Heil der Rohen Energie von Hydra

Es stellt sich heraus, dass Geschlechterquoten für pinkstinks keine reine Marketing-Forderung sind, sondern es schreibt eine weitere, namentlich genannte, männliche Person für sie.

Wenigstens ein gutes Beispiel. Es geht, derem Kernthema entsprechend, um Werbung.

ZWISCHEN ROUGH NATURE 3 UND HYDRA ENERGY – MÄNNLICHKEITSBILDER IM DROGERIEMARKT

Ich brauche Shampoo und gehe zielsicher erst einmal in die falsche Richtung. Die Ablenkung ist einfach zu groß.

Echte Männer fragen nie nach dem Weg. Weil mangelndes Orientierungsvermögen was weibliches ist? Keine Ahnung. Das mMn beeindruckenste Orientierungsvermögen hat eine kleine Kleinkusine von mir, die sich auch komplizierte Wege nach einmaligen Besuch merken kann und weiß, wo ALLES ist. Sprachlich ist sie nicht weit genug, um nach dem Weg zu fragen, aber wer muss fragen, mit so einem überragenen räumlichen Verständnis? Erwachsene Journalisten. Aber die können gut genug sprechen, um zu fragen.

Die Farben im ersten Gang direkt nach dem Eingang werfen grelle Bilder auf mich, vielleicht zu bunt. Das wird vermutlich nichts für Männer sein, weshalb ich weiter suche. So bin ich aufgewachsen.

So bunt kann der Gang eigentlich nicht sein, dass man nicht lesen könnte, was auf den Packungen steht.

Als würde ein unsichtbarer Geist mir den Weg in den einen Gang zeigen, weil es nur dort die Dinge gibt, die Männer kaufen sollen.

Okeee? Wenn Männer – oder umgekehrt Frauen – so leicht beeinflussbar sind, wieso gibt es dann freie Wahlen? Welchen Sinn haben überhaupt irgendwelche Willensbekundungen?

Es fühlt sich an wie Paralyse. Meine Stimmung ändert sich schlagartig.

Ok, demnächst zuerst in die Haushaltswarenabteilung, Alufolie kaufen, Hut bauen, und DANN das kaufen, was man wirklich will. Wenn man dann gar nichts mehr will, den Kaugummi-Spruch bringen: „Ich bin hergekommen, um Kaugummi zu kauen und Ärsche zu treten, und mir ist gerade das Kaugummi ausgegangen.“ Denn offenbar spielt das in „Sie leben!“

Der angenehme, grelle, pink-orange-gelbe Mix aus Urlaubsträumen weicht einer kühlen Brise aus gedämpften Farben, ich sehe nur noch Farben zwischen Braun und Grau und vor allem viel Schwarz.

Ähh, ok. Grelles pink-orange-gelb-Gemisch ist „angenehm“? Nuuuun, die Hirnwellenstrahler richten mehr Schaden an, als man immer gedacht hat.

Wenn ich Farben sehe, dann ein ernstes Dunkelblau oder ein tiefdunkles Rot, nur nicht zu hell und zu bunt soll es offensichtlich sein.

Nuuun, mein Stammshampoo hat eine pastellfarbene Verpackung. Bin ich etwa gegen die Hirnwellenstrahler immun? Oder bin ich ein paar mal zu oft geimpft worden, so dass das Aluminium darin die Strahlen wie ein Faraday’scher Käfig irgendwie ablenkt? („Faradays Käfig“ ist mWn ein Klerikerspruch in irgendeiner DnD-Ausgabe. Schützt gegen alle Arten von Elektrizität, inkl. dem Odem eines blauen Drachen.) Dabei bin ich gar nicht so oft geimpft worden..

Ich will an diesem Freitagmorgen nur ein Shampoo kaufen

Mir hat man in der Grundschule erzählt, dass Supermärkte versuchen, einen auszutricksen, mehr zu kaufen, als man will. Wir hatten eine Theateraufführung, in der wir uns über Werbesprüche lustig machten. Vllt. schützt DAS eine/n?

 werde aber durch die dunklen Regale, die mich rechts und links einschließen, schnell an eine Sache erinnert – dass selbst Grundbedürfnisse bei Männern mit bestimmten Farben gestillt werden sollen.

Wie geagt, ich fühle mich davon nicht angesprochen. ICH kaufe pastellfarbenes Zeug. Was trotzdem männlich konnotiert wird. Kann es sein, dass der Autor seine Probleme auf andere projektiert?

Das Farbenspiel ist mir schon bekannt, was mich aber bei genauem Hinsehen irritiert, ist die Sprache, die zusätzlich verwendet wird.

Kauf mich! Du willst es doch auch! Ich bin käuflich und billig zu haben! Kauf MICH!

Es ist so ungefähr alles, wonach ich nicht riechen möchte

Hmm, wo ist dann das Problem? Wenn man tatsächlich nicht von einer Werbung angezogen wird, ist das doch gut?

 und so beginnt ein Ausflug in die Welt der Männlichkeitsbilder, über die hier schon Nils geschrieben hat, dem ich nicht zustimme, aber ausgesetzt bin.

Für Protokoll, er meint wohl den Ausflug, dem er nicht zustimmt, nicht Nils. Ansonsten, „ausgesetzt“ impliziert eine Hilflosigkeit, die offenbar nicht gegeben ist.

Eigentlich bin ich gerne unter Leuten, also auch beim Einkauf, aber gerade jetzt habe ich mich an die doch angenehme Ruhe in den Läden gewöhnt.

Fürs Protokoll, auch das ist eine Eigenschaft, die ich mit dem Autoren nicht teile. Also, das beim Einkauf unter Leuten sein, jetzt.

Rough Nature 3 in 1 Shampoo verspricht mir markant holzigen Duft für die tägliche Anwendung. Auf der Internetseite zeigt sich ein Konsument begeistert und schwärmt von „Sehr tolle[r] Konsistenz und unglaubliche[m] tolle[n] männliche[n] Duft!“

Holz riecht wirklich gut. Wie bei Oppa in der Werkstatt. Wenn mich das aber nicht fürs von mir aus gesehen andere Geschlecht attraktiver macht, was nutzt es? An den eigenen Geruch gewöhnt man sich zu schnell.

Ich frage mich, was dieser männliche Duft sein soll? Rough Nature. Also Fichtenwald, Moos und Geröll?

Naja, „holzig“ wäre wohl eher Fichtenwald als Moos. Oder eine andere Baumart. Und hat Geröll überhaupt einen bestimmten Geruch?

Oder Tierkadaver, übel riechendes Laub und Bären, die mit bloßer Pranke Fische im Flussbett fangen?

Theoretisch schon, aber wenn der begeisterte Konsument von „holzig“ spricht, ist der Punkt doch wohl gespoilert, oder?

Ich gehe weiter, ich mag mich nicht entscheiden. Vielleicht habe ich bei der Gesichtscreme mehr Glück.

Die gemeinen Verführer – eben nur ein Schampoo kaufen, und jetzt sucht er Gesichtscreme. Die Macht der Werbung, oh Ihr Völker, die unheimliche Macht der Werbung.

 Aber auch hier, das gleiche Bild, nur mit noch absurderen Zuschreibungen: Ich lese bei einem Geschenke-Set von Oréal Men Expert etwas von Hydra Energy, die meine Haut mit „Energie aufladen“ möchte.

Hagelt Hydra! Oder wie das heißt. Die geheimne Neo-Nazi-Verschwörung aus Captain America jedenfalls.

Hydra ist dieses vielköpfige Ungeheuer aus der griechischen Mythologie, ein Unwesen.

Ja, das auch. Die fiktive Naziorganisation benennt sich nach einer fiktiven Wasserschlange.

Jeder Versuch, die Hydra zu besiegen oder zu unterdrücken, schlägt fehl, so das Gleichnis, weil aus jedem abgeschlagenen Schlangenkopf zwei neue wachsen, was unweigerlich zur Ausweitung der Eskalation führt.

Ja, die zwölf Aufgaben des Herakles. Man muss die Halsrümpfe mit Fackeln ausbrennen.

Hydra steht also für das, was man nur einzudämmen in der Lage ist, indem man es unberührt lässt.

Nein. Wenn man die Hydra unberührt lässt, frisst sie alles auf. Solche Monster gibt es in vielen Mythologien. Eine Theorie ist, dass das das Wasser selbst ist, das irgendwo zutage tritt – wann immer man eine Quelle verstopft, bricht woanders mindestens eine neue auf. Weil „Hydor“ „Wasser“ bedeutet.

Ist das die Energie, die ich brauche? Die eines unkontrollierbaren Ungeheuers, das man am besten in Ruhe lässt?

Warum nicht? Ansonsten ist eine Gesichtscreme dafür da, dass die Haut nicht austrocknet – latino-griechisch „dehydriert“ – was die Namensgebung möglicherweise am besten erklären könnte. Nur mal so als Idee. Aber ja, vllt. auch die Nazi-Geheimlogen-Verschwörungs-Theorie. Lehnt er eigentlich auch Maschinen ab, in denen eine „Hydra-ulik“ Verwendung findet?

Ich sehe die Maske Pure Charcoal Tonerde, die mit Eichenholzkohle und Kaolin (weiße Tonerde, auch Porzellanerde genannt) angereichert ist. Die Verpackung ist tiefschwarz, nur die Schriftfarbe ist grell neongrün.

Wenn die Schrift auch schwarz wäre, könnte man sie nicht mehr lesen. Da haben diese Packungs-Designer sich doch mal richtig Gedanken gemacht.

Genauso wie bei den Nasenstreifen, die einen Mann in Graphic-Novel-Ästhetik im Superheldenkostüm zeigen, der einen schwarzen Nasenstreifen trägt und darunter ganz deutlich steht, dass es mit Aktivkohle angereichert ist, alles andere würde dem Bild des starken Mannes wohl nicht gerecht. Hm.

Nasenstreifen? Weil der Aktivkohle statt Koks konsumiert? Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie genau das Bild jetzt aussehen soll. Captain America in den falschen Farben?

Bei all diesen männlich konnotierten Produkten lese ich nur: Energie, Stärke, Power, Unberührtheit, Rough Nature. Nirgends wird mir suggeriert, dass ich auch soft, tiefentspannt oder ruhig sein könnte.

Ok, Werbung will ja nicht nur Bedürfnisse bedienen, sondern auch erzeugen. Softe, tiefenentspannte und/oder ruhige Menschen haben weniger Bedürfnisse und sind daher schlechtere Kunden. Das ist der Grund, warum auch „Frauenprodukte“ nicht für softe, tiefenentspannte und/oder ruhige Menschen ausgelegt sind.

So werden Rollenzuschreibungen nicht nur reproduziert, sondern auch gefestigt. Der Gang zum Drogerieladen passiert nämlich nicht nur einmal im Jahr, sondern regelmäßig.

Ähh, ja. Dieses Jahr gehe ich bestimmt wieder dahin. Für neue Kondome. D’oh.

Also regelmäßig der Konsum von Zuschreibungen, die man nicht möchte.

Ganz allgemein gesagt: niemand kontrolliert, ob ein Mann Männer- oder Frauenschampoo benutzt. Genau, wie keine Frau kontrolliert wird, ob sie rosa oder blaue Rasierer benutzt. Das, was man nicht möchte, kann man hier mit sehr wenig Aufwand umgehen.

Irgendwie spricht mich das alles nicht an. Ich kaufe mir erstmal nur die Honigwaffeln, die gibt es heute im Angebot.

Geil. Kein Schampoo kaufen, weil „holzig“ ja auch „Kadavergeruch“ bedeuten kann. Keine Gesichtscreme kaufen, weil sie nach dem altgriechischen Wort für Wasser benannt ist, wie ein gewisses Sagenmonster auch, aber erstmal was zu ESSEN. Scheiß Konsumzwang.

Beim Blick auf die Produkte im Gang, den ich enttäuscht verlasse, frage ich mich, ob diejenigen, die für das Marketing verantwortlich sind, wirklich einfach nur meine Haut pflegen wollen.

Natürlich nicht. Sie wollen Geld verdienen. Dass der Kunde lieber an Monster als an Feuchtigkeit denken könnte, ist ihnen leider nicht in den Sinn gekommen. Idioten.

So wie die Produkte gestaltet sind, klingt das alles mehr nach einer Aufforderung, unmittelbar nach Benutzung der Produkte am besten auszuwandern, um in der abgeschiedenen Natur meinen Lebenssinn zu finden.

Also, wenn man vorher genug Hautpflegeprodukte einkauft, die man in der Wildnis tatsächlich auch BRAUCHT (Hitze, Kälte, Trockenheit, Mücken), haben die bestimmt nichts dagegen. Aber vermutlich wollen die, dass man in der Nähe von Drogeriemärkten bleibt, aber sich eindeckt, wie für eine Nanga-Parbat-Expedition.

Und zusätzlich mehrmals am Tag voller Energie, wie es die Produkte suggerieren, Extremsport zu machen und nachdem ich mich in kaltem Wasser abgehärtet habe, in Kohle einreiben, Ist das wirklich das Männlichkeitsbild, wonach alle Männer leben wollen und die Werbeindustrie festigen sollte?

Nein und ja. Der Werbeindustrie ist es vermutlich egal, ob jemand Extremsport macht, es reicht, dass man die Extremsportler(m/w/d)produkte kauft. Und manche Männer wollen so leben, tun dies aber nicht, aber kaufen sich den Scheiß, weil sie sich wenigstens so fühlen wollen. Und es ist möglicherweise ein Henne-Ei-Problem: ist das ein bestehendes Bedürfnis, das diese Produkte bedienen wollen, oder hat die Werbeindustrie dieses Bedürfnis erst erzeugt? Aber erstmal Honigwaffeln essen. Was ein Bär ja auch täte. (Oh, diese Bärenassoziation wirkt anders als gedacht…)

Aber diesen Männlichkeitsbildern wird man schon früh ausgesetzt. Früher war ich z.B. großer Fan von All-in-One-Produkten. Sie waren praktisch und meist günstiger.

Oh, nein. Das ist ja eine logisch begründete Kaufentscheidung. So funktioniert doch Marktwirtschaft!

Durch die bewusste Bewerbung dieser Produkte für Männer wird jedoch der Pragmatismus zum männlichen Leitprinzip erhoben.

Und Frauen wollen oder kaufen diese Produkte nicht, weil…? Nebenbei, ein Produkt, das tatsächlich Zeit spart, bietet ja einen echten Vorteil. Im Unterschied zu einem, mit dem man sich nur sportlich „fühlt“.

Ein Mann habe keine Zeit zu verlieren, wenn er sich doch um die eigentliche Arbeit, also nicht Selfcare, kümmern muss.

Ist Duschen „Selfcare“? Anstatt Arztbesuche zur Vorsorgeuntersuchung und so? Nebenbei könnte ich die eingesparte Zeit ja auch für Freizeitaktivitäten nutzen, wie Lesen, Sport oder diese Kondome verbrauchen…

Durch diese Rhetorik wird ein Männlichkeitsbild vermittelt, das Körperpflege zu einem lästigen Beiwerk im Mannsein stilisiert.

Ich glaube nicht, dass die Körperpflegeprodukteverkäufer(e/t/c) das wirklich als „lästig“ stilisieren wollen. Nebenbei, die diversen Bartpflegeprodukte, die es gibt…

Und, das macht die neue Aufteilung und Gestaltung des Drogeriemarktes deutlich, Mann soll sich auch bitte nicht um andere Menschen oder gar den (eigenen) Haushalt kümmern:

Der Drogeriemarkt hat keinerlei finanzielles Interesse daran, dass Männer keine Sachen für den Haushalt kaufen. Also auch sonst keines. Das ist jetzt reine Projektion.

Putzmittel und Toilettenpapier, Windeln und Baby-Nahrung oder Pflaster und Gesundheitspräparate, all das gibt es weder in mattschwarz noch mit Hydra Energy, sondern nur in den bunten Regalen für den unmännlichen Teil der Bevölkerung.

Dass Baby-Nahrung nicht im Schampooregal steht, ist eine Verschwörung, um Männer davon abzuhalten, welches zu kaufen? Da hat jemand Kapitalismus und Konsumgesellschaft nicht ganz verstanden. Nebenbei, die Babybreibecher-Designer und die Rohe-Natur-Konzept-Entwickler sprechen sich nicht ab, unterschiedliche Farben zu verwenden, und der Markt verkauft das Zeug bloß. Und die Sachen sind nach „genereller Verwendungsbereiche“ geordnet, damit auch Kunden mit Orientierungsproblemen sie finden können. Und die Honigwaffeln hat er doch auch gefunden, oder?

Nachdem ich schon auf halbem Weg nach Hause bin, ohne Shampoo und noch immer ohne Einkaufszettel, entscheide ich mich dazu, in den Laden zurückzugehen. Ich laufe zielsicher zu den Shampoos, die mir eben nicht ins Auge springen sollen.

Den Trick haben sie mir in der Grundschule erklärt: einfach mal bücken, da stehen die preiswerteren Sachen. Ansonsten, freies Land, freier Markt und freie Menschen. Alle Probleme in diesem Artikel beruhen darauf, dass jemand mehr Verschwörung und Bosheit sieht, als tatsächlich da sind.

Ich freue mich aufs Duschen. Denn selbst wenn ich jetzt in die Wildnis auswandern würde und mit bloßer Hand Fische im Flussbett fangen sollte, weiß ich dann wenigstens: Meine Haare riechen gut.

Wenn das ein Kriterium ist – ich kenne ein gutes Antimückenmittel, das nach Sandelholz riecht. Riecht gut für mich, schlecht für die Blutsaugerinnen. (Männliche Mücken ernähren sich tatsächlich von Pflanzensäften und mögen den Geruch vllt., merken aber rechtzeitig, dass man keine Pflanze ist.) So verbindet sich das Angenehme mit dem Nützlichen.

Ansonsten, wenn man sich schon in einem Drogeriemarkt verläuft, ist die freie Natur eher schlecht.

2 Gedanken zu “Heil der Rohen Energie von Hydra

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