Fiktion derzeit keine Alternative.

Das ist vllt. tatsächlich ein Problem mit Non-Fiktion? Dann doch lieber Doch-Fiktion. Oder richtige Dokus. Was machen die Tibeter und Uiguren eigentlich gerade so? Gibt es darüber Dokus?

Es gibt also zwei Shows über das „obere Prozent“, aber nichts zu ostasiatischen Arbeiter*innen- oder Mittelstandsfamilien, denen die Mehrheit der ostasiatischen Migrant*innen in den USA aber auch in Deutschland angehören.

Die Mehrheit der ostasiatischen Menschen, die tatsächlich in Ostasien wohnen, ist auch nicht so reich, vermute ich. Oder wenn doch, kein Wunder, dass die nicht auswandern wollen.

So wird das eine Narrativ zum einzigen Narrativ und gibt Futter für Stereotype.

Ja und Nein. Bzw., ja, wenn Leute diese „Reality“ als „Normality“ verstehen, ist das so. Aber wer das macht, ist auch eher dämlich.

Zwar werden die Protagonist*innen nicht in den typisch rassistischen Klischees à la hypersexuelle Drachenlady oder Trottel-Nerd dargestellt,

… na, ist doch schön…

 aber sie verstärken die Vorstellung der erfolgreichen Vorzeigeminderheit.

Ähh, nicht als kapitalistische Ausbeuter, die als erste an die Wand gestellt werden, wenn die Revolution kommt? Weil Menschen, die einen sechsstelligen Dollarbetrag für ihre jährliche Miete ausgeben, ja auch Eigentum kaufen könnten, und das wollen Linke und Grüne ja verhindern. Eigentümer sind böse.

Dieses Klischee stellt vor allem Ostasiat*innen als gut integriert und hart arbeitend dar und wird meist von der Mehrheitsgesellschaft genutzt, um marginalisierte Gruppen à la „gute Ausländer, schlechte Ausländer“ gegeneinander auszuspielen.

Genau: schaut Euch doch mal bitte die proletarischen Arbeiterkinder aus Südwestasien an und nehmt Euch an denen ein Beispiel. Wie Frau Chebli sich ihre Rolex vom Munde absparen musste. Immerhin beansprucht sie keine Doktortitel, was inzwischen schon als pro-Argument gilt.

Sie führt aber auch dazu, dass Schmerz und schlechte Erfahrungen heruntergespielt werden, weil man doch eh erfolgreich sei und deshalb angeblich keine Diskriminierung erfahren könne.

Dieselben Sprüche, die auch Männer immer reingedrückt kriegen? Oh nein, wie schrecklich.

Reality-Shows mit Superreichen sind seit „MTV Cribs“ beliebt und spätestens seit den Kardashians ein absolutes Erfolgskonzept

Diese Armenier immer. Immer diese Armenier. Armenier haben ein eigenes Viertel in Jerusalem. Moslems, Christen, Juden UND Armenier.

Ich empfinde den Erfolg von „Crazy Rich Asians“ nicht als Erfolg für uns alle

Und ich empfinde den Erfolg von den Geißens nicht als Erfolg für uns alle. Wer behauptet, dass das so sein sollte?

 In der LA Times schrieb Nguyen außerdem: „Wenn Crazy Rich Asians erfolgreich wird, ist es ein Erfolg für uns alle. Wenn es scheitert, werden wir alle scheitern“

Ach, der. Herr Nguyen also.

…und meinte damit, dass der Film eine Art Gradmesser für die Verwertbarkeit ostasiatischer Geschichten sei.

Achwas. Die Art, wie sich Disney et alii derzeit an China ranwanzen, wird garantiert gut für die ostasiatischen Geschichten sein, in denen China gut da steht. Das sind jetzt vllt. schlechte Nachrichten für Japan, Korea, Vietnam und andere Länder, die auch in Ostasien liegen, aber nun denn.

Das ist eine sichere Strategie, aber sie ist auch feige.

Ja, sehe ich auch so.

Sie vernachlässigt vor allem so viele andere ostasiatische Lebensrealitäten, die weit weg von Reichtum und Sorglosigkeit sind.

Ja, aber bei diesen Formaten geht es nicht um Lebensrealitäten – entweder sieht man sich das Leben von Reichen an, oder von Schönen, oder von Leuten, denen es schlechter geht als einem selbst (m/w/d). Die Macher dieser Shows sind also nur das halbe Problem, das andere sind die Zuschauer, die genau DEN Quatsch sehen wollen.

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