Die FAZ fragt – die apokolokynthose antwortet

Hierauf

Frei zugängliche Tampons für alle? Manche finden das nicht gut. Andere regen sich darüber auf. Dabei sollte die Antwort klar sein.

Frei zugänglich im Sinne von „überall ausreichend und zu erschwinglichen Preisen zu erwerben“ sind sie ja. Und niemand findet das schlecht oder regt sich darüber auf.

Stellen Sie sich vor, ich würde Ihnen von nun an Ratschläge zu ETF-Fonds geben. Ich habe keine Ahnung davon, habe mich nicht eingelesen, bin nicht informiert, aber ich denke, Sie alle sollten trotzdem meine Meinung dazu kennen. Einfach, weil ich eine habe.

*Schulterzuck* Ich weiß noch nichtmal, was ETF-Fonds überhaupt sind, da ist mir Dürrholz also mindestens einen Schritt voraus.

Ungefähr so halten es gerade einige User auf Twitter, die sich darüber beschweren, dass Aktivistinnen fordern, in öffentlichen Einrichtungen sollte es Tampons und Binden kostenlos auf den Toiletten geben.

Jaaa, habe ich teilweise auch gelesen. Mein Lieblingsspruch zu dem Thema ist: „Wenn ein Produkt, welches die halbe Menschheit braucht, umsonst sein soll, dann sollte Essen auch umsonst sein, das braucht die ganze Menschheit.“

So ist es zum Beispiel in Schottland gerade erst beschlossen worden.

Das ist jetzt bei Schulen und Unis so, sonstige öffentliche Einrichtungen sollen folgen. Bieten Schulen und Unis demnächst auch gratis Essen an? Oder sollen nur solche Sachen subventioniert werden, von denen Männer nichts haben?

Weitere Kommentare, die die erschreckende Unkenntnis meist junger Männer über die Monatsblutung offenbaren, erspare ich Ihnen.

Ja, diese ganzen Journalisten, die über Twitter berichten. Weil von allem möglichen Themen und Sachverhalten Twitter jetzt für nicht-Journalisten am wenigsten zugänglich ist. Statt meinetwegen genauer über die Umsetzung des Gesetzes in Schottland zu berichten. Immerhin ist das die Stelle, wo „Menstruierende“ kein Möchtegern-Euphemismus für „Frauen“ ist, sondern tatsächlich der präzisere Begriff.

Mindestens fünf Euro muss eine Frau im Monat bezahlen, wenn sie menstruiert, und damit sind nur die allernötigsten Kosten abgedeckt.

Ok, ich kenne mich mit den Preisen tatsächlich nicht aus. 60 € im Jahr. Bei Schülerinnen ohne eigenes Einkommen und meinetwegen ärmeren Studentinnen ist das sicherlich ein relevanter Posten. Und natürlich in Obdachlosenunterkünften.

Freien Zugang zu Menstruationsprodukten in öffentlichen Toiletten.

Was genau sind „öffentliche“ Toiletten? Toiletten in Schulen, Unis, Ämtern oder auch Restaurants, Zügen, Kinos und dergleichen mehr?

Dabei geht es vor allem um Obdachlose und Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben. Hartz-4-Empfänger etwa erhielten 2020 monatlich 16,42 Euro für Gesundheitspflege, unabhängig vom Geschlecht. Wer davon Tampons und Binden bezahlen muss, hat nicht mehr viel Geld für Cremes, Shampoo und Medikamente übrig.

Ok, aber was sind „öffentliche“ Toiletten?

Es geht hier nicht um Mann oder Frau. Es geht um Empathie.

Eigentlich geht es um Geld. Was genau sollen öffentliche Toiletten sein? Und Probleme, die hauptsächlich oder ausschließlich Männer betreffen, interessieren Feministinnen ja auch nicht. Geschweige denn, dass sie Geld dafür ausgeben.

Wenn also Hygieneartikel in öffentlichen Toiletten ausliegen, geht es nicht darum, dass wir – hupsi – zu doof sind, ein Tampon einzustecken.

Wenn es darum ginge, dass manche Frauen tatsächlich effektiv kein Geld dafür haben, dann wäre die Forderung, Hartz-IV-Sätze für Menstruierende um eine entsprechende Pauschale zu erhöhen und/oder Gratis-Hygieneartikel für Bedürftige anzubieten.

Doch genau wie Klopapier frei zugänglich ist, sollten es auch Periodenprodukte sein

Es gibt tatsächlich Toilettenpapierspender, die so konstruiert sind, dass man nicht die ganze Rolle mitnehmen kann. Entweder, man nimmt sich nur, was man gerade braucht, ODER, man holt sich ein loses Bündel Klopapier ohne Papprolle. Weil es immer Leute gibt, die die Solidargemeinschaft ausnützen werden. Und natürlich ist Klopapier die nächste Währung, wenn der fünfte Lockdown kommt.

Sie werden nie einmal im Monat bluten und darum auch nicht wissen, wie es ist, alle vier Wochen nicht nur abhängig von Hygieneartikeln zu sein, sondern womöglich zugleich hormonelle Schwankungen ertragen zu müssen, starke Schmerzen in Brüsten, im Unterleib, im Kopf zu haben, und manchmal überraschend so stark zu bluten, dass die Hygieneartikel sehr schnell wieder gewechselt werden müssen.

Also, weil Männer das nicht fühlen können, haben sie diesbezüglich keine Empathie, und weil sie keine Empathie haben, sollen sie nicht mitreden. Aber mitfinanzieren.

Sie wissen nicht, welche Scham damit verbunden ist, im Teenageralter immer wieder sehr plötzlich, unerwartet, heiß und heftig die Periode zu bekommen, wie es ist, sich einen Pullover um die Hüften zu schlingen, weil sich knall-, nein blutrote Flecken auf der neuen weißen Jeans abzeichnen.

Oh, genau DAS würde ich auch machen. Und ok, das ist ein Argument für Tampons et cetera in Schulen. Aber die Forderung ist ja nicht nach Mitgefühl, sondern nach G.E.L.D..

Der eigene körperliche Zustand ist eben selten ein zuverlässiger Gradmesser dafür, was andere erleben und empfinden.

Ja, und deshalb ist Empathie keine Einbahnstraße oder Sackgasse, sondern oft einfach gesperrt. Aber von Monatshygiene, die der Staat – oder wer sonst? – finanziert, entwickelt niemand Empathie.

Männer, die etwas dagegen haben, dass Tampons frei zugänglich sind, möchte man hingegen fragen, was sie denn daran bloß stört.

Wer ist „man“, und wieso „möchte“? Die meisten, die bei Twitter oder sonstwo über die Idee herziehen, gehen davon aus, dass ihre Gründe offensichtlich sind, aber na gut, Empathie wird überschätzt. Wenn Dürrholz tatsächlich fragen mögen würde, könnte sie das tun. Jetzt.

Nimmt ihnen gerade irgendjemand etwas weg?

Ja. Ich finanziere ein Produkt mit, das ich nicht benötige. Eine Frau bekommt ein Produkt, das sie benötigt und meistens auch komplett finanzieren könnte, subventioniert.

Haben sie irgendwelche Nachteile dadurch, dass womöglich einer Frau geholfen wird, die überraschend ihre Tage bekommen hat

Aber sicher. Mein Geld geht für andere Menschen drauf.

oder die sich in diesem Monat vielleicht keine Hygieneartikel mehr leisten kann?

Wenn ich Armut bekämpfen soll, dann will ich, dass den Armen geholfen wird, nicht den Vergesslichen.

Ich glaube: nein.

Glauben heißt nicht wissen. Wenn meine Studiengebühren bspw. das Klopapier auf meiner Uni finanzieren, wische ich mir den Hintern mit Geld ab, das ICH zuvor gezahlt habe. Also, indirekt. Das Klopapier auf der Toilette im Rathaus zahle ich mit meinen Steuern. Bei Toiletten, die Eintritt kosten, zahle ich es mit meinem Eintritt. Züge, Restaurants und Kinos legen den Einkaufspreis auf die Preise um, d.h., auch da zahle ich mein Klopapier. Und diese Institutionen achten teilweise SEHR darauf, dass nur Kunden die Toiletten nutzen, m/w/d. UND benutzen die Toilettenpapierspender, bei denen man nicht einfach die ganze Rolle klauen kann. Und für 5 € kann ich mir eine (1!) große Packung Toilettenpapier (8 Rollen) kaufen, die deutlich länger als ein Monat hält. Das Klopapier-ist-ja-auch-gratis-Argument zieht also dreifach nicht: erstens nutze ich kein Klopapier, was Frauen finanzieren oder sonstige Menschen, mit denen ich möglicherweise eine Solidargemeinschaft bilde, sondern ich, zweitens ist das Klopapier, was ich verbrauche, günstiger als 5 €, und drittens, selbst DA macht man sich Sorgen, dass jemand Klopapier im Werte von 1-2 € einfach mitgehen lassen würde.

 Erschreckend ist hingegen die offenbar weit verbreitete Unkenntnis bezüglich einer der natürlichsten Sachen überhaupt

Ja, im Unterschied zu Geld, da kennen sich ja alle su-per-gut mit aus.

Wie genau will jemand verhindern, dass eine Frau in eine öffentliche Toilette geht und dort einen Monatsvorrat an Monatshygieneartikeln mitnimmt? A.k.a. 5 €? Also, bei sagen wir 100 Frauen am Tag, die das machen, wären das 500 € am Tag? Die ich querfinanziere? („Aber, Mycroft, man könnte doch einen Tamponspender bauen, der höchstens einmal alle 5 Minuten genau einen Tampon auswirft; um die 5 € zusammenzukriegen, bräuchte man ja ewig.“ – „Ja. Oder, es werden einfach Münzautomaten aufgestellt.“)

Oder, man organisiert das wie Suppenküchen.

2 Gedanken zu “Die FAZ fragt – die apokolokynthose antwortet

  1. Münzautomaten sind eine sehr kapitalistische, nicht zu sagen praktische Lösung.

    Gibt es aber nicht, weil sie wohl keiner benutzt – im Gegensatz zu Kondomautomaten, offensichtlich.

    Fazit: Wie bei fast allen feministischen Forderungen existiert das Problem gar nicht.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s