Impfmoral

Beim Spiegel.

Sascha Lobo fragt sich, wie man Menschen dazu motivieren kann, sich gegen Covid-19 zu impfen, da die Impfbereitschaft derzeit bei 50% liegt, man bräuchte aber 70%, für die „sogenannte“ Herdenimmunität.

Erstens „Herdenimmunität“ ist wohl wirklich der terminus technicus und keine Polemik. Aber davon ab macht sich Lobo etwas mehr Sorgen, als eigentlich nötig.

Der schwache Trost: es sind in D. derzeit rund 1,5 Mio. Menschen an Corona erkrankt, von denen viele inzwischen genesen sind und demnach immun sein müssten, das sind bereits 2%. Der stärkere Trost, bei einer Reproduktionszahl von 3 müssten zwei Drittel, also 67%, immunisierte Menschen ausreichen, um hierzulande die Epidemie zu beenden. Fehlen also nur noch 65%, 50% wollen sich impfen lassen, die Lücke schließt sich.

Der stärkste Trost: rein vom gesunden Menschenverstand – haha – her gedacht sollte die Impfbereitschaft umso höher sein, je mehr man zu den bekannten Risikogruppen gehört oder in Medizin und Pflege arbeitet. Und medizinische Berufe sind generell Befürworter von Impfungen.

Soll heißen, wenn man nur die Hälfte der Bevölkerung impft, aber die Hälfte mit den Risikogruppen und denen, die die Kranken pflegen, grassiert der Virus zwar weiter, die Intensivfälle werden weniger. Das heißt natürlich trotzdem, dass die Zeit, in der alle mit einer Maske herumlaufen müssen, länger dauert, aber nunja.

Die Debatte übers Impfen wird erheblich an Schärfe zunehmen in dem Moment, wenn und falls Leichen auf den Krankenhausfluren liegen werden wie Anfang des Jahres in Norditalien.

Wieso genau? Es gibt ja auch eine Überzeugung-Triage: manche braucht man nicht überzeugen (weil die sich freiwillig impfen lassen), manche kann man nicht überzeugen (und muss sie ggfs. zwingen), und manche kann man überzeugen, und auf die muss man die Überzeugungsarbeit konzentrieren. Jedenfalls leisten Leichen in Krankenhausfluren mehr Überzeugungsarbeit als alles, was Lobo sich so ausdenkt, wie:

Vertrauen entsteht nicht zufällig, sondern durch Transparenz, Nachvollziehbarkeit, Offenheit, eine gewisse Freundlichkeit im Dialog und vor allem eine sinnvolle Fehlerkultur.

Ja, derselbe Lobo, der nicht im selben Verlag veröffentlich wollte wie Woody Allen, aber nur, wenn es um dessen Biographie ging. Ich nehme an, „gewisse“ Freundlichkeit ist sarkastisch gemeint.

Die COSMO-Untersuchung zeigt, dass das mit Abstand größte Informationsbedürfnis in der Bevölkerung rund um Nebenwirkungen der Impfung besteht. Kein Zufall, dass genau das auch der häufigste Ansatzpunkt von Impfgegnern ist.

Manche Impfgegner sind in der Tat abergläubig und weltfremd, wie Lobo das hier darstellt. Andererseits hat jede medizinische Behandlung Nebenwirkungen. Und da hat man sich schon die Frage gefallen zu lassen, ob die Nebenwirkungen in einem gescheiten Verhältnis zum Nutzen stehen.

Ganz oben stehen dabei redaktionelle Medien und Gespräche mit medizinischen Fachleuten. Allerdings sind Gespräche im sozialen Umfeld ebenfalls sehr relevant, denn dort kann sich entscheiden, wie die eher sachlichen Informationen aus anderen Quellen emotional einsortiert werden.

Auf diese hat man als Politiker, Journalist oder Mediziner ja gar keinen Einfluss.

Hier spielt leider auch ein Teil der nichtwissenschaftlichen Pro-Impf-Fraktion eine manchmal unselige Rolle. Nämlich diejenigen, die Macht und Möglichkeiten der Impfung nicht realistisch einschätzen, sondern darin eine Art von Erlösung sehen.

Jesus würde Oma besuchen. Warum? Weil Jesus keine Krankheiten überträgt. Deshalb auch Heiland und nicht Krankand. Wieauchimmer, die allermeisten Krankheiten sind heute nicht annähernd das Problem wie noch vor hundert oder fünfzig Jahren, weil es Impfstoffe gegen sie gibt. Man muss nicht gleich in Extase verfallen, aber Fortschritt ist schon nicht schlecht.

Erlösungsgläubige aber kommunizieren für Außenstehende oft befremdlich und kontraproduktiv, weil der Glaube an Erlösung das absolute Gegenteil von Diskussionsbereitschaft ist.

Ok, mag sein. Ich glaube aber nicht, dass wirklich 50% aller Deutschen wirklich aus Querdenkergründen dagegen sind, sich impfen zu lassen. Zwischen Erlöserglaube und Verschwörungstheorie liegt gesunde Skepsis.

In den letzten Wochen habe ich in deutschsprachigen sozialen Medien eine befremdliche Selbstaufstachelung unter den Impfbegeisterten beobachten können, manche wünschten gar den Corona-Tod von ungeimpften Impfgegnern herbei.

Achwas. Herr Henn vom Ethikrat?

Auf Impfgegner wirkt das eher verstärkend – aber deutlich schlimmer kann die Wirkung auf das Publikum sein.

Ja, das mittlere „Drittel“ in der Überzeugungstriage. Die man doch überzeugen kann und will. Richtig.

Jedes »Covidiot« von einer Person mit politischer oder medialer Verantwortung wirkt toxisch.

Kein Mensch ist toxisch. Aber gut, manche übertragen Krankheiten.

Die öffentliche Vorführung von Zweiflern muss nicht, kann aber schädlich sein, sogar wenn deren Zweifel auf den ersten Blick irrwitzig erscheinen.

Außer, wenn man Woody Allen bezweifelt. Nebenbei, die richtig irrwitzigen Zweifler demontieren sich schnell selbst.

Der Punkt ist, man hat in England in 12 Tagen 300.000 Leute geimpft. Deutschland ist größer, da müssten es mehr sein. Bzw. 300.000 in den „ersten Tagen„. Bei 100.000 am Tag bräuchte man 80 Tage, um ganz D. zu Impfen, oder 52 Tage um die 65% für die Herdenimmunität zu erreichen. In diesen knapp zwei Monaten hat der Virus selbst noch genug andere immunisiert. Bei 50% Impfwilligen wäre nach 40 Tagen Schluss; so dass vorher niemand von Notfallmedizin ausgeschlossen werden könnte, weil man selbst als Impfwilliger evt. noch nicht dran kam. (Ja, eigentlich sollen Impfgegner „freiwillig“ auf Beatmung verzichten, aber was, wenn jemand wegen einer ganz anderen Ursache beatmung braucht?)

Ich halte eine Impfpflicht für die letzte Notlösung. Solange es mehr Impfwillige als Kapazitäten gibt einerseits, und solange zumindest manche Menschen auch mit Kontaktbeschrönkungen und Masken andererseits zurecht kommen, wozu? Weiterhin, für eine Impfpflicht müsste man Wirkungen und Nebenwirkungen besser kennen, als man das bis dato tut.

2 Gedanken zu “Impfmoral

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s