Woran erkennt man Hauptpersonen?

Die Hauptperson einer Geschichte (Buch, Film, Comic, Ballett, etc.) ist die Figur, von der die Geschichte handelt.

Um zu entscheiden, von wem die Geschichte handelt, gibt es verschiedene Kriterien. Jedes Kriterium hat Ausnahmen, wo das Kriterium auf definitiv NICHT die Hauptperson zutrifft, deshalb gibt es keine abschließende Definition. Außerdem kann man sich schon aus reinem Trotz eine Geschichte ausdenken mit mehr als einer Hauptperson oder ohne (definierter) Hauptperson. Literaturwissenschaft ist keine exakte Wissenschaft. Die folgende Liste ist daher auch ohne Anspruch an Vollständigkeit, aber man kann ja mathematisch an das Thema herangehen; die Figur, die jeweils die meisten der folgenden Kriterien erfüllt, ist die Hauptperson, bis gegenteilige Argumente gefunden werden. Wenn manche Kriterien nicht ganz zutreffen, entsprechend gewichten. Hachja.

Stumpfsinnige Kriterien:

  • die Hauptfigur steht im Titel, z.B. bei Titeln im Schema von „Der Zauberschüler und das Rätsel des laufenden Schuljahrs“, aber Sauron kommt in den Büchern, die nach ihm benannt sind, nur indirekt vor (deshalb nennt man ihn auch die Titelrolle)
  • die Hauptfigur ist die einzige Person in der ganzen Geschichte (wobei die Geschichte auch von einem Gegenstand handeln kann, wie z.B. den Bürostuhl der Person)
  • der Autor sagt, z.B. bei Twitter, wer die Hauptperson ist (das ist das stumpfsinnigste aller Kriterien – wenn der Autor uns das nicht in der Geschichte direkt sagen kann, ist soe vllt. nicht so gut als Autor…)

Kriterien des Charakterbogens:

  • welche Person macht die spannenste Erfahrung oder lernt die schwierigste Lektion?
  • welche Figur lernt am meisten über sich, über andere, über die Welt oder Teile davon?
  • welche Persönlichkeit ändert sich am meisten, z.B., indem sie bisherige Ansichten überdenkt, ihr Verhalten ändert und/oder Charakterfehler oder -schwächen überwindet?

Kriterien der Motivation:

  • welche Person hat am meisten zu verlieren, riskiert am meisten, opfert am meisten oder verliert am meisten? (das sind technisch gesehen vier Fragen, weil jedes Verb eine andere Person als Antwort haben kann)
  • welche Person hat umgekehrt am meisten (materiell, ideell, emotional oder sonstwie) zu gewinnen?
  • welche Person wird am motiviertesten (z.B. am fleißigsten, wütesten oder besorgtesten) dargestellt?
  • wessen Motive werden am ausführlichsten bzw. häufigsten gezeigt oder erklärt? (Zusammenfassendes Beispiel: Harry, Hermine und Ron wollen alle nicht, dass Voldemort gewinnt. Ron käme im Zauberfaschismus vllt. am ehsten mit dem Leben davon, Hermine wegen ihrer Muggeleltern schon weniger, aber es ist völlig klar, dass Voldis gekränkte Eitelkeit und street-credibility nur wiederhergestellt wird, wenn er Harry 1. persönlich, 2. mit Magie, 3. in einem formal fairen Duell und 4. vor Zeugen tötet.)

Kriterien des eigentlichen Handelns (weil das Ding Handlung heißt): wer trägt am meisten dazu bei, dass die Geschichte so ausgeht, wie sie am Ende ausgeht (kann also auch der „Schurke“ sein)? Oder im Einzelnen:

  • wer gibt die meisten, wichtigsten oder besten Befehle?
  • wer löst die meisten Rätsel und entdeckt die meisten Geheimnisse?
  • wer redet am meisten und/oder trickst die meisten Widersacher aus?
  • wer entwickelt die besten Pläne, sofern nicht unter obigen?
  • wer besiegt konkret die meisten, die stärksten und vor allem den Hauptgegner?

Kriterium der Perspektive, also: gibt es eine Perspektivfigur, aus deren Blickwinkel die Geschichte erzählt wird, bzw. die mindestens eine der folgende Eigenschaften hat?

  • sie ist in (praktisch) allen Szenen/Kapiteln anwesend
  • sie ist der Ich-Erzähler (wobei z.B. Dr. Watson und Cpt. Hastings keine Hauptpersonen sind)
  • wir wissen, was sie weiß, 1.: alle relevanten Informationen, die diese Person zu Beginn der Geschichte hat, erfahren wir frühzeitig, also bevor diese wichtig werden
  • wir wissen, was sie weiß, 2.: alle relevanten Informationen, die sie erst im Verlauf der Handlung erhält, erfahren wir genau DANN (außer die nervige Stelle am Ende des vorvorletzten Kapitels, wo sie „Jetzt ist mir alles klar!“ sagt, aber wir müssen noch ein Kapitel warten.)
  • wir wissen, was sie weiß, 3.: zu keiner Stelle erfahren wir (relevante) Dinge, die die Perspektivfigur nicht kennt (der Anfang eines Agentenfilmes, wo die Schurken die Atomraketen klauen, kennt der Agent nicht aus eigener Anschauung wie das Publikum, aber er kennt die grundsätzliche Information schon, weil er diesbezüglich gebrieft wird, um die Raketen wiederzufinden)
  • wir erfahren – wenn überhaupt – ausschließ die Gefühle und Gedanken dieser Person, oder die von anderen nur, soweit diese Person sie vermuten, erraten oder telepathisch wahrnehmen kann
  • alle Irrtümer der Perspektivfigur, und alle Lügen, die man ihr erzählt, werden dem Leser, Zuschauer oder Hörer direkt weitergegeben; ein aufmerksames Publikum (oder eines, was solche Geschichten schon kennt,) beschleicht vllt. ein gewisser Verdacht, aber der Irrtum und die Lüge werden erst aufgeklärt, wenn die Perspektivfigur dahinterkommt

Insbesondere bei längeren Buch- und Fernseh-Serien kann man mehrere Charaktere aufbauen, die alle Hauptpersonen sind, sei es, weil unterschiedliche Kriterien auf unterschiedliche Figuren zutreffen, sei es, weil in unterschiedlichen Büchern oder Folgen unterschiedliche Figuren die Hauptrolle spielen.

Konkret habe ich die obige Textwüste wegen eines Frauenfilmes aufgeführt, den ich dann morgen bespreche.

Kliffhänger!

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