Quoten-Diversität

Hachja.

Pinkstinks Erzfeind ist Germany Next Top Model, kurz GNTM, und an der Stelle finde ich tatsächlich, dass das ein noch größerer Quatsch ist.

Mein letztes Mal GNTM ist über zehn Jahre her. Seitdem hat sich in der Welt viel verändert. Nur die Ausbeutung junger Frauen für Quote und Konsum im deutschen Fernsehen nicht.

Mir fallen da noch die Homosexuellenrechte im Iran ein, die Minderheitenpolitik in China und noch ein paar andere „Baustellen“, aber ok.

Es war 2009, das Jahr mit Marie Nasemann. …. Ein Jour fixe im sozialen Kalender damals: Germany’s Next Topmodel. Weniger wegen der Sendung, mehr wegen des Cremants, aber nichtsdestotrotz.

Okeee? Ich habe mich mein ganzes Leben vllt. dreimal zum gemeinsamen Fernsehen verabredet. SW-Wiederholung. Lang, lang ist’s her.

Zwischen Gesprächen und Werbepausen schauten wir bei inszenierten Zickenkriegen, Challenges und offenem Body Shaming zu. Es ging um Konkurrenz und ausgefahrene Krallen, Neid und nahezu unerreichbare Normen.

Gut, dass bei Männern nur die inneren Werte zählen, woll?

Ja, das hielten wir traurigerweise für Unterhaltung. Die Folge mit dem größten Schauderfaktor, daran erinnere ich mich gut, war die mit dem Umstyling.

Hey, so eine Folge, aber beim US-Format (ANTM), habe ich auch mal gesehen. Kandidatin ging semifreiwillig, und zwei Konkurentinnen – mit ziemlich tollen Mähnen – lästerten über sie. Meine Lektion daraus war, dass man nicht eitel sein darf, wenn man modeln will.

Weil formatgemäß eine Kandidatin dazu genötigt wurde, sich die Haare abschneiden zu lassen. Die Botschaft war klar: Pass dich an oder du fliegst raus – wer schön sein will, muss spuren.

Ja, ist das nicht überall so?

Das allerdings gilt auch für den Kapitalismus. Die 16. Staffel GNTM soll inklusiver und diverser sein als je zuvor. „In diesem Jahr habe ich das veraltete Schönheitsideal komplett über den Haufen geworfen und allen Mädchen – ob groß oder klein, jung oder alt – die Chance gegeben, sich bei mir vorzustellen“, so ein Statement von Heidi Klum.

Kapitalismus so: „Hmm, meine (potentiellen) Kundinnen haben nicht direkt alle Model-Maße. Ich passe die Models besser der erforderlichen Kleidergrößen an.“ Aka: Markt regelt.

Wie das 2021 konkret aussieht? …

Fein säuberlich sortierte Stereotypen aus dem Diversitäts-Katalog.

Ja, geliefert wie bestellt. Kapitalismus halt, Angebot wird der Nachfrage angepasst. Was habt Ihr denn erwartet?

Dazu schmissige Slogans wie: „Ich bin eine starke Frau.“;„Ich bin total happy mit meinen Kurven.“; „Ich bin anders und das ist gut so.“

Sollen die etwa das Gegenteil sagen? Irgendwie verstehe ich die Beschwerde nicht ganz.

Leider ändert das jedoch nichts daran, dass die Models in der Show nach ihrem Äußeren bewertet werden.

Achwas? Achwas! ACH. WASSSS. Wonach denn bitte sonst, ihren Blutgruppen?

Damit weitet sich auch der Beautydruck aus. Denn das Konzept von GNTM ist von Grund auf lookistisch – also basierend auf der Annahme, dass das Aussehen den Wert einer Person bestimmt.

Models haben die Aufgabe, und zwar die ausschließliche Aufgabe, Produkte zu bewerben, indem sie daneben gut aussehen, um positive Assoziationen mit dem Produkt auszulösen. Wenn man das nicht will, ok, aber dann sollte man den Beruf verbieten lassen.

Wie dick darf ein GNTM-Model sein, damit es diesem erweiterten Ideal entspricht – und wer darf das festlegen und wieso?

Das könnte man an statistischen Erhebungen festmachen.

Diversität verkommt zum Marketing-Tool, zum Verkaufsargument. Der aktivische Anstrich bei GNTM ist rein oberflächlich.

Bei allen Berufen, Veranstaltungen oder wasauchimmer kann man sagen, dass etwas NICHT nur auf Oberflächlichkeiten ankommen sollte, aber beim Modeln ist das halt das ausschlaggebende Kriterium.

„Nach Jahrzehnten der Frauenbewegung war das der große Durchbruch in der Werbebranche: Wenn du es schaffst, dass Frauen sich nicht mehr wie Scheiße fühlen, kaufen sie eher deine Produkte.”

Ja, funktioniert doch, oder? Bzw., wenn Du es schaffst, dass sich Frauen OHNE Dein Produkt Scheiße fühlen, ist das sogar noch besser.

Doch nach wie vor stehen vor allem feminine Personen unter Druck, gesellschaftlichen Erwartungen an ihr Aussehen zu entsprechen, Zeit und Energie zu investieren, entsprechende Produkte zu kaufen.

Ähmja? Hier mal das Kontrastprogramm.

All das wird in GNTM gezielt auf die Spitze getrieben. Das kapitalistische Patriarchat spricht auch 2021 mit der Stimme von Heidi Klum.

Heidi Klum ist halt ein alter, weißer Mann, dem es gefällt, hübsche, junge Frauen durch die Gegend zu scheuchen. Dass sie nicht SO männlich aussieht, sollte kein Gegenargument sein.

Aber vermutlich denkt Klum jetzt, dass man es diesen feministischen Werbekritikerinnen eh‘ nicht rechtmachen kann. (Normalerweise sagt man bei solchen Sachen: „Dann kuck’s Dir doch nicht an!“, aber hier ist das ja die Konsequenz, von daher ist der Einwand überflüssig. Und ich will auch nicht, dass jemand GNTM toll findet, von daher könnte man mir sagen: „Dann sach‘ doch nix!“. Prinzipiell ja, aber ich kritisiere nicht die Konsequenz, sondern die Argumente, die dahin führen. Schlechte Kontra-Argumente sind schon ein bisschen Pro-Argumente.)

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