Hart um zwei

Spiegel, Spiegel, an der Wand

Barrieren einreißen

Macht doch!

Toxische Männlichkeit ist auch für Männer giftig. Carolin Wiedemann zeigt in »Zart und frei. Vom Sturz des Patriarchats«, warum wir deshalb den queeren Feminismus brauchen.

Kein Mensch ist giftig. Und es gibt kein „wir“.

Als Harry Styles vor wenigen Wochen in einem graublauen Gucci-Kleid auf dem Titelblatt der US-»Vogue« posierte,

…habe ich das nicht mitbekommen, da ich noch nicht einmal die dt. Vogue lese, weil ich suchen muss, wer Harry Styles ist, und weil ich mich nicht für Kleider interessiere und daher nicht wüsste, dass dieses von Gucci ist. Und nichts davon ist etwas, was ich ehrlich vermisse.

 feierten das einige als revolutionären Akt. Immerhin ist Styles der erste Mann mit einem Solo-Cover des Magazins.

Ok, schön für ALLE Leute, die darauf nur gewartet haben. Aber das ist nichts, was mich persönlich weiterbringt.

Und dann trägt er darauf nicht etwa Maßanzug, sondern Spitzenkleid.

Die redundante Erwähnung seiner Bekleidung ist redundant.

Andere sahen darin keine Rebellion gegen Genderklischees, sie zürnten: »Bringt männliche Männer zurück«.

Ja, genau. Die sind ja alle eingesperrt. D’oh.

Das twitterte etwa eine rechte Aktivistin, über 90.000 Menschen stimmten ihr zu.

Tja. Weiblichkeit ist so fragil, woll?

Warum das nicht bloß Quatsch ist, sondern ein antifeministischer, gefährlicher Beißreflex, zeigt Carolin Wiedemann in ihrem Buch »Zart und frei. Vom Sturz des Patriarchats«.

Es ist vor allem ein eklatanter Mangel an Glauben in die unsichtbare Hand des Marktes. Aber ja, ein Mann, der sich Frauenkleider anziehen muss, um auf das Cover einer Zeitung für Frauenmode zu kommen?

Darin erläutert die Journalistin, wie die Kritik von Genderpolitik zu einem zentralen Bezugspunkt der Neuen Rechten werden konnte.

Weil sich viele Linke mit Genderpolitik befassen? Ich weiß, dass ich wegen meiner Kritik an gewissen Feminismen eher Rechts wahrgenommen werde, aber einen Tod muss man sterben.

Und warum die bis in die liberale Linke reicht.

Ich weiß es: weil auch liberale Linke Genderpolitik kritisieren können.

Wiedemann … schreibt darin so, als reagiere sie auf Kritik, bevor sie überhaupt geäußert wurde.

Jaaaa, bestimmte Punkte kann man schon vorausahnen. Dass spricht jetzt nicht für die Punkte, sondern ist tatsächlich vorausschauendes Denken.

Etwa: Brauchen wir überhaupt noch ein weiteres Buch über Feminismus? Haben wir nicht schon genug? Genug gelesen, genug gelernt?

Ich höre immer „wir“, „wir“, „wir“. Immer dreht sich alles um die eigene Gruppe.

Wiedemann blättert die vergangenen Jahre wie ein Daumenkino durch, von der Rückkehr längst überholter Genderklischees wie der »Pinkifizierung« von Kinderzimmern

Eigentlich könnte man ja grün als „Mädchenfarbe“ etablieren und rot als „Jungenfarbe“. Dann müsste man ios altes Zeug wegwerfen und sich komplett neu einfärben. Ähh, einrichten und einkleiden. Das wäre doch „vogue“, oder?

bis zu #MeToo und Gender-Pay-Gap

Ja, GPG. (Ich habe das Buch nicht gelesen, aber wenn dort von der üblichen feministischen Auffassung abgewichen würde, wäre das aufgefallen und fast sicher erwähnt worden.)

Die Zusammenfassung endet im Jahr 2020 – als nicht bloß die Fälle häuslicher Gewalt während der Pandemie zunehmen,

…aber „natürlich“ nur bei Frauen, ähh, gegen Frauen, naTÜRlich

sondern Frauen wieder mehr damit beschäftigt sind, sich um Kinder, Heim und Herd zu kümmern, während Männer Zeit für wissenschaftliche Abhandlungen haben.

Wenn Männer härter an Covid-19 erkranken, und das sinngemäß damit erklärt wird, dass Männer ja dreckiger seien, ist das victim-blaming.

Hat sich also genug getan? Eher nicht.

Eine Spiegel-Journalistin hackt der anderen kein Auge aus.

Wiedemann erzählt so souverän und detailgenau, dass auch jene einsteigen können, bei denen Simone de Beauvoir oder Margarete Stokowski noch nicht auf dem Nachttisch liegen.

Stokowski kriegt nicht nur keine Augen ausgehackt, sondern wird in eine Reihe gestellt mit Simone de Beauvoir. Als einzige in einer Reihe mit Simone de Beauvoir. Als Einzige.

Und jenen, die Angst um ihre Privilegien haben, nimmt sie die Furcht.

Inwiefern?

Denn hegemoniale Männlichkeit unterdrückt fast alle, auch und sogar Männer.

Schön, dass sie nicht „toxische“ Männlichkeit sagt. Aber ist natürlich trozdem eine unzulässige Pauschalisierung.

Das Leistungsethos,

Wenn man anderen helfen soll…

die Verweigerung von Hilfe,

WER verweigert Hilfe – Männer oder Stokowski?

die Härte gegen sich selbst und gegen andere

Sprüche ala „die Leute in Afrika/Asien/Mecklenburg-Vorpommern brauchen keine Medikamente, sie sollten sich einfach mal öfter die Hände waschen!“ sind ziemlich hart. Aber nur gegen andere, dass ist der kleine Unterschied.

also alle Meriten, die gemeinhin als besonders männlich gelten,

Frauen können gerne hart gegen sich selbst sein.

beschneiden und begrenzen alle.

Ja, das wird’s sein. Ein Stokowski-Fangirl wird uns alle erlösen.

Toxische Männlichkeit, zeigt Wiedemann, ist auch für Männer giftig.

Kein Mensch ist toxisch, aber manche Menschen würden trotzdem nicht so gerne an Covid-19 sterben.

Oder wie Harry Styles der »Vogue« über seinen Modegeschmack erzählte: »Immer, wenn man in seinem eigenen Leben Barrieren errichtet, schränkt man sich nur selbst ein.«

Okeee. Welche Barriere baue ich mir auf? Ich habe überhaupt keinen Modegeschmack, bin ich jetzt besonders frei oder besonders beschränkt?

Rechtspopulistinnen und -populisten greifen für ihre Propaganda Vorurteile auf, die auch in konservativen Kreisen existieren.

Props dafür, dass negative Leute gegendert werden. Soviel Lob muss sein.

Sexismus und Misogynie etwa tarnen sich in der Sorge über Sprechverbote, Männerdiskriminierung und den Fortbestand der traditionellen Kleinfamilie.

Ja, aber manchmal wird Sorge über Sprechverbote, Männerdiskriminierung und den Fortbestand der Kleinfamilie als Sexismus und Misogynie gefrämt. Ist beides falsch, gleicht sich aber irgendwann auch aus.

Was man dagegen tun kann? Wiedemann liefert Antworten. Das Ehegattensplitting überdenken, die sexistische Arbeitsteilung subventioniere

Ja. Aber wenn sehr viele nach dem Überdenken zu dem Schluss kommen, dass genau SO haben zu wollen, was tun?

sich mit kritischer Männlichkeit auseinandersetzen

Mit unkritischer Männlichkeit ist ja auch wumpe.

Familie jenseits der Mutter-Vater-Kind-Konstellation denken

Genau – Klone!

Gender jenseits der Binarität von Mann und Frau

Dito: Klone!

Heißt das, dass wir alle queer werden sollen? Nein, antwortet Wiedemann ihrem imaginierten Kritiker.

Eben! Klone!!!

 Frei sein bedeute nicht, »dass wir gezwungen sind, mit gegenwärtigen Geschlechtsidentitäten und Begehrensformen zu brechen.« Wir sollten aber verantwortungsvoll mit unseren jeweiligen Spielräumen umgehen, argumentiert sie.

Also jetzt doch keine Klone? Lame!

Und solange Gender, Sexualität, Herkunft und das soziale Milieu über die Größe eines Spielraums entscheiden, sollten wir offen sein zu teilen.

„Sei nicht feige, gib mir vom Impfstoff ab, den Du dringender bräuchtest!“ Es gibt kein „wir“.

Und den Spielraum dann neu ordnen.

Da der Spielraum endet, wo der einer anderen Person beginnt, ist doch eigentlich alles geklärt. Uneigentlich wird das nie abschließend geklärt sein, weil dieses „wir“ sich immer unterschiedliche Spielräume teilen wird. Sorry.

Ein Gedanke zu “Hart um zwei

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s