Grauzone

Bei aller künstlichen Aufregung hierzu; eine gewisse Grauzone wird es immer geben.

Das heißt aber nicht, dass man dann ja niemanden mehr einladen könnte, sondern nur, dass man vllt. zweimal nachdenkt. Oder überhaupt.

Also bspw., eine missverständliche Formulierung in einem zwanzig Jahre alten Buch ist eher kein Beleg für Antisemitismus, ein Vorwort für ein Buch von einer BDS-Organisation schon. Weil: „antisemitische Organisationen und Projekte“.

Mal auf derselben Rednerliste wie ein Antisemit gestanden haben, bei einer Veranstaltung, bei der es nicht um Israel, Juden oder Holocaust ging, ist eher kein Beleg. Jüdische und/oder israelische Teilnehmer zu canceln, schon.

Oder, wenn man der ehrlichen Ansicht ist, dass DAS andere Gründe hatte, dann sollte man diese belegen können.

Stattdessen Gejammere – wenn man niemanden mehr einladen dürfte, die oder der mal Israel kritisierte, dürfe man ja niemanden mehr einladen. Inklusive vieler Juden, die auch mal Israel kritisieren.

Und das ist einfach ein Spiel mit unscharfen Begriffen. Wenn man sagt, jemand kritisierte „Deutschland“, dann ist häufig gar nicht Deutschland gemeint, sondern die jeweilige Bundesregierung. Eine Menge israelkritischer Israelis, Juden und auch sonstiger Menschen kritisieren tatsächlich bspw. Netanjahu, oder wer zu Arendts Zeiten an der Regierung war. Weil – wie die antisemitischen Israelkritiker immer wieder betonen – Israel zu kritisieren, ist ja legitim.

Ein Kriterium, was Israelkritk an israelischer Politik und/oder Gesellschaft von Israelkritik als Alibivorwand für Antisemitismus mMn relativ scharf unterscheidet, ist die Frage, wie andere Konflikte mit vergleichbarer Situation bewertet werden. Bzw., ein Israeli, der Israel kritisiet, aber nicht China, macht das vllt., weil er sich um das eigene Land mehr kümmern will. Ein Mitteleuropäer, der Israel boykottiert, aber China nicht, macht dies möglicherweise nur, weil soe bei China auf so viele Produkte verzichten müsste, dass iose Lebensqualität nachlassen würde. Aber das ist fast noch die edlere Erklärung.

Das Argument, dass man Israel und Palästina als postkolonialen Konflikt auffassen müsse, akzeptiere ich. Der Landstrich war zweitausend Jahre lang die Kolonie von irgendwem (s. Weihnachtsgeschichte). Ehemalige Kolonien haben häufig das Problem, dass Konflikte ausbrechen, weil Leute zusammen in einem Land wohnen, was bis vor kurzem noch Kolonie war, in der die Kolonialherren Konflikte mehr oder weniger streng untersagten (s. das Leben des Brian).

Nur, wenn jetzt die jüdischen Israelis plötzlich die Kolonialherren(m/w/d) sein sollen, anstatt eine weltweit marginalisierte, verfolgte Minderheit – was ist dann mit allen anderen Kolonialvölkern? Sind die Hutu keine Kolonialherren? Weil sie schwarz sind? Macht sie das zu besseren Menschen als den Israelis? Ihre Innenpolitik jedenfalls nicht.

Ok, weil ich China erwähnte – China war keine Kolonie der Europäer. Trotzdem kann man BDS-Anhänger(m/w/d) natürlich fragen, ob die chinesische Regierung demokratischer, humaner oder sonstwie besser sei als die aktuelle israelische? Die demnächst mal wieder neu gewählt wird (alle paar Jahre eine neue, wie will dieses Israel die Region stabilisieren, wenn es so instabil ist). Oder ob die Uiguren und Tibeter irgendwie schlechtere oder gefährlichere Menschen seien als die Palästinenser. Spoileralarm: Es laufen normalerweise keine Leute durch die Gegend, die China ebenso buchstäblich wie metaphorisch von der Landkarte wischen wollen.

Wenn jemand nicht nur Israel, sondern auch China boykottiert, ist soe sicher ein interessanter und würdiger Gast bei kulturellen und wissenschafltichen Veranstaltungen der Bundesrepublik Deutschland.

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