Wenig hilfreich

Sagt pinkstinks zu Hermanges Buch.

Na, dann.

Und man(n) kommt ein ums andere Mal nicht umhin, festzustellen: Das mag in seiner Überspitzung durchaus wichtige Dinge ansprechen, ist aber nicht hilfreich.

Das ist unter anderen das Resultat der simplen Tatsache, dass er DEN Feminismus ja nicht gibt. Weil es verschiedene Feminismen gibt, sind manche radikaler als andere. So, wie es unterschiedliche Umweltschutzgruppen gibt, unterschiedliche Konfessionen, unterschiedliche Bürgerrechtlergruppen und dergleichen mehr.

Nicht hilfreich, weil Gleichberechtigung ein Gemeinschaftsprojekt ist und sein sollte.

Manche Feminismen sind halt der Ansicht, dass sie das eben nicht ist oder nicht sein muss. Ungeachtet, wie ich zu dem Thema „Gleichberechtigung“ stehe, ist mir schonmal nicht klar, wieso das ein Gemeinschaftsprojekt sein soll, wenn Männer böse Unterdrücker und Frauen arme Unterdrückte sind.

Nicht hilfreich, weil seit Jahr und Tag darum gerungen wird, Männern den Unterschied zwischen problematischen Männlichkeitskonzepten und Männern zu verdeutlichen.

Wer ringt darum? Frauen? Feministen? Wer? Diese Männlichkeitskonzepte wurden hauptsächlich von Frauen erfunden; wenn sie sie nicht mehr wollten, könnten sie sie sehr leicht wieder abbauen.

Ihnen also immer wieder zu versichern, dass es um Verhaltensweisen und nicht um ihre ganze Existenz geht.

Ja, diesbezüglich – die schiere Beobachtung, dass diese Versicherung so schwierig ist, ist am plausibelsten darauf zurückzuführen, dass viele Feministinnen (und einigen Feministen) tatsächlich nicht nur etwas gegen „Verhaltensweisen“ haben, sondern gegen Männer in toto.

Nicht hilfreich, weil sie zwar einleitend die Präzisierung “cis Männer mit entsprechender Sozialisation” bemüht, das ganze aber eine bloße Floskel bleibt

Was natürlich schon deshalb eine Floskel ist, weil die allermeisten Männer Cismänner sind.

die Fragen nach Intersektionalität und Mehrfachdiskriminierung einfach ausblendet.

Ok, an der Stelle bin ich schon auf Seiten der Autorin – es besteht kein Grund, mehr Fässer aufzumachen als eigentlich notwendig.

Nicht hilfreich auch deshalb, weil die Autorin ihren eigenen Status als weiß gelesene Autorin und die damit verbundenen Privilegien nicht reflektiert.

Ja, die blöden Froschfresserinnen sollen mal nicht anderen Leuten sagen, was sie tun sollen.

Und auf ganz persönlicher Ebene nicht hilfreich, weil es mir meine Arbeit erschwert.

Ach, Gottchen, ja. Es gibt männerfeindliche Feministen(m/w/d). Man muss sich den Schuh ja nicht anziehen. Man könnte sich darauf konzentrieren, zu zeigen, dass man SELBST nicht männerfeindlich ist, indem man sich in andere Männer hineinversetzt – also einschließlich heteronormativen cis-Dudes – und außerdem, wenn drauf angesprochen, sich von den männerhassenden Feminismen abgrenzt, indem man eben die eigene, andere Meinung in konkreten Punkten darlegt. Macht die Arbeit trotzdem nicht zu einem Kinderspiel. Ist aber besser als das.

Mein Schreiben an und mein Sprechen mit Männern, denen ich Gleichberechtigung schmackhaft machen und feministische Strategien als sinnvoll verkaufen will.

Mal abgesehen davon, dass Pickert entweder eine andere Idee hat, was Gleichberechtigung sein soll, als ich, oder aber irrtümlich denkt, diese gäbe es nicht: als jemand, der schon länger pinkstinks im allgemeinen und Pickert im besonderen online liest, muss ich sagen, dass die Probleme, die ich als Männerprobleme in der hiesigen Gesellschaft wahrnehme, und die, die die Mitarbeiterinnen von pinkstinks und Pickert als durch „Gleichberechtigung“ lösbare Männerprobleme verkaufen wollen, nur eine kleine Schnittmenge haben. Insofern ist der Grund, dass ich feministische Strategien für wenig sinnvoll halte, NICHT, das es Frauen gibt, die Männer hassen. (Es wird natürlich genug Männer geben, die hauptsächlich deretwegen von Feminismus wenig halten.) Insofern ist Pickerts Problem aus meiner Sicht seine eher begrenzte Empathie.

 “Ich hasse Männer” ist Störfeuer für jemanden wie mich, der sich um einen intergeschlechtlichen Dialog bemüht, um Ausgleich und Einladung, um Angebote und den “zwanglosen Zwang des besseren Arguments”.

Bessere Argumente, ok. Eine Frau mit tiefen Ausschnitt als Werbung für einen Brennholzhandel sexistisch finden, meinetwegen. Zu unterstellen, dass das irgendwie realexistierende Frauen davon abhält, sagen wir, Jura zu studieren, oder Medizin, oder sonstwie Karriere zu machen, naja. Das Argument für den Holzhandel ist: „Mit dem Ausschnitt verkaufen wir 5% mehr Festmeter als die Konkurrenz.“, d.h., Pickert muss den Holzhandel überzeugen, indem er eine bessere, also effektivere, Werbung anbietet. Statt mir Moral zu kommen.

Dieser Eindruck, dieser Unmut darüber, dass mir da ordentlich an die Kandarre gefahren wird, ist allerdings auch ein Indiz dafür, warum das Buch von Hermange (auch von Männern) mit großem Gewinn gelesen werden kann.

Hieße im Umkehrschluss, Bücher, die keinen Unmut erregen, kann man nicht mit Gewinn lesen. Oder das eine hat mit dem anderen rein gar nichts zu tun.

Denn wieso sollte es dabei eigentlich um mich und das gehen, was ich will?

Ja, davon mal ganz ab.

Warum sollte dieses Buch meinen Projekten und meiner Vorstellung von Gleichberechtigung in die Hände spielen müssen?

Ja, warum? Nur ist nicht jedes Buch, welches Pickert nicht in die Hände spielt, automatisch lesenswert.

Weshalb sollte es meinem Anspruch genügen müssen, um Ausgleich statt um Konfrontation bemüht zu sein?

Weil dieser „Ausgleich“ etwas schiefe Vorstellungen hat, was genau ausgeglichen werden muss? Weil dieser angebliche Ausgleich eigentlich trotzdem zur Konfrontation führt? Weil dieser Feminismus eben nicht auf „Ausgleich“ aus ist?

Sie stellt fest, dass ihr und anderen Frauen von vornherein Männerfeindlichkeit unterstellt wird, wenn sie “die Macht der Männer hinterfragen und nicht grundsätzlich anziehend finden”. Um der Misandrie beschuldigt zu werden, reicht es also schon, als Frau nicht beeindruckt zu sein.

Ist das jetzt Harmanges Aussage, die Pickert interpretiert, oder Pickerts Aussage? Konjunktiv und Indikativ, so wichtig. Jedenfalls irrt sie sich, und er vermutlich mit. Frauen, die die Macht von Männern nicht anziehend finden, unterstellt „man“ nicht von vorneherein Männerfeindlichkeit. Man könnte ja vermuten, dass sie Männer mit überdurchschnittlich viel Macht anziehend finden. Eine Frau, die von einem Mann, oder von Männern im allgemeinen, nicht beeindruckt ist, will vllt. bloß, dass sich Männer, oder ein bestimmter Mann, mehr Mühe gibt. (Stimmt nicht immer, ich weiß, aber sie macht einen Automatismus daraus.) Abgesehen davon gibt es massenhaft machtloser Männer. Die müssten ja auf Frauen, die nicht auf Macht stehen, attraktiver wirken.

Nicht mitmachen zu wollen, keine Maskulinitätsperfomance zu feiern, sich nur um den eigenen Kram und den anderer Frauen kümmern zu wollen.

Das wären Lesben, oder? Ok, es gibt das Klischee von männerhassenden Lesben, aber daran glauben Männer jetzt nicht imm Allgemeinen.

Harmange adaptiert Misandrie wie sie sagt als “Vorsichtsmaßnahme” und “Schutzpanzer”. Sie weigert sich, von einer #notallmen-Ausnahme auszugehen und ersetzt sie durch ein “vorläufig alle”. Nachbar, Lehrer, ich, ihr Ehemann – einfach alle.

Misstrauen ist nicht Hass. Wenn man im Wald einen Pilz findet, kann man misstrauisch sein, ob der giftig ist, ohne deshalb Pilze zu hassen. Obwohl einige davon wirklich toxisch sind.

“Was sind wir denn für Frauen, wenn wir uns dem Blick der Männer entziehen?”

Ist das eine rhetorische Frage? Was wären wir für Männer, wenn wir uns dem Blick von Frauen entziehen?

Und ist es angesichts der Dimension von Misogynie wirklich angebracht, sie mit Misandrie gleichzusetzen?

Oh, man darf was gegen Moslems haben, wenn genug Moslems was gegen Christen haben? Ernsthaft, das Argument? Aber wie gesagt, Misstrauen und Hass sind nicht dasselbe.

Wenn dem so ist, wie lautet dann das Gegenstück zu Femizid?

Maskuzid. Aber wenn der Mord an einer Frau, einem Mann und einem Kind als Femizid gelten soll, tote Kinder und Männer demnach unsichtbar gemacht werden, was soll die Frage?

Aber das Buch ist neben anderen Dingen auch eine guter Schuss vor den Bug, der daran erinnert, wer dieses wir eigentlich mit welchem Machtanspruch und welcher Legitimation konstruiert, und infrage stellt, wieso es überhaupt immer um dieses wir gehen muss – und nicht mal nur um sie.

Militärische Redensarten stehen für Ausgleich und Verständnis. Nee, Moment. Ich jedenfalls konstruiere kein „wir“. „Wir“ ist so ein Hasswort. Und ich habe sowieso nicht den Eindruck, dass Pickerts „wir“ mich inkludiert. Insofern wird nur ein „sie“ gegen ein anderes „sie“ ausgetauscht.

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